Keine Hemmungen

Spielsituation

Wir testen für euch die skurillsten Sportarten, die der AHS in Gießen zu bieten hat. In dieser Woche durfte unsere Redakteurin Jennifer Meina am eigenen Leib erfahren, was es mit dem sogenannten Unterwasserrugby auf sich hat.

Ein wenig wie ein Neonfisch – mit ihren knallig gelben Flossen –  sieht Eva von oben aus. Galant schwebt die 22-jährige Studentin durch das Wasser. Sie ist nicht allein. Neben ihr, in etwa einem Meter Tiefe, befindet sich ein ganzer Schwarm solch farbenfroher Exemplare. Auch unter ihr sind schemenhaft diese Farbspiele zu erkennen. Einige sind blau, andere weiß. Genau zwölf befinden sich im Wasser. Still ist es. Die Szene hat etwas beruhigendes, fast wie das Beobachten eines Aquariums – zumindest für diesen kurzen Moment. Plötzlich wird es laut. Das Wasser platscht gegen den Beckenrand. Der Schwarm steigt hinauf an die Wasseroberfläche, kämpft miteinander. Überall Arme und Beine. Aus ihren Schnorcheln strömen Wasserfontänen, wie Wasserspiele springen sie wild umher. Dann tauchen sie wieder ab. Die Flossen sind einen kurzen Moment komplett aus dem Wasser gestreckt, dann sind sie verschwunden. Überall spritzt es. Der Schwarm taucht jetzt tiefer als zuvor. Kaum erkennbar wohin sie schwimmen – kaum erkennbar wo Eva gerade ist.

Unter die Oberfläche

Von der Wasseroberfläche des Springbeckens im Pohlheimer Hallenbad aus scheint jetzt alles chaotisch. Dass das ein Spiel ist, schwer vorstellbar. Doch das ist es – Unterwasserrugby nennt es sich. Teilnehmer sind Studenten und Ehemalige. „Kein zuschauerfreundlicher Sport“, wie Eva später lachend zugibt. Erst, wenn man tiefer geht – unter die Oberfläche, ausgerüstet mit Schnorchel, Flossen und einer Taucherbrille – wird alles klarer. Gerade greift das weiße Team an. Eva ist es, auf die gerade alle schauen. Sie hat einen roten Ball in der Hand. Er hat etwa die Größe eines Handballes und ist mit Salzwasser gefüllt. Außerhalb des Wassers wiegt er etwa drei Kilo, im Wasser ist er gerade noch schwer genug um zu sinken. Werfen kommt hier unten nicht in Frage – er muss gestoßen werden, um ihn zu seinem Mitspieler zu passen. Gute Unterwasserrugby-Spieler schaffen etwa zwei Meter.

  • Anpfiff
    Anpfiff
  • Passspiel
    Passspiel
  • Angriff
    Angriff

Gewusel

Ziel ist es den Ball in den Korb des Gegners zu stoßen. Die Körbe liegen jeweils am Kopf des 12,5 x 8 Meter großen Beckens. Sie ähneln Basketballkörben, sind jedoch um einiges schwerer, damit sie auch im vier Meter tiefen Becken stehen bleiben. Klingt simpel. Auch Eva ist bereits beinahe am Korb des blauen Teams angekommen. Plötzlich greift einer ihrer männlichen Gegenspieler um sie herum, mit dem linken Arm hält er sie umschlugen, der Rechte versucht, den roten Ball wegzuschlagen. Blaue Flecken sind hier keine Seltenheit, ab und zu gibt es auch mal eine blutende Nase. Auch einen Flossenschlag bekommt man im Gewusel öfter ab.

