EIN MENSCH IM JÜDISCHEN VIERTEL

Die Stadt der Königinnen und Könige war die polnische Stadt Kraków einmal. Südöstlich vom Zentrum der Stadt liegt das historische Jüdische Viertel. Auf dem  Markt im verregneten Kazimierz begegnet mir ein Mensch, der seinen Namen nicht verraten möchte.

 

Eine Reportage von Isabella Iskra

 

Einmal war ich verliebt”, erzählt der Herr mit dem karierten Jackett. Rötlich ist seine Haut, als hätte er gefroren. Sein langer weißer Schnurrbart ist wie mit Kupferfarbe angepinselt, Bartstoppeln verzieren sein Gesicht. Der Herr spricht und legt eine Pause ein. Sein linker Arm lehnt an einem Tisch, in dem mit warmen Kunstlicht beleuchteten Raum. Er schaut der Asche zu, wie sie fällt, während er mit seinem Zeigefinger auf die Zigarette tippt. Gedankenvoll fährt er fort: “Aber mit der Zeit ändert sich ein Mensch, hier und dort gibt es etwas Neues, etwas Schöneres zu entdecken.”

 

 

Nass glänzt der Pflasterstein. Einige Menschen tummeln sich auf dem Neuen Platz inmitten eines Quartiers der polnischen Stadt Kraków. Sorgfältig aufgetischt präsentieren die Damen in pastellfarbenen Schürzen ihre frische Rote Beete, Bohnen, Johannisbeeren und Äpfel. Einige Schritte weiter liegen auf grünem Filz allerlei Schmuck, Münzen und hölzerne Kästchen.

 

Ein rundes Gebäude aus roten Ziegelsteinen – der sogenannte “okrąglak” ist das Zentrum des Neuen Platzes und des jüdischen Bezirkes. Das Gebäude mit seinen vielen Verkaufsfenstern lässt sich einmal rundherum umlaufen, was die Bedeutung seines Namen, der “Runde” erklärt.

 

Judentum und Christentum – durch viele Jahrhundert durchdrangen den Ort zwei Religionen 

 

Kraków’s Kazimierz ist ein besonderer Ort. Einst zeichnete dieses Viertel eine enge Nachbarschaft zwischen Christentum und Judentum aus – das sogar für einige Jahrhunderte. Ab seiner Entstehung im 14. Jahrhundert bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war Kazimierz eine unabhängige Stadt. Südlich von Kraków gelegen, waren die Städte durch eine heute nicht mehr existierende Flussabzweigung getrennt. Die Juden wurden in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Kazimierz angesiedelt und lebten dort bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts in einem abgetrennten Jüdischen Dorf, welches heute zum größten Teil in den Miodowa, Św. Wawrzyńca, Wąska, Józefa und Bożego Ciała Straßen zu verorten ist. Durch viele Jahrhunderte durchdrang den Kazimierz jüdische und christliche Kultur. Seinen nordöstlichen Teil stellt das heutige historische jüdische Viertel dar.

 

Da steht er, der Herr mit seinem langen schwarzen Mantel und beigen Schieberhut

 

Im Viereck umgeben den “Runden” Verkaufsstände. Jeder von diesen trägt ein Dach aus rotem oder braunem Wellblech. Unter einem von ihnen steht er, der Herr mit seinem langen schwarzen Mantel und beigen Schieberhut. Er unterhält sich mit den Standbesitzer_innen. Seine Stimme klingt tief, fast theatralisch. “Agatka!”ruft er einer älteren Dame hinter dem Tresen zu.“ Was für ein wunderbarer Tag heute ist! – findest du nicht?”. Die Dame lächelt dem Herren entgegen und erzählt von ihrem Tagesgeschäft. Langsam suchen die Verkäuferinnen und Verkäufer ihre Antiquitäten zusammen. Einige Stände sind leer – es ist schon nach 17 Uhr.

