Drei Tage im Dezember

Gießen JahrestagUnter Studenten ist Gießen als das „Hässliche Entlein“ unter den Uni-Städten bekannt. Aber Gießen war einmal schön gewesen, eine romantische Stadt mit Grünanlagen, Fachwerkhäusern und engen Gassen. Beleuchtete Christbäume, vorweihnachtliche Besinnlichkeit und der Nikolaus fielen 1944 in die dunkelste Woche der Stadt, in ihrer 750 jährigen Geschichte. Eine historische Reportage von Daniele Castello.

Am 11. Dezember, heute vor 71 Jahren, vollendeten US-Amerikanische „Fliegende Festungen“ das Zerstörungswerk, was britische Bomber am 3. und 6. Dezember begonnen hatten. Die drei Tage im Dezember wurden zu Zäsuren für die Stadt. Denn danach existierte das alte Gießen nicht mehr. Der Totale Krieg hatte das Antlitz der Stadt, mit seinem mittelalterlichen Kern, für alle Zeit verändert.

Eigentlich ist sie schon tot.

Gestorben in einer einzigen Nacht

Durch Feuer und Tose,

Mit Sturm und Geheul

Wurde sie zu Asche,

Die Stadt wie ich sie einmal kannte…

Nikolaustag, der 6. Dezember 1944, 20:08 Uhr: Britische „Pfadfinderflugzeuge“ werfen Leuchtbomben über Gießen ab. Vom Boden aus betrachtet, breiten sich die schweren Lichtkugeln fächerförmig nach unten aus und ordnen sich in einer bizarren Form an. Die Deutschen nennen sie „Christbäume“. Nach dem Abwurf brennt in ihnen ein Magnesiumgemisch ab. Sie dienen den herannahenden Bombern als Markierung. Plötzlich ist ganz Gießen taghell erleuchtet. Die Bevölkerung weiß, was das bedeutet: Dieses Mal ist tatsächlich ihre kleine und scheinbar so unbedeutende Stadt dran. An kleinen Fallschirmen sinken die Christbäume im letzten Nikolaus des Zweiten Weltkriegs auf Gießen hinab und tauchen die historische Altstadt in ein gesättigtes Rot. Der grelle Schein ist die Ouvertüre für den Tod aus der Luft. Im selben Augenblick dröhnen die Alarmsirenen los – eine Warnung die viel zu spät kommt. Nur 90 Sekunden später schiebt sich der alleierte Bomberpulk– 244 Maschinen an der Zahl – über Gießen. Was folgt ist der Exodus einer Stadt.

6 Monate zuvor

Der letzte Sommer des alten Gießen

Gießen im Sommer 1944: Eine beschauliche, kleine Stadt mit engen gewundenen Gassen und Straßen. Eine klassizistische Stadtkirche ragt aus dem mittelalterlichen Kern Gießens empor. Jahrhundertealte Fachwerkhäuser stehen eng beisammen. Ein Ring von zahlreichen Grünanlagen durchzieht die Stadt.  „Gartenstadt“ wird Gießen genannt.  Alle Strapazen und alles Leid scheint trotz des fortgeschrittenen Krieges für Gießen keine Geltung zu haben. Den Bau eines Luftschutzkellers, den die Familie Höpfner 1942 an der Lahn errichtet, belächeln viele Gießener. Für was einen Luftschutzbunker, wenn der Endsieg doch kurz bevor steht?

Im letzten Sommer des Zweiten Weltkrieges leben die Gießener noch in einer Seifenblase aus Illusionen und Naivität. Die gebürtige Berlinerin Margarete Reinheckel glaubt zu wissen: „Weil Gießen Universitäts- und Klinikstadt ist wird es keinen Angriff geben. Wir haben überall das rote Kreuz auf dem Dach.“

20. Juli, 1944: Über Gießen kommt es zum Einsatz eines einsamen amerikanischen Jabo-Bombers. Der Angriff genügt nicht um den Gießenern die Illusion zu nehmen, dass ihre Stadt nicht Ziel eines Großangriffs sein könnte. Noch ist der Luftkrieg nur ein Spektakel, das man am Himmel beobachtet. Kleine Jungs freuen sich, wenn die Deutschen im Luftkampf gewinnen.

In den Abendstunden desselben Tages geschieht im fernen Berlin ein Ereignis von ungleich größerer Tragweite: Im Bendlerblock in Berlin scheitert der größte und letzte Versuch sich aus eigener Kraft von der Nazi-Herrschaft zu befreien. Den konspirativen Verschwörern um Staufenberg ist längst klar: Hitlers Krieg ist verloren, egal wie lange er noch dauern würde.  Auch ein Waffenstillstand wie 1918 ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich. Diesmal würden die Deutschen die „Unconditional Surrender“ erdulden müssen. Die Verschwörer halten das Attentat für einen symbolischen Akt, ohne politischen Nutzen. General Treschkow, eines der entschlossensten Widerständler, fasst den Sinn des Vorhabens zusammen: „Das Attentat muss erfolgen, Coute que Coute. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat.“

Der Widerstand will dem Deutschland nach Hitler einen Weg zurück in die Welt zu ebnen. Der Staatsstreich misslingt. Ein Erfolg hätte jedoch mehr als nur symbolischen Wert gehabt.

