Halt durch, Digger – Selbstversuch Skaten

image_pdfimage_print

13514304_1310004349028088_1179056869_nSkateboarding ist bekanntlich kein Sport für Weicheier. Das darf ich am eigenen Leib erfahren, als ich mich einen Tag unter Skater mische.

Der Skatepark ist knapp einen Kilometer weit weg. Eine ziemlich lange Strecke für Jemanden, der in seinem Leben bisher nur wenige kurze Male auf einem Skateboard stand – So jemanden wie mich zum Beispiel. „Du musst dich mehr pushen!“, ruft mir mein Kumpel aus der Ferne zu. Ich bin langsam und konzentriere mich hauptsächlich darauf die Balance zu halten. Bloß nicht fallen, heißt die Devise. Der Fahrtwind lässt meine  Augen Tränen und ich habe Probleme mich zusätzlich auch noch auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Immer wieder steigt mein Kumpel von seinem Board und wartet auf mich, läuft neben mir her und gibt mir Tipps. „Stell deinen Fuß nicht soweit nach vorn!”

Als wir den Skatepark endlich erreichen, bin ich schon ganz fertig. Ich schaue mich um und weiß nicht wo ich Anfangen soll. Einige Typen fahren rum und üben Tricks. Ich versuche mich an einer geraden Strecke mit  An- und Abstieg an den Enden. Ich positioniere mein Board kurz vor dem Abstieg, pushe mich ganz sanft, kneif die Augen zu und rolle drauf los. Runter geht’s, ich stehe noch. Das mache ich nochmal und nochmal, ab und zu komme ich ins Wackeln, und nochmal.

Immer mutiger

Ich werde immer mutiger, immer schneller. Auf einmal verliere ich die Kontrolle und lande mit der linken Hälfte meines Gesäßes auf dem Beton: „Autsch“! Das tat weh. Um den Schock über den plötzlichen Fall zu verdauen gehe ich erst mal eine rauchen und setze mich zu ein paar Anderen. Ein Skater namens Manu spendet mir Trost: „Jeder hat mal angefangen.“ Er ist vor ein paar Wochen schwer gestürzt und trägt nun ein Metallgestell um den linken Arm. „Schmerzen gehören zum Skaten einfach dazu, man gewöhnt sich dran.“ Während ich rauche beobachte ich wie die Anderen durch den Park rollen und bin fasziniert von der suggerierten Leichtigkeit dieses Sports. Ich genieße die Zuschauerrolle für eine weitere Zigarette. „Weißt du, das ist auch ein Teil davon“ erklärt mir Manu. „Skaten, hier rumsitzen, Kippen rauchen, ab und zu ein Bierchen trinken und Einen kiffen, das ist der Skaterlifestyle.“

Ich schwinge mich aufs Board und nehme die gleiche Strecke wieder in Angriff. Ich fahre den Abstieg runter und den Anstieg hoch bis alles klappt. Immer wieder fühle ich mich wie ein Hindernis für die, die das schon seit Jahren machen. Denn ich bin langsam und unberechenbar für die Anderen und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich sie störe. Mit jedem Mal, wenn ein Skater für mich bremsen oder mir ausweichen muss fühle ich mich schlechter.

Besser als die “kiddies auf Miniroller”

„Mach dir keine Sorgen.“ sagt mein Kumpel. „Wir alle wissen, wie das ist. Solange du hier auf nem Skateboard stehst und nicht auf nem Longboard, oder gar auf nem Miniroller, akzeptiert dich hier jeder.“, ergänzt er lachend. Oh ja, Miniroller. Wie ich an diesem Tag erfahre, hassen Skater „kiddies“ auf Miniroller. Die würden nur alle stören und dazu noch scheiße aussehen, wird mir gesagt. Zum Glück versuche ich skaten zu lernen, denke ich mir und fahre weiter.

„Hey, du fährst Goofy.“ bemerkt einer der Typen, die ich grade kennengelernt habe.

„Bitte was?“

„Goofy. Wenn du mit dem rechten Fuß auf dem Board stehst, dann nennt man das Goofy. Mit dem Linken nennt man´s Regular.“

Das Board habe ich mir von meinem Kumpel geliehen. Er hat es mir gegeben, weil es dickere Rollen hat und deshalb besser zum lernen sei, was hier allerdings Einige anders sehen. „Wenn du das Ding beherrschst, beherrschst du jedes Board.“ bemerkt Manu. Na Danke, denke ich mir und schaue runter auf das Ding, auf dem die weisen Worte „Halt durch, Digger“ gesprayed sind.

Schmerz gehört dazu

Es haut mich ein zweites Mal auf den Beton nachdem ich ein wenig zu mutig geworden war. Doch dieses Mal steige ich sofort wieder auf und lebe mit dem Schmerz. Später erzählt mir mein Kumpel, dass man beim Skaten lernt mit Schmerz umzugehen, man entwickelt ein ganz anderes Gefühl für Schmerz und empfindet ihn nicht mehr so stark. Kurz darauf fällt er aus zwei Metern Höhe von den Ramp auf seine Schulter und muss lachen. Mittlerweile habe ich gelernt wie man richtig auf dem Board steht: Die Füße auf die Kante gerichtet und die Schultern parallel zum Board, nur beim Schwung holen den Fuß nach vorne richten. Es bereitet mir jedoch große Schwierigkeiten meinen Körper parallel zum Board zu halten und ich verrenke mich andauernd komisch. Bald möchte ich wissen wie man das Board dreht, damit ich schneller Kurven fahren kann.

„Lern erst mal sicher zu stehen“

werde ich verspottet, doch das hält mich nicht davon ab es zu versuchen. Ich stelle also meinen vorderen Fuß relativ mittig und meinen hinteren ans allerletzte Ende des Boards und drücke ihn leicht runter. Nun balanciere ich auf den Hinterrollen und bin überrascht wie viel Kontrolle ich doch noch zu haben scheine. Jetzt werde ich wieder übermütig: Ich fahre zick zack, mache erst 90, dann 180 Grad Drehungen. Ab und an rutscht mir das Board unter den Füßen weg, doch ich habe so viel Spaß, dass mich ein paar kleine Kratzer an Händen und Knien nicht weiter beeindrucken. Als mir die Jungs erzählen, wo und wie sie sich schon überall verletzt haben, fällt mir auf, dass ein einfacher Knochenbruch mitunter noch das Beste zu sein scheint was einem als Skater passieren kann. Hoffentlich bleibt mir das so lange wie möglich erspart.Als ich mich am Abend ins Bett lege spüre ich jeden Muskel in meinen Beinen, doch das macht mir nichts aus, denn dafür hat mir das Skaten zu viel Spaß gemacht.

 

Bericht und Foto von Isabella Pianto

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.