Wie wird man eigentlich Vertretungsprofessorin? – PD Dr. Claudia Kemper im Interview

Zum Wintersemester 2017/2018 übernahm Frau Dr. Claudia Kemper für zwei Semester die Vertretungsprofessur der Fachjournalistik Geschichte der JLU für Frau Prof. Dr. Ulrike Weckel. Zu Beginn der zweiten Hälfte der Vertretungszeit wirft sie im Interview mit UNIversum einen Blick zurück auf das vergangene Semester und beantwortet uns einige Fragen. Hier könnt ihr das leicht gekürzte Interview lesen.

Foto: Thiemo Kremser

UNIversum:
Guten Tag, Frau Kemper. Vielen Dank, dass Sie sich zu einem Interview bereit erklärt haben. Wir haben in der Redaktion von UNIversum ein paar Fragen gesammelt, die ich jetzt gerne an Sie richten möchte.
Fangen wir damit an, dass Sie ja am Hamburger Institut für Sozialforschung beschäftigt sind und einer Ihrer Themenschwerpunkte die Friedens- und Konfliktforschung ist. Wie sind Sie aus dieser Position dazu gekommen, hier in Gießen die Vertretungsprofessur der Fachjournalistik Geschichte zu übernehmen?

Kemper:
Da gibt es im Prinzip mehrere Antworten drauf, aber ich konzentriere mich mal auf zwei Ebenen, die wichtige Voraussetzungen waren. Die Eine ist die fachliche Voraussetzung. Wie Sie gesagt haben, ist auf den ersten Blick nicht ganz klar, was mich besonders prädestiniert die Fachjournalistik Geschichte zu vertreten, da ich mich in den letzten zwei oder drei Jahren sehr auf Friedens- und Konfliktforschung als Perspektive in der Geschichtswissenschaft konzentriert habe. Aber ich habe sowohl in meiner Dissertation als auch in meiner Habilitation auch medienhistorisch gearbeitet. Ein Forschungsschwerpunkt ist bei mir die Frage, wie sich Gruppen, Kollektive, Bewegungen bilden und wie diese im politischen und gesellschaftlichen Raum agieren. Diese Frage lässt sich nach meiner Meinung überhaupt nicht vollständig beantworten, wenn nicht auch mediale, performative, diskursive Dimensionen mit berücksichtigt werden. Insofern habe ich immer auch Mediengeschichte gemacht. Das war der fachliche Anknüpfungspunkt für Ulrike Weckel, auf mich zuzugehen und zu fragen, ob ich mir vorstellen könnte, diesen Schwerpunkt für zwei Semester noch deutlich auszuweiten. Da die Mediengeschichte auch eine methodische Herangehensweise ist kann sie mit jedem Thema verbunden werden – ein zentraler Punkt, der mich daran reizt. Die Perspektive der Mediengeschichte ist extrem relevant für das Verständnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen und Konflikten. Insofern war ich fachlich geeignet, brauchte aber, um knietief in die Medienpraxis reinzugehen wie etwa bei der Filmanalyse, auch noch ein bisschen Nachhilfe. Das Gute an einer akademischen Vollausbildung ist, dass man sich relativ gut Dinge beibringen kann oder beibringen lassen kann.
Die zweite Antwort berührt die Frage „Wie wird man eigentlich Vertretungsprofessorin?“. Es gibt dafür kein schwarzes Brett oder einen eigenen Stellenmarkt. Das läuft über die kollegiale Schiene. Man muss einfach wissen, wen man ansprechen kann, wer auch das Engagement mitbringt, für zwei Semester spontan einzuspringen und zu pendeln, wer die didaktischen Vorkenntnisse mitbringt, wer das auch zeitlich gerade einrichten kann. .

UNIversum:
Sie haben schon angedeutet, dass der Reiz auch darin besteht, dass man die Arbeit noch ein bisschen mit seinen eigenen Themen anreichern kann. Inwiefern hat das im Hinblick auf das letzte Semester geklappt? Hat das gut funktioniert? Haben sie das als Bereicherung empfunden?