Zwischen Kriegsbeginn am 1. September 1939 und dem 20. Juli 1944 waren 2,8 Millionen Deutsche entweder im Krieg gefallen oder Opfer alliierter Bomben geworden. Bei Kriegsende am 8. Mai 1945 war diese Zahl auf annähernd fünf Millionen gestiegen – nicht mit einbezogen, sind die zahlreichen Opfer der Vernichtungslager. Eine Kapitulation im Juli 1944 hätte also Millionen Menschen das Leben gerettet. In den Abendstunden des 20. Julis hatte sich das Zeitfenster für die deutschen Städte endgültig geschlossen – auch für Gießen.

Hier wiegt sich die  Bevölkerung vor den Auswirkungen des totalen Krieges in Sicherheit. Bis in den Herbst hinein werden nur leichte Angriffe auf die Stadt geflogen. Mal aus Zufall, mal als Ausweichziel.   Zu klein, zu unwichtig erscheint den Bewohnern ihre Stadt Gießen. Dass seit Oktober der Oberbefehlshaber West, General Runstedt, seinen Sitz in der Stadt hat, wissen die Gießener nicht. Bis zuletzt will man vor allem eines bewahren: Normalität. Lange Zeit verdrängen die Gießener die Tatsache, dass ihre Stadt mit seinem Schienennetz ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt ist. Ein Großteil der Truppen kann hier an die Westfront transportiert werden. Mit der Zerstörung der Stadt könnten die Alliierten das gesamte Transportsystem in West-Deutschland stören. Und so gerät das vermeintlich so unwichtige Gießen bald ins Visier alliierter Strategen. Das Schienennetz, was der Stadt einst zu seinem wirtschaftlichen Aufschwung verholfen hatte, würde den Untergang der Stadt einleiten. Gießen wird aus strategischen Gründen sterben.

“Hass dem Feind”

3. Oktober, 1944: Zwei US-Bomber stürzen über Gießen ab. Ein Teil der Besatzung kann mit dem Fallschirm abspringen. Die US-Piloten sinken in eine Stadt herab, an deren Gebäudefassaden bereits trotzige Parolen wie „Lieber tot, als Sklave“, „Der Sieg ist unser“ und auch „Hass dem Feind“ prangen.

Drei der US-Piloten stürzen über Wieseck ab. Sie werden in die dortige Polizeistation gebracht. Ein Kompetenzgerangel entsteht. Wer hat ein Anrecht auf die US-Piloten: Die Partei, die Polizei oder die deutsche Luftwaffe? Auf die Anfrage, an die übergeordnete Dienststelle in Wiesbaden, kommt die Antwort, dass eine sichere Verwahrung der Piloten gewährleistet sein müsse. Die Bewachung der drei Kriegsgefangenen wird kurzzeitig einem Zivilisten zugeteilt. In diesem Moment tritt SS-Standartenführer Julius Lassak ein, der von der Gefangennahme dreier amerikanischer Piloten erfahren hat. Im Schlepptau hat Lassak einen SA-Mann. Lassak und der SA-Mann schüchtern den Bewacher der Amerikaner mehrfach ein. Aus Angst gibt der Zivilist die Piloten schließlich frei.

An der Mauer des Friedhofes erschießt ein fanatischer Hitlerjugendführer die Piloten Franklin Adams, Wallace Bengson und Edmund Dornburgh. Der Täter wird als „Revolverheld“ vergöttert. Das Phänomen der Fliegermorde gibt es in ganz Deutschland. Oft geht die Lynchjustiz nicht von öffentlichen Institutionen aus, sondern von einem Mob aus erbosten Zivilisten.

Am gleichen Tag wird in der Marburgerstraße ein weiterer US-Amerikaner aufgegriffen. Als wieder die Sirenen ertönen schiebt Julius Lassak den verängstigten Mann grob vor sich her, hinein in den nächsten Luftschutzbunker. Nach der Entwarnung überführt er den US-Flieger in das Hauptquartier der Gestapo an der Neuen Bäue. Der dortige Dienststellenleiter befiehlt einem Untergebenen den Piloten zu erschießen – Ein Fluchtversuch des Amerikaners soll nachher als Grund angegeben werden. Leonhard Braner, der Bedienstete, zögert. Ihm gefällt es nicht einen Wehrlosen zu erschießen. Sein Vorgesetzter gibt den entscheidenden Impuls: Er erinnert den verunsicherten Mann an seine Schwester, die bei einem Angriff getötet worden war. Braner führt den Gefangenen in den Philosophenwald und schießt dreimal auf ihn ein. Die Leiche lässt er am Waldboden zurück. Auf die Frage des Verbleibs der Leiche, antwortet er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Pflichtgemäß gibt er seinem Vorgesetzten den Grund „Fluchtversuch“ an, damit die Tat in den Akten rechtmäßig wirkt. Zufrieden bemerkt sein Vorgesetzter:“ Dann ist es ja gut und Sie können heute Nacht ruhig schlafen.“ Aber in Wirklichkeit können die Gießener immer seltener ruhig einschlafen. Der Alarm der Sirenen gehört bald zum Alltag.

