Die Obdachlosen von Phnom Penh

KambodschaKambodscha. In einem der ärmsten Länder der Welt, das von seiner Geschichte noch tief verwundet ist, werden die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft immer wieder das Ziel von Gewalt und Diskriminierung. Eine unbeachtete Geschichte.

Es ist ein heißer Nachmittag im Januar in den Straßen Phnom Penhs. David sitzt samt seines ganzen Hab und Guts auf dem Gehweg der Preah Ang Eng Street, in der Nähe des National Museums. Er denkt an seine Kinder. Was diese jetzt wohl machen? Wo sie grade sind? Ob sie ihn vermissen…

Kambodscha 1

Das berühmte National Museum in Phnom Penh. David schläft nur wenige Meter entfernt.

Zwei Westler laufen an ihm vorbei, ein Junge und ein Mädchen. Er spricht sie an und lädt sie dazu ein sich auf den Teppich zu ihm zu setzen. Sein Englisch liegt weit über dem kambodschanischen Durchschnitt und hat einen leichten amerikanischen Akzent. Das liege daran, dass er fünfzehn Jahre in den USA gelebt hätte, erzählt er ihnen. Mit Unglauben schauen die beiden ihn an. Doch dann zeigt er ihnen seinen amerikanischen Führerschein. Soeun Khom ist sein richtiger Name.

Als junger Migrant in den Staaten gründete er eine Familie mit drei Kindern, ein Junge und zwei Mädchen. Es war schwierig ihnen das Leben zu ermöglichen das sie verdienten und bald geriet David in eine Bande. Er wurde kriminell, seine genauen Delikte bleiben sein Geheimnis, jedoch führten sie dazu, dass er aus den USA ausgewiesen und zurück nach Kambodscha geschickt wurde. Seitdem hat er wegen des Einreiseverbots seine Kinder nicht mehr gesehen.

Es ist ein hartes Leben, dass er nun führt. Ein paar Decken und ein Sack voll Sachen, das ist alles was David heute besitzt. Manchmal kommt die Polizei spät nachts und „räumt“ die Obdachlosen von der Straße. Dann werden ihnen alle ihre Besitztümer weggenommen und sie werden in Camps gebracht. „Boot Camps“ bezeichnet sie David. Erst vor zwei Wochen sei ihm das widerfahren, doch er hatte Glück und konnte aus dem Camp fliehen. Dabei verletzte er sich am Fuß und nun ist dieser dick angeschwollen. Er hat Schmerzen beim laufen, doch Geld für eine Salbe oder Medizin besitzt er nicht.

Kambodschas Trauma

Als 1975 der kommunistische Diktator Pol Pot und seine Roten Khmer an die Macht kamen, begann das wohl dunkelste Kapitel der kambodschanischen Geschichte. Innerhalb von nur vier Jahren wurde etwa ein Viertel der Bevölkerung ausgelöscht. Es war ein Genozid roher Gewalt von dem beinahe jede Familie betroffen war. Die Roten Khmer hatten es besonders auf die intellektuelle Elite abgesehen.Wer sich  weigerte als Bauer auf dem Land zu leben, fand ein grausames Ende auf den Killing Fields. Wer sich des Verrats verdächtig machte, wurde im Tuol Sleng Gefängnis in Phnom Penh zu Todegefoltert.

Aus den Massengräbern der Killing Fields geborgene Schädel.

Aus den Massengräbern der Killing Fields geborgene
Schädel.

Pol Pot wollte die Uhr tausend Jahre zurück drehen, zur goldenen Zeit Angkors. Seine   Truppen zerstörten jedes Anzeichen von Modernisierung in dem Land, was dazu führte,  dass die Wirtschaft innerhalb kürzester Zeit beinahe komplett einbrach. Kambodscha hat sich von dieser Vergangenheit bis dato nicht erholt. Das ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass der von der regierenden Partei Cambodian Peoples Party gestellte Premier Minister Hun Sen ein ehemaliger Kommandeur der Roten Khmer ist.

Heute ist Kambodscha eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Etwa 40 Prozent der 15 Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Allein in der Hauptstadt Phnom Penh leben mehr als 180 000 Menschen in so genannten informal settlements und etwa 20 000 Kinder, die Meisten davon Waisen, leben auf der Straße. Nicht selten werden diese schutzlosen Kinder zu Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Denn Sextourismus ist ein großes Geschäft in dem kleinen Süd-Ostasiatischen Land und ohne Fahndung fürchten zu müssen, kommt so mancher Westler genau für diese Kinder nach Phnom Penh.

