„Vernichtungsort Malyj Trostenez” – Eine Ausstellung in Gießen

Am Mittwoch, den 5. Dezember fand im Vortragsraum der Kongresshalle Gießen eine Informationsveranstaltung zur gegenwärtig dort Station machenden Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez“ statt. Die Ausstellung nimmt das titelgebende Lager Malyj Trostenez bei Minsk in den Blick, welches in den Jahren 1942-1944 die größte Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion darstellte, in der deutschen Erinnerung jedoch kaum bekannt ist.

Mit dieser Informationsveranstaltung sollten auch Gießener Lehrerinnen und Lehrer angesprochen werden, da für Schulklassen die Möglichkeit zu einem geführten Besuch der Ausstellung besteht. Vertreter des Trägerkreises stellten ihre Verbindungen zu Maljy Trostenez und ihre Beiträge zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm vor. Neben beispielsweise dem Oberhessischen Geschichtsverein, der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Arbeitstelle Holocaustliteratur waren auch Geschichtsstudierende der JLU maßgeblich daran beteiligt, dass die Wanderausstellung, die erstmals im Jahr 2016 in Hamburg eröffnet wurde, ihren Weg nach Gießen gefunden hat.

Im Rahmen eines von Herrn Prof. Dr. Bohn geleiteten Seminars wurde im vergangenen Semester untersucht, ob und wie viele Gießener nach Minsk oder gar nach Malyj Trostenez deportiert wurden. Für die Ausstellung entstanden daraufhin zwei zusätzliche Stelen, die den Bezug Gießens zum Vernichtungsort bei Minsk anhand von sehr verschiedenen Einzelschicksalen deutlich machen. Herr Prof. Dr. Bohn übernahm an Stelle seines krankheitsbedingt verhinderten Kollegen Dr. Brake die Moderation der Informationsveranstaltung.

Nach der Einführung durch die Vertreter des Trägerkreises bestand die Möglichkeit, die Ausstellung schon vor der offiziellen Eröffnung zu begehen. Die Ausstellung besteht zum Einen aus Stellwänden mit Text und Bild, bietet jedoch auch interaktive und multimediale Elemente. So können beispielsweise an Audiostationen Interviews mit Augenzeugen angehört werden, oder online Zeitzeugenarchive durchsucht werden. Zudem entstand von studentischer Seite ein Radiobeitrag zum Thema, der ebenfalls in der Ausstellung angehört werden kann.

Die Ausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez“ wird am Dienstag, den 11. Dezember eröffnet und kann bis einschließlich 17, Januar 2019 in der Kongresshalle Gießen besucht werden. Der Eintritt ist frei. Darüber hinaus wird die Ausstellung von einem umfangreichen Begleitprogramm eingerahmt, das im Folgenden abgebildet ist.

 

Jonas Feike




Über Meinungen und Vertrauen – Tatjana Heid bei Stimmen aus der Praxis

In Zeiten, in denen Staatsmänner bevorzugt Politik über soziale Medien betreiben und die Debatte um „Fake-News“ nicht abzureißen scheint, eröffnet dies dem politischen Digital-Journalismus gleichermaßen zunehmende Bedeutung wie Verantwortung. In einem kurzweiligen Vortrag mit anschließender Diskussion beleuchtete Tatjana Heid, Verantwortliche Politikredakteurin bei t-online.de, die Risiken und Chancen ihres Berufs.

Für Millionen Internetnutzer steht die magentafarbene Webseite mit dem ikonischen großen „T“ für den alltäglichen Einstieg in das eigene E-Mail Postfach. Bereits 1995 startete die Deutsche Telekom unter www.t-online.de ein Portal als Anlaufstelle der Internetkommunikation. Seitdem entwickelte die Seite zusätzliche Angebote, die neben der E-Mail Kommunikation vor allem die Bereitstellung von Nachrichten und Serviceangeboten enthielt. Obwohl der Name und das Logo der Telekom beibehalten wurden, gehört t-online.de seit 2015 dem Medienvermarkter Ströer, einer Unternehmensgruppe die sich auf Online- und Außenwerbung spezialisiert hat. Mit der Loslösung von der Telekom ging auch der Aufbau einer eigenen Nachrichtenredaktion, des sogenannten Newsrooms einher.

Tatjana Heid, 2009 selbst Absolventin des Magister der Fachjournalistik Geschichte, arbeitete zunächst für die Berliner Zeitschrift Das Parlament, beim Focus Magazin und schließlich als Chefin vom Dienst in der Online-Redaktion von Faz.net. In ihrer Funktion als Head of News der Politikredaktion sind es für sie vor allem die kurzen Wege innerhalb des Redaktionsbüros entscheidend. Gerade bei Angeboten wie t-online.de, die komplett digital stattfinden, spiele Schnelligkeit und Aktualität eine große Rolle.  Dabei aber noch qualitativ hochwertige und seriöse Arbeit abzuliefern stellt online die große Herausforderung  dar, denn die Reaktionen der Nutzer lassen sich anhand von Analyse Software sofort erkennen. Klickzahlen und die Verweildauer sind die harte Währung im Online-Geschäft. Dass  auch Themen und Artikel trotz ihrer schlechten Zahlen, die die Redakteure per automatisierter Nachricht direkt einsehen können, auf der Titelseite bleiben liegt an dem gestiegenen Selbstanspruch von t-online. Obwohl bereits eine sehr hohe Reichweite erzielt werden kann, werde t-online noch nicht als seriöser Politikjournalismus wahrgenommen, ein wichtiger Aspekt auf dem Weg hin zur angestrebten Relevanz.

Angesprochen auf den oftmals auftauchenden Vorwurf des Vertrauensverlustes in die Medien ging Tatjana Heid zunächst selbstkritisch das Berufsbild ihrer Kollegen an. So würden einige Journalisten besonders gerne mit Politikern „klüngeln“ und in ihrer unverständlichen Arroganz Weltbilder suggerieren, die nicht komplett seien. Dabei sei die Trennung von Nachricht und Meinung in ihren Augen unverzichtbar, denn das „Problem ist, dass ignoriert wird, dass es rechts und links andere Meinungen gibt.“. Tägliche Diskussionen innerhalb der Redaktion über die Gewichtung und Darstellung verschiedenster Themen sowie das 4-Augen Prinzip sollen die journalistische Qualität sichern.