Am 7. November befinden sich 384 amerikanische Bomber im Anflug auf Gießen und Wetzlar. Eine starke Bewölkung nimmt dem Bomberpulk die Sicht. Navigation ist unter diesen Bedingungen unmöglich. Die Bomber finden ihr Ziel nicht. Stattdessen bekommt Koblenz als Ausweichziel die ungeheure Macht des Luftkrieges zu spüren. Ohne es zu wissen, rettet der Zufall die Bevölkerung des alten Gießens ein letztes Mal. Das Schicksal der Stadt ist bereits schriftlich fixiert. Das „Combined Strategic Targets Comitee“ ist das Auswahlgremium der britischen Bomberflotte. Vom Schreibtisch aus überprüft es penibel die Beschaffenheit deutscher Städte auf deren Brennbarkeit. Besonders beliebt sind mittelalterliche Stadtzentren.  Seit November stehen auf der Liste des Comitees sogenannte „Verbindliche Ziele“ in Ost- u. Mitteldeutschland“. Alle Städte, die für Flächenbombardements geeignet sind, werden mit sogenannten Fishcodes gekennzeichnet.

Ziel 31: Gießen. Der Fishcode lautet „Hake“ (dt. Hecht). Der mittelalterliche Stadtkern ist als „most burnable area“ markiert. Bereits lange vor dem Angriff werden Flugblätter über der Stadt abgeworfen. Auf ihnen prangt: „Gießen im Loch – Wir finden dich doch.“

“Mama, is das der Nikolaus?”

Der 6. Dezember 1944 fällt auf einen Mittwoch. Hätte man in Gießen nicht noch mit den Nachwirkungen des Bombenangriffes vom vergangenen Sonntag zu kämpfen, hätte man den milden Frühwintertag glatt genießen können. Über die Wetterlage sind aber an diesem Mittwoch im Dezember 1944 nicht die Gießener, sondern vor allem die Briten erfreut. Makaber könnte man bemerken: Es herrscht Bomberwetter. Die dunkelsten Stunden in der 750 jährigen Geschichte der Stadt liegen noch bevor. Noch herrscht Optimismus. Notdürftig deckt man mit Pappe und Holz zerstörte Fenster und Türen ab. Angehörige des „Jungvolkes“ helfen bei den Aufräumarbeiten. Währenddessen bereitet sich das Bomber Command auf den nächsten Schlag vor. Im englischen Wycombe, westlich von London, werden in der morgendlichen Konferenz, die Ziele festgelegt. Nach der Einsatzbesprechung notieren britische Piloten „Geisson“, „Gisson“ oder „Geissen“. Mit dem Namen können die Wenigsten etwas anfangen.Insgesamt sind an dem Angriff 244 Maschinen beteiligt. Die Hälfte der Maschinen sollen die strategisch wichtigen Bahnanlagen der Stadt zerstören, die andere Hälfte Gießen selbst.

Die 5th Bomber Group wird auf die Innenstadt angesetzt. Drei Monate später sollte diese Elitetruppe Dresden zerstören. „Todesflotte“ wird man sie nach dem Krieg nennen. 17:00 Uhr, Waddington, Ost-England: Von hier aus starten die Bomber. Der vorläufige Angriffstermin ist auf 19:45 Uhr angesetzt. Aber die 5th Bombergroup ist nicht die einzige, die sich in diesem Moment startbereit macht. Insgesamt starten über tausend Bomber, die Ziele in ganz Deutschland angreifen werden. Über der Landschaft liegt ein einziges Brummen.

Gießen, 19:30 Uhr: Zum Abend hin ist das Wetter aufgeklart. Der Familienvater Ernst Baums freut sich auf das Abendbrot. Er lebt mit seiner Frau Dorothea und zwei Söhnen am Günthersgraben. Diesen Nikolaus sind die roten Pappstiefel für die Kinder nur spärlich mit Süßigkeiten gefüllt. Über die kleinen Bescherungen freut man sich nach 5 Jahren Krieg dennoch. Baums schenkt sich gerade sein Bier ein, als der Alarm losdröhnt. Kaum alarmiert, begibt sich die Familie in den Luftschutzbunker im Nachbarhaus. Der Alarm gehörte mittlerweile zum Alltag. Oft gibt es schnell Entwarnung – Die Bomber überfliegen die Stadt lediglich. Tatsächlich ertönt auch heute eine Viertelstunde später die Entwarnung. Die meisten Bewohner verlassen ihre Schutzräume.

20:08 Uhr: Die 17 jährige Renate Werner lauscht gerade mit ihrer Mutter dem Volksempfänger. Der meldet: „Feindflugzeuge nehmen Kurs von Frankfurt aus nach Norden.“

Das junge Mädchen und die Mutter schauen sich einen Moment wie versteinert an. Dieses Mal musste es tatsächlich Gießen sein. Einen Moment bevor Mutter und Tochter in den Keller stürzen, starrt Renate nach draußen. Am Himmel erscheinen grelle Lichter, die langsam zu Boden sinken. In Hausen, in Rödgen, in Kinzenbach und in Lützelinden.Die britischen Pfadfinder-Flieger zeichnen einen Kreis aus Licht um Gießen herum und ziehen davon ausgehend eine Linie aus Christbäumen entgegen der Angriffsrichtung der herannahenden Bomber, um den letzten Wegabschnitt zu markieren. Kaskaden aus roten, grünen und gelben Lichttrauben sinken auf die Stadt herab, die der Vernichtung preisgegeben ist.

