“La guerre ce sont nos parents” – 85 Jahre nach der Bücherverbrennung erinnert die JLU sich

Das Thema Antisemitismus und das Andenken der Opfer des Zweiten Weltkriegs haben in den letzten Wochen einmal mehr Brisanz erhalten. Grund dafür ist unter anderem, die Verleihung des Echos an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang. Im Rahmen einer Lesung von Ernst Glaesers Werk „Jahrgang 1902“ wurde am Dienstag an der JLU an die Bücherverbrennung vor 85 Jahren gedacht.

 

Die Bücherverbrennung, die am 08. Mai 1933 in Gießen stattfand, ging der Deutschlandweiten um zwei Tage voraus und sei nur ein Akt vorauseilenden Gehorsams von Seiten der Gießener Universität gewesen, wie Eva-Marie Felschow zur Einführung in den Abend beschreibt. Andauernde Geldnot und die Angst vor einer möglichen Schließung seien Gründe gewesen, weshalb sich die Ludoviciana – so der Name der Justus-Liebig-Universität vor 1945 – dem Nationalsozialismus so stark annäherte.

Bereits zwei Jahre zuvor zeigte sich bei den Asta-Wahlen die Gesinnung der Studierenden. Bei 80% Wahlbeteiligung bekamen die Nationalsozialisten die Hälfte aller Stimmen. 1933 folgte dann die Bücherverbrennung. Dabei sei es mehr um Anbiederung als um die Bücherverbrennung selbst gegangen, berichtet Felschow: „Die Verbrennung spielte eine eher untergeordnete Rolle.“ Dennoch markierte sie, so Felschow, „Den Vollzug der Unterwerfung der Universität unter das NS-Regime.“

Während in Gießen hauptsächlich Zeitungen verbrannt wurden, fielen zwei Tage später im Rest Deutschlands vor allem Bücher den Flammen zum Opfer. Darunter Werke von Karl Marx, Erich Kaestner oder auch Ernst Glaesers Roman „Jahrgang 1902“.

Elf Personen des öffentlichen Lebens in Gießen lasen am Dienstagabend Ausschnitte aus Glaesers Buch vor. Darunter waren unter anderem Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, der Präsident der JLU, Joybrato Mukherjee und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gießen, Dow Aviv.

In „Jahrgang 1902“ wird aus der Ich-Perspektive des Protagonisten, Ernst, die Geschichte einer Generation erzählt, die zu jung ist den Krieg selbst an der Front miterlebt zu haben. Die Welt des jungen Erzählers wird von jener der Erwachsenen überschattet. Diese will der Erzähler erst kennenlernen, findet sie dann jedoch furchteinflößend.

„Was gingen mich die Erwachsenen an? Es war ihr Krieg und von dem hatte ich genug.“, klagt der Junge, als er nach der Kriegserklärung Österreichs an die Serben nach der Ermordung Franz-Ferdinands nicht mehr mit seinem französischen Freund, Gaston spielen darf. Gaston ist es dann auch, der die Hauptaussage von Glaesers Werk in einem Satz zusammenfasst: „La guerre, ce sont nos parents“ – Der Krieg, das sind unsere Eltern.

Lange wird die Welt der Erwachsenen vom Erzähler als Qual empfunden. Erst als Deutschland Frankreich den Krieg erklärt, scheint sich alles zum Besseren zu wenden. Plötzlich liegen sich selbst jene in den Armen, die zuvor noch mit einander gestritten hatten. Der Protagonist lässt sich vom Jubel mitreißen, muss jedoch bald erkennen, dass der Freudentaumel nicht für immer vorhalten wird.

„Jahrgang 1902“ ist Glaesers erster Roman und wurde 1928 sofort international zu einer literarischen Sensation. Dies mag daran gelegen haben, dass Glaeser in seinem Werk zwar die Erfahrungen eines einzelnen Protagonisten beschreibt, diese jedoch sicherlich zahlreiche Berührungspunkte mit den Erlebnissen vieler seiner Altersgenossen aufwiesen.

Glaeser selbst äußerst später sogar Verständnis dafür, dass sein Roman verbrannt wurde. Insgesamt ist die Figur Ernst Glaesers sehr widersprüchlich, wie Kirsten Prinz den Gästen in der Universitätsbibliothek vor Augen führt. „Nicht jeder ist ein Held“, fasst Prinz sie zusammen. Anfangs gilt Glaeser noch als linker Autor, doch seine Einstellung scheint sich im Verlauf der dreißiger Jahre zu wandeln. „Trotz der massiven Schikanen fühlt Glaeser sich Deutschland verbunden“, erklärt Prinz. Glaeser will möglichst lange im Land bleiben.

Als er 1933 schließlich doch widerwillig mit seiner Familie ins Exil geht, grenzt er sich von anderen emigrierten Schriftstellern ab. Er hält den Kontakt nach Deutschland und stimmt 1938 für den Anschluss Österreichs. Nach dem Krieg kann Glaeser nicht mehr an seine alten Erfolge anschließen. Dennoch ist „Jahrgang 1902“ ein solcher Erfolg, dass 2013 eine Neuauflage produziert wird. Zurecht – denn auch 85 Jahre nachdem Glaesers Werk unter dem NS-Regime verbrannt wurde, kann sein Roman dem Leser Hinweise geben, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass sich eine ganze Generation freudig in den Krieg stürzte.

 

Tatjana Döbert