Omonia – Ein Spaziergang durch die Unterwelt

Graffitis in Athens Unterwelt

Graffitis in Athens Unterwelt

Die Polizisten schlagen den Kopf des Mannes gegen eine Holzplatte und halten ihn an Armen und Beinen fest. Es ist laut. Hunderte von Menschen eilen vorbei; an der Gewalt stört sich niemand. Eine Beamtin schreit dem Mann ins Ohr. Ich muss meinen Blick abwenden und auf meine Füße achten, denn ich befinde mich in einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkten Athens, unter dem Omonia Platz, dem Eingangstor zu den Multi-Kulti-Vierteln. Bis zum Bau der Linie 2 und 3 war dies der einzige Halt der U-Bahn im Stadtzentrum. Die Rolltreppe, die mich am anderen Ende der Unterführung wieder auf den Platz befördern soll, war die erste ihrer Art im Metronetz Athens. Angenehm kühle Abendluft schlägt mir entgegen und ich lasse den Gestank der Metro unter mir. Ich finde mich auf einer riesigen Verkehrsinsel wieder. Eine schier endlose Schlange an Autos kreist um den Platz. Dabei fällt eine Formation besonders auf: eine Armada von Motorradpolizisten. Ein einschüchterndes Aufgebot. Zu wessen Schutz, zu wessen Jagd? Ich verlasse den Platz und laufe auf die Akropolis zu, die erst bei Tageslicht zur Besichtigung ansteht. Nach einem kleinen Schock, den das schäbige Hotelzimmer in den dreckigen Winkeln von Omonia bot, wollte ich nun ein gutes Restaurant mit Akropolis-Blick besuchen, das mir wärmstens empfohlen worden war. Bill Clinton soll hier schon gegessen haben. Mein Hunger hält sich beim Anblick verwahrloster Obdachloser in Grenzen. Überall sitzen und liegen sie, betteln, streiten sich lauthals. Prostituierte werben schamlos um Kundschaft. Junkies schleichen zwischen den Touristen  und flüstern ihre Angebote gerade noch verständlich vor sich her: „Marihuana, Coca, LSD…“ Ich winke ab.

Schmelztiegel illegaler Einwanderer

Omonia, das ist ein Schmelztiegel illegaler Einwanderer, die überwiegend aus Afrika und Asien in die Stadt kommen und auf der Straße leben; manche konnten eines der vielen leerstehenden Gebäude direkt am Platz besetzen. Einst schlug hier das geschäftige Herz der Hauptstadt, jetzt lassen die geschlossenen Hotels die einstige Pracht des Platzes nur noch erahnen. „Nirgendwo ist der Niedergang unseres Landes so sichtbar wie auf dem Omonia Platz“, erklärte mir ein Barkeeper am Abend zuvor. Aber sind es nur wirtschaftliche und finanzielle Probleme? Die griechischen Medien mengen noch ein anderes Problem bei, und nun leuchtet mir das Polizeiaufgebot ein. Es ist kein Fußballspiel, keine anstehende Demo an diesem Freitagabend zu erwarten. Es ist der Alltag: Der Kampf gegen die Kriminalität. Vor mir offenbart sich ein fragwürdiges Schauspiel: die „Jagd um den Block“. Afrikanische Dealer unterhalten sich an jeder Ecke hektisch über ihre Handys mit ihren Pushern, geben Warnungen, im nächsten Moment geraten sie selbst ins Visier und rennen ins Dunkel. Ein Teil der Motorradkolonne setzt sich ab und rast hinter her. Auch die Prostituierten haben sich angepasst: Absätze werden nicht getragen. Sie könnten schnell ins Gefängnis führen, denn nur mit sportlichen Schuhen hat man hier eine Chance auf Flucht. Auch die Damen vom Straßenstrich sind permanent in Bewegung. Rennen von Gasse zu Gasse, vom Gesetz gejagt.