 

Fotos: Anja Horstmann

Text: Henrik Drechsler




Die Erzählung der Geschichte – Filmemacher Adrian Oeser bei den Stimmen aus der Praxis

Unter dem Thema „Wer die Geschichte erzählt verändert den Film. Filme mit und ohne Sprechertext im Vergleich“ fand am Dienstag den 20.11. das erste, sehr gut besuchte, Gespräch der Reihe „Stimmen aus der Praxis“ im aktuellen Semester statt. Zu Gast war der Filmemacher Adrian Oeser, der zwei Projekte vorstellte, die im Rahmen seines Studiums an der Filmhochschule Ludwigsburg entstanden sind. In Ludwigsburg studierte Oeser Regie mit dem Schwerpunkt Fernsehjournalismus.

Nach einer kurzen Begrüßung und ein paar Worten zu Oesers Person wurde der erste Film Bag Mohajer – Tasche des Flüchtlings präsentiert. Der etwa 20-minütige Film spielt in Griechenland und zeigt Geflüchtete, die aus angeschwemmten Schlauchbooten und Rettungswesten Taschen nähen und diese Verkaufen. Diese Tätigkeit, eine Aktion, die von einer deutschen Design-Studentin ins Leben gerufen wurde, bedeutet jedoch mehr, als die bloße Sicherung des Lebensunterhalts. Durch sie erhalten die Teilnehmer die Möglichkeit, einen Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes zu verarbeiten. Die hergestellten Produkte erregen Aufmerksamkeit für diese Geschichten und können sie verbreiten.

Oeser begleitet den Entstehungsprozess einer solchen, von Geflüchteten hergestellten, Tasche, beobachtet die Arbeit und führt Interviews. Der der 14-tägige Dreh führte Oeser unter Anderem auf einen „Schiffsfriedhof“, auf dem die gestrandeten Boote und Rettungswesten haufenweise abgelegt werden. An diesem Ort wird das Material für die Taschen gesammelt. „Im Prinzip ist das Diebstahl, denn das gehört alles der Regierung.“, erklärt Oeser später. Diese Tatsache hat sich auch auf den Dreh auf dem „Schiffsfriedhof“ ausgewirkt, bei dem alle beteiligten äußerst angespannt gewesen seien.

Zu diesem Thema lässt Oeser sowohl die Bilder als auch die Protagonisten des Films für sich sprechen – Bag Mohajer hat keinen unterstützenden Sprechertext. Dies habe ihm nach eigener Aussage einige Kritik von seinen Dozenten eingebracht, da zu einem Fernsehformat zwingend ein Sprechertext gehöre.

Im Anschluss an den Film wird im Plenum vor allem die Frage diskutiert, wie stark ein Dokumentarfilmer in das Geschehen eingreifen darf und soll. Oeser betonte in diesem Gespräch den Unterschied zwischen dem Inszenieren einer ganz und gar „künstlichen“ Situation und dem Arrangieren, welches daraus bestehe, „natürliche“ Aktionen gegebenenfalls zu wiederholen oder neu anzuordnen. Letzteres sei für das Filmen eines Dokumentation unerlässlich, während es gelte, eine Inszenierung zu vermeiden.

Im Anschluss an diesen kurzen Austausch zeigte Oeser den in diesem Jahr entstandenen Film: Von Neonazis und Superhelden – Die Kleinstadt Themar und der Rechtsrock. Der Film spielt zum Großteil in der thüringischen Stadt Themar, in der im vergangenen Jahr eine der größten Rechtsrock-Veranstaltungen Deutschlands stattgefunden hat. Oeser kommt mit Bewohnern der Stadt ins Gespräch, um herauszufinden, wie die Veranstaltungen der Rechten das Leben im Ort verändert haben. Dabei interviewt er sowohl Mitglieder eines neu gegründeten Bündnisses gegen die rechten Treffen, als auch deren Veranstalter und Unterstützer.

Bei diesem Film handelte es sich um Oesers Abschlussarbeit, die, anders als Bag Mohajer, mit einem Sprechertext versehen ist. Oeser selbst führt als Sprecher durch den Film, der aus „Vor-Ort-Erfahrungen“ besteht. Für den Dreh, der sich auf Grundlage des aufgenommenen Materials ständig veränderte und Entwickelte, mieteten Oeser und sein Kameramann für drei Wochen eine Wohnung in Themar, dem Schauplatz des Films. Im Verlauf des Films berichtet Oeser als Sprecher auch von seinen Zweifeln und Unsicherheiten im Umgang mit bestimmten Akteuren. Wie er später berichtet sah er es als seine Pflicht an, das Gezeigte – beispielsweise ein Interview mit einem der Veranstalter des Konzerts – auch einzuordnen. Abgesehen von einer zentralen Figur war Oeser im Vorfeld keiner der Akteure die im Film zu Wort kommen persönlich bekannt.

Der mehr als 60 Minuten lange Film wurde von den Besuchern der Veranstaltung überaus positiv angenommen. Eine Besucherin äußerte, dass sie sich „sehr an die Hand genommen gefühlt“ habe, doch das tue dem Film keinen Abbruch. Im anschließenden Gespräch wurden verschiedene Themen angerissen. Fragen nach dem journalistischen und filmischen Umgang mit Akteuren mit rechter Gesinnung erwiesen sich als besonders spannend. Selbstverständlich müsse man als Filmemacher eine professionelle Distanz wahren. Dabei ginge es nicht nur darum, einem Interviewpartner mit zweifelhaften Ansichten gegenüber nicht unfreundlich zu werden, sondern auch um ein Bewusstsein darum, dass das Gegenüber versuchen könnte, den Film und das Interview für sich zu instrumentalisieren. Im Film bemühten sich gerade die Rechten darum, ein bestimmtes, eher einnehmendes Bild ihrer Gemeinschaft zu generieren.

