Ein Königreich für eine Waffel

 

Belgien, das unentdeckte Land, kein Reiseziel für kleines Geld.
Ein Reisebericht, was man als Student in Belgien erleben kann.

Die Gießener Schwimmbäder sind geschlossen und es regnet den ganzen Tag, da empfiehlt sich eine Städtereise in ein unentdecktes Land. Die Wahl fällt auf Belgien, dabei darf Brüssel nicht fehlen, eine Stadt, die ihrem Wahrzeichen, einem übergroßen Atom, gleicht. Sie wirkt anziehend und gleichzeitig abstoßend.
Wir, das sind Kim und Evgeny, zwei Gießener Studenten, die entschlossen sind in einem kleinen Seat, der so vollgestopft ist, dass ich nur darauf warte, dass uns ein misstrauischer Zollbeamter an der belgischen Grenze anhält, das Land zu erkunden. Wasserflaschen, Obst, Brote und Kleidung für jedes Wetter, stapelt sich auf dem Rücksitz und im Kofferraum. In Belgien ist es ein guter Schachzug, alles Nötige dabei zu haben, weil Essen und Trinken unerschwinglich sind.
Unser erstes Ziel ist Brügge an der belgischen Küste. Wir versuchen in den zwei freien Tagen die die Uniwoche bietet, noch einen Kurztrip einzuschieben und Brügge hatte uns ein Freund empfohlen der die Stadt als traumhaft schön beschrieb. Also bepacken wir an einem Sonntagmorgen unser Auto und fahren in Richtung des angepriesenen Landes. Fünf Autostunden liegen zwischen Gießen und der Nordsee. Wer lieber die Landschaft genießt oder wem ein fahrbarer Untersatz fehlt, der kann die kleine belgische Stadt ab 70 Euro pro Strecke in in der gleichen Zeit erreichen. Der Deutschen Bahn ist zwar in Sachen Pünktlichkeit nicht immer zu trauen, aber man kann sich die Parkplatzsuche ersparen, die uns eine ganze Weile und einige Nerven kostet. Die wirklich sehr schöne Stadt ist von einem Wassergraben umgeben und neben dem mittelalterlichen Eingangstor ragen hölzerne Windmühlen auf. Unser Hostel, das einzig bezahlbare in Brügge, kostet 42 Euro pro Nacht und pro Doppelzimmer und hat eine Bar, in der jeden Abend die gesamte Stadt zusammen kommt, was nicht viele sind. Tagsüber scheinen die Barbesucher ihren Rausch auszuschlafen, denn wir treffen kaum einen Menschen in den kleinen Gassen, die sich zwischen alten Backsteinhäusern entlang von Kanälen schlängeln. Die beschauliche Stadt entpuppt sich aber als keinesfalls rückständig was Preise für Essen und Trinken anbelangt. Für eine Portion Spaghetti Bolognese werden 15-20 Euro veranschlagt und ein Kakao kostet 5 Euro. Studentenfreundlich ist das nicht, weshalb unser Aufenthalt nach Kurzem beendet ist. Weiter geht unsere Reise nach Antwerpen, die größte Stadt Belgiens erinnert an Städte wie München oder Wien. Straßenkünstler säumen die Haupteinkaufsstraße Meir. Modeketten wie Zara, Mango und H&M haben sich in barocken und gotischen Prunkbauten niedergelassen. Über der Stadt ragt die 123 Meter hohe Liebfrauenkathedrale. Der Hafen mit der mittelalterlichen Burg Steen oder das Haus des Malers Rubens machen Antwerpen zu einer sehenswerten Stadt, finden wir und machen uns auf zu unserer letzten Station auf dem Weg zurück nach Gießen.
Brüssel, die Stadt die dafür bekannt ist Sitz des Europaparlaments zu sein und das erste was wir zu sehen bekommen, sind gläserne Wolkenkratzer und Anzugträger, die geschäftig über die Straßen eilen, dabei übersehen sie routinemäßig die zahlreichen südländisch aussehenden Frauen und Männer die links und rechts auf den Bordsteinen knien und um Geld bitten. In verschmutzten Hauseingängen drängen sich dunkelhäutige Männer und trinken Bier. Und dann gibt es noch die U- Bahnstation Maelbeek, in der 2016 das Wegschauen der Belgier zu einer Katastrophe führte, als sich zwei Selbstmordattentäter am Flughafen Brüssel- Zaventem und in der U- Bahn Maelbeek in die Luft sprengten. Heute versuchen Sozialprogramme, junge Menschen ohne Perspektive von der Straße zu holen und ihnen bei Wohnungs- und Arbeitssuche zu helfen. Auf den Straßen Brüssels sieht man wenig davon. An jeder Ecke sitzt eine Frau mit kleinen Kindern und junge Prostituierte stehen in verdreckten Hauseingängen. Im Viertel rund um den modernen Glasbau des Europaparlaments stehen Militärs mit Maschinenpistolen. Brüssel gleicht seinem Wahrzeichen, einem 105 Meter hohen Atom, dass zur Expo 1958 errichtet wurde. Die Stadt zieht uns als Herz Europas an, doch stößt sie durch seine Blindheit gegenüber sozialer Probleme gleichzeitig ab. Das mühsam erbaute und heute ein wenig in Vergessenheit geratene Atomium wirkt wie ein Mahnmal für den Glanz und die Stumpfheit der Stadt. Integration sieht wohl anders aus. Freie Demokratie und dreckige Hauseingänge, in Brüssel kommen zukunftsweisende Freiheitsgedanken und radikale Armut zusammen.
Als wir wieder Richtung Gießen fahren, stellen wir fest, dass es in Belgien leckere Waffeln gibt, die wie alles andere in dem Land an der Nordsee völlig überteuert sind, zwischen acht und 10 Euro kostet eine Waffel mit Sahne und ein paar Bananenscheiben darauf. Ob in kleinen mittelalterlichen Städten oder in europäischen Metropolen, Belgiens Diversität holländischer, französischer und deutscher Kultur zeigt sich schon beim Blick auf die mehrsprachigen Speisekarten. Die uns gegenüber meist unfreundlich auftretenden Belgier müssen sich aber aus ihren gläsernen Häusern heraus bewegen, wenn sie die Probleme in ihren Städten erkennen und ändern wollen. Studentenfreundlich ist das Beneluxland auch nicht. Neben Essenskosten ab 12 Euro pro Gericht und Brüsseler Hostels ab 60 Euro pro Nacht, entpuppt sich nur Antwerpen als lebendige Stadt. Kleine Städte wie Brügge wirken wie ausgestorben und in Brüssel wirkt die soziale Lage so deprimierend, dass es nicht lange zu ertragen ist.

 

 

Fotos und Beitrag von Kim Hornickel und Evgeny Rozhkov

image_pdfimage_print
Facebooktwittergoogle_plusmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.