 

Der Herr ist erstaunt, fragt man ihn nach seinem Namen. “In erster Linie bin ich ein Mensch” erwidert er ernst gestimmt. Seine Augen reißt er dabei weit auf, als würde er in seinem Staunen verharren.

 

 

 

“Spaziere ich durch die Straßen, finde ich lauter Dinge

 

Wie der Honig auf polnischen Quarkbrötchen, doch ungewöhnlich, leuchtet an dem kleinen Finger seiner rechten Hand ein Ring. “Spaziere ich durch die Straßen, finde ich lauter Dinge”, erzählt er und holt eine weiße, abgewetzte Plastiktüte aus seiner ledernen Tasche heraus. Auf das hölzerne Brett der Verkaufslade legt er eine vergilbte Schaumstoffpalette mit lauter bunten Knöpfen, Kronkorken und Plättchen. Der Mensch erklärt: “Gefällt mir etwas besonders gut, kreiere ich daraus einen Ring.” Für seine Werkskunst kauft er in Geschäften für billigen Modeschmuck Rohlinge und verarbeitet sie weiter. Eines Tages fand er eine alte Schreibmaschine. Für die vielen Buchstaben und Zahlen suchte er eine neue Verwendung und bastelte ihren Tasten lauter Ringe. Weich eingebettet schauen sie alle in eine andere Richtung, als freuten sie sich darüber, wieder aus einer Tüte geholt zu werden. Viele von ihnen verkaufte er schon, einige sind ihm noch verblieben.

 

 

Pokój” zeigt er dem Menschen auf dem Markt, das bedeutet Frieden

 

Adam, so heißt der Mensch, zieht an seinem langen weißen Schnurrbart und schaut in die verregnete Ferne. Behutsam zieht er seinen beigen Mantel aus und klemmt ihn sich unter den Arm. Seine hohen Beine schreiten durch den Platz. Ab und an bleibt er stehen. Mit gespreizten Mittel- und Zeigefinger verabschiedet er sich von den Leuten auf dem Markt. “Pokój” bedeutet für ihn die Handgeste, das bedeutet Frieden.

 

Adam legt seinen schwarzen edlen Mantel in die Hände einer Dame 

 

Das lange schwarze Kleid liegt auf dem weiß gekachelten Boden. Eine Dame sitzt im Fluchtpunkt des Raumes und schaut geraden Blickes zur Tür. Unter ihrem schwarzen Hut, den eine Filzblume schmückt, verbirgt sie das kastanienrote, schulterlange Haar. Um sie herum stehen zwei Männer mittleren Alters, sie tragen T-Shirt und Jackett. Abstrakte Gemälde hängen an den Wänden. Auf den Regalen liegen wild die Ausdrucke von Fotografien. Adam legt seinen schwarzen edlen Mantel in die Hände der Dame, deren porzellanfarbene Haut leichte Risse aufzeigt. Sie spricht mit der Stimme einer vom Leben beanspruchten Frau. Ruhig sprechen ihre violetten Lippen: “Ich habe mir den Mantel heute Morgen auf dem Markt gekauft, für einen Złoty..er sieht aus wie neu.”

 

Das Jüdische Viertel – zwischen Hipness und Tradition 

 

Abwechselnde Farbigkeiten zeigen die Altbauten des Kazimierz. Mint, Terracotta und Schlammgraubraun. Die Modernisierung hinterlässt ihre Spuren, bricht auf und entkleidet alte ergraute Gebäude zu makellosen Fassaden. Die Szene des Viertels setzt sich zusammen aus hippen Cafés, Bars und Restaurants. Ihr gegenüber steht die Tradition vergangener Tage, die alten Synagogen und Friedhöfe, Zeichen des jüdischen Lebens. An sonnigen Tagen und vor allem an Wochenenden tummeln sich hier Touristen aus aller Welt. Oft noch erklingt die hebräische Sprache im Kazimierz.

