„Wichtigste Ressource bei Dokus ist Zeit“ – Stimmen aus der Praxis mit Sascha Schmidt

Zum ersten Mal im neuen Jahr lud die Fachjournalistik Geschichte am Abend des 16. Januar 2018 zur bekannten Vortragsreihe „Stimmen aus der Praxis“ ein. Nachdem Lennart Pfahler im Dezember über die Eigenheiten des Online-Journalismus berichtete, führte Sascha Schmidt nun in die Welt der Dokumentarfilme ein. Schmidt, der als freier Film- und Theaterregisseur tätig ist, betreut zudem seit diesem Semester die Studierenden der Fachjournalistik Geschichte in allen Fragen rund um das Erstellen eigener Filme. Unter den rund 20 Anwesenden erhofften sich beispielsweise Luisa und Lea, beides Studentinnen der Fachjournalistik, von dem Abend mit ihrem Dozenten besonders einen Einblick in seine praktische Arbeit und Tipps bei der Recherche nach geeignetem Bildmaterial.

Zunächst nahm Sascha Schmidt die Anwesenden mit auf eine kleine Reise durch seine eigene Vergangenheit, die alles andere als geradlinig zur Filmproduktion führte. Das Studium der Afrikanistik wurde schnell zugunsten von Politik und Germanistik aufgegeben, doch auch dort war nach der Zwischenprüfung Schluss. Zu sehr lockte die Möglichkeit dem vermeintlichen Traumberuf des Musikers nachzugehen und so ging Schmidt bis zu seinem 30. Lebensjahr mit einer Band auf Tournee. Diese Zeit lieferte den Ausgangspunkt für seine spätere Karriere, als er seine erste Dokumentation über den LKW-Fahrer der Band drehte. Sein Fokus auf dem Menschen, der oftmals im Mittelpunkt seiner Filme steht, rührt laut Schmidt aus dieser Zeit. Der Entstehungsprozess eines Films gleicht sich dann in den meisten Fällen. Denn hauptsächlich durch aufmerksames Zeitung lesen findet der Regisseur interessante Geschichten, die er nach erfolgter Recherche in einem Exposé, einer knappen Beschreibung des Themas, zusammenfasst. Als Freischaffender wird dieser Themenvorschlag mithilfe einer Produktionsfirma den Fernsehsendern zugespielt, die dann über die Realisierung entscheiden. Selbstkritisch merkte Schmidt an, dass auch er im Laufe der Zeit genauer überlegte, ob eine Idee in die entsprechenden Formate der Sender passen könnte. Der Anteil geschriebener Exposés übersteige aber den verwirklichter Filme um ein vielfaches und selbst wenn es eine Idee ins Fernsehen schaffe, warten meist noch zähe Verhandlungen um die Platzierung im Programm und die Bezahlung.

Durch zahlreiche Nachfragen aus dem Publikum entwickelte sich eine Diskussion auf Augenhöhe, in der Schmidt mit zahlreichen Anekdoten aus der Praxis aufwarten konnte. Insbesondere die Suche nach passenden Archivbildern sei bei Dokus mit historischem Bezug eine stetige Herausforderung. So scheiterte eine Filmidee über den Auftritt der britischen Band Depeche Mode im Ost-Berlin der DDR nach über einem Jahr Recherche an fehlenden Konzertaufnahmen. Zur Verdeutlichung seiner Praxisbeispiele führte Schmidt mehrere Szenen seiner 2016 im NDR gelaufenen Dokumentation „Endstation Freistatt“ vor, die von den Zuständen in einem norddeutschen Kinderheim erzählt. Da sowohl Opfer wie Täter in dem Film zu Wort kamen, hieß es für Schmidt und sein Team genau abzuwägen, wie die Interviewpartner dem Zuschauer präsentiert werden. Eine klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse mag für die Dramaturgie einer Dokumentation vielleicht hilfreich sein, doch für den Regisseur herrsche neben der journalistischen auch eine moralische Sorgfaltspflicht den Protagonisten gegenüber. Intensive Recherchearbeit und lange Vorgespräche mit den Interviewten sieht Schmidt daher als unverzichtbar, denn „die wichtigste Ressource bei Dokus ist Zeit“, wie er betonte. Dies helfe dem Filmteam auch die erzählten Geschichten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, denn gerade in den letzten Jahren hätten Vorwürfe gegenüber Medienanstalten massiv zugenommen. Die zweite Veranstaltung der „Stimmen aus der Praxis“ im laufenden Semester endete in einer anregenden Diskussion, in der Schmidt über die zahlreichen Elemente der Produktion einer Dokumentation berichtete.

Eine ausführliche Beschreibung der Dokumentation “Endstation Freistatt” findet ihr hier.

Henrik Drechsler