Journalistisches Arbeiten rund um den Bundestag

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Eine Gruppe von Studenten/-innen steht am Bahnhof und diskutiert über die Parteien des aktuellen deutschen Politikspektrums. So weit, so gewöhnlich. Die 17 Studierenden (die Meisten von Ihnen aus der Fachjournalistik Geschichte) sind allerdings auf dem Weg nach Berlin, um dort Pressesprecher und -referenten der momentan im Bundestag vertretenen Parteien zu treffen und einen Eindruck von den Abläufen und Eigenheiten der politischen Berichterstattung zu erhalten.

Zwei Mal jährlich veranstaltet das Referat für Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages entsprechende Workshops, auf die sich Journalistenschulen und ähnliche Institutionen bewerben können.

Als Vorbereitung für die Exkursion vom 21.-23.Februar diente eine, von Frau Dr. Kemper geleitete, Übung die in diesem Semester zweiwöchentlich stattfand. In dieser Übung setzten sich die Studierenden mit dem Verhältnis von Politik, Medien und Öffentlichkeit auseinander und hatten die Möglichkeit, sich auf die Gespräche mit den Pressesprechern  der Parteien und deren jeweilige Programme vorzubereiten, die in Kleingruppen stattfinden sollten.

Da diese Gespräche die Form eines Interviews haben sollten, lag ein großer Fokus der Übung auf der Entwicklung von Interviewleitfäden und -strategien. Hierzu zählte auch das Durchführen von Probeinterviews. Im Seminar wurde schnell deutlich, dass es in einem Interview mit einer sowohl in politischen, als auch journalistischen Belangen geschulten Person eine besondere Herausforderung darstellen würde, Art und Inhalte des Gesprächs selbst zu bestimmen. Erschwerend kam die Tatsache hinzu, dass bis zuletzt nicht einzuschätzen war, ob die Vertreter der Parteien sich auf ein durch die Studierenden geleitetes Interview einlassen würden, oder eher eine Art Vortrag vorbereitet haben würden.

In der Durchführung der Interviews mussten die Studierenden schnell feststellen, dass die erarbeiteten Interviewleitfäden nicht eins zu eins umgesetzt werden konnten. Die Gespräche entwickelten sich in unvorhergesehene Richtungen und Fragen, die ursprünglich für einen späteren Zeitpunkt angedacht waren, mussten teilweise vorgezogen werden oder entfielen. Als besonders wertvoll empfanden viele der Studierenden den Wechsel des Gesprächspartners, der nach etwa einer Stunde vollzogen wurde. Da im Vorfeld nicht bekannt war, wie sich die Gruppen im zweiten Durchlauf verteilen würden war es nicht möglich für dieses zweite Gespräch einen eigenen Leitfaden zu erstellen. Zwar konnten teilweise Fragen aus dem ersten Interview wieder aufgegriffen werden, doch insgesamt lief das zweite Interview in den meisten Fällen ungezwungener ab.

An dieser Stelle wurde auch deutlich, welchen Einfluss Persönlichkeit und Auftreten des Interviewten auf ein solches Gespräch haben können. So kam es beispielsweise zu der Situation, dass eine Gruppe im ersten Gespräch einen jungen Pressereferenten im Anzug interviewte, der sich sehr auf ihre Fragen einließ, während im Zweiten Gespräch der Pressesprecher mit weit aufgeknöpftem Hemd des Öfteren deutlich unterbrochen werden musste, damit Zwischenfragen gestellt werden konnten.

Mit Ausnahme eines Parteivertreters, der schlichtweg zum vereinbarten Termin nicht erschien und auch nicht zu erreichen war, nahmen jedoch alle die Fragen der Studierenden ernst und begrüßten ihr Interesse und ihre Anwesenheit.

Über diese Gespräche, die in der Vorbereitung einen Schwerpunkt dargestellt hatten, hinaus gab es mehrfach die Möglichkeit zum Gespräch mit Abgeordneten, wie etwa dem Stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der AfD, Leif-Erik Holm oder dem Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Hans-Peter Friedrich. In diesen Gesprächen, die auch die Gelegenheit zur Diskussion boten, zeigte sich sehr deutlich, teilweise auch in starkem Kontrast zu den sie begleitenden Mitarbeitern, die Professionalität dieser Berufspolitiker in Bezug auf den Gebrauch von Sprache und Ausdruck.

Die räumliche Verteilung der verschiedenen Programmpunkte (neben den Gesprächen mit den verschiedenen Parteivertretern unter Anderem ein Besuch der Kuppel des Reichstagsgebäudes und eine Führung durch das Studio des Parlamentsfernsehens)  sorgte dafür, dass die Gruppe einige Kilometer im Reichstagsgebäude und dem Paul-Löbe-Haus (Abgeordnetenhaus des Deutschen Bundestages) zurücklegte. In der Ausstellung des Deutschen Doms zur Demokratie gab es für die Gruppe zudem die Möglichkeit zur Simulation einer Plenarsitzung in Form eines Planspiels. Nach der Aufteilung auf verschiedene Parteien wurde ein Gesetzesentwurf beraten und in einer verkleinerten Nachbildung des Plenarsaals zur Debatte gestellt.Der Besuch einer echten Plenarsitzung stellte für alle Teilnehmer einen besonderen Höhepunkt der dreitägigen Exkursion dar. Selbst auf der Besuchertribüne entstand der Eindruck, dass im Plenarsaal eine besondere Atmosphäre herrsche und die für die Betreuung der Gruppe zuständigen Mitarbeiter brachten zum Ausdruck, dass sich dieses Gefühl auch nach Jahren der Arbeit im Bundestag nicht lege.

Manchem Teilnehmer wurden durch die Exkursion neue berufliche Perspektiven eröffnet, für Andere stellten die Interviews mit den Politikern eine willkommene Übung zum Führen von Gesprächen dar. In jedem Fall lieferte das Erlebte für die Rückfahrt nach Gießen und darüber hinaus viel Gesprächsstoff. Die Exkursion und das zugehörige Seminar bewerteten die Teilnehmer im Abschlussgespräch sehr positiv und den Blick auf das Zusammenspiel von Politik und Journalismus empfanden alle Beteiligten als ausgesprochen bereichernd. Studierende der Universität Gießen werden in nächster Zeit allerdings nicht mehr in den Genuss eines solchen Workshops kommen, da die pro Institution lediglich alle drei Jahre eine Bewerbung entgegengenommen wird.

 

Jonas Feike

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