 

Es kam zu einer Erneuerung von traditionellen Werten

 

In den letzten zehn Jahren wandelte sich der Kazimierz von einem vernachlässigten Stadtviertel in die angesagteste Adresse Krakóws. Der Immobilienmarkt wachte auf. Rasant entwickelte sich der Tourismus und ging einher mit einem gastronomischen Boom. Polen möchte seinen postkommunistischen Charme überwinden. In Kraków gelingt das Schritt für Schritt. Die Modernisierung können wir beobachten -vom Zentrum bis zu den äußeren Rändern der Stadt. Während der Revitalisierung der Stadt Kraków spielte Kazimierz eine bedeutende Rolle. Dem kulturellen Erbe des Ortes, dem Erbe jüdischer Kultur wurde nach der Systemtransformation neue Aufmerksamkeit geschenkt. Die Krakauer nahmen das Andenken an die jüdische Geschichte und Tradition wieder an, im gesellschaftlich-kulturellen Kontext lebt das Viertel neu auf. Buchpublikationen, Filmprojekte, Ausstellungen, Vorträge und Konzerte – alles verbindet sich mit dem Imagewandel des Viertels, in Augen der Krakauer wie auch in denen der Touristen.

 

Die zauberhafte Welt der Töpferware und handgemachtem Schnickschnack

 

Eine neue Generation verändert das Bild des jüdischen Viertels. Satin und Blumenmuster hängen auf Drahtkleiderbügeln vor den Geschäften mit Secondhand-Kleidung. Schnell verirren sich Flaneur_innen in einer zauberhaften Welt von Töpferware und handgemachtem Schnickschnack, Folklorestoff und bemaltem Holz. Vor einer mit bunten Graffiti bemalten Wand steht ein umfunktionierter Fiat 126. Grün gestrichen, trägt er Blumentöpfe auf seiner Motorhaube. Der berühmte Maluch ist klein, doch schaffte er es während des Kommunismus eine fünfköpfige Familie an die Ostsee zu fahren.

 

Mit Honigbier und Musik den Abend ausklingen lassen

 

Langsam färbt sich der Himmel orange violett, in ein nächtliches Blau. Es erleuchten Lichterketten in dem Innenhof einer Bar, bunte Flaschen hängen von Gerüsten, an denen sich auch grüne Pflanzen ranken. Ein junger, lockiger Typ sitzt auf einem Barhocker und zupft an seinem Streichinstrument. Junge Menschen trinken Bier mit Honig, lauschen seinen Klängen.

 

Immer mehr Menschen entdecken in ihrer Freizeit lieber die neuen Konsumpaläste

 

Im Hinterraum eines Kiosks sitzen einige Menschengestalten an hohen Tischen und Barstühlen aus Plastik und Aluminium. Qualm liegt in der Luft. Durch die kleinen Fenster dringt etwas Licht in den Raum. Im vorderen Teil, zur Straße hin, verkauft ein lächelnder Student Kioskwaren. “Das ist mein Lieblinscafé”, erläutert Adam. “Hier kann man einen guten Kaffee trinken.” Sein Pappbecher To-Go stellt Adam bedächtig auf den hohen Tisch. Von draußen hört man die über große Pfützen fahrenden Autos. Ein Windstoß streift durch den Raum. “Früher war das alles anders” fängt Adam an zu erzählen. Er holt aus seiner Jackentasche ein silbernes, flaches Kästchen und öffnet es. Schmale Zigaretten liegen eng beieinander. Er schaut durch seine runde Hornbrille auf die auserwählte Zigarette. Seine Stirn denkt nach über die Welt. Vorsichtig zündet er sie an, die Zigarette. “Alles trug noch seinen Charme, war so wenig perfekt, bezaubernd waren die alten Stadthäuser” Er verstehe nicht ganz, was die Menschen in den gläsernen Kaufhäusern denn so treiben.

 

 

 

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