„Mein erstes Mal mit zwanzig“ – Die ersten Konzerteindrücke einer Studentin

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Hochsommer. Ein heißer Donnerstag Ende August. Es ist der 2. Tag des großen, jährlichen Gießener Kultursommers und das Eröffnungskonzert des Sommerfests. Viel wichtiger jedoch: Es ist das allererste Konzert meines Lebens. Mit meinen zu der Zeit 20 Jahren gehöre ich wohl eindeutig zu den Spätzündern, aber besser später als nie. Das Wichtigste ist ja, dass es etwas Besonderes ist, denn wie sagt man? Das erste Mal vergisst man nie.

Die vielen Eindrücke für jemanden, der alles zum ersten Mal erlebt, sind nur schwer in kurze Worte zu fassen. Überall sind vor Emotionen übersprudelnde junge Menschen zu sehen, die trotz Hitze eng aneinandergedrängt tanzen, hüpfen, sich in Richtung Bühne drängen und lautstark mit dem gutaussehenden Mann am Mikro mitsingen. Dort auf der Bühne steht der aufsteigende Sänger Wincent Weiss und singt mit melodischer Stimme und völlig in seine Musik vertieft für rund 3.700 begeisterte Zuhörer seinen Hit „An Wunder“. Die Stimmung steigt von Song zu Song. Die vielen Menschen um einen herum puschen sich gegenseitig und jeder versucht, so laut es geht mitzusingen. Der charismatische Sänger tut mit seiner offenen und authentischen Art das Übrige.

Der Abend beginnt jedoch schon viel früher. Zusammen mit meiner besten Freundin und mir warten bereits Stunden vorher mehrere junge Frauen und Mädchen sowie ein paar wenige Jungs und Männer verschiedenen Alters auf den allerersten Shuttlebus des Abends, der uns alle hoch zum Schiffenberg fahren wird. Alle sind aufgeregt, immer mehr Leute kommen zur Haltestelle und das Hauptgesprächsthema ist natürlich, wie sollte es anders sein, der Sänger des Abends und sein Konzert. Der Shuttlebus ist dann auch rappelvoll und ein wenig Mitleid kommt auf, da einige es gar nicht mehr in den Bus geschafft haben, der einfach zu klein für alle Wartenden ist. Sie werden den Nächsten nehmen müssen. Die Freude darüber, dass man selbst es aber, so eingeengt man da drin auch steht, geschafft hat, ist noch etwas größer als das Mitleid.

Danach heißt es natürlich erst einmal: Warten in der Hitze. Bei rund 30 Grad im Schatten ist das Stehen in der Sonne doch eine ziemliche Herausforderung. Die eine oder andere Wartende sieht man sich erschöpft hinknien, da anscheinend der Kreislauf ein wenig schlapp macht bei den hohen Temperaturen. Doch wir halten tapfer durch, wobei das Ticket als eher mangelhafter Fächer herhalten muss. Aber besser als nichts. (Aus heutiger und bereits ‚erfahrener‘ Sicht sind 30 Grad im Schatten allerdings besser als sechs Stunden bei maximalen windigen vier Grad in der immer wieder verschwindenden Sonne, die irgendwann nach Sonnenuntergang auf ein bis zwei Grad abkühlen. Aber das ist wieder eine andere Erfahrung.)

Nach all dem Warten standen wir dann da, in der vierten oder fünften Reihe, die Bühne problemlos direkt vor uns im Blick. Schließlich die Vorband. Ganz gut, aber alle warten eigentlich nur auf einen. Und als er die Bühne betritt, ist es mit der Zurückhaltung endgültig vorbei. „Ihr habt es wirklich schön hier in Gießen“, begrüßt er das Publikum. Die Gießener lachen. Dann werden die ersten Akkorde gespielt, die Show beginnt.
Man merkt deutlich: Wincent liebt die Interaktion mit seinem Publikum und das Publikum liebt ihn. Immer wieder singt er mit uns zusammen, erzählt uns Geschichten zu seinen Songs oder springt spontan mal von der Bühne, um durchs Publikum zu spazieren. Eine seiner Erzählungen wird auch durch ein laut in die Stille gerufenes „Ich will ein Kind von dir!“ unterbrochen, welches das Publikum zum Ausrasten bringt, erst recht, als der charmante Sänger frech mit „der Backstagebereich ist groß genug“, antwortet und dabei breit grinst.
Das jedoch unglaublichste Erlebnis des Abends ist es, wenn man bei seinem ersten Konzert, den Künstler, den man so unbedingt einmal live erleben wollte, nicht nur ein paar Reihen vor sich singen hört und sieht, sondern er dann sogar direkt an einem vorbei läuft und singend neben einem Halt macht, sodass man ihn berühren und lauthals neben ihm mitsingen kann. Wenn einem ein kurzer Moment vorkommt wie eine Ewigkeit, dann ist das ein ganz besonderes erstes Mal, das man nie vergisst.