“Wir haben einen Teil der Leute verloren”

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Sie bezog wie kaum ein anderer Journalist Stellung zur Hetze gegen Flüchtlinge: „Dagegen halten – Mund aufmachen“ war die Aufforderung in ihrem Tagesthemen – Kommentar. Das Medium Magazin kürte sie deshalb zur Journalistin des Jahres. Auch als Chefin der Sendung Panorama und Leiterin der Abteilung Innenpolitik des NDR zeigt Anja Reschke mutig Haltung. Am vergangenen Donnerstag sprach sie an der JLU vor Hunderten Zuhörern über die Lügenpresse, journalistische Verantwortung und eine unbewusste Schere im Kopf.

Voll war es am vergangenen Donnerstag im großen Hörsaal im Philosophikum I. „So voll war es noch nie bei einem Vortrag bei uns“, erkannte Ulrike Weckel, Professorin der Fachjournalistik Geschichte an der JLU, stolz an. Es zeige, so Weckel weiter, wie gut Anja Reschke die aktuellen Debatten rund um den medialen Umgang mit der Flüchtlingsdebatte wiederspiegle und wie groß das Interesse daran sei.

Da passiert was Großes

Seit 16 Jahren arbeitet die Journalistin bereits beim Polit-Magazin Panorama. Zuvor machte die 43-Jährige ihr Volontariat beim NDR. Aber das „was wir gerade erleben, hat eine Sprengkraft, die ich noch nie erlebt habe“, so Reschke über das seit Sommer beherrschende Thema „Flüchtlinge“. Dabei ging ihre erste bewusste Wahrnehmung der riesigen Menge an Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, nicht von den Medien aus. „Ich kam gerade aus meinen Sommerurlaub wieder, wartete am Münchner Hauptbahnhof auf meinen Zug.“ Beim Umherblicken sah sie die vielen Flüchtlinge, die vollkommen allein gelassen dastanden. Reschke wusste: Da passiert gerade etwas Großes. Die Politik war noch in ihrer Sommerpause, da begann sie mit ihrer Redaktion die Berichterstattung. „Was noch folgte, konnten wir nicht ahnen“, gibt sie heute zu. Dass es aber nur zwei Arten der Berichterstattung geben wird, war ihr direkt klar: Entweder herrscht die Angst vor dem Fremden und die Furcht überfordert zu werden oder die Gewissheit, dass es nun so ist und das man da jetzt helfen muss. „Die meisten Journalisten entschieden sich für die zweite Variante – zum Glück“, urteilte Reschke.

Lügenpresse

Leider, so äußerte sich die gebürtige Münchnerin weiter, bringe es nur wenig, wie gut man Aufklärung betreibt, wie greifbar die schwere und gefährliche Situation der Flüchtlinge gemacht wird. „Menschen, die einfach keine Flüchtlinge wollen, die wird kein Beitrag – so wahr er auch ist – berühren oder gar umstimmen“. Die Medien haben „einen Teil der Leute verloren“. Sie würden den Medien(-machern) schlicht nicht mehr vertrauen – nennen sie Lügenpresse. Dabei habe Reschke noch nie erlebt, dass ein Politiker von Journalisten verlangt hat etwas zu machen bzw. etwas zu lassen. „Beschwerden klar, aber nie ein Eingreifen“. In diesen bewegten und unruhigen Zeiten gäbe es aber schnell Vorwürfe, dass die Regierung die Medien bestimme. Dabei sei eine kritische und freie Presse einer der wichtigsten Werte, die die Bundesrepublik besäße, äußerte die Journalistin. Das Problem sei hier auch die Entstehung einer neuen Teilöffentlichkeit im Internet. Falsche Tatsachen werden hier als Fakten behandelt – was man dagegen tun könne? Dagegen halten, war Reschkes Meinung noch im Sommer. In Gießen klang sie resigniert. Ob eine Diskussion mit diesen Menschen überhaupt noch sinnvoll wäre, fragte ein Student aus dem Publikum. „Schwierig“, so Reschke. Bei Panorama sei man gewohnt Kritik einzustecken, beleidigt zu werden. Mit einem Gespräch via Telefon oder E-Mail, hätte sich früher meist alles gerichtet. Das miteinander diskutieren sei wichtig – in Dialog zu treten richtig. „Was wir jetzt erleben, hat aber eine ganz andere Dimension.“ Nicht nur die Fülle an Kommentaren auch die Weise der Meinungsmache sei krass. „Ich versuche immer noch Fragen zu beantworten, auf die Fülle an Beleidigungen und Hetze kann ich aber nicht drauf eingehen. Da gebe ich auf”.

Schere im Kopf

Seit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln hat sich aber auch bei Reschke etwas geändert. Nein, sie stimmt nicht der Hetze zu. Sie differenziert zwischen den Tätern und Flüchtlingen. Aber, seit Köln denkt sie über eine Schere in ihrem Kopf nach. „Ich habe das nie bewusst gemacht, aber ich gebe zu, ich hätte – vor der Silvesternacht – nie ein Film über die nordafrikanischen Klaubanden am Düsseldorfer Hauptbahnhof gemacht. Ich hätte Angst gehabt, dass die Stimmung noch weiter polarisiert wird.“ Es zeigt sich: Die Journalisten in Deutschland sind verunsichert durch die starke Kritik in der Öffentlichkeit. „Ein Weitermachen“, so blickt Reschke hoffnungsvoll in die Zukunft, „ist aber nur möglich, wenn wir uns sortieren und so weitermachen wie bisher: Mit Fakten“.

Ein Bericht von Jennifer Meina

Foto: Christian Schmeink

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