„Vor allem am Hals brennt das wahnsinnig“, beschreibt es Eva. Darüber, dass noch nichts Ernsthaftes passiert ist, wundert sich die blonde Frau. Die blauen Flecke am nächsten Tag merkt sie meistens kaum noch. Den Muskelkater in den Armen vom Kämpfen schon eher. Genauso wie die Hautabschürfungen am Oberarm, dort, wo sie den roten Ball eingeklemmt hat, um ihn vor den Händen der anderen zu schützen. Sie ziehen weiter daran. „Das zwirbelt enorm“. Eva windet sich, versucht sich aus dem Klammergriff zu lösen. Einer ihrer Mitspieler schwimmt zu ihr, genauso wie ein weiterer Gegner. Bereits seit über einer Minute ist keiner von ihnen mehr aufgetaucht – langsam wird die Luft knapp.

Luftanhalten

„Shit“, denkt Eva oft in diesen Momenten. Es nervt sie noch nicht so lange die Luft anhalten zu können, wie die anderen, die schon länger dabei sind. In einer ruhigen Situation schafft sie, die erst seit einem halben Jahr Unterwasser-Rugby spielt, bereits stolze zweieinhalb Minuten ohne Luftholen. Jetzt sind ihre Muskeln angespannt, sie verbrauchen viel Sauerstoff. Sie schafft es den Ball zu einem Team-Kollegen zu stoßen – der Druck der Umklammerung lässt nach, sie kann an die Oberfläche schwimmen. Nur diejenigen die den Ball haben, dürfen angefasst werden und auch nur sie dürfen andere anfassen um einen Korb zu machen. Dann aber überall – außer an die Ausrüstung. Hemmungen, so berichtet das Team nach dem Training, hat hier keiner – sie hätten hier auch keinen Platz. Birgit, eine der erfahreneren Spielerinnen, fasst es einfach zusammen: „Überall sind Arme, Beine, Körper – man achtet einfach nicht darauf während man sich dreht und um den Ball kämpft.“ Zum Schutz tragen die Männer Suspensorien, Frauen zwei Badeanzüge übereinander, manchmal auch ein Schwimm-T-Shirt. Dass der Frauenanteil etwa so groß ist, wie der männliche, ist ungewöhnlich. Dass macht das Team aber nicht schwach. „Natürlich haben Männer mehr Kraft und können den Torwart besser aushebeln“, sagt Eva. „Aber es kommt auch auf die Taktik an und darauf, wie schnell man ist, wie flink man sich auch wenden kann.“ Um sich auf die Taktik zu konzentrieren, muss man aber zunächst das Atmen beherrschen und Ausdauer haben.

Eva ist mittlerweile wieder unten angekommen. Inzwischen hat der Gegner den Ball zurück erkämpft und schwimmt unaufhörlich dem Korb entgegen – zu dem Korb, den Eva eigentlich verteidigen soll. Sie ist schnell. Schafft es noch rechtzeitig ihre Position einzunehmen. Sie legt sich auf den Korb, verschließt mit ihrem Körper so die Öffnung. Anfassen darf sie das Stahlgerüst nicht. Überall sind Hände und Flossen und irgendwie landet der Ball im Korb. Der Spielzug ist beendet. Alle tauchen auf, schwimmen zu ihren jeweiligen Seiten. „Sorry für die Abwehr“, kommt es von links. „Kein Ding“, scheint Eva durch ein Nicken zu signalisieren. Erstmal muss sie sich wieder aufs Atmen konzentrieren – ruhig, bloß nicht zu hastig. Die Anstrengungen sind allen anzumerken – der Spaß aber auch. Einer gibt das Signal, taucht mit dem roten Ball dem Korb des Gegners entgegen. Die Neonfische greifen wieder an.

Eine Reportage von Jennifer Meina

 

Servicetext:

Ihr habt Interesse? Dann schaut doch einfach mal vorbei UWRugbeesMittelhessen

Standort: Hallenbad Pohlheim

Preis: Eintritt für das Hallenbad: 4,20 €

Kurszeiten: Anfänger und Fortgeschrittene: Mi: 20:00-21:00, Sa: 13:00-14:00

Ausrüstung: Schnorchel, Flossen und Brille (können ausgeliehen werden)

Bikinis auf eigene Gefahr!

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