Die NSU-Akte – Wie konnte so viel schiefgehen?

Der Film „Der Kuaför aus der Keupstrasse“ vom Regisseur Andreas Maus berichtet von einem Nagelbombenattentat des NSU, das am 9. Juni 2004 in der Keupstrasse in Köln verübt wurde. Protagonisten sind die Brüder Özcan und Hasan Yildirim, vor deren Friseursalon die Bombe explodierte. Sofort geraten die beiden ins Visier der Ermittler, die einen rechtsextremen Hintergrund ausschließen. In nachgestellten Verhörszenen wird deutlich, wie überzeugt die Ermittler von der Schuld der Brüder waren und wie wenig sie dazu bereit waren, in andere Richtungen zu ermitteln.

Regisseur Andreas Maus bei der Diskussion im Anschluss seiner Filmvorführung im Kino Center Gießen. Neben ihm: Dr. Christina Benninghaus von der Fachjournalistik Geschichte.

Regisseur Andreas Maus bei der Diskussion im Anschluss seiner Filmvorführung im Kino Center Gießen. Neben ihm: Dr. Christina Benninghaus von der Fachjournalistik Geschichte.

Jahre später danach gefragt, reden sich die Verantwortlichen um Kopf und Kragen. Man müsse sich die Frage stellen, wie bei den Ermittlungen so viel schief gehen konnte, findet Maus. Das gelte nicht nur für die Keupstrasse sondern auch für alle anderen Fälle in denen der NSU Attentate verübte. Ein Interview.

UNIversum: Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?

Andreas Maus: Das ist aus einer Recherche entstanden, die ich für das Politmagazin „Monitor“ gemacht habe. Im Rahmen dieser habe ich auch viel Material bekommen. Dokumente, Unterlagen, die weit über das hinausgehen, was man für einen Beitrag in einem Politmagazin bräuchte. Insofern war schnell klar, dass man das Material anders erzählen muss. Eben eine lange Geschichte zu machen und ins Kino zu bringen und nicht nur eine Fernsehdoku daraus zu machen.

UNIversum: Warum haben Sie sich genau diesen Fall ausgesucht?

Andreas Maus: Vor allem lag es daran, dass es nicht nur eine Opferfamilie gab sondern eine ganze Community betroffen war. Wir wollten erzählen, wie eine ganze Gemeinschaft unter Verdacht gerät und dieses „Opfer-Täter-Schema“ umgedreht worden ist – was ja letztlich exemplarisch für die anderen NSU-Opfergeschichten steht. Ich bin selbst auch in Köln, ich arbeite dort und es war etwas, das mir nahe lag. Einfach mal vor der eigenen Haustür zu untersuchen, warum da so viel schief gehen konnte und wie man da gearbeitet hat von Seiten der Ermittlungsbehörden.

Universum: Gibt es Vermischungen zwischen Wahrheit und Fiktion?

Andreas Maus: Nein, nicht was die Inhalte angeht. Es gibt einen dokumentarischen Teil und es gibt szenische Umsetzungen von Dokumenten und Verhörprotokollen. Die sind aber im Prinzip eins zu eins umgesetzt. Die szenische Umsetzung war letztendlich das Hilfsmittel, mit dem man Verhöre von Opfern erzählen kann.

UNIversum: Was wünschen Sie sich, was der Zuschauer aus dem Film mitnimmt?

Andreas Maus: Zuerst einmal hoffe ich, dass er ein intensives und erhellendes Filmerlebnis hat. Dass er diese Geschichte, die mit dem NSU und mit den Opfern zu tun hat intensiver und tiefer wahrnimmt und mehr sieht als das, was man aus der Berichterstattung kennt. Das andere ist, dass ich glaube, dass jeder, der im Film sitzt, merkt wie dünn das Eis ist und dass es jeden von uns treffen kann, dass das normale Leben in einer Sekunde zusammenbricht. Und nicht, dass man Opfer eines Terroranschlags wird sondern auch, dass man als Opfer in das Visier der Polizei gerät. Und obwohl man komplett unschuldig ist, wird ein Puzzle zusammengesetzt aus dem man am Ende als Schuldiger heraus geht. Ich glaube das war auch eine Erfahrung, die die Menschen in der Keupstraße gemacht haben, die auch jeder andere von uns machen kann.

 

Ein Interview von Tatjana Döbert.

Foto: Tatjana Döbert

 

 

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