Die Hinweise auf solche Inszenierungen von Seiten der Gesprächspartner waren ein entscheidender Grund, den Sprechertext in eher erzählerischer Weise zu gestalten. Für „reguläre“ Fernsehproduktionen sind Sprechertexte laut Oeser üblicherweise fragmentierter gehalten, was es ihnen ermöglicht, zielgerichteter zu funktionieren.

Danach gefragt, wie sich Probleme beim Dreh und Änderungen an der ursprünglichen Vision für einen Film auf seine Zufriedenheit mit seinen Werken auswirken antwortete Oeser: „Filme werden unperfekt, damit muss man sich anfreunden.“ Perfektionismus sei beim Filmemachen ein guter Ansporn, zugleich sollte es jedoch nicht abschrecken, dass er quasi nie eingehalten werden kann.

Die Stimmen aus der Praxis mit Adrian Oeser endeten später als man es aus den vergangenen Semestern gewohnt ist. Bis etwa 21 Uhr wurde Gefragt und Diskutiert, wenn auch Einzelne die Veranstaltung schon vorher verlassen mussten – vermutlich auf Grund der ÖPNV-Verbindung nach Hause. Somit sind auch die Stimmen aus der Praxis erfolgreich in das Wintersemester gestartet. Weiter geht es schon am 04.12. mit Tatjana Heid und dem Politischen Digitaljournalismus.

 

Jonas Feike




Im Land der begrenzten Möglichkeiten

Drei Monate war unsere Redakteurin Kim in der Hauptstadt von Vodka und Fellmützen. In direkter Nachbarschaft mit dem Kreml schrieb sie Artikel über Putin und fotografierte Studenten, die gegen den autoritären Staat auf die Straße gingen.

Grimmig sieht mich der russische Grenzbeamte an. Ich habe ihm gerade mit einem Lächeln meinen Reisepass über den kalten Marmortresen gereicht. Meine Hochstimmung scheint der Staatsdiener nicht zu teilen und ich lerne gleich meine erste Lektion: Russen lächeln selten, ob das an dem niedrigen Einkommen im größten Land der Welt liegt oder ob sie es einfach für eine Verschwendung von Energie halten ihre Mundwinkel zu bewegen, kann mir auch keiner, der in Russland lebenden sagen. Nach zehnminütiger Prüfung, in der der grün gekleidete Polizist meinen Pass mehrmals hin und her gewendet hat, darf ich gehen.

 

Hinter dem Drehkreuz wartet ein Land, in dem politische Gegenspieler Putins verhaftet werden, in dem Pressefreiheit nur anonym oder unter dem Schutz einzelner Mächtiger ausgeübt werden kann. Ich werde in den kommenden drei Monaten für die Moskauer-Deutsche Zeitung arbeiten. Geleitet wird sie vom internationalen Verband der deutschen Kultur. Weil kritische Medien, im Gegenteil zu staatstreuen Publikationsorganen, keine staatliche Förderung erhalten, müssen sie sich mit Werbeeinnahmen und Sponsoren über Wasser halten. Das sorgt dafür, dass weniger Journalisten eingestellt werden und z.B. Zeitungen seltener erscheinen, die dann wiederum auch seltener berichten können. Staatssender wie Rossija 1 werden bewusst eingesetzt und erhalten nicht nur finanzielle Unterstützung, sie haben auch bei jeder medienrelevanten Veranstaltung ein Vorrecht in der Berichterstattung. Bei Großereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft schlägt das Sprachrohr des Kremls seine Zelte direkt vor dem Roten Platz auf, während kritische Journalisten sich Monate vorher anmelden müssen, nur um dann abgewiesen zu werden.

Mit Plakaten gegen Schlagstöcke

Die restriktive Politik Putins macht sich nicht nur in der Presse bemerkbar. Die jüngeren Russen fühlen sich von ihrer Regierung bevormundet. “Wir haben manipulierte Wahlen und das korrupte System satt,” erklärt Evgeny. Er ist einer von Tausenden, die sich Anfang Mai im Zentrum Moskaus versammelt haben, um gegen Putin zu demonstrieren. Aufgerufen zu dem Protest hatte Oppositionsführer Alexej Nawalny. Der Kreml- Kritiker bringt frischen Wind in die eingerostete Protestkultur. “So viele Demonstrationen wie in diesem Jahr hatten wir noch nie,” da sind sich Evgeny und seine Freunde sicher. Obwohl die Demonstrationen in Moskau alles andere als harmlos sind, lassen sich die Kritiker Putins nicht einschüchtern. Mit Wasserwerfern und Schlagstöcken gehen die Polizeibeamten auf die friedlichen Demonstranten los, jeder wird brutal niedergeknüppelt. Nicht selten werden auch Journalisten in dutzende, bereitstehende Polizeibusse gesperrt. “Du bist doch einer von uns, warum schlägst du uns, warum stellst du dich gegen uns”, brüllt Evgeny einem Polizisten entgegen. Die Beamten lassen solche Einwände kalt, sie reagieren, funktionieren, schlagen drauf. “Ihr seid nur Dreck”, antwortet der Uniformierte und lächelt verächtlich. Die meisten Polizisten sind in Russland keine Freunde und Helfer und anstatt patriotischer Parolen wollen viele junge Russen lieber ein offenes Land, freie Wahlen, visumfreie Reisen und eine bessere Infrastruktur. Die Fußballweltmeisterschaft hat allen, die sich ein freieres Russland wünschen, einen Vorgeschmack gegeben, wie es sein könnte, würde Russland die restriktiven Visumsgesetzte lockern.

 

Wandel auf Zeit

Gleich neben dem Kreml auf der Nikolskaya Straße wird die Utopie eines internationalen Russlands kurz zur Realität. Alle Nationen feiern gemeinsam das Sportevent des Jahres und lernen dabei die russische Kultur kennen. Und die hat einiges zu bieten: Vergoldete Kuppeldächer und das größte Einkaufszentrum der Sowjetunion, direkt am Roten Platz. Sechs größere und unzählige kleine ethnische Gruppen, Anhänger des Islams, des Buddhismus, des Christentums, des Hinduismus und des Judentums, sie alle leben in Russland.

“Genau das brauchen wir, weniger strenge Visa Bestimmungen, sodass Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen wollen, wir haben Touristen so viel zu bieten,“ ruft Evgeny euphorisch, als ihm auf der Partymeile ein Peruaner einen Sombrero aufsetzt.

