„Unverpacktes“ Gießen: Kampf dem Plastik

Riesige Behälter reihen sich an einer Wand entlang. In ihnen: Nudeln, Nüsse, sogar Gummibärchen. Dazwischen drängeln sich dutzende Menschen – alle ausgestattet mit Weckgläsern, Tupper- oder Metalldosen und Netztaschen – die sich Waren abfüllen oder abwiegen lassen.

Der Trend „Unverpackt“ ist nun also auch in Gießen angekommen. Das Konzept: Läden, in denen man sich Trockenwaren, sowie Reinigungsprodukte, Obst oder Gemüse selbst in eigene Behältnisse abfüllen kann, um so auf schädlichen Verpackungsmüll zu verzichten.

Das Ganze gliedert sich in die sogenannte „Zero-Waste“-Bewegung ein. „Hinter dieser Philosophie steht der Ansatz, ein möglichst müllfreies Leben zu führen und wiederzuverwerten anstatt wegzuwerfen“, erklärt Jonas Hey, der zusammen mit seiner Freundin Louisa Willner den neuen Laden am Johanette-Lein-Platz eröffnet hat.

 

Ein massentaugliches Konzept?

Die beiden sehen gute Chancen, dass sich ihr Konzept in Gießen etabliert: „Gießen hat einfach eine große nachhaltige Szene, viele Menschen leben sehr bewusst und haben sich so eine Anlaufstelle gewünscht.“ Sie scheinen Recht zu haben: Die Idee findet Anklang bei der breiten Bevölkerung. Bei der Eröffnung am Samstag tummeln sich neben hippen Studenten, auch ältere Damen und Herren, vor der Tür spielen Kinder. Charlotte ist extra aus Wetzlar hergefahren, um sich neue Nachhaltigkeit näherbringen zu lassen: „Ich finde solche Läden klasse. So kann jeder kleine Schritte unternehmen, ohne verzichten müssen. Bei den Zahlen über Plastikmüll, die man so liest, muss jeder einfach etwas beitragen.“

18,2 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle

Die Zahlen, von denen Charlotte spricht, sind wirklich alarmierend. In Deutschland fielen im Jahr 2015 laut Umwelt Bundesamt 18,2 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle an – so viel wie nie zuvor. Wenn der Plastik-Konsum weiterhin mit der aktuellen Geschwindigkeit voranschreitet, gehen Wissenschaftler davon aus, dass 2050 dreimal mehr Plastik im Meer schwimmt als Fische. Dementsprechend versuchen Louisa und Jonas, auch in der Lieferkette auf Plastik zu verzichten, was aber laut Jonas nicht komplett funktioniert: „Auch wir können uns über bestimmte EU-Verordnungen nicht hinwegsetzen, aber wir haben, in Absprache mit anderen Unverpackt-Läden, besprochen, dass ein Müllsack Plastik pro Monat erstmal hinnehmbar ist.“

Ein breites Sortiment

Der Laden verfügt über 120 Lebensmittelspender (Gravity-Bins). Der Kunde kann sich so einfach selbst die Ware in gewünschter Menge abfüllen, ohne dass Hygienevorschriften missachtet werden. Das Sortiment umfasst neben Hartwaren wie Reis, diversen Nudelsorten und Getreideerzeugnissen auch Schokolade und andere Süßigkeiten. Aber auch, wer „Zero-Waste“ im Badezimmer etablieren möchte, wird fündig: Hygieneartikel wie Deocreme, Menstruationstassen oder Zahnpasta-Tabletten, sowie Wasch- und Spülmittel finden sich im Sortiment. Auch Frischwaren wie Kartoffeln und eine Auswahl an Eiern, Milch und Käse werden angeboten – selbstverständlich aus der Region: „Wir möchten mit jedem Produkt eine Geschichte erzählen, das bedeutet auch, dass wir die Erzeuger kennen und wissen wie es produziert wurde. Wir hoffen, unser Angebot bald erweitern zu können, aber unter dem Gesichtspunkt, dass es mit unserer Philosophie übereinstimmt.“

Starhilfe für einen bewussten Konsum

Wer nun in Sachen „Zero-Waste“ durchstarten möchte, hat mit Hilfe diverser Blogs und Bücher, die Möglichkeit, sich zu informieren. Auch sei die Zero-Waste-Map, auf der neben vielen weiteren Anlaufstellen, auch „Unverpackt Gießen“ zu finden ist, ein Mittel der Wahl. Jonas gibt hierzu auch gerne ein paar Tipps und Starthilfen: „Der erste Schritt ist sich seinem eigenen Konsum bewusst zu werden und daraufhin das richtige Zubehör anzuschaffen. Eine Metalldose oder Wachspapier zum Einpacken von Lebensmitteln ist da sehr gut. Empfehlenswert ist auch, auf dem Wochenmarkt einzukaufen, besonders Obst und Gemüse. Da hat man den zusätzlichen Vorteil, dass man weiß, wo es herkommt.“ Das Ganze steht jedoch unter einem freiwilligen Stern: „Es muss nicht sofort jeder seine Lebensweise komplett umstellen. Wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet, ist schon viel getan.“, fügt er hinzu.

