Feministin ist nicht gleich Feministin

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30 Prozent der Spitzenpositionen in den deutschen Redaktionen sollen mit Frauen besetzt sein. Das fordert „ProQuote Medien e.V.“.

Annette Bruhns im Gespräch mit unseren Redakteurinnen Isabel und Jennifer

Annette Bruhns im Gespräch mit unseren Redakteurinnen Isabel und Jennifer

UNIversum hat die Mitbegründerin und SPIEGEL-Redakteurin Annette Bruhns getroffen. Ein Gespräch über unmoralische Angebote, Karriereeltern und Kamelerennen.

UNIversum: Sind Sie Feministin?

Annette Bruhns: Klar. Allerdings ist Feministin nicht gleich Feministin. Es gibt da viele Definitionen. Für mich ist es jemand, der sich für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzt. Insofern bin ich genauso eine „Maskulinistin“. Manche Feministinnen gehen davon aus, dass Frauen das bessere Geschlecht seien – nein, das sind wir nicht. Gemeinsam sind wir stark.

UNIversum: „Gemeinsam sind wir stark“ würde dann auch bedeuten, dass Männer und Frauen in der Chefetage von einander profitieren. Aber wäre es denn wirklich ein Unterschied wenn Frauen mehr zu bestimmen hätten? Machen Frauen einen anderen Journalismus?

Bruhns: Ja, sie haben andere Zugänge. In aufgeheizten Situationen, also in Krisengebieten etwa, wie in der Ukraine, wo männliche Journalisten verdächtig wirken. Oder in arabischen Ländern. Da können Journalistinnen mit beiden Geschlechtern Kontakt aufnehmen. Das können die Männern nicht. Der Mann, der eine Saudierin interviewen darf, den zeigen Sie mir mal. Und es ist mir auch im Bundestag schon so ergangen, dass ich auf Politikerinnen zugegangen bin und die sich gefreut haben, zur Abwechslung mal mit einer Frau zu reden. Bei Angela Merkel ist heute nur jeder zehnte Interviewer eine Frau – weil zur mächtigsten Politikerin im Land die mächtigsten Journalisten gehen. Und das sind vorwiegend Männer.

UNIversum: Ihnen wurde einmal vorgehalten, dass Sie ProQuote nur ins Leben gerufen hätten, um auf eine Chefposition zu gelangen. Stimmt das?

Bruhns: Das war reine Polemik! Wir waren alle realistisch genug, um zu wissen, dass die meisten Medien keine Frauenquote einführen würden – und das haben sie ja auch nicht getan. Unser Druck wirkt eher psychologisch. Davon mal abgesehen macht mir das Blattmachen von „Spiegel Geschichte“- oder „Spiegel Wissen“-Heften tatsächlich viel Spaß. Es wäre unglaubwürdig, sich für Führungspositionen für Frauen zu engagieren, wenn man selber zu einer solchen Aufgabe keine Lust hätte.

UNIversum: Sie sind jetzt seit 20 Jahren Redakteurin beim Spiegel – haben schon einiges erreicht. Wie waren Sie zu Beginn ihrer Karriere?

Bruhns: Ich habe mich viel zu sehr angepasst, war nett und zurückhaltend. Das kam nicht so gut. Heute beobachte ich mit Bewunderung, wie meine junge Kollegin Özlem Gezer auftritt. In Redaktionskonferenzen sagt sie geradeheraus, was sie denkt: dabei sehr klug, sehr klar. Frauen sollten unbedingt üben, in solchen Runden das Wort zu ergreifen. Dabei hilft Humor. Wer die Lacher hinter sich hat, hat auch die Macher hinter sich.

UNIversum: Was würden Sie heute anders machen. Haben Sie einen Tipp für junge Journalistinnen?

Bruhns: Einfach man selbst sein. Und mehr noch: Fallen Sie ruhig auf ! Journalisten müssen sich heute selbst vermarkten: Twittern Sie, facebooken Sie – allerdings nicht über ihr Privatleben, sondern mischen Sie sich ein, lernen Sie, in der Öffentlichkeit des Netzes ihre Meinung zu sagen und zu behaupten. Zur Kleiderfrage kann ich dabei nicht viel sagen. Man sollte sich nicht bewusst aufreizend oder süß anziehen, aber auch nicht absichtlich männlich-neutral.