Nach drei Monaten stehe ich wieder vor dem grimmigen Grenzkontrolleur. An den ernsten Gesichtsausdruck habe ich mich gewöhnt, an den autokratisch regierten Staat allerdings nicht. Und während mein Flugzeug vom Boden abhebt, kündigt Nawalny erneute Proteste an. Er wird es nicht einmal bis zur Kundgebung schaffen, noch auf seiner Türschwelle wird der politische Aktivist verhaftet werden.

Kim Hornickel




Kehrtwende für Gießen?

 

Greenpeace Gießen fordert ein Umdenken im Straßenverkehr in der Stadt. „YouTurn the streets – Verkehrswende jetzt!“ lautete auch das Motto der Veranstaltung am Samstag, bei der Mitglieder von Greenpeace mit Passanten ins Gespräch kommen wollten.

Dazu hatten sie sich einen eher ungewöhnlichen Standort für ihren Pavillon ausgesucht. Er stand nicht etwa auf einem großen Platz in der Fußgängerzone, sondern auf einer Reihe von Parkplätzen in der Neuen Bäue. Das gehörte zum Konzept der Veranstaltung. „Wir wollen zeigen, was man mit dem ganzen Platz, der für Autos reserviert ist, machen kann“, erklärte Anette Wasseroth von Greenpeace Gießen. „Wir wollen zeigen, was hier alles noch sein könnte“, fügte Wasseroth hinzu.

Dazu hatte die Gruppe ein Halteverbot auf den Parkplätzen für die Dauer der Aktion beantragt und auch genehmigt bekommen. Ein Auto, dessen Halter sich nicht an das Verbot gehalten hatte, wurde kurzerhand mit Transparenten behängt und zum Teil der Aktionsfläche umfunktioniert.

Über die Frage, was in der Innenstadt entstehen könnte, wenn nicht so viel Platz für Autos und Parkplätze verbraucht würde, diskutierten die anwesenden Greenpeace-Mitglieder auch mit Passanten. Es blieben längst nicht alle am Stand der Gruppe stehen; wer jedoch anhielt, blieb auch gerne für ein längeres Schwätzchen. Dabei waren sich alle einig: Es soll sich etwas ändern in Gießen.

Wer eine Idee hatte, wie man die für Parkplätze benötigten Flächen anderweitig nutzen könnte, konnte diese auf einem Zettel notieren und am Greenpeace-Pavillon befestigen. So kamen schnell zahlreiche Ideen zusammen. Manche wünschten sich Grünflächen oder Spielplätze, andere öffentliche Trinkbrunnen, an denen man kostenlos die eigene Flasche auffüllen könnte. Die Idee einer Leihfahrrad-Station landete ebenfalls auf einem der Zettel.

 

Freie Fahrt für Drahtesel

Die Möglichkeit, mehr mit dem Fahrrad unterwegs sein zu können, spielte am Stand von Greenpeace insgesamt eine große Rolle. So hatten die Mitglieder neben dem Pavillon eine Fahrrad-Reparaturstation aufgebaut. Dort konnten Interessierte und Passanten beispielsweise ihre platten Reifen aufpumpen oder ihre Kette ölen, um in Zukunft wieder mehr mit dem Fahrrad unterwegs sein zu können.

Außerdem gab es die Möglichkeit, an einer Umfrage des ADFC bezüglich des Fahrradverkehrs in Gießen teilzunehmen. Darin wurde unter anderem gefragt, wie sicher sich Radler in der Stadt fühlten und ob es Spaß mache, in Gießen Fahrrad zu fahren.

Es zeigte sich auch am Samstag, dass der Wunsch nach Änderungen im Verkehr der Gießener Innenstadt in diesen Tagen groß ist. Gerade einmal eine Woche zuvor hatte es eine Fahrraddemonstration gegeben, zu der zahlreiche Vereine und Verbände geladen hatten.  Auch am gerade frisch erneuerten Marktplatz hängen Plakate, die ein Umdenken im Verkehrsgeschehen der Stadt und sogar eine gänzlich autofreie Innenstadt fordern. Der Wille zur Wende scheint in Gießen demnach gegeben. Ob diese jedoch tatsächlich kommen wird, wird die Zukunft zeigen müssen.

 

Tatjana Döbert




10 Statements zur anstehenden Landtagswahl

Bevor am Sonntag die Hessen zur Wahl aufgerufen sind, haben wir 10 Statements von Studierenden der JLU zur anstehenden Landtagswahl gesammelt. Viel Spaß beim durchklicken:

 

 




„Unverpacktes“ Gießen: Kampf dem Plastik

Riesige Behälter reihen sich an einer Wand entlang. In ihnen: Nudeln, Nüsse, sogar Gummibärchen. Dazwischen drängeln sich dutzende Menschen – alle ausgestattet mit Weckgläsern, Tupper- oder Metalldosen und Netztaschen – die sich Waren abfüllen oder abwiegen lassen.

Der Trend „Unverpackt“ ist nun also auch in Gießen angekommen. Das Konzept: Läden, in denen man sich Trockenwaren, sowie Reinigungsprodukte, Obst oder Gemüse selbst in eigene Behältnisse abfüllen kann, um so auf schädlichen Verpackungsmüll zu verzichten.

Das Ganze gliedert sich in die sogenannte „Zero-Waste“-Bewegung ein. „Hinter dieser Philosophie steht der Ansatz, ein möglichst müllfreies Leben zu führen und wiederzuverwerten anstatt wegzuwerfen“, erklärt Jonas Hey, der zusammen mit seiner Freundin Louisa Willner den neuen Laden am Johanette-Lein-Platz eröffnet hat.

 

Ein massentaugliches Konzept?

