Keeping it real – Stimmen aus der Praxis mit Marc Lepetit

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„Historisch-authentische Filme zu erschaffen, das ist die Kunst, das ist das Qualitätsmerkmal“, so Marc Lepetit, ausführender Produzent bei UFA-Fiction.  Am 07.Juni lud die Fachjournalistik Geschichte im Rahmen der „Stimmen aus der Praxis“ zu einem spannenden Einblick in die Produktion von Fernsehprojekten ein.

An diesem Abend sollte es um Authentizität von historischen Filmen gehen und gezeigt werden, wie viel Detailarbeit es erfordert, zum Beispiel die Filmreihe „Ku`damm 56 & 59“, welche 2016 und 2018 im ZDF ausgestrahlt wurde, historisch korrekt und rund zu gestalten. Dies gelang unter anderem durch Mitwirken von Marc Lepetit. Er studierte an der Filmakademie in Ludwigsburg und arbeitete nach Abschluss des Studiums – mittlerweile  seit 15 Jahren als Produktionsleiter bei UFA Fiction.

Seine „Babys“ sind unter Anderem Ku`damm 56 und 59, die er zusammen mit der Drehbuchautorin Annette Hess umsetzte. Nach Lepetits Aussage wollte Hess eine neue Geschichte erzählen, die es so im deutschen Fernsehen noch nicht gab und ließ sich dabei von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren.

Im Zentrum der Filme stehen die starken Frauen der Familie Schöllack, die im Berlin der 50er Jahre in Konflikt mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen geraten. Die Filmreihe soll den Zuschauern so eine ganz neue Sicht auf die damaligen Strukturen innerhalb einer deutschen Familie und in der Gesellschaft ermöglichen.

Thema des Gesprächs mit Lepetit waren immer wieder Herausforderungen, denen das Team vor Ort in Berlin ausgesetzt war: Wie schafft man es beispielsweise, die späten 50er Jahre ein halbes Jahrhundert später in Zeiten von Flugzeugen und verbauten oder restaurierten Städtefassaden wieder lebendig werden zu lassen? Diese Probleme waren nur mit guter Recherche, viel Detailarbeit und teilweise durch Eigenbau von Sets zu lösen. „Man geht jedes Detail durch, von der Umsetzung der Tanzschule, bis hin zur Suche nach einer geeigneten vierspurigen Straße, die den Ku`damm nachstellen sollte. Jedes kleinste Detail muss stimmen, denn nur so schafft man es, die Zuschauer vor den Bildschirmen zu begeistern und in seinen Bann zu ziehen.“, so Lepetit. Die Beschaffung von Materialien für die Requisite war organisatorisch umfangreich, da Einrichtungsgegenstände aus Beständen in aller Welt beschafft werden mussten.

Hinzu kommt, dass die Abwägung zwischen historischer Korrektheit und den Gegebenheiten einer Filmproduktion nicht immer einfach seie, denn es gäbe immer aufmerksame Zuschauer, die auf solche vermeintlichen Kleinigkeiten genau Acht geben würden. In manchen Fällen entscheide sich die Produktionsfirma aber dennoch für eine kleine Abweichung zur historischer Korrektheit. Lepetit ging hier auf die Musik ein, welche in den Filmen eine große Rolle spielt. Er sagte: „Und wenn das Lied dann erst zwei Jahre später erschienen ist, es für uns aber praktischer ist, das zu nehmen, dann machen wir das halt und nehmen die kleine Ungenauigkeit in Kauf.“

Auf den Bereich der sozialen Interaktion wurde besonderer Wert gelegt.  So wurde den Schauspielern unter Anderem Benimmunterricht verordnet, um Mimik, Gestik und generelles Verhalten so authentisch wie möglich zu machen. Die Anpassung an Kleidung und Umgangsformen, besonders aber die Geschlechterrollen der 50er Jahre habe den Schauspielern einiges abverlangt. Lepetit plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen und berichtete dabei von einigen witzigen Situationen am Set. So hätten die Schauspieler sich beispielsweise gegenseitig verbessert, wenn eine Tasse falsch gehalten, oder eine unpassende Körperhaltung eingenommen wurde. Dass das antrainierte Verhalten für die Darstellung der Figuren von Manchen auch in den Drehpausen übernommen wurde habe darüber hinaus stellenweise zu Spannungen am Set geführt.

Doch nicht nur eingehende Recherche, auch technische Nacharbeiten ließen die Filme zu einem Erlebnis werden. Lepetit zeigte ein kurzes Video, in dem sichtbar wurde, wie technische Mittel aushalfen, wo gute Recherche allein nicht ausreichte. Bei der Erstellung von Häuserfassaden, Lichtanzeigen, Straßen, Stadthintergründen und Ähnlichem wurden 3D-Modelle hinzugezogen, um den Eindruck eines lebendigen 50er Jahre-Berlins entstehen zu lassen. Die Vorführung dieser Effekte machten großen Eindruck auf die Zuhörer. Im Anschluss an das Video entwickelte sich eine anregende Diskussion über technische Möglichkeiten, einen Film visuell zu gestalten.

Lepetits Vortrag und das Gespräch mit ihm gaben einen tiefen und an mancher Stelle möglicherweise desillusionierenden Blick auf Produktion und Hintergründe eines Films in historischem Setting. Lepetits „Stimme aus der Praxis“ dürfte nachhaltigen Einfluss darauf ausgeübt haben, wie die Anwesenden in Zukunft entsprechende Filme und Serien schauen und bewerten.

Maren Marohn