„Jetzt wird es ernst.“, weiß auch Ernst Baums. Das unablässige Geräusch der Sirenen mischt sich mit dem mächtigen Brummen von hunderten Flugzeugen, die aus dem Süden auf die Stadt zufliegen. „Wir gehen in den Poppe Keller“, legt Vater Ernst Baums fest. „ Ich habe so ein komisches Gefühl.“ Nur der elfjährige Dietrich sträubt sich gegen das Vorhaben, als ahne er alles Kommende.

Die Idee im Poppe-Keller Schutz zu suchen haben zum gleichen Zeitpunkt viele Gießener. Die Gummifabrik der Familie Poppe beherbergt eine ausgedehnte Kelleranlage. Vier bis fünf Meter Erdschicht trennen die Kellerdecke von der Oberfläche. Oben wachsen Bäume und erwecken den Eindruck einer perfekten Tarnung. Mehrmals warnten die Behörden bereits vor der vermeintlichen Sicherheit, die der Keller bietet. Ein Volltreffer muss die Deckenkonstruktion zwangsläufig eindrücken. Aber als der Vollalarm ausbricht sind diese Bedenken vergessen. Etwa 100 Gießener fliehen panisch vor Angst in den Poppe Keller wie so oft zuvor. Die Firma Poppe produziert Reifen für die Wehrmacht und ist ausdrückliches Ziel der alleierten Bomber. Der Keller, der den Verängstigten Schutz biete soll, ist an diesem Nikolausfest ihr Sarg.

Als die Christbäume hoch am Himmel stehen, sucht auch die Familie des siebenjährigen Bernhard Höpfners, Schutz in ihrem selbst gebauten Bunker. Er fasst nun 35 Personen, auch denjenigen, die den Bau Jahre zuvor, für sinnlos hielten. Die Lahn führt zu diesem Zeitpunkt Hochwasser und bald plätschert kaltes Wasser in den Schutzraum. Die Schutzsuchenden harren aus.

250 Maschinen, mit je 1600 PS, fliegen in diesem Moment ihr Ziel an. Über Gießen liegt ein markerschütterndes Heulen. Dann fallen die ersten Sprengbomben. Die Illusion der Stadtbewohner, dass ihre Heimat nicht Ziel eines Großangriffs sein könnte, zerbirst unter Detonationsdonner und nicht mehr abreißendem Geschrei. Das Pfeifen von zahllosen Bomben gleicht kreischenden Böen. Erst liegen die Detonationen weiter entfernt, dann wandern die Einschläge in rasendem Tempo – wie mit dem Lineal gezogen – in Richtung Stadtmitte.

Aus der sterbenden Stadt schießt den Angreifern trommelndes Flakfeuer entgegen.
Über Gießen werden zum ersten Mal sogenannte „Blockbuster“ (Wohnblockknacker) abgeworfen, Sprengsätze die mehr als 2000 Kg wiegen. Dampfloks werden durch die Sprengkraft aus den Gleisen gehoben und mehr als hundert Meter weit geschleudert.
Nicht nur in den Straßen der Stadt, auch unterhalb Gießens bricht jetzt die Hölle los. Durch den Druck der Bomben werden Menschen in den Kellern teilweise an die Decke gewirbelt. Wer noch klar denken kann, versucht den Mund offen zu halten, um zu verhindern, dass der entsetzliche Drucke die Lunge zerreißt. Das Zischen der abgeworfenen Bomben wird immer schriller und steigert sich bis zur Unerträglichkeit. Langgezogenes Pfeifen wechselt sich mit dumpfen Donnerschlägen ab.

In einem der Luftschutzräume der Stadt, in der die Bevölkerung um ihr Leben bangt, fragt ein Kleinkind seine Mutter: „Mama, is das der Nikolaus?“„ Es wird die Zeit kommen, da Feuer und Schwefel vom Himmel fallen werde.“ 20:12 Uhr über Gießen: In einem kamikazeartigen Angriff stürzen sich eine handvoll deutsche Nachtjäger mit fast leeren Tanks auf die alleierte Armada. Zahlreiche Brände und die Christbäume beleuchten eine Wolkenschicht aus Dunst über der Stadt. Piloten nennen das Phänomen „Leichentuch“ Aus der Sicht eines Piloten ist Gießen ein einziger Farbschmelztiegel aus farbigen Leuchkaskaden der Christbäume und dem roten Glühen der Brände.

Über der Stadt entbrennt ein heftiger Luftkampf. Willi Brüseke, einem 22 jährigen Bordschütze, gelingt es eine britische Lancaster abzuschießen. Wenige Minuten später werden zwei weitere Bomber abgeschossen, bevor die Nachtjäger selbst notlanden müssen. Aber was bedeuten drei Abschüsse wenn über der Stadt hunderte Maschinen, über Deutschland mehr als tausend Bomber ihr blutiges Regiment verrichten?