Die beiden sehen gute Chancen, dass sich ihr Konzept in Gießen etabliert: „Gießen hat einfach eine große nachhaltige Szene, viele Menschen leben sehr bewusst und haben sich so eine Anlaufstelle gewünscht.“ Sie scheinen Recht zu haben: Die Idee findet Anklang bei der breiten Bevölkerung. Bei der Eröffnung am Samstag tummeln sich neben hippen Studenten, auch ältere Damen und Herren, vor der Tür spielen Kinder. Charlotte ist extra aus Wetzlar hergefahren, um sich neue Nachhaltigkeit näherbringen zu lassen: „Ich finde solche Läden klasse. So kann jeder kleine Schritte unternehmen, ohne verzichten müssen. Bei den Zahlen über Plastikmüll, die man so liest, muss jeder einfach etwas beitragen.“

18,2 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle

Die Zahlen, von denen Charlotte spricht, sind wirklich alarmierend. In Deutschland fielen im Jahr 2015 laut Umwelt Bundesamt 18,2 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle an – so viel wie nie zuvor. Wenn der Plastik-Konsum weiterhin mit der aktuellen Geschwindigkeit voranschreitet, gehen Wissenschaftler davon aus, dass 2050 dreimal mehr Plastik im Meer schwimmt als Fische. Dementsprechend versuchen Louisa und Jonas, auch in der Lieferkette auf Plastik zu verzichten, was aber laut Jonas nicht komplett funktioniert: „Auch wir können uns über bestimmte EU-Verordnungen nicht hinwegsetzen, aber wir haben, in Absprache mit anderen Unverpackt-Läden, besprochen, dass ein Müllsack Plastik pro Monat erstmal hinnehmbar ist.“

Ein breites Sortiment

Der Laden verfügt über 120 Lebensmittelspender (Gravity-Bins). Der Kunde kann sich so einfach selbst die Ware in gewünschter Menge abfüllen, ohne dass Hygienevorschriften missachtet werden. Das Sortiment umfasst neben Hartwaren wie Reis, diversen Nudelsorten und Getreideerzeugnissen auch Schokolade und andere Süßigkeiten. Aber auch, wer „Zero-Waste“ im Badezimmer etablieren möchte, wird fündig: Hygieneartikel wie Deocreme, Menstruationstassen oder Zahnpasta-Tabletten, sowie Wasch- und Spülmittel finden sich im Sortiment. Auch Frischwaren wie Kartoffeln und eine Auswahl an Eiern, Milch und Käse werden angeboten – selbstverständlich aus der Region: „Wir möchten mit jedem Produkt eine Geschichte erzählen, das bedeutet auch, dass wir die Erzeuger kennen und wissen wie es produziert wurde. Wir hoffen, unser Angebot bald erweitern zu können, aber unter dem Gesichtspunkt, dass es mit unserer Philosophie übereinstimmt.“

Starhilfe für einen bewussten Konsum

Wer nun in Sachen „Zero-Waste“ durchstarten möchte, hat mit Hilfe diverser Blogs und Bücher, die Möglichkeit, sich zu informieren. Auch sei die Zero-Waste-Map, auf der neben vielen weiteren Anlaufstellen, auch „Unverpackt Gießen“ zu finden ist, ein Mittel der Wahl. Jonas gibt hierzu auch gerne ein paar Tipps und Starthilfen: „Der erste Schritt ist sich seinem eigenen Konsum bewusst zu werden und daraufhin das richtige Zubehör anzuschaffen. Eine Metalldose oder Wachspapier zum Einpacken von Lebensmitteln ist da sehr gut. Empfehlenswert ist auch, auf dem Wochenmarkt einzukaufen, besonders Obst und Gemüse. Da hat man den zusätzlichen Vorteil, dass man weiß, wo es herkommt.“ Das Ganze steht jedoch unter einem freiwilligen Stern: „Es muss nicht sofort jeder seine Lebensweise komplett umstellen. Wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet, ist schon viel getan.“, fügt er hinzu.

Seit dem vergangenen Samstag hat „Unverpacktes“ nun offiziell geöffnet. Wer sich selbst gerne ein Bild machen möchte, kann das laut Jonas immer montags bis freitags von 10:00 bis 19:00, sowie samstags von 09:00 bis 18:00 tun: „Es ist halt mal was anderes, aber wir glauben an das Konzept und hoffen auf viele Leute, die auch Lust darauf haben. Irgendwo müssen wir ja anfangen.“

Weitere Infos gibt es unter:

http://www.zerowastelifestyle.de/

https://wastelandrebel.com/de 

sowie

 www.unverpacktes-giessen.de

Instagram: @unverpacktes_giessen

 

Danielle Dörsing




„Rap braucht wieder einen Märchenerzähler“ – Schlaftabletten, Rotwein V, eine kurze Rezension

Mitte September erschien das neuen Alligatoah-Album „Schlaftabletten, Rotwein V“. Mit dem fünften Teil der „StRw“-Reihe setzte sich der Schauspiel-Rapper direkt auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Das Lied „Willst du“ aus dem Album „Triebwerke“ hatte Alligatoah im Jahr 2013 über die Rap-Szene hinaus bekannt gemacht. Nachdem die Alben der letzten Jahre jeweils einem Thema unterstellt waren handelt es sich bei „StRw V“ um eine Sammlung von Liedern, die keinem roten Faden folgen.

Im Verlauf der 16 Lieder des Albums schlüpft der „Märchenerzähler“ (Track 1: Alli-Alligatoah) des Rap in unterschiedliche Rollen um mit viel Ironie und „böse[r] Zunge“ (ebd.) seine Gedanken unters Volk zu bringen.

Es mag an dem fehlenden, verbindenden Thema liegen, scheint das neue Album insgesamt etwas weniger zugänglich daher zu kommen, als noch „Triebwerke“(2013) oder „Musik ist keine Lösung“ (2015). Dem Album tut es jedoch keinen Abbruch, dass die einzelnen Lieder etwas mehr Aufmerksamkeit benötigen, denn es gibt auch beim sechsten oder siebten Hören noch immer Neues zu entdecken. Wer sich die Mühe macht, etwas genauer hinzuhören wird nicht daran vorbei kommen, sich selbst in dem ein oder anderen Lied wiederzufinden, wenn auch hoffentlich nicht so extrem, wie von Alligatoah präsentiert, dessen liebstes Stilmittel wohl die Zuspitzung und Übertreibung sein dürften. Egal, ob es um den Autofahrer kurz vor dem Nervenzusammenbruch (Track 3: Hass), die angemessenen Formen menschlichen Miteinanders (Track 6: Beinebrechen) oder das Kommerzopfer (Track 14: Wo kann man das kaufen) geht, stets verschmelzen in Alligatoahs Liedern intelligente Texte, die zum Nachdenken anregen mit wunderbar spitzen Formulierungen.  (An dieser Stelle muss ich gestehen, dass mich gerade die Lieder zum Schmunzeln bringen, in denen ich Aspekte meines eigenen Alltags erkenne.)

