Die letzten Minuten in Russland

Als die Nationalelf in die Kazan-Arena einläuft, jubeln im rund 800 Kilometer entfernten Moskau die Fans. Mit anfeuernden “Deutschland” rufen, verfolgen tausende das Spiel auf dem Fifa Fan Festival, dem offiziellen Public Viewing des internationalen Fußballverbandes. Auf der Fanmeile im Schatten der Lomonosov Universität, einem Wolkenkratzer aus der Stalinzeit, drängen sich bis zu 25 000 Fußballenthusiasten, vor den dutzenden Bildschirmen auf denen jedes Spiel Live übertragen wird.

Dabei scheinen die Organisatoren bereits im Voraus zu wissen, was sie von Jogi und seiner Mannschaft zu halten haben. Die letzte Chance der Deutschen zur Qualifikation für das Achtelfinale, wird auf nur einem, der vielen TV- Bildschirme übertragen. Während die Hauptbühne der Fanmeile im grün der mexikanischen Fans und den gelb-blauen Trikots der Schweden, unter der brennenden Sonne schillert, sind die Fans mit den deutschen Fahnen in eine Ecke verbannt.

Die Fußballbegeisterten zwängen sich durch Ziersträucher und versuchten vorbei an den Bäumen, die vor dem Bildschirm stehen, einen Blick auf das historische Debakel der Deutschen in Kazan, zu erhaschen. Während 50 Meter weiter die Schweden ihren Sieg besingen, stehen die Fans der deutschen Mannschaft schweigend in ihrer Ecke, die wenigen koreanischen Fans können ihr Glück aber kaum fassen, bei jedem Schuss auf das deutsche Tor springen die Fans auf. Bis zuletzt sind die Nerven auf beiden Seiten gespannt, alle Augen sind auf den Bildschirm geheftet, angespannt umklammern die Fans ihre, mit Bier gefüllten, knallroten Fifa Becher.

Weltmeister Deutschland schafft es nicht sich gegen den Außenseiter Südkorea durchzusetzen, bei den Fans auf der Moskauer Fanmeile war Deutschland aber der klare Favorit, vor allem bei den nichtdeutschen Fans. Vor dem Anpfiff im Kazan war die Unterstützung für die Nationalelf nicht nur auf dem Fifa Fan Festival, sondern auch in den Straßen Moskaus zu spüren. Bereits nach dem knappen Sieg über Schweden zogen Russen, Tunesier und Senegalesen mit deutschen Flaggen durch die Innenstadt. Moskauerinnen überreichten deutschen Gästen Blumen und Fans aus aller Welt umarmten und beglückwünschten die deutschen Besucher.

Bei dem Spiel gegen Südkorea gibt es allerdings nichts zu feiern, trotzdem steht die Moskauer Fangemeinde bei der historischen Niederlage hinter Deutschland. Als Mats Hummels in der 39. Minute nur knapp am gegnerischen Tor vorbeischießt springen die russischen Fans auf und sind kaum noch zu halten “Dutschelant”, rufen die ausländischen Unterstützer, in gebrochenem Deutsch. Doch als H.-M. Son in der 96. Minute, die deutsche Niederlage mit einem Schuss in das Neuer-leere Tor besiegelt, helfen auch die letzten Anfeuerungsrufe nichts mehr. Die Zuschauer können es kaum fassen, einige wischen sich die Tränen aus den Augen, eine Russin packte frustriert ihre Deutschlandfahne ein.

Andere nehmen das deutsche Fußballdebakel locker und gratulieren den Südkoreanern zum Sieg. Es werden noch schnell Selfies mit deutschen und koreanischen Flaggen geschossen, bevor sich die Wege trennen. Dann strömen die kostümierten Fans in Richtung der Metrostation, die gleich neben dem Luschniki Stadion liegt. Der Traum die deutsche Mannschaft dort spielen zu sehen ist geplatzt und triumphierende Fussballgesänge der Schweden und Koreaner und ein immer wieder anschwellendes “Auf Wiedersehen”, begleitet die deutschen Fans, als sich die Zugtüren hinter ihnen schließen.

 

Kim Hornickel