20:14 Uhr: Als über Gießen der Luftkampf entbrennt und Flakfeuer aus der brennenden Stadt in den Himmel schießt, beobachtet Carl Bourcade aus einer Kaserne in Wetzlar, was geschieht. Bourcade ist 45 Jahre und dient gezwungenermaßen im Volkssturm – Greise und halbe Kinder sind das letzte Aufgebot des Dritten Reiches. Schmerzlich wird ihm bewusst, dass sich seine Angehörigen in der Stadt befinden. Seine Mutter, seine Schwester, seine gesamte Familie. Wenn noch in Wetzlar Fensterscheiben splitterten, was musste Gießen gerade wohl durchstehen? Über der Stadt brennt der Himmel glutrot, die Luft bebt unnatürlich. Unweigerlich muss Bourcade an die Offenbarung des Johannes denken:“ Es wird die Zeit kommen, da Feuer und Schwefel vom Himmel fallen werde.“ Carl Bourcade hält es nicht aus. Trotz des Infernos, was über die Stadt hereingebrochen war, beschließt er:“ Ich muss nach Gießen. Ich muss meine Angehörigen retten. Mit einem Freund tritt er einen Eilmarsch an, der Stadt entgegen.

„Gleich stürzt das Haus auf dich. Gleich stürzt das Haus auf dich.“ Elisabeth Lenz kann nur diesen einen Gedanken fassen, während sie zusammen mit ihren Kindern und ihrer Tante auf dem Kellerboden sitzt. Elisabeths Mann ist schon lange in Russland vermisst. Gefährlich wankt und bebt ihr Fachwerkhaus über ihnen. Ein weiteres Geräusch mischt sich unter das Pfeifen und Poltern der Einschläge. Es klingt wie… Regen? Ein starker Platzregen. Fast so als fielen Kieselsteine aus großer Höhe auf den Boden? Lenz bleibt keine Zeit mehr um sich zu fragen, was draußen geschieht. Mit einem Mal füllt sich der Keller rasend schnell mit Wasser. Irgendwo in der Nähe muss ein Wasserrohr beschädigt worden sein. Elisabeth ist als Mutter ihrer Kinder gezwungen sich zu entscheiden, entweder im Keller zu ertrinken, oder sich nach oben in die Flammen zu wagen. Schließlich treibt der rasant anwachsende Wasserpegel die Familie aus dem Keller an die Oberfläche.

Massengrab Poppe-Keller

Im Poppe-Keller hofft man immer noch ein sicheren Platz gefunden zu haben. Gedämpft hört man die Abfolge von Pfeifen und Einschlag. Auch Ernst Baums vernimmt ein stetiges Prasseln, fast so als würde es stark regnen. Gab es während des Bombardements einen Wolkenbruch? Im nächsten Augenblick sind die Einschläge nicht mehr fern, sondern scheinen mitten über den Köpfen der Menschen zu detonieren. Das Licht erlischt. Panik bricht aus. Geschrei und Heulen in völliger Dunkelheit. Irgendwoher erklingt eine unschuldige Kinderstimme, die das Vater Unser murmelt. Wieder und wieder, gleich einer nicht mehr endenden Litanei.

Die Wände schwanken, die Decke des Gewölbes beginnt zu knirschen. Für einen Moment herrscht trügerische Stille. Aber jeder weiß: Solang man das Pfeifen einer Bombe hört, trifft sie einen nicht selbst. Den Gedanken können die Menschen nicht mehr zu Ende denken. Eine ungeheure Detonation zerschlägt die Gewölbedecke. Ernst Baum, der in seiner Unruhe von den Bänken aufgestanden war, wird in die Dunkelheit geschleudert. Splitter schlagen ihm ins Gesicht. Als er die Augen öffnet, kann er den Himmel sehen. Durch ein Loch in einer Ecke des Bunkers dringt ein glutroter Schein. Aber der Riss im Gewölbe wächst mit jeder Sekunde, wandert und verästelt sich über die Wände, gleich einer Eisschicht, auf der plötzlich Gewicht lastet. Mehr und mehr gibt die Bunkerdecke nach, zentnerweiße rutschen Erdmassen in den vermeintlichen Schutzraum und begraben die Insassen. Dann hat die Realität Ernst Baums wieder. Er hört das Geschrei seiner Kinder, er hört seine Frau Dorothea. Immer noch benommen reißt er seine Söhne und seine Frau an sich und zerrt sie in Richtung Ausgang. Tiefrotes Licht durchdringt langsam die Staubschwaden und gibt dem Grauen ein Gesicht. Auf den Bänken, von denen er sich aus Unruhe erhoben hatte, sitzen immer noch dutzende Menschen. Frauen, Kinder, Greise, Familien, ein Pärchen das Händchen hält. Ihre Köpfe hängen regungslos auf der Brust. Der enorme Druck hat ihnen die Lungen zerrissen.

