Wer hat Angst vorm Zwarten Piet ? Der niederländische Sinterklaas-Brauch in der Kritik

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Rassistisch oder netter Brauchtum? In den Niederlanden eine große Diskussion

Rassistisch oder netter Brauch? Der Zwarte Piet in den Niederlanden

Ein Mann mit weißen Bart im roten Bischofsgewand schleicht in der Nacht vom 5. Auf den 6. Dezember von Tür zu Tür und beschenkt – wenn artig – Kinder mit Früchten, Nüssen, Süßigkeiten und kleineren Geschenken. So alt so gut – die deutsche Nikolaustradition bietet wohl kaum Grund zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Ganz anders sieht das in den Niederlanden aus.

Dabei beginnt auch dort alles ganz brav. Es ist Mitte November. In einem festlichen Einzug kommt Sinterklaas mit einem Boot aus Spanien „angesegelt“. Jedes Jahr in einer anderen Stadt in den Niederlanden, jedes Jahr von tausenden Menschen bejubelt. Dabei wird Sinterklaas von einem oder mehreren Zwarten Pieten – unserem Knecht Ruprecht – begleitet. Begleitet wird dieser Einzug auch mit massiven Protest. Denn der Streitpunkt, der seit Jahren unser Nachbarland in zwei Lager spaltet: Nikolaus´ Begleiter ist schwarz angemalt.

Rassistische Tradition?

Der weiße Sinterklaas und der geblackfacete Zwarte Piet also – die Gegner der Tradition werfen ein, diese sei von Grund auf rassistisch, verstärke und halte Stereotype gegenüber der schwarzen Bevölkerung der Niederlande aufrecht. Der Zwarte Piet wie er heute verkörpert werde – possenreißend und klamaukig – laufe Gefahr schon in den Kindern Klischeedenken gegenüber Schwarzen zu installieren, was im Hinblick auf die Kolonialgeschichte der Niederlande überaus problematisch sei.

Heute ist der Zwarte Piet vor allem für den Klamauk verantwortlich

Heute ist der Zwarte Piet vor allem für den Klamauk verantwortlich

Die Befürworter des Brauches berufen sich auf die Traditionslinie des Festes. Sie führen zuweilen an, die dunkle Hautfarbe der Pieten stamme daher, dass er durch den Schornstein käme, der Piet sei daher kein Schwarzer. Seine Optik weise dementsprechend – so wird jedenfalls oft behauptet – nicht einmal daraufhin, dass es sich bei dem Piet um eine aus kolonialen Traditionen entstandene Figur handelt. Dabei wird der Streit zunehmend in der Öffentlichkeit ausgetragen, auch in den neuen Medien, auf Facebook und Twitter streiten sich Pro und Contra Fraktion immer militanter.

Der Nikolaus als Schreckwesen

Der Sinterklaas-Brauch, der mittlerweile in den Niederlanden eine größere Bedeutung als das Weihnachtsfest besitzt, hat eine jahrhundertelange Tradition. Angefangen vom Glauben an einen Sinterklaas, den man nicht sah, der lediglich nachts im Stillen die Geschenke brachte, über einen „pädagogisch“ strafenden Nikolaus, kam in der Vorstellung der Niederländer der Zwarte Piet lange Zeit nicht vor. Berichte vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein belegen, dass sich Niederländer vielfach als Sinterklaas verkleideten, sich das Gesicht schwärzten, um durch die Straßen zu ziehen und als „wilde“ Nikolausfiguren Kinder zu erschrecken, so die Forschungen des Historikers John Helsloot. Damit galt der Sinterklaas lange Zeit mehr als Schreck- und Wunderwesen, denn als auf seinen Ursprung zurückgehende Heiligenfigur. Lärm und Unfug, der dem niederländischen Niklaus anhaftete, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend kritisiert.

Der Zwarte Piet als Literaturfigur

Sinterklaas und Zwarte Piet - gemeinsam sind sie erst seit dem 19. Jahrhundert unterwegs

Sinterklaas und Zwarte Piet – gemeinsam sind sie erst seit dem 19. Jahrhundert unterwegs

Aus Sicht der aktuellen Forschung hielt der Zwarte Piet aber erst mit der Veröffentlichung eines Bilderbuches des Amsterdamer Lehrers Jan Schenkmann (etwa im Jahr 1850) Einzug in das Brauchtum des Landes. Dieser führte den Piet als Knecht des milden, würdigen, vornehmen Sinterklaas ein, der gemeinsam mit diesem aus Spanien in die Niederlande segelte. In seiner Darstellung ist der Zwarte Piet ganz klar dunkelhäutig. Gekleidet ist er in einem Kostüm, das wie die Kleidung eines vornehmen Mannes aus dem 16. Jahrhundert anmutet. Warum Schenkmann den Begleiter des Nikolaus als Schwarzen entwarf, dafür gibt es laut Helsloot unterschiedliche Ansätze:

  1. Schenkmann könnte hier eine ältere (koloniale) Bildtradition fortsetzte, in der es üblich war, dem vornehmen weißen Mann – hier dem Nikolaus – einen schwarzen Diener zur Seite zu stellen. Das Kostüm des Piet könnte sich an dabei an die Verkleidungen der Akteure damaliger historischer Festzüge anlehnen.
  2. Schenkmann wurde von der Tradition die ja bereits seit vielen Jahren vorhanden schwarz angemalten, „wilden“ Nikoläuse beeinflusst wurde.

Rollentausch

War es zum Ende des 19. Jahrhunderts noch der Sinterklaas, der die unartigen Kinder bestrafte, während sein schwarzer Begleiter Süßigkeiten verteilte, benahm sich der Zwarte Piet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer „böser“ gegenüber den Kindern, die Rollen von Sinterklaas und Zwartem Piet vertauschten sich also. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird er zu jenem Clown, als der er auf den heutigen Sinterklaas-Umzügen bekannt ist.

Nicht entschlüsselbar

Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre wurde erstmals Kritik an der Figur des Zwarten Piet von Seiten weißer Niederländer laut. Seit den 1970er und 1980er Jahren begannen auch Teile der schwarzen Bevölkerung der Niederlande die alljährliche Darstellung des Zwarten Piet zu kritisieren.

On der Brauch nun rassistisch ist oder nicht, das muss sich jeder selbst fragen. Klar ist: Der ständige Wandel des Brauches, seine komplexe Entstehung, die nicht bis ins allerletzte entschlüsselt – vielleicht nicht einmal entschlüsselbar – ist,  lässt ihn eben nicht per se als rassistisch klassifizierbar machen. Stattdessen handelt es sich beim Zwarten Piet offenbar um eine extrem ambivalente Figur, die Jan Schenkmann sowohl aus einer durch den Kolonialismus geprägten Vorstellung von Schwarzen entwarf, dabei aber auch Aspekte des „sich schwarz Anmalens“ aus der Tradition der „wilden“ Nikoläuse verwandte.

 

Artikel und Fotos von Lea Berg, Karsten Köhler, Friederike Piotrowski und Christian Schmeink

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