Jan Peter

IMG_0216100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges drehten die ehemaligen Kriegsgegner Groß-Britannien, Frankreich, Russland und Deutschland einen Film über die “Ur – Katastrophe” des 20. Jahrhunderts.
“14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs” war und ist noch immer die erste gesamteuropäische Kooperation – der Regisseur, ein Deutscher. Eine Herkulesaufgabe? UNIversum fragt nach.


Jan Peter wurde 1968 in Merseburg an der Saale geboren. Seit 1992 war er an zahlreichen TV-, Kino- und Dokumentarfilmen, sowie Doku-Fiktionen beteiligt und bereiste im Zuge der Dreharbeiten mehr als 60 Länder. Mit 14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs gelang ihm 2014 der endgültige Durchbruch als Regisseur.

Die achtteilige Doku-Reihe behandelt die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs anhand der Erzählung von 14 Personenschicksalen. Mittlerweile wurde die am 29. April in Deutschland und Frankreich erstausgestrahlte Serie in Dutzenden europäischer Länder gezeigt und lockte Millionen von Menschen weltweit vor den Fernseher.


UNIversum: Herr Peter, mit ihrer Serie feierten Sie einen weltweiten Erfolg. Inwieweit aber entsprechen die Darstellungen in „14 ‑ Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ der Wahrheit?

Peter: Alle Geschichten folgen den Tagebüchern: Wenn sie morden, sich bekriegen, einen Schuss durchs Bein bekommen, sich verlieben, sterben – das sind alles Dinge, die wirklich passierten. Unsere Arbeit lag einzig in der Eskalation, Zuspitzung und Verdichtung dieser Tatsachen. Wenn im wirklichen Leben 20 Leute in einem Raum sitzen, ist es im fiktionalen nur noch einer. Was im Tagebuch nur ein Satz war (z.B. „Ich wünschte, er hätte mich geküsst“), nimmt im Film den Platz einer kompletten Szene ein. Ohne diese Veränderungen könnte sich der Zuschauer weder konzentrieren noch die Geschichte der Personen erkennen.

UNIversum: Wir haben recherchiert, dass mehr als 1000 Tagebücher, Briefe, Dokumente gelesen wurden. Nach welchen Kriterien wurde ausgesucht, welche Personen in die Serie kommen?

Peter: Die Sichtung war ziemlich anstrengend. Über 4 Jahre haben drei HistorikerInnen alles gelesen. Das Problem: Normale Menschen schreiben keine interessanten Sachen. Und selbst Soldaten erschöpfen sich meist in ‘Es gab wieder schlechtes Essen und jetzt ist auch noch der Franz tot‘. Politiker und Generäle können zwar gut schreiben – schreiben aber nicht die Wahrheit, weil sie sich des Quellencharakters ihrer Aussagen bewusst sind. Die wenigen zu finden, die gut schreiben können aber nicht für die Nachwelt schreiben, das ist schwerer als man denkt. Zudem mussten bestimmte Länder und Entwicklungen repräsentiert werden. Klar, Soldaten musste es geben, aber die Hälfte der Hauptpersonen sollte auch weiblich sein. Dazu mussten auch allgemeine Eigenschaften des Krieges, wie Gasangriff, Verwundung, Liebe oder Sexualität auftauchen.

                                                 (c) LOOKS Tobias Fritzsche/Sevérine Goupil

UNIversum: Was ist die Besonderheit ihres Projekts abseits der technischen Aspekte?

Peter: Dass die Feinde des Ersten Weltkrieges zusammen einen Film machen. ARTE hat das vor 5 Jahren schon einmal versucht mit einem Projekt über Napoleon. Klingt viel harmloser – aber damals konnte man sich nicht einigen. Deutschland und Frankreich haben Napoleon so unterschiedlich gesehen, dass sie daraus zwei Filme gemacht haben. Diese Kooperation, die verschiedenen Standpunkte – es gibt nicht DIE eine Wahrheit – das Durchbrechen dieser emotionalen Debatte – das war Besonders.

UNIversum: Bereits vor „14-Tagebücher“ haben Sie historische Thematiken für sich entdeckt. Woher stammt ihr Interesse an Geschichte und was macht es so reizvoll sie zu verfilmen?

Peter: Dafür gibt es wohl mehrere Gründe. Ich bin in Merseburg aufgewachsen, einer der größten Industriestädte der DDR. Den einzigen Lichtblick darin stellte für mich ein mittelalterliches Schloss aus dem 9. Jahrhundert dar. Als Kind stellte ich mir dort immer vor in die Zeit der Ritter und Burgen zu entfliehen und die Geschichte live zu erleben. In Bezug auf die Verfilmung eignet sich die Aufbereitung historischer Inhalte einfach perfekt. Man muss sich nichts ausdenken, denn es ist schon da: Jede Verrücktheit – alles ist schon passiert – das fasziniert mich.

UNIversum: Nun sind Sie ein gefeierter Regisseur. Die Serie ist weltweit bekannt. Wie wäre es da demnächst mit einem Kinofilm?

Peter: Beim Kino gibt es viel zu viele Filme und viel zu wenig Zuschauer. Außerdem ist die Kinolandschaft in Deutschland unter den drei großen Herren aufgeteilt – Schweighöfer, M‘Barek und Schweiger. Mir stellt sich die Frage ‘Würde es mir Spaß machen, dass nur 15.000 meinen Film sehen?‘ – die Serie haben 30 Millionen gesehen. Ich nutze jetzt einfach die Chance und das zweite Goldene Zeitalter des Fernsehens.

UNIversum: Das klingt als hätten Sie bereits neue Projekte geplant.

Peter: Ja, das neue Projekt soll „Krieg der Träume“ heißen. Davon soll es dann mehrere Staffeln geben. Themen werden die 1920er und 30er Jahre sein. Zwar gibt es keine Schlachten, aber es war eine Zeit des Kriegs zwischen Ideen – also zwischen Kommunismus, Nationalsozialismus, Faschismus und Demokratie und es soll die Frage beantwortet werden: ‘Warum hat die Demokratie verloren?‘

UNIversum: Dann wünschen wir Ihnen auch für diese neue Idee ganz viel Erfolg und bedanken uns hiermit herzlich für das gute Gespräch.

Sie wollen noch mehr über die Serie „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ und seinen Regisseur erfahren, dann lesen Sie doch auch Kondome als Kriegswaffe.

Das Interview führten Jennifer Meina und Marie Kathrien Sohns

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