Nicht nur im Poppe-Keller sterben Menschen auf die grausamste Weise. Durch die tausend Grad heißen Trümmer, die über den Kellern lasten, erleiden viele Hitzeschläge. Wenn Heißwasserleitungen brechen, ertrinken die Menschen in kochendem Wasser und werden regelrecht mumifiziert. Von 800 Toten in ganz Gießen, sterben allein im Poppe-Keller 100 Menschen. Ernst Baums zerrt als einer der wenigen Überlebenden seine Familie aus dem Massengrab.

Flucht aus den Flammen

Im Luftschutzbunker der Familie Höpfner durchschlägt eine Bombe die Decke. Rauchentwicklung setzt ein. Panisch schiebt sich die Masse der Insassen in Richtung Ausgang. Doch dort stehen ausländische Zwangsarbeiter, die sich unter keinen Umständen ins Freie drängen lassen wollen. In der Angst im Rauch zu ersticken, erzwingt man schließlich den Ausbruch aus dem Bunker mit Gewalt. Das Fachwerkhaus der Höpfner brennt aus allen Ecken.

Gleichzeitig verlassen Hunderte und Tausende Menschen ihre Schutzräume und wollen nur noch Eins: Raus aus den Flammen. Raus aus Gießen. Nach Heuchelheim, nach Wetzlar, zu Verwandten in anderen Nachbarsorten. Hauptsache raus aus den Bränden. Elisabeth Lenz und Ernst Baums bemerken, was das seltsame Prasseln erzeugt hat. Kein Regen fiel vom Himmel, sondern kübelweise Stabbrandbomben. Auf einem Quadratmeter liegen jetzt fast acht Brandbomben. Teilweise stecken die Stäbe senkrecht im Boden und brennen in blauen Flammen herunter. Es sind zu viele, als dass sie von den Bewohnern gelöscht werden oder mit Schneeschaufeln aus den Dachböden entfernt werden könnten. Ein brennender Hagel geht über Gießen nieder und sorgt dafür das Haus um Haus, Stockwerk um Stockwerk niederbrennt.

Bevor Elisabeth Lenz ihren Schutzkeller betreten hatte, war die Landschaft in vorweihnachtliches, unschuldiges Weiß des ersten Schnees getüncht gewesen. Als sie und die Kinder den Keller wieder verlassen hatten, um nicht zu ertrinken, gleicht Gießen einer erdfarbenen, brennenden Mondlandschaft. Fast wellenartig ziehen sich Trümmerhaufen und Bombenkrater wie Berg und Tal durch die Straßen. Stromkabel hängen von zerfetzten Leitungen herab und blitzen bedrohlich.

20:25 Uhr: Carl Bourcade und sein Begleiter Paul Grobe nähern sich Gießen. Das Duo erntet verwunderte Blicke. Tausende verlassen die Stadt, aber niemand will hinein. Die zwei Männer überqueren die Lahnbrücke und glauben auf eine Geisterstadt zuzulaufen. Keine Menschenseele ist zu sehen oder zu hören, nur das Prasseln von endlos vielen Bränden. Hitzewellen blasen ins Gesicht, versengen Haare und reizen die Augen. Umso näher man der Stadt rückt, desto schwerer fällt das Atmen. Dann bekommt keiner der beiden mehr Luft. Bourcade und Paul Grobe gehen nun gebückt. In Bodennähe scheint Atmen noch gerade so möglich. So schreiten die zwei Männer geducktweiter.

Gießen gefangen im Feuersturm

Für den Sauerstoffmangel verantwortlich: ein Feuersturm, der im mittelalterlichen Herzen der schwergeprüften Stadt entsteht . Ein chemisches und physikalisches Phänomen, in dem die meisten deutschen Städte versinken. Aber das Entfachen eines Feuersturms ist das Ergebnis penibler Planung. Die Naturgewalt ist von Menschenhand geschaffen. Jahrelang in Groß-Britannien an kleinen Modellen erprobt, avancierte der Feuersturm zum neuen Evangelium des „Moral Bombing“ und wird auf ganze Städte angewendet.

Wie jedes Flächenbombardement folgte auch der Angriff auf Gießen einem geplantem Ablauf. Zuerst werden Sprengbomben abgeworfen, um die Dächer abzudecken und die Türen und Fenster zu zerstören. Meist werden hierbei Wasserleitungen beschädigt, sodass der Druck im Hydrantensystem herabsank. Löscharbeiten werden der Feuerwehr so praktisch unmöglich gemacht. Erst dann fallen die Brandbomben, die den Großteil der Bombenlast stellten. Die Stabbrandbomben fallen in den freigelegten Wohnraum und setzen sich im Gebälk und Möbeln fest. Der Trümmerhaufen entzündet sich.

Auch meteorologische Aspekte werden bei den Angriffsvorbereitungen berücksichtigt. Luftangriffe erfolgten meist mit deutlichem Abstand zum Sonnenuntergang. Während des Tages steigt warme Luft empor, während kalte Luftmassen zum Boden sinken. Diese dient den Bränden als Nahrung. Zahlreiche Brände fressen sich in diesem Moment durch die engen, winkeligen Gassen Gießens und die Grünanlagen der Stadt, schneiden Fluchtwege ab und treiben die Menschen, die noch nicht geflohen sind, spätestens jetzt in die Keller. Bald schließen sich einzelne Brandherde im Stadtkern einem zu Großbrand zusammen.