Musikalisch sind „StRw V“ deutliche Einflüsse aus dem Metal anzumerken. So sind beispielsweise die Lieder „Terrorangst“ und „Wo kann man das kaufen“ deutlich Gitarrenlastiger, als beim Rap zu erwarten wäre und bei „Hass“ wird deutlich, dass Bands wie System of a Down und Slipknot einen starken Einfluss auf Alligatoah ausgeübt haben. Diese Einflüsse unterstreichen nochmals den experimentellen Charakter des Albums.

Die Limited Edition von „StRw V“ enthält zusätzlich zu einem Alligatoah-Blumentopf, Blumenerde und -samen noch das Album „Fremde Zungen“. Auf dieser CD präsentiert Alligatoah Cover-Versionen von Liedern, die ihm in seinem Leben wichtig waren. Diese sind mit Akustikgitarre im Wald aufgenommen, inklusive der zugehörige Umgebungsgeräusche wie raschelndes Laub oder penetrante Fliegen. Alligatoah deckt auf diesem Album eine große Bandbreite ab und covert unter Anderem die Lieder „Duality“ (Slipknot), „Chandelier“ (Sia) und „Es ist an der Zeit“ (Hannes Wader).

Insgesamt bin ich sehr glücklich über „StRw V“. Alligatoah schafft es, jede seiner Rollen auszufüllen und schon allein diese Vielseitigkeit verdient größten Respekt. Gepaart mit einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie und pointierten Texten ergibt sich ein Album für (fast) alle Lebenslagen. Trotz der musikalischen Vielfalt handelt es sich bei „StRw V“ nach wie vor um ein Rap-Album. Dementsprechend sollte der potentielle Hörer zumindest eine gewisse Offenheit für dieses Genre mitbringen.

 

Jonas Feike

Ein kleiner Anhang zu Alligatoahs Musikgeschmack und seinen Einflüssen: https://www.youtube.com/watch?v=ujnEePnOvHk  




Wir warten – Neues Kassen- und Bezahlsystem in der Cafeteria im Phil. I.

Es ist ein Bild des Grauens für viele Studenten, dass sich Sandra am Montagmittag zeigt. Wie immer hat sich eine lange Schlange am Café Phil im Hörsaalgebäude A am Philosophikum I gebildet. Die Leute drängen sich an den Ausgaben und suchen sich ihren Snack und Getränk für zwischendurch. Manche dabei effizienter als andere. Danach geht es erst einmal zur Kasse, was dann jedoch auch wieder dauern kann. Gestresst und entnervt schaut Sandra auf ihr Smartphone. In 15 Minuten würde ihr nächster Kurs beginnen. Sie hat ihre Snacks in einer Hand und hält mit der anderen Hand ihren Studentenausweis bereit. Wenn man an der Reihe ist geht es für gewöhnlich doch sehr schnell. Die Kassiererin gibt ein, was man sich ausgesucht hat, man legt den Studienausweis oder die MensaCard an das Lesegerät und der Betrag wird abgebucht. Dabei muss die Germanistikstudentin nur darauf achten, dass genug Geld auf der Karte ist.

Doch an diesem Mittag scheint die Situation schlimmer zu sein als sonst. Die Schlange ist noch länger und das Bezahlen scheint eine Ewigkeit zu dauern. Sandra hört einen anderen Studenten hinter sich gereizt fragen, warum dass ganze solange dauern würde. Vor ihr seufzt ein anderer Student genervt. Sandra selbst steht bereits seit 10 Minuten in der Schlange und hätte sie keinen Hunger, würde sie wohl die Snacks weglegen und einfach zum Kurs gehen. Sie streckt ihren Hals und lehnt sich erst zu einer, dann zur anderen Seite, in der Hoffnung, erkennen zu können, warum es so lange dauert. Es sind noch drei Personen vor ihr an der Reihe, bevor sie endlich selbst an der Kasse steht. Sie hält ihre Karte hin, doch die Kassiererin verweist sie auf einen Zettel. „Nur noch EC-Karten oder Bargeldzahlung möglich” steht dort. Verwirrt packt Sandra ihre Studentenkarte weg. Sie hat Gott sei dank Bargeld dabei, sonst hätte sie wohl den Betrag von 1,40 € mit ihrer EC-Karte zahlen müssen. Scheinbar haben der Studienausweis oder die MensaCard im Café Phil vorerst ausgedient.

Entnervt von dem ganzen Gewarte und dem neuen Bezahlsystem nimmt Sandra das Wechselgeld entgegen. „Was halten sie denn von diesem System?” fragt sie die Kassierin. „Es ist gewöhnungsbedürftig aber nicht schlecht. Wenn wir geübt sind, wird es dann auch schneller gehen. In einem Monat vielleicht.” erklärt sie kurz. Sandra wünscht ihr daraufhin noch einen schönen Tag bevor sie zu ihrem Seminar eilt. Auf ihrem Weg trifft sie auf Johanna und Stefan. Die beiden hatten zuvor frei und konnten sich in aller Ruhe am Café ihre Getränke holen. Die drei Studenten machen ihrem Ärger Luft. Es sei lächerlich einen Betrag von 30 Cent mit der Girocard zu bezahlen. „Wann haben die das überhaupt eingeführt?” fragt Johanna ihre beiden Kommilitonen. Stefan holt daraufhin einen Flyer aus seiner Hosentasche. „Der hier lag an der Theke ganz vorne aus. Hätte ich nicht nach den Tüten für die Brötchen gesucht, hätte ich ihn nicht mal gesehen.” erklärt er.