Kemper:
Es war sehr hilfreich, dass die Seminare schon geplant waren und ich mich darauf einstellen konnte mit diesen Seminarkonzepten ins Wintersemester zu starten. Das wäre auch viel zu kurzfristig gewesen um noch eigene Dinge vorzubereiten. Zumal in universitären Abläufen die Semesterplanung immer schon im Semester vorher angelegt sein muss. Da ist Universität mittlerweile sehr verregelt. Ich musste mich also darauf einlassen, habe aber schnell gemerkt, dass die Seminarinhalte an viele Dinge anknüpften, die ich schon gemacht hatte oder gerade mache. Zum Beispiel ist es eine spannende Gelegenheit, im Theorieseminar Grundlagentexte wieder zu lesen. Oder wenn es um „1968“ geht, ein Thema, mit dem ich mich in den vergangenen Jahren auch befasst habe. Neu war für mich aber dann die Herausforderung bei der Umsetzung von Praxisprodukten – also Filmen zum Thema – zu helfen und bei der Gelegenheit mit einem Filmemacher zusammen arbeiten zu können. Ich empfinde das Seminare-Geben nicht nur als Vermittelung von Wissen, sondern auch als eine Phase des Selbst-Lernens. Wenn ich Themen aufbereiten und in didaktische Konzepte fließen lasse, lerne ich selbst ganz viel und dann natürlich auch in der Seminarsituation selbst. Wenn eine Frage gestellt wird, habe ich ja keine Schublade, auf die ich zugreifen kann und in der die Antwort liegt, sondern ich muss auf die Frage individuell reagieren. Das hat im Wintersemester, finde ich, ganz gut geklappt, weil mir die Themen sehr nah waren. Ich konnte für das jetzige Sommersemester wiederum stärker mit meinen Themen planen. Und dass mir das möglich war, ist ‘the Topping of the Ice-Cake’ dieser Vertretungsprofessur.

UNIversum:
In dem Zusammenhang: Wie bewerten Sie das Spannungsverhältnis zwischen dem Abarbeiten eines Studienverlaufsplans oder eines Seminarplans – wenn wir es ein bisschen enger fassen – im Vergleich zum berühmt-berüchtigten interessengeleiteten Studium? Und was für Auswirkungen hat es auf die Planung von Lehrveransteltungen?

Kemper:
Grundsätzlich muss ich mich als DozentIn darauf einstellen, zwischen einer relativ starren Struktur und vielen Freiräumen und Kreativität zu agieren. In jeder Seminarsituation ist das so. Es muss Lehr-/Lernziele geben, so dass Studierende am Ende jeder Sitzung transparent und nachvollziehbar „etwas mitnehmen“. Schließlich ist der ganze Studienverlauf mittlerweile darauf ausgerichtet. Und Grundlagenwissen muss vorliegen. Gleichzeitig muss ich in jeder Seminarsituation auch Raum für Gespräche und Gedankengänge geben. Sonst würde ganz viel Kreativität verschenkt. Noch vor einigen Jahren waren didaktische Konzepte und Vorbereitung unter Dozenten noch nicht so verbreitet, aber mittlerweile gehört das – wie ich finde glücklicherweise – zum Standard bei uns allen hier. Das gibt der Dozentin Planungssicherheit und es ist auch für die Studierenden, davon gehe ich aus, recht hilfreich um der Struktur oder dem Verlauf eines Seminars folgen zu können und um darin Sinn und Relevanz zu erkennen. .

UNIversum:
Also vielleicht ein bisschen heruntergebrochen: die Strukturen wahrnehmen und einhalten und die Freiheiten dann eher in der tatsächlichen Gestaltung und in den Details suchen und wahrnehmen?