UNIversum: Sie betonen, dass man sich nicht aufreizend anziehen sollte – vielleicht weil die männlichen Kollegen das falsch auffassen? Haben Sie schon Erfahrungen mit Sexismus im Beruf machen müssen?

Bruhns: Ja, bei einer Redaktionsfeier. Alle Kollegen – überwiegend Männer – haben mit dem Chef angestoßen, ich natürlich auch. Das hat er aber wohl falsch verstanden und mich später gefragt, ob ich mit ihm aufs Zimmer will. Man sollte sich von so etwas nicht einschüchtern lassen wie ich damals. Ich habe dann bei Festen immer nur mit dem schwulen Kellner getanzt – für die Karriere nicht unbedingt förderlich.

UNIversum: Wann fängt für Sie Sexismus an?

Bruhns: Sexismus ist, wenn ein Machtgefälle besteht und ausgenutzt wird. Bisher nutzen naturgemäß überwiegend Männer diese Möglichkeit aus. Ich könnte mir aber vorstellen, dass, wenn auch Chefinnen vor diesem Machtmissbrauch nicht gefeit wären (Lacht). Wir haben halt nur so selten Chefinnen, die irgendwelche jüngeren Kollegen anbaggern könnten. Spaß beiseite: Es muss einfach klar sein, dass das nicht geht. Also wenn es die große Liebe ist – dagegegen ist kein Kraut gewachsen. Aber flirten darf man im Job nur auf derselben Hierarchieebene. Da können beide nämlich einen Korb geben, ohne dass es beruflich Konsequenzen hat.

 

UNIversum: Als ein Grund dafür, dass Frauen nicht in Chefpositionen sind, gilt Schwangerschaft und Kindererziehung. Kann man mit einem Kind Karriere machen?

Bruhns: Ein Kind ist beruflich ein Klotz am Bein. Das sollte man nicht klein reden. Das heißt aber nicht zwingend, dass es ein echter Hinderungsgrund ist – schließlich haben Kinder ja auch Väter. Wir haben ja mit Ursula von der Leyen eine siebenfache Mutter in der Regierung. Das sollte eigentlich überall möglich sein – auch in Redaktionen.

UNIversum: Sie sind alleinerziehende Mutter einer 15-jährigen Tochter. Ist das ein Hindernis für Ihre Karriere? 

Bruhns: Meine Tochter war viel allein. Aber mein Erziehungsziel war auch die Selbstständigkeit. Und das habe ich – hoffentlich – bei ihr erreicht. Ich will nicht behaupten, dass sie nicht gelitten hat. Aber ich muss mir nicht so viel Sorgen um sie machen – sie hat sozusagen gelernt, sich selbst zu erziehen. In ihre Hausaufgaben habe ich mich nie eingemischt.

 

UNIversum: Wie findet ihre Tochter ProQuote?

Bruhns: Erst fand sie, dass ich zu viel Zeit dafür investiert habe. Aber dann hat sie gemerkt, dass manches wirklich ungerecht ist. Zum Beispiel, dass ihr Vater genau soviel arbeitet und sich viel weniger um sie kümmert als ich, die eben voll Mutter ist – und voll berufstätig . Das ist ihr sehr früh aufgefallen.

UNIversum: Was hat das Muttersein für ihren Berufsalltag bedeutet?

Bruhns: Gute Organisation. Gute Nerven. Ich glaube auch, dass Mütter und Väter viel Lebenserfahrung in die Redaktion mitbringen. Sie haben einfach viel mehr Alltagserfahrungen – Arztbesuche, Elternabende, Sportevents mit dem Nachwuchs. All das fließt in ihre Wahrnehmung der Gesellschaft natürlich ein.

 

UNIversum: Was haben Sie bei ProQuote für sich persönlich gelernt?

Bruhns:Ich habe gelernt, dass man Dinge verändern kann. Wir sind erfolgreich – gucken Sie sich das Kamelerennen an. Es ist wirklich was passiert in den Redaktionen – und das ist ein beglückendes Gefühl. Meine allerwichtigste Erfahrung war, dass es etwas bringt, sich zu organisieren, wenn man Missstände verändern will.

UNIversum: Frau Bruhns, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führten Isabel Glavasevic und Jennifer Meina

Fotos: Jonas Menke

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