Auf diesem Flyer vom Studentenwerk wird erläutert, dass es sich bei dieser Umstellung um ein Pilotprojekt handelt, in dem ein neues Bezahlungs- und Kassensystem getestet werden soll. Dieses Projekt startete bereits im Mai 2018. Durch diese Umstellung soll der Bezahlvorgang beschleunigt und verbessert werden. Möglich ist dies durch die kontaktlose Bezahlung durch den Near Field Communication (NFC)-Chip der Girocard, mit der wir uns immer häufiger im Alltag konfrontiert finden.

„Angeblich gibt es eine Stempelaktion.” erklärt Stefan und schaut Sandra und Johanna fragend an.„ Bei jedem Bezahlvorgang kann man Stempel sammeln und mit 10 Stempeln bekommt man ein gratis Heißgetränk in einer der Einrichtungen den Studentenwerks.” liest Stefan vor. Die Frage, ob sie einen Stempel bekommen haben, verneinen die beiden Studentinnen.

Wie auch Sandra, Johanna und Stefan sehen viele andere Kunden am Café Phil diese Umstellung alles andere als positiv. „Es ist unnötig” erklärt eine andere Studentin. Ihr erschließt sich nicht, warum man diesen Aufwand betreibt. Denn durch die Umstellung kommt es zu größeren Verzögerungen im Bezahlvorgang, unter anderem dadurch, dass das Personal noch eingearbeitet werden muss. „Mit der Studentenkarte war es ein geschlossenes System.” erklärt sie weiter. Damit verweist sie auf eine Gefährdung und die Sicherheit von Daten hin.

Die Germanistikfachschaft, zu der Sandra auch gehört, hat kurz nach dieser Umstellung beschlossen mit den anderen Fachschaften eine geschlossene Stellungnahme zu dieser Umstellung zu verfassen. Doch bevor diese fertig gestellt werden konnte, gab es eine Reaktion von der offiziellen Seite. In dieser offziellen Stellungnahmen werden Infortmationen mit den Fachschaften geteilt, die das Ganze in ein anderes Licht rücken.

Die Firma die das alte Kartensystem zur Verfügung gestellt hat, hat dieses System eingestellt. Dies hat zur Folge, dass es keine Upgrades mehr gibt und das System aus Sicherheitsgründen nicht mehr benutzt werden kann. Aus diesem Grund muss ein Ersatz gefunden werden. Jedoch gibt es nur zwei Firmen, die solche geschlossene Systeme anbieten. Diese Systeme müssten auf die Universität angepasst werden, was diese Millionen kosten würde. Daher wurde entschieden, das momentan getestete System als günstige Alternative in Betracht zu ziehen.

„Immerhin muss man sich jetzt keine Sorgen mehr machen, nicht genug Geld auf der Karte zu haben oder dass die Automaten mal wieder nicht funktionieren.” erklärt Sandra anschließend. „Außerdem, vielleicht wird es ja später wirklich schneller, wenn das Personal eingearbeitet ist.” fügt sie mit einem Schulterzucken hinzu. Sie kann durch die neuen Informationen nachvollziehen, warum es diese Umstellung gibt. „Es wäre nur schön, wenn das von vornherein so erklärt worden wäre.” meint die Germanistikstudentin und steht mit dieser Meinung nicht alleine da.

Schlussendlich wird sich der Erfolg des Pilotprojekts und die Einführung des neuen Bezahlsystems  noch zeigen müssen. Momentan stößt es bei vielen aus unterschiedlichen Gründen noch auf Ablehnung, aber vor allem aus einem Mangel an Informationen.

Dieser Bericht entstand im Rahmen eines Seminars während des letzten Sommersemesters. 

 

Christina Schwarz




Befüllen statt Vermüllen! Kostenloses Leitungswasser in deutschen Städten?

Plastik ist eines der umstrittensten Umweltthemen unserer heutigen Zeit. Ob wissentlich oder nicht – jeder verbraucht Plastik, aber ist das wirklich notwendig? Die Zahlen sprechen angeblich für sich: 11,7 Tonnen Plastik verbraucht Deutschland durchschnittlich im Jahr (https://www.careelite.de/plastik-muell-fakten/) – so viel wie kein anderes Land in Europa. Aber muss diese horrende Summe wirklich sein? Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Betrag zu senken.

Plastik vermeiden und Wasserflasche einfach wieder auffüllen

Der “Refill“-Trend, welcher aus den USA langsam auch zu uns rüberkommt, nimmt sich diesem Thema an und versucht, den Plastikverbrauch durch PET-Flaschen zu reduzieren. Das Prinzip gestaltet sich einfach: Anstatt immer wieder Plastikflaschen zu kaufen, befüllt man eine nachhaltige Flasche einfach immer wieder. In den USA ist dieses Prinzip gang und gäbe, auch in gehobenen Restaurants. Dort gehört es zum guten Ton, eine gratis Kanne Leitungswasser ohne Aufpreis anzubieten. Selbst in Fastfood-Restaurants gibt es gratis Leitungswasser. Das Prinzip macht Sinn, denn Durst hat jeder und auf Wasser sollte kein Monopol bestehen.

Neuer „Refill“ Trend will für mehr Achtsamkeit sorgen

Besonders vor dem Gedanken, dass 2050 dreimal mehr Plastik im Meer (https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-01/plastik-umweltverschmutzung-meer-studie-weltwirtschaftsforum) schwimmen könnte, als Fische, sollten die Menschen für das Thema Plastik sensibilisiert werden. Die Person, die diese Bewegung nach Deutschland geholt hat und sich mit der Aktion „Refill-Hamburg“ (https://refill-hamburg.de/blog/author/elbmedien-stephanie-wiermann/) immer wieder für die Umwelt einsetzt, ist Stephanie Wiermann. Die Bloggerin, die der „Zero Waste“ –Bewegung angehört (welche versucht, so wenig bis gar keinen Abfall zu produzieren), hat ein Aufklebersystem entwickelt, kostenlose Wasserstationen für Benutzter zu kennzeichnen, in denen sie ihre mitgebrachten Flaschen mit Leitungswasser auffüllen können.

