Der Tinder-Tisch ?!

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Soziale Experimente verbreiten sich am besten über soziale Netzwerke. So wie die Babel-Fisch-Tische, an die sich alle Studenten in den Mensen der JLU und der THM  Gießen setzen können. Eine Idee für all jene, die nicht alleine essen wollen und Gesellschaft suchen.

Nie wieder alleine essen in der Mensa? Der Babel-Fisch-Tisch soll es möglich machen.

Nie wieder alleine essen in der Mensa? Der Babel-Fisch-Tisch soll es möglich machen.

“Nette Umschreibung für Singletisch”, lautet ein Facebook-Kommentar, als die Nachricht der  Babel-Fisch-Tische viral gehen.  Andere verlinken ihre Freunde und kommentieren scherzhaft: “Guck mal die haben an dich gedacht und haben Mitleid mit dir. Forever alone, haha.” Aber funktioniert das Konzept  wirklich oder ist der Babel-Fisch-Tisch bloß ein Hort der einsamen Seelen? Ein Selbstversuch.

Durch Apps ist heutzutage irgendwie alles durchökonomisiert, um Wahrscheinlichkeiten und Chancen zu steigern. Es gibt Fitness-Apps, Ernährungsapps und natürlich soll man online auch die große Liebe finden. Während ich nun zwischen den Tischreihen entlang schlendere, wird der Babel-Fisch-Tisch in meinen von Hunger zerfressenen Gedanken mit dem Titel “Tinder-Tisch” geadelt – oder beleidigt? Schafft der Tisch es wirklich, dass sich Menschen an ihm zusammenfinden? Vielleicht kurbelt der Babel-Fisch-Tisch ja die Geburtenrate an und sichert mir meine Rente. Der Hunger hat mittlerweile ein großes Loch in meinen Magen geschlagen, meine Gereiztheit pendelt sich auf dem Niveau von Gernot Hassknecht ein. Nur Kohlenhydrate können mich und die Menschheit noch retten. Mit gierigem Tunnelblick auf mein volles Tablett suche ich mein Ziel. Der erste Eindruck ist, dass der Tisch keinen wirklichen ersten Eindruck zulässt. Als einzelner Tisch inmitten einer überlaufenen Mensa wirkt er eher unscheinbar – was ja nicht schlecht sein muss. Ein einsamer Tisch, mit einsamen Menschen?

Am Babel-Fisch-Tisch sitzen sechs Personen, vier davon in einer Gruppe. Ich schätze ab wie lange jeder noch mit seinem Essen braucht und beschließe erst selber zu essen. Das muss auch an einem Babel-Fisch-Tisch möglich sein. Erst die Portion, dann die Person. Nach verschlungenem Mahl erweitert sich mein Horizont wieder. Jetzt bin ich wieder ein soziales Wesen. Ich wende mich vier Mädchen zu. Hoffentlich steckt mir kein Römersalat mehr zwischen den Zähnen. Ich lerne Ann-Sophie, Studentin der Biopharmazeutischen Technik, Michelle, eine Lehramtsstudentin für die Förderschule, sowie die beiden Jurastudentinnen Alishia und Melissa kennen. Ich gebe mich allerdings recht schnell als Redakteur aus und frage mich, was ich zuerst gesagt hätte, wenn ich keinen anderen Vorwand gehabt hätte.

Mein Verdacht bestätigt sich: Die vier Mädchen kennen sich bereits aus der Schulzeit. Grundsätzlich finden alle vier die Idee des Tisches prima, vor allem weil die Wahrscheinlichkeit steige, jemanden aus anderen Fachbereichen kennenzulernen, wie Alishia findet. “Eigentlich müsste ja jeder Tisch ein Babeltisch sein, aber dafür sind viele zu spießig”, sagt Ann-Sophie. Vermutlich ist es jedoch nicht nur das spießig sein, was abschreckt, sondern auch Schüchternheit und Menschenscheu. Denn die sozialen Barrieren lösen geht an dem Tisch keinesfalls in Luft auf. Einer oder Eine müssen immer den ersten Schritt wagen. Hier sind sich alle Mädchen einig: Man muss definitiv ein offener Mensch sein, um sich auf solch ein Experiment einzulassen. Auf die Frage, ob sie auch selbst jemanden ansprechen würden, entgegnet Ann-Sophie:” Naja, wenn er sympathisch ist.” Melissa fügt hinzu: “Leider weiß man natürlich nie, wer einen da anspricht, und außerdem möchte ich erstmal essen und nicht quatschen.”

Damit spiegelt sich auch die negative Seite der an sich schönen Idee des Babel-Fisch-Tisches wieder. Denn eines muss bedacht werden: Man(n) oder Frau sitzen nicht nur am Babel-Tisch, sondern gleichzeitig auch auf dem Präsentierteller. Niemand will sich den Appetit durch einen Korb vor der versammelten Studentenschaft verderben lassen. Das Tischprojekt schafft manch Hürde ab, aber stellt sie an anderer Stelle auch wieder auf. Was wenn sich niemand zu dir setzt und jeder das beobachtet? Eine Art “Tinder-Tisch” ist es also wirklich – es kann ein Match geben oder nicht. Im Idealfall ergeben sich also ungezwungene Gespräche mit anderen Studierenden. An meinem Tisch lernen sich tatsächlich ein Mädchen und ein Junge kennen und finden den Tisch super. Andererseits fallen einige Studenten auf, die sich bewusst an andere Tische setzen, als sie den Sinn des Babel-Fisch-Tischs erkennen. Beim Essen will man(n) oder Frau manchmal einfach auch mal forever alone sein können.

Ein Selbstversuch von Isabella Pianto und Daniele Castello

Foto von Jennifer Meina

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