ProfDuell 3.0 – Studis gegen Profs: Das große Debattierduell

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Am 5. Juni lud der Georg-Büchner-Debattierclub Gießen (GBDC) in Kooperation mit dem Graduiertenzentrum Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (GGS) zum dritten großen Debattierduell in der Aula des Uni-Hauptgebäudes ein. Die Studierenden Philipp Heilmann, Matthias Hummel und Maria Spieß mussten sich gegen Prof. Vogel (Philosophie), Prof. Ahrens (Soziologie) und Prof. de Nevé (Politikwissenschaft) behaupten.

Oliver Drewes, der Präsident des Debattierclubs, moderierte den Abend und läutete die Veranstaltung durch eine kurze Anmoderation sowie der Vorstellung des GBDC, der Kandidaten und der Ehrenjury ein. Die Plätze der Aula waren fast voll besetzt. Die meisten Zuschauer waren Studierende der JLU, die ihre Professoren oder ihre Kommilitonen unterstützen wollten. Prof. Ahrens brachte seinen eigenen kleinen Fanclub mit, der bei seiner Erwähnung laut jubelte und grölte. Das Debattierthema kannten beide Seiten vor Beginn noch nicht. Zwei Themen wurden gezogen und durch Applaus wählte das Publikum das Thema des Abends: „Brauchen wir eine volldigitalisierte Uni von der Immatrikulation bis zum Abschluss?“ Eine Münze entschied, dass die Studierenden dafür und die Professoren dagegen argumentieren mussten. Danach bekamen die Konkurrenten 15 Minuten Zeit, um sich vorzubereiten, sich zu strukturieren und die Strategie zu planen. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit schienen beide Gruppen guter Dinge. Marie Spieß eröffnete die Debatte. Die „Regierung“, wie die Pro-Seite bezeichnet wird, brachte Argumente auf, mit denen sich die meisten Studenten gut assoziieren konnten, wie aus der Reaktion des Publikums hervorging. Mit Problemen bei der Beschaffung einer Lektüre, dem Weg im vollkommen überfüllten Bus zur Uni oder den 8 Uhr Vorlesungen, bei denen man zwar körperlich, aber eindeutig nicht geistig Anwesend sei, versuchten die Studierenden des Debattierclubs von ihrem Standpunkt zu überzeugen. So sei der durch fehlende Digitalisierung entstehende Konkurrenzkampf um die Lektüren in der Bibliothek untragbar, da er „eher an ‚Herr der Fliegen‘ erinnert, als an ‚Der Club der toten Dichter‘‘‘, wie Eröffnungsrednerin Marie metaphorisch darstellte.

Die Professoren griffen diese Argumente auf gekonnte Weise auf und versuchten sie zu entkräften. Sie stellten dabei die Themen in den Mittelpunkt, die bei der Digitalisierung im Allgemeinen in der Kritik stehen, wie fehlende soziale Interaktionen und Kommunikation, die einem die digitalisierte Uni nicht ermögliche. Auch sei das Internet nicht sicher vor Hackerangriffen und Manipulation. Ein Argument des Eröffnungsredners der Professoren, Prof. Dr. Vogel, war die Verfälschung von Inhalten, wenn man diese lediglich in Form eines Videos anstatt in echt betrachte. Prof. Dr. Vogel ergriff zudem jede Gelegenheit, eine Zwischenfrage zu stellen, wenn das gegnerische Team sprach. Einmal kam es zu einer Ermahnung wegen der Länge einer seiner Fragen.

Die „Regierung“ punktete in ihren Reden mit der Darstellung eigener Erfahrungen, derzeit bestehender Probleme und einer humorvollen Redeweise, die die Zuhörer nicht nur einmal zum Lachen brachte. Sie plädierte auf die Freiheit, die Wahl zu haben, sowie die Vielseitigkeit der Studierenden und die damit einhergehenden Arten des Lernens, die einigen Studierendengruppen vor dem Bildschirm nun mal deutlich leichter falle, als in einem vollen und stickigen Seminarraum. Matthias Hummel bezeichnete die fehlende Möglichkeit, die Vorlesungen und Seminare auch online aufrufen zu können, sogar provokativ als Ergebnis eines „totalitären Systems“.