So entstehen für die Benutzer weniger Kosten und der Plastikverbrauch wird reduziert, da nicht nur seitens der Benutzer weniger Plastikflaschen gekauft werden, sondern auch seitens der Gastronomen. Viele Cafés, Restaurants und Läden machen wie selbstverständlich mit. Aber wie selbstverständlich ist gratis Wasser? In Gießen ist die Aktion laut ihrer Homepage noch nicht angekommen, was passiert also wenn Gastronomen nach gratis Leitungswasser gefragt werden? Wir haben den Selbstversuch gemacht.

Nach gratis Leitungswasser fragen: Selbstverständlich oder einfach frech?

Der Vormittag ist sonnig und warm, viele Leute laufen durch den Seltersweg und bummeln. Zuerst versuchen wir unser Glück in einem Bioladen, in dem uns eine freundliche Mitarbeiterin direkt zum Wasserhahn schickt. In der im Laden integrierten Bäckerei steht sogar ein kleiner Wasserspender an der Theke, an dem sich jeder gerne bedienen darf.

1 zu 0 für die Gießener Gastronomen. Insgesamt werden wir in 4 weiteren Geschäften nachfragen und, um die Antwort vorwegzunehmen, nie weggeschickt werden. Wir gehen in ein weiteres Café und bitten wieder freundlich um Leitungswasser, ohne etwas anderes bestellt zu haben. Auch hier füllt uns die Mitarbeiterin die Flasche hinter der Theke gerne auf. „Für mich ist das vollkommen normal. Leitungswasser kostet nichts, das Abwasser ist teuer. Jeder Mensch muss trinken, da mache ich das gerne“, erzählt uns Maria. Sie zeigt Verständnis und bietet uns bei den heißen Temperaturen kaltes Wasser an. Ähnliche Erfahrungen machen wir auch im nächsten Café, in dem uns sogar Eiswürfel angeboten werden, um unser Getränk zu kühlen.

5 von 5 Gastronomen drehen gerne den Wasserhahn auf

Die Einstellung der Gastronomen überrascht uns. Vor unserem Selbstversuch rechneten wir mit einer Abweisung oder damit, öfter fragen zu müssen, bis wir unser Wasser bekämen. Sogar bei einer großen Fastfood-Kette bekommen wir ohne Probleme unser Getränk. Auf Nachfrage bekommen wir immer die gleichen Antworten: „Wenn der Chef nicht da ist, ist das kein Problem“, „Jeder muss trinken“ und „Das ist selbstverständlich“.

Aber wissen Deutschlands durstige Einwohner denn, dass eben diese Möglichkeit besteht? Anscheinend nicht, denn auch hier ist die Antwort wieder eindeutig: Kaum jemand bis gar keiner fragt nach gratis Wasser, viele wissen über diese Möglichkeit nicht Bescheid. Dabei ist diese Frage weder dreist noch unhöflich, jeder der „getesteten“ Betriebe gab uns ohne zu zögern, die Möglichkeit etwas zu trinken.

Das Problem steckt also eher in den Köpfen den Menschen, denn dieses Prinzip ist besonders in Deutschland sehr neu. Dabei ist das deutsche Leitungswasser qualitativ sehr hochwertig und vollkommen unbedenklich. Laut dem neuesten Bericht des Umweltbundesamtes würden „mindestens 99,0 % der Trinkwasserproben die Anforderungen und Grenzwerte (…) eingehalten werden, für viele dieser Parameter waren es sogar 99,9 % bis 100 % der Proben.“ (https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/bericht-des-bundesministeriums-fuer-gesundheit-des-2). Die Voraussetzungen sind also gegeben, die Blockade in den Köpfen der Menschen muss nur verschwinden.

Hier geht es aber nicht nur um den humanitären, sondern auch um den umweltlichen Aspekt. Eine Plastikflasche benötigt ca. 450 Jahre im Meer, um sich selbst zu zersetzen, wobei sich die Flasche jedoch nicht vollkommen auflöst, sondern sich in kleine Mikroplastikteilchen verteilt. Viele Meereslebewesen sind durch den menschlichen Plastikverbrauch bedroht: Sie verletzen sich oder fressen gar das giftige Plastik. Dieses Mikroplastik ist aber nicht nur für tierische, sondern auch menschliche Erdbewohner gefährlich. Die Bestandteile finden sich häufig in Duschgel oder Cremes, der Mensch kontaminiert und schadet sich sozusagen wieder selbst.

Plastik stellt die Menschheit vor ein großes Problem, besonders die Richtlinien des jeweiligen Recyclings sind von Land zu Land unterschiedlich. Während in Dänemark 90% des verbrauchten Plastiks recycelt werden, sind es in Deutschland nur 42% (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutsche-verbrauchen-37-kilo-plastik-pro-jahr-15304729.html). Jeder einzelne kann hier jedoch einen kleinen Teil beitragen. Aktionen wie „Refill-Hamburg“ machen auf dieses Problem aufmerksam. Auch in kleineren Städten wie Gießen gestaltet sich die Umsetzung nicht als schwierig. Sensibilisierung ist hier das Stichwort! Diese ist das Ziel diverser Aktionen gegen Umweltverschmutzung, ein Problem, das jeden etwas angeht.

In Deutschland werden stündlich 2 Millionen Einweg-Plastikflaschen verbraucht und das sind 2 Millionen zu viel! „Refill-Hamburg“ regt auch hier zum Nachdenken an und setzt auf die Gemeinschaft. „Wenn jeder einmal auffüllt, anstatt neu zu kaufen, wären wir im Kampf gegen Umweltverschmutzung schon viel weiter. Es ist unser Planet. Gutes Wissen muss sich verbreiten“ (https://www.shz.de/regionales/hamburg/refill-hamburg-hier-gibt-es-leitungswasser-zum-nachfuellen-id16577726.html), sagt die 50-Jährige in einem Interview mit der SHZ. Ihre Erfolgswelle schwappt weiterhin durch Deutschland: Die ersten Anfragen kamen schon aus diversen deutschen Städten, die Leute möchten sich engagieren und das müssen sie auch: Nur gemeinsam lässt sich die Umwelt schützen und Bewusstsein für diese Themen schaffen. Das ist auch für Gießen wünschenswert.

 

Von Danielle Dörsing und Berina Alomerovic