„Ja, Andrei Iwanowitsch“ – Film über ein Leben im Kinocenter Gießen

„Sind die Plätze da in der Mitte noch frei? Und der da vorne?“ Der Mitarbeiter des Kinocenter Gießen hat alle Hände voll zu tun. Bis auf den letzten der 92 Plätze ist der Kinosaal „Manhattan“ mit Zuschauern besetzt. Eine bunte Mischung aus Studierenden und Lehrenden der JLU sowie älteren und jungen Gießener Bürgern warten um 19:30 Uhr gespannt das Abdimmen der Lichter im Kinosaal ab.

Die Lehrstühle der Fachjournalistik Geschichte und der Osteuropäischen Geschichte hatten für den 25. Juni 2018 zur Filmvorführung mit anschließendem Zeitzeugengespräch geladen. Während der rund 70 Minuten lernten die Zuschauer einen lebensfrohen und aufgeschlossenen 92-jährigen Andrei Iwanowitsch kennen. Über zwei Jahre lang begleitete der Regisseur Hannes Forlock den Minsker Iwanowitsch, nachdem er ihn in einer Geschichtswerkstatt in der belarussischen Hauptstadt kennen gelernt hatte.

So können die Zuschauer Iwanowitsch durch seinen Alltag begleiten und Stück für Stück Einblicke in seine bewegte Vergangenheit, aber auch seine Perspektive auf die Gegenwart erfahren. Als der Älteste seiner Geschwister muss er nach dem Tod der Eltern im zweiten Weltkrieg bereits als 14-jähriger Verantwortung übernehmen und wird durch Zufall zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Zunächst in Leipzig und dann im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar erlebte Iwanowitsch die Schrecken des Nationalsozialismus. Nach der Befreiung des Lagers kehrte er trotz anderer Möglichkeiten, die er Seitens der Befreier, also der Amerikaner angeboten bekommen hat zurück nach Weissrussland, nur um umgehend in die Armee eingezogen zu werden. Unter stalinistischer Herrschaft und auch danach galt die Doktrin der Verleumdung sämtlicher Kriegsgefangener, sodass er beschloss seine Vergangenheit zu verschweigen, um Konsequenzen im Berufsleben vorzubeugen. Erst vor 15 Jahren brach er sein Schweigen.

Wer nun einen Film über einen gebrochenen Mann erwartet, liegt falsch. Trotz seiner schwierigen Vergangenheit, zu der auch der alkoholbedingte Tod seiner geliebten Frau und seines Sohns gehören, hadert Andrei Iwanowitsch nicht mit dem Leben. Im Gegenteil: noch in hohem Alter engagiert sich der ehemalige Ingenieur in Vereinen und Komitees und lernt jeden Tag Deutsch, um seinen Geist aktiv zu halten und um sich bei seinen Besuchen in Deutschland verständigen zu können.

Ohne Groll oder Hass begegnet er dabei den Deutschen. Am 70. Jahrestag der Befreiung Buchenwalds reist er zum wiederholten Mal zum Festakt nach Weimar und trifft dort neben anderen ehemaligen Häftlingen auch den damaligen Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, dem er verspricht zum 75. Jubiläum erneut anzureisen. Beeindruckt Iwanowitsch bei dieser Reise zurück in die Vergangenheit besonders durch seine offene Art mit dem Geschehen umzugehen, so sind es aber auch die alltäglichen Szenen in seiner Datscha, die Eindruck beim Zuschauer hinterlassen. Ob während des Imkerns oder dem  Umpflügen seines Gemüsebeets, die Agilität und der Lebensmut des hochbetagten Mannes verwundert.

Während der Abspann von Applaus begleitet wird, steht der 92-jährige Protagonist des Films lächelnd und auch ein bisschen stolz neben dem Regisseur vor der Leinwand. Auch zu fortgeschrittener Stunde ist Iwanowitsch gespannt darauf sämtliche Fragen zum Film und zu seinem Leben zu beantworten. Von den Socken bis zur knallgelben Jacke habe er übrigens alles aus der Kleiderkammer in Buchenwald, die ihn sehr unterstütze, lässt er grinsend von Hannes Farlock aus dem Russischen übersetzen. Und teils mit gehörigem Schalk aber auch mit erregter Stimme beantwortet er über eine Stunde lang alle Wortmeldungen.

Iwanowitschs Gedanken über das Leben, dass jeder Tag aufs Neue Wert zu leben sei, beeindrucken, sodass der Titel „Ja, Andrei Iwanowitsch“ dabei voll zutrifft. Kann der Titel im Deutschen als bejahendes Statement und Ermutigung gelesen werden, bedeutet die russische Variante des „Ja“ (russ: Я) das Wort „Ich“ und steht somit für den selbstbewussten Ausspruch „Ich, Andrei Iwanowitsch“.

Mehr Informationen zum Film gibt es hier.

 

Henrik Drechsler