Zum Studieren ist man nie zu alt!

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10 Uhr morgens: Der Hörsaal ist gefüllt mit jungen Studenten, die sich, noch müde von der letzten Nacht, einen Sitzplatz suchen.

Man lernt nie aus

Man lernt nie aus

Man schaut sich um, trifft Kommilitonen, winkt. Aber Moment mal, sind die dort drüben nicht ein wenig zu alt zum Studieren? Was gerade Studienanfänger auf den ersten Blick verwundern mag, ist inzwischen ein alltägliches Phänomen auf deutschen Campussen: Deutschlandweit gibt es rund 20.000 Seniorenstudenten. Zum Lernen ist man nie zu alt. Ein Bericht von Helen Goldhahn.

Ein Seniorenstudium bietet über 50-Jährigen die Möglichkeit sich ohne Druck und Prüfungsstress weiterzubilden. Besonders gefragt sind Studienfächer wie Geschichte, Germanistik, Theologie und Philosophie, aber auch die Naturwissenschaften sind nicht minder anziehend. Das Studium ist hierbei nicht an zuvor erlangte Bildungsabschlüsse gebunden und hat auch nicht den Erwerb eines Bachelor- oder Masterabschlusses zum Ziel, sondern dient der persönlichen Weiterbildung basierend auf den eigenen Interessen. Da es kein einheitliches Modell des Seniorenstudiums in Deutschland gibt, wird es häufig im Rahmen eines sogenannten Gasthörerstudiums angeboten.

Fast jede deutsche Universität bietet die Möglichkeit als Gasthörer – ob jung oder alt – Veranstaltungen zu besuchen. Nicht nur Vorlesungen können belegt werden, sondern zum Teil auch Seminare. Betreffende Veranstaltungen werden meistens im Vorlesungsverzeichnis der jeweiligen Hochschule aufgelistet. Je nach Universität und Anzahl der Veranstaltungen fallen Gebühren zwischen circa 50 und 250 Euro pro Semester an.
Rund 40.000 Interessierte nutzen ein solches Gasthörerstudium, jeder Zweite von ihnen gehört der „60plus-Generation“ an.

In Hessen bieten die Universitäten in Marburg, Kassel, Frankfurt, Darmstadt und in Gießen ein Gasthörerstudium an: Das Veranstaltungsangebot der Justus-Liebig-Universität führt vor allem einführende Veranstaltungen, die nur ein geringes Vorverständnis verlangen, im Programm. Dieses finden die Gasthörer in einem zusätzlichen Vorlesungsverzeichnis auf der Website der JLU.

Das Interesse der Senioren an einem Studium hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Diesen Trend greift auch der Akademische Verein der Senioren in Deutschland (AVSD) auf, indem er Unterstützung und Hilfestellung vor und während des Studiums anbietet. Unter anderem ist der AVSD Herausgeber eines Studienführers für Seniorenstudenten und Gasthörer, aber auch ein Forum zum Austauschen von Informationen und Erfahrungen.

Die Seniorenstudenten Annelise und Gerhard sind schon seit einigen Jahren Gasthörer an der JLU und belegen gemeinsam das ständig wechselnde Programm der Veranstaltungen, um ihren Wissensdurst zu stillen. Für sie ist es wichtig im Alter nicht alleine zu sein und auch geistig fit zu bleiben. Doch im Mittelpunkt steht für Annelise und Gerhard einzig und allein das Interesse am Thema: „Wir verfolgen kein höheres Ziel, außer Spaß haben!“, betont Annelise.

Mit ihrer Ansicht sind sie nicht alleine. Senioren, die als Gasthörer an der Universität Trier studieren, sind begeistert über das vielfältige Angebot und finden es toll, auch in ihren „alten Jahren“ noch viel Neues (kennen) zu lernen.Warum stricken, wenn es doch die Möglichkeit gibt endlich einmal das zu lernen, was man schon immer einmal wissen wollte. Auch im Alter kann und sollte man sein Wissen – und damit die Art und Weise zu denken – weiterentwickeln, erklärt der Seniorstudent Karl aus Trier: „Ich bin viel kritischer geworden, aber das ist gut.“ Gertrud  teilt die Ansicht ihres Kommilitonen und meint: „Meine 8-jährige Enkelin ist stolz auf mich, weil ihre Oma genauso wie sie noch fleißig am Lernen ist.“ Später möchte Gertrud ihr neu angeeignetes Wissen nicht nur für sich behalten, sondern es mit anderen teilen.

11:45. Die erste Veranstaltung für heute ist geschafft. Flink packen die Studenten ihre Unterlagen zusammen und verlassen den Hörsaal. Etwas langsamer verstauen auch Annelise und Gerhard Papier und Stifte in ihren Taschen. Ich grinse, winke und eile dem Strom der jungen Studenten hinterher. Vielleicht sitzen wir in 50 Jahren auch wieder in der Universität…zum Lernen ist man schließlich nie zu alt!

 

Foto:Bundesarchiv, Bild 183-1986-0109-010 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA

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