Kemper:
Man darf sich als DozentIn eben nicht zu enge Strukturen setzen bei der Vorbereitung von Seminaren und muss immer auch Puffer einbauen. In der Regel erreicht man die gesetzten Lehr-/Lernziele, auch wenn der Weg dahin im Laufe eines Semesters unter Umständen ganz anders verläuft, als er ursprünglich geplant war. Zum Beispiel sind Seminargruppen sehr unterschiedlich und es gibt unterschiedliche Lernniveaus und Charaktere im Seminar. Um darauf reagieren zu können, sollte man sich selbst nicht von vornherein zu sehr beschränken.

UNIversum:
Zur Fachjournalistik allgemein: Wo sehen Sie den Wert eines solchen Fachbereichs? Warum sollte das jemand studieren? Warum ist das relevant?

Kemper:
Das hochspannende Element in diesem Studiengang ist die Verflechtung eines grundständigen geschichtswissenschaftlichen Studiums mit einer klaren Ausrichtung auf ein Praxisfeld. Und beides ist so weit gefasst, dass sich Studierende unterschiedlich entwickeln können, sich eher in die eine oder andere Richtung orientieren und auch in den jeweiligen Feldern wieder eigene Schwerpunkte setzen können. Das alles wird zusammengehalten durch die Kompetenz aller MitarbeiterInnen hier, das finde ich sehr beeindruckend. Und es wird zusammengehalten durch das Verständnis eines interdisziplinären Studiengangs. Interdisziplinäre Studiengänge haben im Vergleich mit disziplinären Studiengängen, meistens so ein bisschen was Exotisches oder auch Experimentelles. Darin liegt auch der Mehrwert des FaJo-Studiengangs, der die richtige Wahl ist, wenn man sich a) für die Themen interessiert, b) für die medienhistorische und praktische Zugangsweise und c) wenn man viel Lust hat, Dinge auszuprobieren.
Und wenn diese Kombination gegeben ist, kann man glaube ich ganz, ganz viel daraus machen.

UNIversum:
Mit dem Thema „Dinge ausprobieren“ haben wir auch eine schöne Überleitung zu unserer letzten Frage. Sie haben ja, bevor Sie Ihr Studium aufgenommen haben, eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert. Inwieweit beeinflusst die „Buchhändlerin Claudia Kemper“ heute noch die Dozentin?

Kemper:
Ich habe auch noch einiges anderes gemacht und im Vergleich zu heutigen StudienanfängerInnen erst relativ spät angefangen zu studieren. Ich habe neben der Ausbildung zur Buchhändlerin auch noch andere Jobs gehabt, zum Beispiel als Trainerin. Von der Zeit vor dem Studium profitiere ich heute noch, beispielsweise wenn ich mit Gruppen auch jenseits der Seminarinhalte umgehen kann. Ich kann zudem ganz gut entscheiden, was in Arbeitsprozessenrelevant oder weniger relevant ist. Die Zeit vor dem Studium hat mir geholfen in Fragen von Arbeitsorganisation und auch bei einer gewissen Persönlichkeitsbildung. Für mich wäre jedenfalls die Aufnahme eines Studiums in dem Alter, in dem Sie heute sind keine so gute Idee gewesen und ich bin ziemlich froh, dass ich mir ein paar Jahre Zeit gelassen habe. Ich bin mir nicht sicher, wie Sie es empfinden, mit Anfang/Mitte 20 Studienanfänger zu sein. Ist es für Sie normal und gut, schon früh ins Studium gegangen zu sein, vielleicht auch weil es erwartet worden ist? Für mich war es gut, erstmal was anderes zu sehen.

UNIversum:
Und hin und wieder gibt es in der Vorlesung dann auch eine Buchempfehlung.

Kemper:
Ganz genau.

UNIversum:
Nochmals vielen Dank für das Interview, Frau Kemper. Wir wünschen Ihnen noch ein spannendes und erfolgreiches Semester hier an der JLU!

Kemper:
Sehr gerne, das wünsche ich Ihnen auch!

Zu den Seiten der Fachjournalistik Geschichte gelangt ihr hier.

Jonas Feike