Wenn der Opa ein Mörder ist – Die Geschichte von Jennifer Teege

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Jennifer Teege spricht in Gießen über ihre Familiengeschichte

Wie fühlt es sich an, wenn man ein dunkles Familiengeheimnis lüftet? Jennifer Teege beschreibt genau das in ihrem Buch „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“. Erst mit über 30 fand die Tochter eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter heraus, dass sie die Enkelin des KZ-Kommandanten Amon Göth ist. In der Gießener Pankratiuskirche sprach sie über den ersten Schock, ihre eigene Identität und das Unverzeihliche.

Sie ist 38 als Jennifer Teege in der Hamburger Zentralbücherei durch die Bücherregale geht. Zufällig findet sie ein Buch, das ihr Leben ändert. Auf dem Titelbild sieht sie ein bekanntes Gesicht: Ihre leibliche Mutter. Der Titel: “Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?”.  Sie schaut sich das Werk genauer an – es geht um Amon Göth, den Mörder; Amon Göth, ihr Großvater.

Familiengeschichte

Teege war in einem Kinderheim und später in einer Adoptivfamilie aufgewachsen – über ihren leiblichen Großvater wusste sie kaum etwas. Erst durch den Fund des Buches erfährt sie, wer und was er war und dass er zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hat. Dieses Wissen stürzt sie zunächst in ein tiefes Loch. Auch stellte sich ihr die Frage, ob sie Amon Göth nun als ihren Großvater oder als historische Figur betrachten solle. Diesen Amon Göth, der KZ-Kommandant, dessen Sadismus durch den Film „Schindlers Liste“ einem Millionenpublikum vor Augen geführt wurde. Sie beginnt sich über ihren Großvater zu informieren und die Familiengeschichte aufzuarbeiten. So reist sie beispielsweise nach Krakau um das Haus zu sehen, in dem Amon Göth lebte. Teege berichtet, dass sie im Leben ihres Großvaters nach einer Erklärung gesucht hat, wie er zu dem wurde, der er war – ohne Erfolg. Für ihn und seine Taten hat sie kein Verständnis.

Das Leiden der Zweiten Generation

Es wird jedoch nicht nur der Großvater thematisiert, sondern auch ihre Mutter und

DIe Tochter eines Nigerianers kann ihrem Großvater nicht verzeihen

Die Tochter eines Nigerianers kann ihrem Großvater nicht verzeihen

Großmutter. Erstere, weil sie Teege die familiäre Vergangenheit verschwieg und den Kontakt zu ihr mehrfach abbrach. Zweitere, weil Teege sie als Kind sehr mochte. Besonders das Verhalten der Mutter wog schwer. „Der erste Schock war nicht, dass Amon Göth mein Großvater war, sondern, dass meine Mutter mir nichts gesagt und mich verleugnet hat“, erklärt Teege. Diese scheint unter dem Wissen über den eigenen Vater bis heute schwer zu leiden. Das sei laut Teege ein typisches Symptom in der „zweiten Generation“, der Generation, deren Eltern den Nationalsozialismus erlebt haben und zum Teil zu Tätern wurden. Da sie nun weiß, wie sehr ihre Mutter unter ihrer Vergangenheit leide, könne Teege mittlerweile besser verstehen, dass sie mehrfach den Kontakt zu ihrer Tochter abbrach. Die Mutter ist im gesamten Buch ein zentrales Thema.

Zwiespalt

In einem letzten Abschnitt widmet sich Teege ebenfalls noch einmal ihrer Großmutter. Sie beschreibt, wie sie ein Interview mit ihr gesehen hat, das für eine Dokumentation geführt wurde. Noch Jahrzehnte später scheint ihre Großmutter nichts zu bereuen. Teege beschreibt den Zwiespalt in dem sie sich befindet. Einerseits mag sie ihre Großmutter, andererseits kann sie die Mittäterschaft nicht verstehen. Am Ende bleibt die Frage, ob ihre Großmutter zu mögen bedeutet, die Taten ihres Großvaters zu ignorieren. „Ich hätte gerne einen anderen Großvater, aber immer wieder gerne diese Großmutter“, zieht sie schließlich ihr Fazit.

Erinnerungskultur und eigene Vergangenheit

Abseits der Lesung werden auch Themen, wie die heutige Erinnerungskultur an diesem Abend thematisiert. „Es ist erstens sehr wichtig, um den Opfern Respekt zu zollen“, findet Teege, „Und zweitens, weil es Menschen gibt und davon immer mehr, die den Holocaust leugnen, als Zeugnis.“ Dabei sei es jedoch nicht nur wichtig über die Vergangenheit zu sprechen, sondern auch Wege zu finden, dass sich Genozide in Zukunft nicht mehr wiederholen. Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und Identität hält Teege für sehr wichtig. Sie selbst litt lange Zeit an Depressionen und habe diese erst durch die Lüftung und Verarbeitung des Familiengeheimnisses überwinden können. Teege ist der Meinung, man könne vor der Vergangenheit nicht davonlaufen. Man solle aber auch niemanden dazu drängen darüber zu sprechen, der das nicht möchte. Sie selbst hat auch ihren Kindern bereits berichtet, wer ihr Großvater war.

Artikel und Fotos von Tatjana Döbert

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