Durch die Hitzeentwicklung entsteht ein Kamineffekt: Massenhaft aufsteigende Heißluft erzeugt eine Sogwirkung, die wiederum die abgesunkene Frischluft an das Epizentrum des Brandherdes heranzieht. Umso heißer der Brandherd, desto größer die Sogwirkung. Der Feuersturm, entwickelt ein tödliches Eigenleben und beschafft sich in diesem ausgewachsenen Stadium seine Nahrung selbst. Die Windgeschwindigkeiten der angezogenen Luft, können bis zu 100 km/h betragen. Fliehende werden von den Beinen gerissen, oder in Richtung des Brandherdes gezogen. Der Spuk endet erst, wenn kein Sauerstoff mehr den Brand anfachen kann. Die meisten Menschen ersticken in ihren Kellern. Wer sich rechtzeitig aus den Bunkern befreien kann, versucht durch die Straßen zu entkommen. Doch selbst der Asphalt scheint sich zu entzünden und brennt lichterloh. In Wirklichkeit ist es das Phosphorgemisch, aus den Stabbrandbomben. Der brennende, mit Kautschukgelantine versetzte Phosphor bleibt an Allem kleben, was hindurch läuft. Wer damit in Berührung kommt, erleidet meist Verbrennungen dritten Grades, häufig bis auf die Knochen. Mit Wasser lässt sich das Element nicht löschen. Springt man in einen Fluss erlischt das Feuer, verlässt man das Wasser jedoch, entzünden sich die Flammen am Körper erneut.

Exodus

20:40 Uhr: Der Motorendonner der Bomber endet. Die Bevölkerung, die noch nicht geflohen ist, verlässt die Keller und versucht zu retten was zu retten ist. Alt und Jung schmeißen Stabbrandbomben aus den Dachböden auf die Straße. Die meisten müssen den Kampf gegen das Feuer aufgeben und fliehen. Nur einige wenige Häuser gehen inmitten der Feuersbrunst wie durch ein Wunder nicht in Flammen auf. Renate Werner steigt mit ihrer Mutter auf den Dachboden, der mit Sand bestreut ist. Hier hatte der Phosphor keine Chance gehabt. Durch ein Loch können beide nach draußen schauen. Sie sehen rußgeschwärzte Bäume, eingebrochene Gebäude und die Burg Gleiberg, als ferne pechschwarze Silhouette. Jede Kontur zeichnet sich scharf von einem glutroten Himmel ab. Wie ein brennendes Band fließt Phosphor durch die Straßen. Renate Werner sieht das Ende des alten Gießens. Inmitten des Flammenmeeres streckt sich der Stadtkirchenturm als brennende Fackel dem Himmel entgegen. Dann sackt der obere Teil der Prachtbaute zur Seite weg. Beim Fallen gibt das Geläut der Kirche einen letzten, mächtigen Gong. Die Mutter nimmt Renate Werner in den Arm und sagt: „So muss Rom ausgesehen haben, als Nero es ansteckte. Vergiss das nie, mein Kind, was heute geschieht.“

Elisabeth Lenz eilt in diesem Moment zu ihrem Elternhaus in der Wetzlarer Straße. Orkanartige Böen peitschen Funkenströme durch die Straßen. Ein kreischender Wind zerrt an ihrem Körper. Es riecht nach Magnesium und Rauch. Wie von Geisterhand öffnen und schließen sich die Türen brennender Gebäude. Vergeblich versucht die Feuerwehr den Bränden Herr zu werden. Zwei alte Damen nörgeln über die Löscharbeiten. „Der Führer richtet das nach dem Krieg alles wieder auf.“ Immer wieder detonieren vermeintliche Blindgänger zwischen Menschenmassen.

Gezielt hatten die alleierten Bomber Zeitzünder am Stadtrand abgeworfen. Für alle Menschen, die vom Stadtkern fliehen, werden diese zur tödlichen Falle. Die Tante von Elisabeth Lentz erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird in eine Klinik gebracht. Nach einem Bombeneinschlag, hatte sie ihre Arme in die Luft gerissen und war in der Bewegung erstarrt. Auf halbem Weg zur Wetzlarer Straße kommt der ukrainische Fremdarbeiter Michel Duda Elisabeth Lenz entgegen und schreit weinerlich:“ Mama, Papa, alle tot.“ Elisabeth Lenz bricht vom Schmerz betäubt in sich zusammen. Ihre beiden Eltern, eine Schwester, zwei Tanten und deren Kinder waren tot. Sie reihen sich ein in die 800 Opfer des Angriffs. In den Kellern und Bunkern der Stadt sterben an diesem 6. Dezember 1944 ganze Generationen aus.