Kaum Mitgefühl

Obwohl sich in den letzten zwei Jahrzehnten bereits viel verbessert hat (die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 40 auf 70 Jahre gestiegen), nicht zuletzt wegen des Touristen-Booms den das ehemalige Angkor Königreich seit wenigen Jahren erfährt, steht Kambodscha immer wieder in der Kritik von Menschenrechtsorganisationen. Vor allem der politische und gesellschaftliche Umgang mit Kranken und Schwachen lässt sehr zu wünschen übrig. In dem Land in dem man sich im Falle eines medizinischen Notfalls ernsthaft überlegen sollte nicht lieber schnell nach Thailand rüber zu reisen als sich in einem der hiesigen „Krankenhäuser“ vielleicht noch etwas Schlimmeres einzufangen, herrscht nur sehr bedingt Mitgefühl für die geschätzt jährlich 800 von Landminen verstümmelten Mitbürger. Das liegt an dem extrem weit verbreitetem Buddhismus und dem damit verbundenem Karma-Glauben. “Man bekommt was man verdient”, so denken hier viele. Ist ein Mensch also geistig Behindert, verkrüppelt oder obdachlos, dann ist er selbst daran schuld, weil er in seinem vorherigen Leben Schlechtes vollbracht hat und jetzt dafür bestraft wird.

So wird auch David oft von Leuten behandelt, respektlos, als wäre er ein schlechter Mensch. Deswegen redet er gerne mit Touristen, die denken anders.

Staatliche Folter

Die Boot Camps von denen David seinen neuen Freunden erzählt werden von offizieller Seite als Opportunity Centers bezeichnet und stehen immer wieder international in der Kritik. Die kambodschanische Regierung behauptet die Center dienen der Behandlung und Rehabilitierung von Drogenabhängigen. Doch in Wahrheit werden, besonders während öffentlichen Events und staatlichen Feierlichkeiten, Müllsammler, psychisch Kranke und Obdachlose (unter ihnen sogar Kleinkinder) von den Phnom Penh Sicherheitsbeamten gegen ihren Willen in diese Center gebracht. Dort gibt es dann nicht genug Nahrung und kein sauberes Wasser. Berichten zufolge geben die Center in der Regel nicht einmal 50 USD Cents pro Tag für die Verpflegung der Insassen aus. Noch viel skandalöser sind jedoch Berichte über Missbrauch und Folter, die Journalisten regelmäßig erreichen. Ehemalige Insassen erzählen, oft unter Tränen, von Schlägen mit Bambusstöcken. Sie werden behandelt wie Tiere, sagen sie.

Laut Human Rights Watch befinden sich etwa 2 000 Kambodschaner in diesen Center, die unter anderem Elektroschocks, Peitschenhiebe, Zwangsarbeit und militärartigen Drills ausgesetzt sind.

Aufeinander aufpassen

Eine Hauptstraße in Phnom Penh

Eine Hauptstraße in Phnom Penh

David ist stolz darauf, dass er aus eigener Kraft aus dem  so genannten Center hatte fliehen können und nicht wie seine Partnerin hatte warten müssen bis sie sie wieder frei ließen. Sie nähert sich langsam und kraftlos der kleinen Runde und legt sich in Fötus-Haltung auf den Teppich. David deckt sie sofort fürsorglich mit einer Decke zu,trotz 35 Grad im Schatten. Ich hab mir so Sorgen um sie gemacht.“ sagt er in seinem makellosen Englisch. „Wir kennen uns jetzt schon eine Weile und passen aufeinander auf. Manchmal bleibe ich nachts wach um sicher zu gehen, dass ihr nichts passiert. Wir achten hier alle aufeinander. Jeder hat Angst, dass   nachts die Polizei kommt und uns mitnehmen will.“ Seine magere Freundin zittert unter ihrer Decke und atmet schwer.

David legt beruhigend seine Hand auf ihre Schulter und streichelt sie während er den zwei jungen Westlern weiter seine Geschichte erzählt. Als er auf seine Familie zu sprechen kommt, steigen ihm Tränen in die Augen. Er hat den Kontakt zu seinen Kindern schon vor langer Zeit verloren. Er besitzt kein Telefon, keinen Computer und schlimmer noch: Er zweifelt daran, ob seine mittlerweile erwachsenen Kinder überhaupt Kontakt mit ihm wollen würden. „Ich liebe sie so sehr und vermisse sie jeden Tag. Manchmal frage ich mich ob sie ihren Dad auch vermissen. Ich weiß, dass alles meine Schuld ist und ich sie so oft enttäuscht habe.“ erzählt er und wird dabei immer trauriger. Er fängt an zu schluchzen und wischt sich seine großen, tief schwarzen Augen mit einem Tuch trocken. Nichts würde er sich mehr wünschen als sie zu sehen.

Seine Hoffnung ist, dass sie ihn eines Tages Vergeben und nach Kambodscha kommen um ihn zu besuchen. Er wird hier auf sie warten. Zwei Freunde von David stoßen zu der kleinen Runde dazu. Sie haben Selbst-gebrannten dabei und David packt Gläser aus. „Erweist ihr uns die Ehre?“ fragt er während sein Freund bereits einschenkt. Mit großem Respekt vor diesem bemerkenswerten Mann heben die zwei Westler ihre Gläser hoch und kippen den Schnaps runter.

Auf David.

 

Bericht und Fotos von Isabella Pianto

 

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