07 Mai

Film ab! – Werke von Studenten im Kinocenter

Das Licht wird gedimmt, der Vorhang geht auf. Leichtes knattern gibt einem das Gefühl zurück in den 1950er Jahren zu sein. Vergilbtes Papier fliegt an der Leinwand auf und ab: „Zum Gedenken an die Opfer des 17. Juni 1953, „Ulbricht riegelt Ostberlin ab“, „Symbol der Einheit“ sind die Überschriften dieser Zeitungsartikel. Hier im Gießener Kinocenter starren die Zuschauer gespannt auf die Leinwand. Es handelt sich um den ersten der beiden Filme, die von Studierenden des Fachjournalistik Masters, im vergangenen Semester produziert wurden. Ihre Arbeiten wurden nun in einer rauschenden Premiere der Öffentlichkeit präsentiert.

Gießener DDR-Erbe

Der erste Film, produziert von, Anna-Lena Seibel, Marek Szabowski und Mariusz Szynalski und Jennifer Meina trägt den Titel „‘Wir wollen nach Gießen!‘ Eine vergessene Stadtgeschichte zwischen Ost und West?“. Thema sind die Menschen, die aus der DDR nach Gießen kamen und dort im Notaufnahmelager aufgenommen wurden. Es war seit der Nachkriegszeit von großer Bedeutung für die deutsch-deutsche Geschichte.

Ein Stück Berliner Mauer am Gießener Bahnhof

Im Film kommt immer wieder der Zeitzeuge Karl-Heinz Brunk zu Wort, der als junger Mann aus der DDR floh und in Gießen in das Aufnahmelager kam. Er erzählt von seiner Jugend in der DDR, von Erfahrungen mit der Stasi und seiner Flucht in den „Westen“. In Gießen angekommen geht es für ihn zuerst ins Aufnahmelager und von dort aus in sein neues Leben. Anfänglich mit nur wenig Geld ausgestattet, kann der selbsternnante „Bannanen-Esser-Freund“ sich dennoch eine Existenz aufbauen. Neben seinen Aussagen und denen weiterer Zeitzeugen und Historiker sind immer wieder Bilder von Gießen im Wandel der Zeit zu sehen. Diese lassen erkennen, wie sehr sich die Stadt in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

„Wir wollten das nicht vergleichen“

So nahe der Vergleich zur heutigen Flüchtlingsthematik lag, spart die Gruppe diese bewusst aus und entschied sich für eine historische Herangehensweise an die Flucht-Thematik. „Es gab schon immer diese Ambivalenz. Auf der einen Seite: ‚Ja, wir wollen diese Leute‘, auf der anderen Seite: ‚Es könnte da auch Probleme geben.“, erklärt Mariusz Szynalski. Zudem sei die Thematik „heute politisch anders aufgeladen“, ergänzt der Student.

Sinterklaas und Zwarter Piet

Im zweiten Film namens „Bittere Snoepjes-Bittere Süßigkeiten“ von Lea Berg, Karsten

Zwarte Piet

Köhler, Friederike Piotrowski und Christian Schmeink geht es um die niederländische Tradition Nikolaus zu feiern. Das geschieht dort wesentlich größer als hierzulande. „In Maassluis, das kann man sich vorstellen, wie den Kölner Karneval“, berichtete Christian Schmeink.

In den Niederlanden steht Sinterklaas, wie der Nikolaus dort heißt, nicht, wie in Deutschland, Knecht Ruprecht zur Seite, sondern der „Zwarte Piet“. Im Gegensatz zum deutschen Pendant ist der bei den Kindern überaus beliebt – nicht jedoch bei allen Erwachsenen. Viele Niederländer empfinden heute die Darstellung des Zwarten Piet mit schwarz bemalter Haut, roten Lippen und Lockenperücke als rassistisch. Andere dagegen halten es für eine harmlose Tradition.

Rassismus oder Kinderfest? 

Der Film fängt zahlreiche Stimmen zu dieser Kontroverse ein. Während viele Passanten es lediglich als ein harmloses Kinderfest sehen, kommt auch eine Dame zu Wort, die Mitglied der Gruppe „Kick out Zwarte Piet“ ist und fordert, dass der Knecht des Nikolaus in seiner jetzigen Form aus der Öffentlichkeit verschwinden soll. Historisch begleitet wird der Film von zwei Anthropologen, die versuchten die Entstehung der Figur des Zwarten Piet zu erklären. Auch Kinder dürfen im Film ihre Meinung kundtun. „Es war witzig. Die Kinder waren ganz wild darauf gefilmt zu werden“, erinnert Schmeink sich an die Dreharbeiten.

Der lange Weg zum fertigen Film

Nervös vor der Premiere waren einige der jungen Filmemacher – umso erleichterter waren sie, dass auf der Leinwand alles geklappt hat. “Technische Probleme waren unsere größte Sorge”, sagt Anna-Lena Seibel lachend nach der Vorführung. Begonnen mit den Arbeiten an ihren jeweiligen Projekten hatten die Gruppen bereits im Herbst vergan

Die jungen Filmemacher des Abends

genen Jahres. Unterstützt wurden sie von der Regisseurin Ursula Schmidt und der Historikerin Prof.  Ulrike Weckel. Doch nicht immer lief alles glatt. Das Team von „Bittere Snoepjes“ musste sich beispielsweise damit behelfen die Leinwände abzufilmen, die in Maasluis die Ankunft des Nikolaus zeigten. Die Menschenmassen waren schlicht zu gewaltig, um diese selbst zu filmen.

Die Macher von „‘Wir wollen nach Gießen!‘“ mussten dagegen auf Aufnahmen aus dem Notaufnahmelager verzichten, da ihnen keine Drehgenehmigung erteilt wurde. „Wir verstehen das. Das Lager ist ja in Benutzung“, erklärt Jennifer Meina. Allen Widrigkeiten zum Trotz ist es beiden Gruppen gelungen beeindruckende Werke zu produzieren.

Die Zukunft der Filme

Die Premiere soll auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die beiden Filme gezeigt werden. Sie werden im „Offenen Kanal“ ausgestrahlt und vielleicht in Zukunft noch anderweitig präsent sein. werden im Offenen Kanal Gießen ausgestrahlt t und vielleicht in Zukunft noch anderweitig präsent sein.

Artikel von Tatjana Döbert

Fotos von Maurice Jelinski, Mariusz Szynalski und Christian Schmeink 

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