Der Standpunkt der „Opposition“, wie man die Contra-Seite nennt, wurde durch die Rede von Politikwissenschaftlerin Prof. De Nevé abgerundet. Sie strukturierte ihre Argumentation gut in drei Ebenen, in die technische, die soziale und die ökonomische. Die Studenten würden durch die Volldigitalisierung zu „Produkten“ verkommen, bei denen die direkte Kommunikation nur noch zweitrangig wäre und man mit Interessen von Akteuren wie Unternehmen konfrontiert wäre. Deutschland sei zudem in seiner zurzeit eher rückständigen digitalen Entwicklung gar nicht dazu in der Lage, eine volldigitalisierte Universität zu ermöglichen, argumentierte die Professorin mit einem top-aktuellen politischen Thema. „In dieser Universität des digitalen Neulands hätte Angela Merkel niemals Physik studieren können. Und das wäre sehr schade“, schloss sie die Debatte mit klaren Worten ab.

Damit die Zuschauer auch wussten, was auf sie zukommt, wurden sie bereits am Anfang von Oliver Drewes über den Ablauf eines Debattierduells informiert. Jede Seite schickt ihre Redner abwechselnd ans Rednerpult, zuerst den „Eröffner“, dann den „Ergänzer“ und schließlich den „Schlussredner“, der die Argumentation möglichst rund und überzeugend zu Ende führt. Am Pult hat jeder Redner 7 Minuten Redezeit. Die erste und letzte Minute gelten als geschützte Zeit, in den fünf Minuten dazwischen ist es den Gegnern erlaubt, Zwischenfragen zu stellen, die der Redner jedoch nicht beantworten muss. Dazwischenreden ist tabu. Wer eine Zwischenfrage stellen will, um seinen Gegner aus der Bahn zu werfen, muss aufstehen und warten, bis der Redner signalisiert, dass die Frage, die nicht länger als 15 Sekunden sein darf, nun gestellt werden kann. Im Nachhinein erzählte Maria Spieß, dass es bei internen Debatten des Debattierclubs noch zusätzliche drei Personen gibt, die zu keiner der beiden Seiten gehören und sich, während diese ihre Argumente vorbringen, für eine Seite entscheiden, um für diese zu debattieren. Schließlich wurden den Zuschauern noch die Merkmale einer guten Rede aufgeführt, denn sie waren diejenigen, die am Ende durch ihren Applaus die Sieger kürten. Eine Ehrenjury, bestehend aus der Leiterin des „Lokal International“ Julia Dinslage, der Arbeiterkind-Mitarbeiterin Yvonne Gajer und der Vizepräsidentin des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen Gwendolyn Zeuner, würde danach außerdem unabhängig von der Publikumsentscheidung nach kurzer Absprache den besten Redner oder die beste Rednerin des Abends wählen.

 

Als die Zeit der Entscheidung gekommen war, blieb es spannend. In der kurzen Bedenkzeit, die den Zuschauern gegeben wurde, um sich zu entscheiden, wurde es von einem Moment auf den anderen laut im Saal und Diskussionen waren zu hören, wer wieso besser war, was besonders überzeugend war und für wen man applaudieren sollte. Doch wer konnte mehr Zuschauer überzeugen? Beachtliche 87,7 Dezibel zeigte das Messgerät beim Applaus für die Studierenden, doch die Professoren übertrumpften dies mit 97,3 Dezibel und gewannen somit zum dritten Mal in Folge das Duell. Die Ehrenjury brauchte für die Entscheidung, wer denn nun der beste Redner des Abends war, deutlich länger als das Publikum und beriet sich, bis schließlich Prof. De Nevé mit ihrer gut strukturierten und sachlichen drei-Ebenen-Argumentation zur Rednerin des Abends gekürt wurde. Als Belohnung gab es für die Gewinner Kuchen und für die beste Rednerin eine Tasse als Preis. Die gegnerischen Gruppen beglückwünschten sich gegenseitig und machten Erinnerungsselfie zusammen. Ein fairer Kampf, doch die Niederlage werden die Debattierenden sicher nicht auf sich sitzen lassen, schließlich gibt es noch ein nächstes Jahr.

 

Irina Gildt