Kino auf Studentenart

Das Kinopolis am Berliner Platz ist erst vor drei Jahren entstanden – die Betreiber folgten damit einem allgemeinen Trend: Kinos werden immer größer, Kinokarten immer teurer. Dass es auch Alternativen zur cineastischen Gigantomanie gibt, beweist die »Flimmerkiste«, das Studentenkino der JLU. Ein Bericht von Friederike Piotrowski.

Was wäre Kino ohne etwas zu trinken und zu knabbern?

Was wäre Kino ohne etwas zu trinken und zu knabbern?

Donnerstagabend, 20.15 Uhr: Das Licht geht aus und die Gespräche werden zu vereinzeltem Flüstern und Lachen, als auf der Leinwand der Vorspann des Films beginnt. Einige Reihen weiter oben reißt jemand eine Chipstüte auf, etwas weiter unten ploppt der Kronkorken einer Bierflasche. Nach wenigen Minuten sind alle Augen auf die Leinwand gerichtet. Zwischendrin knarrt immer mal wieder eine Holzbank oder eine unter den Sitzen stehende Flasche fällt zu Boden – Zwischentöne, die daran erinnern, dass man hier nicht in einem »normalen Kino« ist. Denn heute Abend läuft »Der Hobbit« nicht im Kinocenter und auch nicht im neueröffneten Kinopolis am Berliner Platz, sondern im Hörsaal des Zeughauses direkt neben dem neuen Schloss in der Gießener Innenstadt – ganz ohne 3D und Kinosessel, dafür auf Holzbänken und mit viel Leidenschaft für Filme.

Zeitsprung: 19.15 Uhr des gleichen Tages: Anna Musial und Désirée Ogasa rücken Tische ins Foyer des Zeughauses. Darauf bauen sie Getränke und Snacks für die Kinobesucher auf und begrüßen die ersten eintrudelnden Studenten. Kommilitonen von Anna und Désirée stehen am Eingang zum Hörsaal und verkaufen die Kinokarten oder bauen drinnen die Technik auf. Zwei Euro kostet die Karte; einmal im Semester müssen sich die Studentenkino-Besucher außerdem einen Filmclub-Ausweis für 50 Cent kaufen. »Mit dem Geld, das über die Filmclub-Ausweise reinkommt, kaufen wir die Lizenzen für die Filme ein«, erklärt Désirée, während sie einer Kommilitonin eine Cola reicht. Anna und Désirée sind Teil des insgesamt neunköpfigen »Flimmerkiste«- Teams, das für andere Studenten jeden Donnerstag während des Semesters ehrenamtlich Filme im Zeughaus vorführt.

Die Filme sind meistens richtige Blockbuster

Die Filme sind meistens richtige Blockbuster

Im Foyer herrscht mittlerweile buntes Treiben: Immer mehr Studenten kommen, kaufen Karten und Getränke; die Stimmung ist ausgelassen. Langsam bewegt sich alles Richtung Hörsaal. Manche setzen sich zu Freunden, die schon da sind und Plätze frei gehalten haben. Es wird angestoßen, für viele Studis ist der donnerstägliche Besuch der »Flimmerkiste« Ritual. Kein Wunder, denn hier wird nicht nur einfach das gezeigt, was vor einem Jahr in den großen Kinos lief, stattdessen erwartet die Studenten übers Semester verteilt ein buntes Programm: Vom Blockbuster über den Filmklassiker bis hin zum Independent- und Arthousefilm sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. »Welche Filme wir zeigen, tüfteln wir vor Semesterbeginn im Team aus. Da kann jeder seine Favoriten vorschlagen und dann wird abgestimmt«, erzählt Anna, kurz bevor es losgeht. Problem sei nur, dass man für manche Filme einfach nicht die Lizenzen bekäme: »Ein ganz kritischer Fall ist da ‚Brügge sehen und sterben‘«, sagt Désirée lachend.

Schließlich haben alle ihre Sitze gefunden und vor Filmstart werden noch vier Karten für zwei Stücke im Stadttheater verlost – das Stadttheater ist einer von zahlreichen Partnern, die mit der »Flimmerkiste« kooperieren. Die Theaterkarten sind heiß begehrt, da wird mitgefiebert und die Enttäuschung bei Nichtgewinn lauthals kundgetan. Noch beliebter ist das von der »Flimmerkiste« verloste Frühstücksbrettchen mit Hobbit-Aufdruck. Der Film beginnt, die Stimmung bleibt. Da wird während des Films schon mal laut gelacht und kommentiert, auf etwas angestoßen, geflüstert oder ein Sachverhalt kurz diskutiert. Nach zweieinhalb Stunden macht sich aber auch bemerkbar, dass man hier nicht im Kinosessel, sondern auf Holzbänken im Hörsaal sitzt: da rückt der ein oder andere auf seinem Platz herum und klappt den Tisch vor sich aus, um sich mit den Ellenbogen abzustützen. Doch wer in die »Flimmerkiste« kommt, tut das wohl ohnehin nicht um des Komforts Willen – sondern um eine Atmosphäre zu erleben, die vielen Mulitplex-Kinopalästen mittlerweile abhanden gekommen ist.

 

Fotos: Christian Schmeink

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