Kompetenz vs. Polemik: Amerika wählt

Shandley

Der amerikanische Medienwissenschaftler erklärt den Studierenden die Wirren des Wahlkampfs

Ob klassische Medien oder social media: Kaum etwas polarisiert in den letzten Monaten so sehr wie der Wahlkampf in den USA. Welche Rolle vor allem die sozialen Medien dabei spielen, zeigte der Medienwissenschaftler Prof. Robert R. Shandley in seinem Vortrag „An der Presse vorbei“.

 Dabei stellt Shandley die Wahlkampfstrategien der Kontrahenten Hillary Clinton und Donald Trump gegenüber: Während Clinton meist klassisch im Fernsehen wirbt, macht Trump sich die sozialen Medien – vor allem Twitter –  zu Nutze. In den vergangenen Monaten veröffentlichte er dort nahezu täglich beleidigende Nachrichten um danach in verschiedenen TV-Sendern Interviews zu geben. So bestimmte er selbst den Diskurs über sich.

Trumps „Politic of Rage“

 Mit seinem beleidigenden und entsachlichten Wahlkampf hat Trump es geschafft die desillusionierten weißen Männer in den USA zu animieren. „Er hat nie einen Tag wirklich gearbeitet“, erklärt der Professor. Und doch hat er sich ein Image als Held der Arbeiterklasse geschaffen.

Trumps entpolitisierte und provozierende „politic of rage“ sei ähnlich auch bei der AFD in Deutschland zu finden, sagt Shandley.

„Nur eine Strategie war erfolgreich: politisch unkorrekt zu sein.“

Diese Strategie geht für Trump jedoch seit Kurzem nicht mehr auf. In den TV-Debatten ist politisches Fachwissen gefragt, welches er nicht liefern kann. Zudem bietet Hillary Clinton ihm dort keine Möglichkeit sie anzugreifen, da sie ihn nie direkt anspricht. Auf Twitter wiederum, provoziert sie ihn seit Kurzem. „Und er fällt jedes Mal drauf rein“, weiß Shandley zu berichten.

Auch wurde, so der Referent die Presse vor etwa einem Monat wach. Zwar habe es schon vorher detaillierte Berichte über beide Kandidaten gegeben, diese waren jedoch kaum auf Interesse gestoßen. Jetzt interessieren sich die Amerikaner jedoch für seine Missetaten, wie beispielsweise die Beleidigungen einer früheren „Miss Universe“.

„Er schießt nur noch Eigentore“, bilanziert Shandley. Jedes dieser Eigentore koste ihn Stimmen.

Der Einfluss der Medienblasen

shandley

“Die Amerikaner sind anders – und ihr Wahlsystem auch”, so Shandley.

Ob dies bei seiner Partei und seinen Wählern allerdings so ankommt, hält  der Professor für fraglich. Vor allem in den sozialen Medien konsumieren Menschen nur die Inhalte, die ihre eigene Meinung bestätigen. Bei Facebook werde dies durch zielgruppenorientierte Werbung noch unterstützt.

Hinzu kommen Umfragen, die nicht immer wissenschaftlich sind. Die Republikaner und die Demokraten stellen selbst Umfragen online, in denen dann Computerprogramme statt Menschen ihre Stimme abgeben. So denken beide Parteien stets, sie lägen in den Umfragen vorne und hätten das Volk auf ihrer Seite.

Keine neue Form des Wahlkampfs

Wenn auch die sozialen Medien in diesem Wahlkampf einen großen Einfluss haben, sind sie doch kein komplett neues Phänomen. Schon Barack Obama hat sie sich, so Shandley, zunutze gemacht. Auch der Antagonismus zwischen den beiden Kandidaten oder die Entsachlichung des Wahlkampfs seien nichts Neues.

Neu sei hingegen, dass es im Fall Trumps auch Ablehnung innerhalb der Partei gegen ihren Kandidaten gibt. Auch kam es in bisherigen Wahlkämpfen nicht vor, dass sich WikiLeaks und Länder, wie Russland, so stark einmischten.

 Ein Wahlerfolg für Trump?

 Obwohl er mit den sozialen Medien großen Erfolg hatte, hält der Referent einen Präsidenten Trump kaum für möglich. Zwar sei Hillary Clinton sehr unbeliebt und „ein stinknormaler Republikaner hätte leicht gewonnen“, wie Shandley findet. Auf Trump treffe dies jedoch nicht zu. Er wolle lediglich die Macht – die Politik und das Tagesgeschäft eines Präsidenten interessierten ihn jedoch weniger. Auch hat Trump in der eigenen Partei zahlreiche Gegner. Sein Freiraum als Präsident wäre dadurch stark eingeschränkt.

Hillary Clinton hat zudem eine große Wählerschaft hinter sich, die stets wählen geht: die „suburban housewives“. Also die – zumeist weiße – weibliche Bevölkerung in den Vorstädten. Trumps Zielgruppe gehe hingegen kaum zur Wahl. Entsprechend hänge sein Wahlerfolg davon ab, wie viele dieser Nichtwähler er mobilisieren könne, fügte Shandley an.

Ob sich seine Prognose bewahrheitet, wird sich in der Wahlnacht am kommenden Dienstag, 8. November, zeigen.

 

Artikel und Fotos von Tatjana Döbert

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