„Unverpacktes“ Gießen: Kampf dem Plastik

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Riesige Behälter reihen sich an einer Wand entlang. In ihnen: Nudeln, Nüsse, sogar Gummibärchen. Dazwischen drängeln sich dutzende Menschen – alle ausgestattet mit Weckgläsern, Tupper- oder Metalldosen und Netztaschen – die sich Waren abfüllen oder abwiegen lassen.

Der Trend „Unverpackt“ ist nun also auch in Gießen angekommen. Das Konzept: Läden, in denen man sich Trockenwaren, sowie Reinigungsprodukte, Obst oder Gemüse selbst in eigene Behältnisse abfüllen kann, um so auf schädlichen Verpackungsmüll zu verzichten.

Das Ganze gliedert sich in die sogenannte „Zero-Waste“-Bewegung ein. „Hinter dieser Philosophie steht der Ansatz, ein möglichst müllfreies Leben zu führen und wiederzuverwerten anstatt wegzuwerfen“, erklärt Jonas Hey, der zusammen mit seiner Freundin Louisa Willner den neuen Laden am Johanette-Lein-Platz eröffnet hat.

 

Ein massentaugliches Konzept?

Die beiden sehen gute Chancen, dass sich ihr Konzept in Gießen etabliert: „Gießen hat einfach eine große nachhaltige Szene, viele Menschen leben sehr bewusst und haben sich so eine Anlaufstelle gewünscht.“ Sie scheinen Recht zu haben: Die Idee findet Anklang bei der breiten Bevölkerung. Bei der Eröffnung am Samstag tummeln sich neben hippen Studenten, auch ältere Damen und Herren, vor der Tür spielen Kinder. Charlotte ist extra aus Wetzlar hergefahren, um sich neue Nachhaltigkeit näherbringen zu lassen: „Ich finde solche Läden klasse. So kann jeder kleine Schritte unternehmen, ohne verzichten müssen. Bei den Zahlen über Plastikmüll, die man so liest, muss jeder einfach etwas beitragen.“

18,2 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle

Die Zahlen, von denen Charlotte spricht, sind wirklich alarmierend. In Deutschland fielen im Jahr 2015 laut Umwelt Bundesamt 18,2 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle an – so viel wie nie zuvor. Wenn der Plastik-Konsum weiterhin mit der aktuellen Geschwindigkeit voranschreitet, gehen Wissenschaftler davon aus, dass 2050 dreimal mehr Plastik im Meer schwimmt als Fische. Dementsprechend versuchen Louisa und Jonas, auch in der Lieferkette auf Plastik zu verzichten, was aber laut Jonas nicht komplett funktioniert: „Auch wir können uns über bestimmte EU-Verordnungen nicht hinwegsetzen, aber wir haben, in Absprache mit anderen Unverpackt-Läden, besprochen, dass ein Müllsack Plastik pro Monat erstmal hinnehmbar ist.“

Ein breites Sortiment

Der Laden verfügt über 120 Lebensmittelspender (Gravity-Bins). Der Kunde kann sich so einfach selbst die Ware in gewünschter Menge abfüllen, ohne dass Hygienevorschriften missachtet werden. Das Sortiment umfasst neben Hartwaren wie Reis, diversen Nudelsorten und Getreideerzeugnissen auch Schokolade und andere Süßigkeiten. Aber auch, wer „Zero-Waste“ im Badezimmer etablieren möchte, wird fündig: Hygieneartikel wie Deocreme, Menstruationstassen oder Zahnpasta-Tabletten, sowie Wasch- und Spülmittel finden sich im Sortiment. Auch Frischwaren wie Kartoffeln und eine Auswahl an Eiern, Milch und Käse werden angeboten – selbstverständlich aus der Region: „Wir möchten mit jedem Produkt eine Geschichte erzählen, das bedeutet auch, dass wir die Erzeuger kennen und wissen wie es produziert wurde. Wir hoffen, unser Angebot bald erweitern zu können, aber unter dem Gesichtspunkt, dass es mit unserer Philosophie übereinstimmt.“

Starhilfe für einen bewussten Konsum

Wer nun in Sachen „Zero-Waste“ durchstarten möchte, hat mit Hilfe diverser Blogs und Bücher, die Möglichkeit, sich zu informieren. Auch sei die Zero-Waste-Map, auf der neben vielen weiteren Anlaufstellen, auch „Unverpackt Gießen“ zu finden ist, ein Mittel der Wahl. Jonas gibt hierzu auch gerne ein paar Tipps und Starthilfen: „Der erste Schritt ist sich seinem eigenen Konsum bewusst zu werden und daraufhin das richtige Zubehör anzuschaffen. Eine Metalldose oder Wachspapier zum Einpacken von Lebensmitteln ist da sehr gut. Empfehlenswert ist auch, auf dem Wochenmarkt einzukaufen, besonders Obst und Gemüse. Da hat man den zusätzlichen Vorteil, dass man weiß, wo es herkommt.“ Das Ganze steht jedoch unter einem freiwilligen Stern: „Es muss nicht sofort jeder seine Lebensweise komplett umstellen. Wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet, ist schon viel getan.“, fügt er hinzu.

Seit dem vergangenen Samstag hat „Unverpacktes“ nun offiziell geöffnet. Wer sich selbst gerne ein Bild machen möchte, kann das laut Jonas immer montags bis freitags von 10:00 bis 19:00, sowie samstags von 09:00 bis 18:00 tun: „Es ist halt mal was anderes, aber wir glauben an das Konzept und hoffen auf viele Leute, die auch Lust darauf haben. Irgendwo müssen wir ja anfangen.“

Weitere Infos gibt es unter:

http://www.zerowastelifestyle.de/

https://wastelandrebel.com/de 

sowie

 www.unverpacktes-giessen.de

Instagram: @unverpacktes_giessen

 

Danielle Dörsing