“Zuckerschlecken gibt´s woanders”

11801956_1178612562163968_928419067_nGerhard Kromschröder ist ein erfolgreicher Journalist und gilt als einer der Vorreiter des investigativen Journalismus. In den 80er Jahren schrieb er verschiedene Reportagen für den Stern. Er begab sich in die Neonazi-Szene, deckte Giftmüllskandale auf und verkleidete sich als Türke, um den Rassismus in der Bundesrepublik ans Licht zu bringen. In einem Gespräch mit UNIversum zieht er Vergleiche zur jetzigen Situation in Deutschland und gibt angehenden Journalisten Tipps für ihre Arbeit.

UNIversum: Ist die Situation der Flüchtlinge heute mit der Situation der Türken in den 80er Jahren vergleichbar?

Kromschröder: Vordergründig erst einmal nicht. Die Türken waren hergebeten worden als sogenannte Gastarbeiter, füllten eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt. Dennoch waren sie Ziel ausländerfeindlicher Übergriffe bis hin zu Brandanschlägen, bei denen auch Tote zu beklagen waren. Und mussten herhalten als Beleg dafür, dass Deutschland überfremdet und islamisiert werde. Nichts davon ist eingetroffen, das Land hat von ihnen profitiert, und heute leben deren Kinder und Kindeskinder meist mit deutschen Pässen unter uns, sind Teil unserer Gesellschaft. Genau so, denke ich, wird es mit den Flüchtlingen auch gehen.

UNIversum: Fühlen Sie sich bei dem Umgang mit Flüchtlingen daran erinnert, wie Sie damals als Türke behandelt worden sind?

Kromschröder: Ja, es ist diese irrationale Wut, die sich immer wieder, gestern wie heute, Bahn bricht in gezielter Gewalt, diese diffuse Angst vor dem Fremden, die sich in kruden Untergangsphantasien manifestiert, keinerlei Argumenten zugänglich. Rassismus begleitet uns insofern wie ein hässlicher roter Faden.

UNIversum: Meinen Sie, dass es nötig sei sich in eine Rolle zu begeben, um eventuelle Missstände aufzudecken?

Kromschröder: Nicht immer. Oft kann man Missstände durch ganz klassische investigative Recherche offenlegen, ganz ohne Rollenspiel. Aber es gibt immer wieder Situationen, wo es angeraten und legitim erscheint, verdeckt zu recherchieren, eine Rolle einzunehmen, um auf diesem Wege zu enthüllen, was sich hinter den Kulissen abspielt und aus gutem Grund das Licht der Öffentlichkeit scheut.

UNIversum: Würden Sie dieses Rollenspiel selber noch machen?

Kromschröder: Ach nein. Ich habe das ja jahrelang gemacht in allen möglichen Verkleidungen, bei allen möglichen Themen, bis ich schließlich das Gefühl hatte, diese Methode drohe mir zur Routine zu erstarren. Da habe ich mich von dieser einseitigen Festlegung befreit und entschieden, andere Formen des Journalismus zu praktizieren, z.B. als Auslandskorrespondent und Kriegsreporter.

UNIversum: Aber was denken Sie, würde bei einer solchen „Undervover- Mission“ herauskommen?

Kromschröder: Man weiß ja nie so recht, was man am Ende herausfindet. Aber ich glaube, journalistische Nachfolger von mir würden heutzutage im Prinzip keine anderen Erfahrungen machen, als ich seinerzeit. Und ich fürchte, dass sie sogar viel schneller als ich mit handfester Ausländerfeindlichkeit konfrontiert würden, denn Rassismus scheint heute längst ein warmes Plätzchen in der Mitte der Gesellschaft gefunden zu haben.

UNIversum: Hätten Sie Tipps für Ihre journalistischen Nachfolger, die eine investigative Recherche,zum Beispiel in einem Flüchtlingsheim, machen wollen?

Kromschröder: Wer sich verkleidet, also undercover unterwegs ist, um nicht als Journalist aufzufallen, sollte sich schon verdammt gut darauf vorbereiten, in seiner Sprache, Kleidung, seiner Legende. Das geht nicht mal so husch-husch, da steckt, auch im Vorfeld, viel Arbeit drin. Sonst fliegt die falsche Identität ganz schnell auf, und dann kann es unangenehm werden.

UNIversum: Was würden Sie uns als “neue Generation” angehender Journalisten auf dem Feld des investigativen Journalismus allgemein raten?

Kromschröder: Sich ruhig was trauen, sich was zutrauen. Große Themen angehen, nicht klein beigeben. Eine Idee haben, was Journalismus bewirken kann. Widerborstig sein, Beständigkeit beweisen. Auch viele kleine Schritte führen zum Ziel. Sich auf Knochenarbeit einstellen, Zuckerschlecken gibt’s woanders.

UNIversum: Sehen Sie überhaupt eine Zukunft für den investigativen Journalismus? Rentiert sich dieser noch?

Kromschröder: Aber immer! Ohne diese Spielform des Journalismus bleiben Skandale eher unter`m Deckel, Betrügereien bleiben ungeahndet, Ungerechtigkeiten unentdeckt. Ohne investigative Recherche verarmen die Medien, sie degradieren sich, drohen zur bloßen Plattform von Infotainment, Public Relations und Partyjournalismus zu verkommen.

Ein Interview von Veronique Maas