„Where can we find Weed?“

Erstaunt und erschüttert wende ich mich von dem Treiben ab und setze meinen Weg fort, raus aus Omonia. Die breite Straße führt mich zu meinem Ziel. Graffitys färben das Mauerwerk, bereichern Türen und Garagentore. Durch das Licht der Laternen wirken die Wandmalereien beinahe surreal. Zeugnisse einer breiten Jugendkultur. Und tatsächlich: es sind hauptsächlich junge Menschen zu sehen. Kein Dealen mehr, keine Polizei – ein Urlaubsort. Ich speise in dem Restaurant, in dem Clinton speiste und ziehe weiter. Bergauf erstreckt sich ein belebter Park voller junger Leute und Straßenkünstler. Ein älterer Herr spielt auf seiner Klarinette, während sein Hund jaulend dieselben Töne zu treffen sucht. In Gedanken verloren lausche ich den Klängen und betrachte dabei den Tempel der Tempel, den Inbegriff einer altehrwürdigen Kultur, aus einem Moloch herausragend, einem Meer von Dächern, triumphal beleuchtet aus allen Winkeln. „Where can we find Weed?“ Ich blicke zu meiner Rechten. Die Szenerie weicht meiner Neugierde auf die Antwort der Frage, die zwei junge Kerle einem Mann stellen. Der deutet in die Richtung, aus der ich herkam. „In Omonia you will find some, but do not go over there now! It’s dangerous..“ Unschlüssig überlegt der Mann, scheint für und wider abzuwägen und gibt den beiden schließlich etwas aus seinem Privatbesitz, als würde er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, die zwei in die Unterwelt zu schicken.

Prostitution: AIDS in Athen

Auf meinem Rückweg zum Hotel hatten sich die Straßen geleert. Die Nacht war angebrochen und für die meisten verlagert sich jetzt das Treiben in die Bars und Clubs der Seitenstraßen. Anders sieht es auf dem Omonia Platz aus. Hier scheint es erst nachts richtig zur Sache zu gehen. Die Jagd ist in vollem Gange, das Chaos im Dunkeln perfekt. Eben noch beeindruckt von den Errungenschaften des antiken Athens, folgt die Ernüchterung: ein Ort, an dem unterschieden wird zwischen legalen und illegalen Menschen, an dem Gewalt, Drogen und Krankheiten sich zu einem Teufelskreis entwickeln; gleich dem Kreisverkehr, den die Rücklichter der Autos wie einen wild gewordenen Feuerkreisel erscheinen lassen. Überall verteilt die Drogenhilfe saubere Nadeln, die von den Abhängigen entgegen genommen werden. Manch einer nutzt diese Hilfe aus, um sich finanziell zu bereichern und verkauft sie direkt weiter. Andere beschweren sich, dass die Nadeln zu kurz seien, um sie sich in die Oberschenkelvene zu jagen, was unter Abhängigen üblich ist. Doch neben den Infektionsgefahren unter den Junkies stellt die explosionsartig ansteigende Zahl der Prostituierten eine gesundheitliche Gefahr für die einheimische und ausländische Bevölkerung dar. Epidemieartig verbreiten sich nicht nur Syphilis und Gonorrhoe, sondern auch AIDS. Laut dem Bürgermeister von Athen hat die unkontrollierbare Zunahme der Prostitution 1.500% überstiegen. Nur ein einziges der 700 Bordelle in Athen habe eine Genehmigung. Auf unterschiedlichsten Sprachen bietet man mir Sex an, nach Herkunft haben die leichten Damen ihren eigenen Strich, in Omonia stehen hauptsächlich Frauen aus dem ehemaligen Ostblock. In einer Seitenstraße ertönen Sirenen, Handschellen klicken. Die Käufer konnten mit ihrer Ware noch entkommen, für den Dealer war es das letzte Geschäft.

Ich laufe die außer Betrieb stehende Rolltreppe hinab durch das Tor von Omonia. Dumpf schallt von oben das Brummen des Verkehrs herunter. Einem am Fuße der Treppe liegendem Bettler werfe ich ein Münzstück zu, als hätte ich in ihm den Fährmann gesehen, der mich sicher auf die andere Seite des Styx geleiten soll. Die Unterführung ist jetzt leer. Die Sperrholzplatte, die eine  Glasscheibe ersetzen soll, lehnt an der Wand. In Kopfhöhe eine blutige Druckspur. Was mir jedoch eine Stunde zuvor durch die Menschenmassen entgangen war, prägt sich jetzt umso stärker ein: unmittelbar neben der zerstörten Glasvitrine leuchtet die Werbung einer Reisegesellschaft, die sich an Besucher aus aller Welt richtet: „You are Welcome!“

 

Reportage und Foto von Enrico Schierer

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