Die Erzählung der Geschichte – Filmemacher Adrian Oeser bei den Stimmen aus der Praxis

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Unter dem Thema „Wer die Geschichte erzählt verändert den Film. Filme mit und ohne Sprechertext im Vergleich“ fand am Dienstag den 20.11. das erste, sehr gut besuchte, Gespräch der Reihe „Stimmen aus der Praxis“ im aktuellen Semester statt. Zu Gast war der Filmemacher Adrian Oeser, der zwei Projekte vorstellte, die im Rahmen seines Studiums an der Filmhochschule Ludwigsburg entstanden sind. In Ludwigsburg studierte Oeser Regie mit dem Schwerpunkt Fernsehjournalismus.

Nach einer kurzen Begrüßung und ein paar Worten zu Oesers Person wurde der erste Film Bag Mohajer – Tasche des Flüchtlings präsentiert. Der etwa 20-minütige Film spielt in Griechenland und zeigt Geflüchtete, die aus angeschwemmten Schlauchbooten und Rettungswesten Taschen nähen und diese Verkaufen. Diese Tätigkeit, eine Aktion, die von einer deutschen Design-Studentin ins Leben gerufen wurde, bedeutet jedoch mehr, als die bloße Sicherung des Lebensunterhalts. Durch sie erhalten die Teilnehmer die Möglichkeit, einen Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes zu verarbeiten. Die hergestellten Produkte erregen Aufmerksamkeit für diese Geschichten und können sie verbreiten.

Oeser begleitet den Entstehungsprozess einer solchen, von Geflüchteten hergestellten, Tasche, beobachtet die Arbeit und führt Interviews. Der der 14-tägige Dreh führte Oeser unter Anderem auf einen „Schiffsfriedhof“, auf dem die gestrandeten Boote und Rettungswesten haufenweise abgelegt werden. An diesem Ort wird das Material für die Taschen gesammelt. „Im Prinzip ist das Diebstahl, denn das gehört alles der Regierung.“, erklärt Oeser später. Diese Tatsache hat sich auch auf den Dreh auf dem „Schiffsfriedhof“ ausgewirkt, bei dem alle beteiligten äußerst angespannt gewesen seien.

Zu diesem Thema lässt Oeser sowohl die Bilder als auch die Protagonisten des Films für sich sprechen – Bag Mohajer hat keinen unterstützenden Sprechertext. Dies habe ihm nach eigener Aussage einige Kritik von seinen Dozenten eingebracht, da zu einem Fernsehformat zwingend ein Sprechertext gehöre.

Im Anschluss an den Film wird im Plenum vor allem die Frage diskutiert, wie stark ein Dokumentarfilmer in das Geschehen eingreifen darf und soll. Oeser betonte in diesem Gespräch den Unterschied zwischen dem Inszenieren einer ganz und gar „künstlichen“ Situation und dem Arrangieren, welches daraus bestehe, „natürliche“ Aktionen gegebenenfalls zu wiederholen oder neu anzuordnen. Letzteres sei für das Filmen eines Dokumentation unerlässlich, während es gelte, eine Inszenierung zu vermeiden.

Im Anschluss an diesen kurzen Austausch zeigte Oeser den in diesem Jahr entstandenen Film: Von Neonazis und Superhelden – Die Kleinstadt Themar und der Rechtsrock. Der Film spielt zum Großteil in der thüringischen Stadt Themar, in der im vergangenen Jahr eine der größten Rechtsrock-Veranstaltungen Deutschlands stattgefunden hat. Oeser kommt mit Bewohnern der Stadt ins Gespräch, um herauszufinden, wie die Veranstaltungen der Rechten das Leben im Ort verändert haben. Dabei interviewt er sowohl Mitglieder eines neu gegründeten Bündnisses gegen die rechten Treffen, als auch deren Veranstalter und Unterstützer.

Bei diesem Film handelte es sich um Oesers Abschlussarbeit, die, anders als Bag Mohajer, mit einem Sprechertext versehen ist. Oeser selbst führt als Sprecher durch den Film, der aus „Vor-Ort-Erfahrungen“ besteht. Für den Dreh, der sich auf Grundlage des aufgenommenen Materials ständig veränderte und Entwickelte, mieteten Oeser und sein Kameramann für drei Wochen eine Wohnung in Themar, dem Schauplatz des Films. Im Verlauf des Films berichtet Oeser als Sprecher auch von seinen Zweifeln und Unsicherheiten im Umgang mit bestimmten Akteuren. Wie er später berichtet sah er es als seine Pflicht an, das Gezeigte – beispielsweise ein Interview mit einem der Veranstalter des Konzerts – auch einzuordnen. Abgesehen von einer zentralen Figur war Oeser im Vorfeld keiner der Akteure die im Film zu Wort kommen persönlich bekannt.

Der mehr als 60 Minuten lange Film wurde von den Besuchern der Veranstaltung überaus positiv angenommen. Eine Besucherin äußerte, dass sie sich „sehr an die Hand genommen gefühlt“ habe, doch das tue dem Film keinen Abbruch. Im anschließenden Gespräch wurden verschiedene Themen angerissen. Fragen nach dem journalistischen und filmischen Umgang mit Akteuren mit rechter Gesinnung erwiesen sich als besonders spannend. Selbstverständlich müsse man als Filmemacher eine professionelle Distanz wahren. Dabei ginge es nicht nur darum, einem Interviewpartner mit zweifelhaften Ansichten gegenüber nicht unfreundlich zu werden, sondern auch um ein Bewusstsein darum, dass das Gegenüber versuchen könnte, den Film und das Interview für sich zu instrumentalisieren. Im Film bemühten sich gerade die Rechten darum, ein bestimmtes, eher einnehmendes Bild ihrer Gemeinschaft zu generieren.

Die Hinweise auf solche Inszenierungen von Seiten der Gesprächspartner waren ein entscheidender Grund, den Sprechertext in eher erzählerischer Weise zu gestalten. Für „reguläre“ Fernsehproduktionen sind Sprechertexte laut Oeser üblicherweise fragmentierter gehalten, was es ihnen ermöglicht, zielgerichteter zu funktionieren.

Danach gefragt, wie sich Probleme beim Dreh und Änderungen an der ursprünglichen Vision für einen Film auf seine Zufriedenheit mit seinen Werken auswirken antwortete Oeser: „Filme werden unperfekt, damit muss man sich anfreunden.“ Perfektionismus sei beim Filmemachen ein guter Ansporn, zugleich sollte es jedoch nicht abschrecken, dass er quasi nie eingehalten werden kann.

Die Stimmen aus der Praxis mit Adrian Oeser endeten später als man es aus den vergangenen Semestern gewohnt ist. Bis etwa 21 Uhr wurde Gefragt und Diskutiert, wenn auch Einzelne die Veranstaltung schon vorher verlassen mussten – vermutlich auf Grund der ÖPNV-Verbindung nach Hause. Somit sind auch die Stimmen aus der Praxis erfolgreich in das Wintersemester gestartet. Weiter geht es schon am 04.12. mit Tatjana Heid und dem Politischen Digitaljournalismus.

 

Jonas Feike