Seit dem vergangenen Samstag hat „Unverpacktes“ nun offiziell geöffnet. Wer sich selbst gerne ein Bild machen möchte, kann das laut Jonas immer montags bis freitags von 10:00 bis 19:00, sowie samstags von 09:00 bis 18:00 tun: „Es ist halt mal was anderes, aber wir glauben an das Konzept und hoffen auf viele Leute, die auch Lust darauf haben. Irgendwo müssen wir ja anfangen.“

Weitere Infos gibt es unter:

http://www.zerowastelifestyle.de/

https://wastelandrebel.com/de 

sowie

 www.unverpacktes-giessen.de

Instagram: @unverpacktes_giessen

 

Danielle Dörsing




„Rap braucht wieder einen Märchenerzähler“ – Schlaftabletten, Rotwein V, eine kurze Rezension

Mitte September erschien das neuen Alligatoah-Album „Schlaftabletten, Rotwein V“. Mit dem fünften Teil der „StRw“-Reihe setzte sich der Schauspiel-Rapper direkt auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Das Lied „Willst du“ aus dem Album „Triebwerke“ hatte Alligatoah im Jahr 2013 über die Rap-Szene hinaus bekannt gemacht. Nachdem die Alben der letzten Jahre jeweils einem Thema unterstellt waren handelt es sich bei „StRw V“ um eine Sammlung von Liedern, die keinem roten Faden folgen.

Im Verlauf der 16 Lieder des Albums schlüpft der „Märchenerzähler“ (Track 1: Alli-Alligatoah) des Rap in unterschiedliche Rollen um mit viel Ironie und „böse[r] Zunge“ (ebd.) seine Gedanken unters Volk zu bringen.

Es mag an dem fehlenden, verbindenden Thema liegen, scheint das neue Album insgesamt etwas weniger zugänglich daher zu kommen, als noch „Triebwerke“(2013) oder „Musik ist keine Lösung“ (2015). Dem Album tut es jedoch keinen Abbruch, dass die einzelnen Lieder etwas mehr Aufmerksamkeit benötigen, denn es gibt auch beim sechsten oder siebten Hören noch immer Neues zu entdecken. Wer sich die Mühe macht, etwas genauer hinzuhören wird nicht daran vorbei kommen, sich selbst in dem ein oder anderen Lied wiederzufinden, wenn auch hoffentlich nicht so extrem, wie von Alligatoah präsentiert, dessen liebstes Stilmittel wohl die Zuspitzung und Übertreibung sein dürften. Egal, ob es um den Autofahrer kurz vor dem Nervenzusammenbruch (Track 3: Hass), die angemessenen Formen menschlichen Miteinanders (Track 6: Beinebrechen) oder das Kommerzopfer (Track 14: Wo kann man das kaufen) geht, stets verschmelzen in Alligatoahs Liedern intelligente Texte, die zum Nachdenken anregen mit wunderbar spitzen Formulierungen.  (An dieser Stelle muss ich gestehen, dass mich gerade die Lieder zum Schmunzeln bringen, in denen ich Aspekte meines eigenen Alltags erkenne.)

Musikalisch sind „StRw V“ deutliche Einflüsse aus dem Metal anzumerken. So sind beispielsweise die Lieder „Terrorangst“ und „Wo kann man das kaufen“ deutlich Gitarrenlastiger, als beim Rap zu erwarten wäre und bei „Hass“ wird deutlich, dass Bands wie System of a Down und Slipknot einen starken Einfluss auf Alligatoah ausgeübt haben. Diese Einflüsse unterstreichen nochmals den experimentellen Charakter des Albums.

Die Limited Edition von „StRw V“ enthält zusätzlich zu einem Alligatoah-Blumentopf, Blumenerde und -samen noch das Album „Fremde Zungen“. Auf dieser CD präsentiert Alligatoah Cover-Versionen von Liedern, die ihm in seinem Leben wichtig waren. Diese sind mit Akustikgitarre im Wald aufgenommen, inklusive der zugehörige Umgebungsgeräusche wie raschelndes Laub oder penetrante Fliegen. Alligatoah deckt auf diesem Album eine große Bandbreite ab und covert unter Anderem die Lieder „Duality“ (Slipknot), „Chandelier“ (Sia) und „Es ist an der Zeit“ (Hannes Wader).

Insgesamt bin ich sehr glücklich über „StRw V“. Alligatoah schafft es, jede seiner Rollen auszufüllen und schon allein diese Vielseitigkeit verdient größten Respekt. Gepaart mit einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie und pointierten Texten ergibt sich ein Album für (fast) alle Lebenslagen. Trotz der musikalischen Vielfalt handelt es sich bei „StRw V“ nach wie vor um ein Rap-Album. Dementsprechend sollte der potentielle Hörer zumindest eine gewisse Offenheit für dieses Genre mitbringen.