Doch in der Nacht des Nikolausfests geschehen auch Wunder. Carl Bourcade findet das Haus seiner Angehörigen eingestürzt und brennend vor. Später findet er seine Mutter und Schwester unter einer Bahnüberführung, unter der sie Schutz gefunden hatten. Ein vermisster Dackel, namens Murckel, schafft es wie durch ein Wunder, durch die brennende Stadt, einen Weg zu seinem Frauchen zu finden. Im Haus der Familie Karl H. Riexinger durchschlägt eine Bombe mehrere Etagen und das Erdgeschoss, sodass der Kopf der Bombe durch die Decke des Kellers ragt, in dem die Familie erschrocken aufstarrt. Die Bombe ist ein Blindgänger.

Am nächsten Morgen existiert das alte Gießen nicht mehr. 33 Minuten hatten genügt, um mehr als zwei Drittel der Stadt zu zerstören. Schienen stehen senkrecht und hufeisenförmig verbogen meterhoch in die Luft. Noch Tage später detonieren Luftminen mit Zeitzünder. Bald setzt bittere Kälte ein. Noch nicht geborgene Tote frieren zusammen und haften an den Trümmerhaufen fest. In den folgenden Tagen hört man immer wieder das Schreien und Wehklagen von den Überlebenden, die ihre Angehörige tot aus den Trümmern bergen. Viele sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Am 7. Dezember gibt das Oberkommando der Wehrmacht bekannt: „In den Abendstunden führten britische Bomber einen Terrorangriff auf Osnabrück. Außerdem wurden Gießen und das mitteldeutsche Gebiet angegriffen.“ Das Martyrium der Bevölkerung wird nicht erwähnt.

Am 11. Dezember fliegt die US-Flotte einen letzten Großangriff auf Gießen. Die Trauerfeier von Elisabeth Lenz Angehörigen wird durch den Alarm unterbrochen. Wirklichen Abschied kann sie keinen nehmen. Während die Bomben pfeifen, liegt Elisabeth Lenz weinend zwischen den Gräbern und wünscht sich den Tod.

Der Angriff vom 11. Dezember ist reiner Overkill. Denn Gießen ist bereits tot. Physisch, aber auch moralisch. Das Ziel von Arthur Harris Ziel „den Deutschen die Seele aus dem Leib zu schlagen“, scheint erfüllt. In der Diezstraße am Gestapoquartier beobachtet die jugendliche Margarte Heep, wie ein Gestapo-Mann nach der Bombardierung einen marokkanischen, dunkelhäutigen Gefangenen vor sich her treibt. Eine alte Frau schreit tobend: „Schieß ihn tot, schieß ihn tot!“ Sie hält den Mann für einen abgesprungenen amerikanischen Flieger. Der Marokkaner wird mit einem Genickschuss hingerichtet. Der leblose Körper fällt hörbar auf einen Haufen Ziegel. Die Frau, die eben noch wütend den Tod des Mannes gefordert hatte, wirft sich heulend auf den Asphalt, reißt sich selbst an den Haaren und schlägt immer wieder auf den Boden ein. „Das wollte ich nicht, das wollte ich nicht“, brüllt sie. „Auf diese Weise ist der gesamte Erdball vereint.“, spricht eine erschütterte Anwohnerin.Für Gießen endet der Krieg erst am 27. März mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen. Bis dahin war aus der ausgebombte Bevölkerung eine Schicksalsgemeinschaft geworden. Bomben machten keinen Unterschied zwischen Greis und Kind, Arbeiter und Akademiker, Mann und Frau, Nazi-Bonzen oder Widerständler und so half jeder jedem. Dieses Phänomen bewies den Denkfehler des „Moral Bombing“ von Arthur Harris. Man konnte ein Volk nicht für sich gewinnen, indem man hunderttausende tötete, Millionen heimatlos machte und Jahrhunderte alte Kulturdenkmäler in Schutt und Asche legte. Zu Beginn des Krieges hatten die Deutschen durch die Bombardierung von London und Coventry die Briten nicht zur Kapitulation bringen können. Stattdessen hatten die Luftangriffe dem englischen Volk „Blut, Schweiß und Tränen“ abgefordert und dazu motiviert den Krieg gegen Hitler fortzusetzen. Das was in Groß-Britannien gescheitert war, funktionierte Jahre später auch nicht mit Nazi-Deutschland. Durch die Bombardierung kam es nicht wie im November 1918 zu einem Aufstand, sondern zur Solidarisierung des Volkes mit dem NS-Regime. Nie rückte die vielfach propagierte „Volksgemeinschaft“ der Realität näher, als während der Zerstörung deutscher Städte. Damit hatte das „Moral Bombing“ das Gegenteil seines Ziels erreicht. Die Deutschen wurden durch die Bombardierungen nicht demoralisiert, sondern fanatisiert. Und so folgte das deutsche Volk mehrheitlich seinem Führer Adolf Hitler in den totalen Zusammenbruch. Eine Lehre die nie wieder vergessen werden sollte.

Sie war einmal schön, meine Stadt. Mit alten Fachwerkhäusern,
Schmalen Straßen und engen Gassen, Voller Geborgenheit
Und pulsierendem Leben.Was hat man aus dir gemacht!

Margot Graef, 1979 

Eine Reportage von Daniele Castello

image_pdfimage_print
Facebooktwittergoogle_plusmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.