Im Land der begrenzten Möglichkeiten

Drei Monate war unsere Redakteurin Kim in der Hauptstadt von Vodka und Fellmützen. In direkter Nachbarschaft mit dem Kreml schrieb sie Artikel über Putin und fotografierte Studenten, die gegen den autoritären Staat auf die Straße gingen.

Grimmig sieht mich der russische Grenzbeamte an. Ich habe ihm gerade mit einem Lächeln meinen Reisepass über den kalten Marmortresen gereicht. Meine Hochstimmung scheint der Staatsdiener nicht zu teilen und ich lerne gleich meine erste Lektion: Russen lächeln selten, ob das an dem niedrigen Einkommen im größten Land der Welt liegt oder ob sie es einfach für eine Verschwendung von Energie halten ihre Mundwinkel zu bewegen, kann mir auch keiner, der in Russland lebenden sagen. Nach zehnminütiger Prüfung, in der der grün gekleidete Polizist meinen Pass mehrmals hin und her gewendet hat, darf ich gehen.

 

Hinter dem Drehkreuz wartet ein Land, in dem politische Gegenspieler Putins verhaftet werden, in dem Pressefreiheit nur anonym oder unter dem Schutz einzelner Mächtiger ausgeübt werden kann. Ich werde in den kommenden drei Monaten für die Moskauer-Deutsche Zeitung arbeiten. Geleitet wird sie vom internationalen Verband der deutschen Kultur. Weil kritische Medien, im Gegenteil zu staatstreuen Publikationsorganen, keine staatliche Förderung erhalten, müssen sie sich mit Werbeeinnahmen und Sponsoren über Wasser halten. Das sorgt dafür, dass weniger Journalisten eingestellt werden und z.B. Zeitungen seltener erscheinen, die dann wiederum auch seltener berichten können. Staatssender wie Rossija 1 werden bewusst eingesetzt und erhalten nicht nur finanzielle Unterstützung, sie haben auch bei jeder medienrelevanten Veranstaltung ein Vorrecht in der Berichterstattung. Bei Großereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft schlägt das Sprachrohr des Kremls seine Zelte direkt vor dem Roten Platz auf, während kritische Journalisten sich Monate vorher anmelden müssen, nur um dann abgewiesen zu werden.

Mit Plakaten gegen Schlagstöcke

Die restriktive Politik Putins macht sich nicht nur in der Presse bemerkbar. Die jüngeren Russen fühlen sich von ihrer Regierung bevormundet. “Wir haben manipulierte Wahlen und das korrupte System satt,” erklärt Evgeny. Er ist einer von Tausenden, die sich Anfang Mai im Zentrum Moskaus versammelt haben, um gegen Putin zu demonstrieren. Aufgerufen zu dem Protest hatte Oppositionsführer Alexej Nawalny. Der Kreml- Kritiker bringt frischen Wind in die eingerostete Protestkultur. “So viele Demonstrationen wie in diesem Jahr hatten wir noch nie,” da sind sich Evgeny und seine Freunde sicher. Obwohl die Demonstrationen in Moskau alles andere als harmlos sind, lassen sich die Kritiker Putins nicht einschüchtern. Mit Wasserwerfern und Schlagstöcken gehen die Polizeibeamten auf die friedlichen Demonstranten los, jeder wird brutal niedergeknüppelt. Nicht selten werden auch Journalisten in dutzende, bereitstehende Polizeibusse gesperrt. “Du bist doch einer von uns, warum schlägst du uns, warum stellst du dich gegen uns”, brüllt Evgeny einem Polizisten entgegen. Die Beamten lassen solche Einwände kalt, sie reagieren, funktionieren, schlagen drauf. “Ihr seid nur Dreck”, antwortet der Uniformierte und lächelt verächtlich. Die meisten Polizisten sind in Russland keine Freunde und Helfer und anstatt patriotischer Parolen wollen viele junge Russen lieber ein offenes Land, freie Wahlen, visumfreie Reisen und eine bessere Infrastruktur. Die Fußballweltmeisterschaft hat allen, die sich ein freieres Russland wünschen, einen Vorgeschmack gegeben, wie es sein könnte, würde Russland die restriktiven Visumsgesetzte lockern.

 

Wandel auf Zeit

Gleich neben dem Kreml auf der Nikolskaya Straße wird die Utopie eines internationalen Russlands kurz zur Realität. Alle Nationen feiern gemeinsam das Sportevent des Jahres und lernen dabei die russische Kultur kennen. Und die hat einiges zu bieten: Vergoldete Kuppeldächer und das größte Einkaufszentrum der Sowjetunion, direkt am Roten Platz. Sechs größere und unzählige kleine ethnische Gruppen, Anhänger des Islams, des Buddhismus, des Christentums, des Hinduismus und des Judentums, sie alle leben in Russland.

“Genau das brauchen wir, weniger strenge Visa Bestimmungen, sodass Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen wollen, wir haben Touristen so viel zu bieten,“ ruft Evgeny euphorisch, als ihm auf der Partymeile ein Peruaner einen Sombrero aufsetzt.

Nach drei Monaten stehe ich wieder vor dem grimmigen Grenzkontrolleur. An den ernsten Gesichtsausdruck habe ich mich gewöhnt, an den autokratisch regierten Staat allerdings nicht. Und während mein Flugzeug vom Boden abhebt, kündigt Nawalny erneute Proteste an. Er wird es nicht einmal bis zur Kundgebung schaffen, noch auf seiner Türschwelle wird der politische Aktivist verhaftet werden.

Kim Hornickel