Züge ins Überleben- Kindertransporte im Dritten Reich

Die Holocaust Überlebende Ruth Barnett, wurde 1939 zusammen mit 10.000 anderen Minderjährigen auf Kindertransporten nach England gebracht. Ihre protestantische Mutter und ihr jüdischer Vater hofften die Kinder so vor dem Tod in den Konzentrationslagern der Nazis bewahren zu können. Ruth Barnett konnte überleben, doch die Nazis hatten ihre Identität geraubt und ihre Familie auseinander gerissen. Von ihrem Schicksal berichtete die 83-Jährige am Mittwoch, in den Räumen des Philosophikum eins.

Gelassen beobachtet Ruth Barnett, die lärmenden Lehramtsstudenten, die am Mittwoch um 10 Uhr 15 in den Raum der JLU strömen. Jeder der fast hundert Stühle ist besetzt. Die geschlossene Veranstaltung der Literatur- und Geschichtsdidaktik ist ein Projektseminar zum Holocaust und den Kindertransporten. Ruth Barnett wendet sich mit einem Lächeln und in höflichem Deutsch an ihre Zuhörer. „ Heute will ich ihnen erzählen, warum mein Deutsch so schlecht ist,” sagt die jüdische Holocaustüberlebende, in fließendem Deutsch. Ihre wachen hellblauen Augen scheinen dabei jeden im Raum anschauen zu wollen.  Die Dame mit den kurzen roten Haaren und dem hellblauen Kostüm bleibt während des Vortrages stehen. „Ich möchte jeden hier sehen können”, sagt die Referentin mit britischem Akzent. Die ehemalige Lehrerin entscheidet sich heute englisch zu sprechen. Dass sie heute besser englisch als deutsch spricht- dafür haben die Nationalsozialisten unter Hitler gesorgt.

Mit vier Jahren musste Ruth Barnett- damals noch Michaelis, zusammen mit ihrem Bruder Martin das nationalsozialistische Deutschland verlassen, weil ihr Vater jüdisch war und den Kindern die Deportation in die Konzentrationslager drohte. Auf sogenannten Kindertransporten wurden die beiden, mit Hilfe der Quäker, nach England gebracht. Dort sollten sie von Mitgliedern der Kirche aufgenommen werden. Doch die verschüchterten und traumatisierten Deutschen mit jüdischen Wurzeln waren nicht überall willkommen und das Verhältnis zu ihren Pflegeeltern war angespannt. So zogen Ruth und ihr Bruder von einer Familie zur nächsten. Erst bei den dritten Pflegeeltern, die bereits fünf Kinder hatten und auf einer Farm wohnten, fühlten sich die beiden Flüchtlingskinder akzeptiert und geliebt.

No way i go back!

 

Dann war der Krieg zu Ende, doch Ruth und ihrem Bruder stand die schwierigste Zeit noch bevor. Als ihre Mutter aus Deutschland nach England reiste, um ihre Kinder zurück nach Hause zu holen, hatte sich die Familie zu weit voneinander entfernt. Der Vater war nach Shanghai geflohen, die mittlerweile 14-Jährige Ruth und ihr 17-Jähriger Bruder waren in England und die Mutter hatte sich in Deutschland versteckt gehalten.

Für die Geflohene stand damals fest: „Germany? No way i am going back to the nasty Nazis”. Als der Vater juristisch gegen ihre Pflegefamilie vorging, musste Ruth doch nach Deutschland zurückkehren. Doch sie rebellierte gegen die Eltern und die ließen sie schließlich schweren Herzens wieder nach England gehen. Allerdings musste Ruth versprechen, über die Sommerferien nach Hause zu kommen. Dabei war der Grenzübertritt stets eine Tortur für das offiziell staatenlose Mädchen. Die Nationalsozialisten hatten ihr die deutsche Staatsangehörigkeit 1935 aberkannt und eine Englische bekam sie erst mit dem 18. Lebensjahr. Im Jahr 2018 wartet Barnett noch immer auf einen deutschen Pass, den sie, laut eigener Aussage unbedingt noch vor dem Brexit haben möchte.

Als junge Erwachsene entschied sich die Wahlengländerin dafür, ihr jüdisches Erbe anzuerkennen. Ihr Bruder lebte in Deutschland stets in Angst, als Jude erkannt und verfolgt zu werden. Jüdische Heimkehrer waren nach dem Krieg nicht gerne gesehen. „The germans were scared that the jewish people would take revenge”, erklärt die Überlebende. Verarbeitet habe sie ihre Vergangenheit vor allem durch ihren Mann, den sie in England kennenlernte und der selbst deutsche und jüdische Wurzeln hat. Er habe sie zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gedrängt, ganz anders als ihre Eltern, die nie über den Krieg oder die Verfolgung durch die Nazis sprechen konnten, sagt die 83- Jährige.

„Refugees should not be here today”

„Und heute haben wir wieder Flüchtlinge”, sagt Barnett. Diesmal wollten diese aber nicht aus Deutschland weg, sondern nach Deutschland oder auf die englische Insel, stellt die Überlebende fest. „Refugees should not be here,” findet Barnett. Dass sie es doch sind, sei, „a sign that we failed to protect their homes.” Niemand wolle flüchten und wenn es nicht anders gehe, weil einem Tod und Krieg bedrohten, dann müssten andere Staaten und Einzelpersonen helfen, konstatiert die Referentin. „Give a bid of kindness, that helps refugees a lot”. Natürlich würden wir alle mit Stereotypen und Vorurteilen leben, das sei ein Teil von uns Menschen, erklärt die studierte Psychotherapeutin, aber wir müssten unsere Stereotype immer mit der Realität abgleichen. „We will live with a picture until we update it”, erklärt Ruth Barnett ruhig, dabei lächelt sie, die, in ehrfürchtiger Stille erstarrten Studenten, an und ihr Blick schweift in die Ferne. Ihre Augen sind hellblau, eine Brille braucht sie noch immer nicht, für den klaren Blick auf die Dinge.

 

„Nationalität: Staatenlos.” Ruth Barnetts Lebensgeschichte gibt es hier

 

Artikel und Bilder Kim Hornickel

image_pdfimage_print
Facebooktwittergoogle_plusmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.