“Schönes-hässliches Gießen”

image_pdfimage_print

Ist Gießen nun schön oder doch einfach nur die hässlichste Stadt Deutschlands wie das Satire-Magazin „Extra 3“ des Senders NDR Ende April wieder gescherzt hat?


Dieser Artikel soll aus der Sicht einer Studentin, welche aus dem schönen Köln kommt, zeigen, dass jeder zugezogene Student, Azubi oder jede zugezogene Familie erst einmal getrost die rosa-rote Brille ablegen und tief durchatmen muss, um der neuen Heimat Gießen eine ehrliche Chance zu geben.
Nun also Hand aufs Herz: Gießen ist definitiv nicht so facettenreich, kulturell breit aufgefächert und restauriert, wie manch andere deutsche Städte. Das Magazin: „Die Zeit“, widmete eine ganze Serie den „unterschätzen Städten“ Deutschlands und so schrieb der Autor Oliver Fritsch schon im Herbst 2014 unter anderem in seinem Artikel: „Gießen ist hässlich.“ Der wahre Gießener fände sich mit der Hässlichkeit und ihrer Geschichte ab. Im Zweiten Weltkrieg sei die Stadt durch Bomben teilweise zerstört und von sogenannten „unzivilisierten Städteplanern“ im Nachkriegsdeutschland versaut worden.
Gießen ist in der Tat eine unterschätzte Stadt. Auf meiner Reise quer durch die Innenstadt war ich auf der Suche nach schönen und eben auch nach weniger schönen Ecken Gießens. Zu meinem Erstaunen steckt der Teufel im Detail, wenn über die Schönheit der Stadt diskutiert werden soll. Eine Fotostrecke und ein paar Erläuterungen sollen dies verdeutlichen.

IMG-20180516-WA0003

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Lahn fließt durch ganz Gießen und fast überall ist sie zu entdecken. Gibt sie Gießen nicht ein kleines bisschen mehr Gemütlichkeit und Flair?

Zur Rechten, das Rathaus Gießen. Es erstreckt sich auf einem weiträumigen Platz und gibt der Stadt etwas Futuristisches.

Direkt neben dem Rathaus befindet sich das große, moderne Kino Gießens. Doch dies ist nicht der einzige Filmpalast, den Gießen zu bieten hat, denn weiter in der Innenstadt liegt ein zweites, etwas kleineres und beschaulicheres Kino.
Leider muss nach Filmschluss festgestellt werden, dass das Bild eines heruntergekommenen Hinterhofs oder einer Baustelle einem vor Schreck fast das übrig gebliebene Popcorn aus der Hand fallen lässt. Dies ist wahrhaftig kein Anblick, den man sich nach einem Kinoaufenthalt voller anregender Gespräche über den Inhalt und Ausgang eines gelungenen Filmes wünscht.

 

Nun also back to reality. So mancher kurzweiligere Blick in einen leeren Hinterhof, der so gar nichts Träumerisches hat, lässt die Erinnerung daran wecken, wie sehr man großflächige Grünanlagen und die Idylle netter Häuserfassaden vermisst.
Im Frühling versinkt Gießen in einem Meer aus Tulpen und blühenden Bäumen.

Eine wahre grüne Oase ist der Stadtpark an der Ringallee, der an sonnigen Tagen jeden zu einem Kurzurlaub einlädt. Der Park kann mit einem großen Schwanenteich und weiträumigen Wiesen punkten. Der wohl sommerlichste Ort, um ein abkühlendes Getränk zu sich zu nehmen, ist die großartige Strandbar. Für ein paar Momente kann sich dort in den Urlaub geträumt werden. Mitten im Sommersemester ist das doch Gold wert!

Foto: www.strandbar-giessen.de

Es lässt sich darüber streiten, ob Bahnhöfe etwas Schönes an sich haben können. Es gibt zwei Perspektiven auf den Gießener Bahnhof.

Zur Linken befindet sich ein Gebäude, welches sich auf direktem Weg zum Bahnhof liegt und eine dringende Auffrischung benötigt. Im Kontrast dazu steht das historische Bahnhofsgebäude, das einen den zuvor gemachten Anblick des zerfallenden Gebäudes glatt vergessen lässt.

 

Abschließend möchte ich betonen, dass gerade bei Gebäuden und Wohnkomplexen der Geschmack weit auseinander geht. Der Eine mag romantische, verschnörkelte Häuserfassaden, dem Anderen ist es vollkommen egal, ob sein Dach über dem Kopf im Volksmund als „architektonisches Meisterwerk“ betitelt wird, denn im Endeffekt sollte man dankbar dafür sein, überhaupt einen geschützten Schlafplatz, beziehungsweise ein Zuhause zu haben.

Hinzu kommt, dass eine Stadt doch viel mehr zu bieten hat als Gebäude, Straßen und Parkanlagen. Eine Stadt wird durch die Menschen geprägt, die dort leben. So hängt doch alles vom persönlichen und emotionalen Blickwinkel auf die Dinge ab.
Während eines Spaziergangs durch die Stadt Gießen, mit einem Lächeln auf den Lippen und guter Laune, können durchaus unerwartet schöne Ecken der Stadt erkundet werden. Nicht nur die persönliche Tageslaune kann einen Eindruck der Stadt verändern, auch das Wetter und die Jahreszeit spielen eine große Rolle. So ist es im Winter und Herbst deutlich trüber und weniger lebendig als im Frühjahr und Sommer, wo die Sonne sich nur selten hinter Wolken versteckt und die meiste Zeit Gießen doch ein bisschen zum Strahlen bringt.
Jeder kann Gießen zum Strahlen bringen, sodass er die Stadt durch Vielfalt und Individualität ein kleines bisschen schöner machen kann.

Artikel und Bilder Maren Marohn