 

Jonas Feike

Ein kleiner Anhang zu Alligatoahs Musikgeschmack und seinen Einflüssen: https://www.youtube.com/watch?v=ujnEePnOvHk  




Wir warten – Neues Kassen- und Bezahlsystem in der Cafeteria im Phil. I.

Es ist ein Bild des Grauens für viele Studenten, dass sich Sandra am Montagmittag zeigt. Wie immer hat sich eine lange Schlange am Café Phil im Hörsaalgebäude A am Philosophikum I gebildet. Die Leute drängen sich an den Ausgaben und suchen sich ihren Snack und Getränk für zwischendurch. Manche dabei effizienter als andere. Danach geht es erst einmal zur Kasse, was dann jedoch auch wieder dauern kann. Gestresst und entnervt schaut Sandra auf ihr Smartphone. In 15 Minuten würde ihr nächster Kurs beginnen. Sie hat ihre Snacks in einer Hand und hält mit der anderen Hand ihren Studentenausweis bereit. Wenn man an der Reihe ist geht es für gewöhnlich doch sehr schnell. Die Kassiererin gibt ein, was man sich ausgesucht hat, man legt den Studienausweis oder die MensaCard an das Lesegerät und der Betrag wird abgebucht. Dabei muss die Germanistikstudentin nur darauf achten, dass genug Geld auf der Karte ist.

Doch an diesem Mittag scheint die Situation schlimmer zu sein als sonst. Die Schlange ist noch länger und das Bezahlen scheint eine Ewigkeit zu dauern. Sandra hört einen anderen Studenten hinter sich gereizt fragen, warum dass ganze solange dauern würde. Vor ihr seufzt ein anderer Student genervt. Sandra selbst steht bereits seit 10 Minuten in der Schlange und hätte sie keinen Hunger, würde sie wohl die Snacks weglegen und einfach zum Kurs gehen. Sie streckt ihren Hals und lehnt sich erst zu einer, dann zur anderen Seite, in der Hoffnung, erkennen zu können, warum es so lange dauert. Es sind noch drei Personen vor ihr an der Reihe, bevor sie endlich selbst an der Kasse steht. Sie hält ihre Karte hin, doch die Kassiererin verweist sie auf einen Zettel. „Nur noch EC-Karten oder Bargeldzahlung möglich” steht dort. Verwirrt packt Sandra ihre Studentenkarte weg. Sie hat Gott sei dank Bargeld dabei, sonst hätte sie wohl den Betrag von 1,40 € mit ihrer EC-Karte zahlen müssen. Scheinbar haben der Studienausweis oder die MensaCard im Café Phil vorerst ausgedient.

Entnervt von dem ganzen Gewarte und dem neuen Bezahlsystem nimmt Sandra das Wechselgeld entgegen. „Was halten sie denn von diesem System?” fragt sie die Kassierin. „Es ist gewöhnungsbedürftig aber nicht schlecht. Wenn wir geübt sind, wird es dann auch schneller gehen. In einem Monat vielleicht.” erklärt sie kurz. Sandra wünscht ihr daraufhin noch einen schönen Tag bevor sie zu ihrem Seminar eilt. Auf ihrem Weg trifft sie auf Johanna und Stefan. Die beiden hatten zuvor frei und konnten sich in aller Ruhe am Café ihre Getränke holen. Die drei Studenten machen ihrem Ärger Luft. Es sei lächerlich einen Betrag von 30 Cent mit der Girocard zu bezahlen. „Wann haben die das überhaupt eingeführt?” fragt Johanna ihre beiden Kommilitonen. Stefan holt daraufhin einen Flyer aus seiner Hosentasche. „Der hier lag an der Theke ganz vorne aus. Hätte ich nicht nach den Tüten für die Brötchen gesucht, hätte ich ihn nicht mal gesehen.” erklärt er.

Auf diesem Flyer vom Studentenwerk wird erläutert, dass es sich bei dieser Umstellung um ein Pilotprojekt handelt, in dem ein neues Bezahlungs- und Kassensystem getestet werden soll. Dieses Projekt startete bereits im Mai 2018. Durch diese Umstellung soll der Bezahlvorgang beschleunigt und verbessert werden. Möglich ist dies durch die kontaktlose Bezahlung durch den Near Field Communication (NFC)-Chip der Girocard, mit der wir uns immer häufiger im Alltag konfrontiert finden.

„Angeblich gibt es eine Stempelaktion.” erklärt Stefan und schaut Sandra und Johanna fragend an.„ Bei jedem Bezahlvorgang kann man Stempel sammeln und mit 10 Stempeln bekommt man ein gratis Heißgetränk in einer der Einrichtungen den Studentenwerks.” liest Stefan vor. Die Frage, ob sie einen Stempel bekommen haben, verneinen die beiden Studentinnen.

Wie auch Sandra, Johanna und Stefan sehen viele andere Kunden am Café Phil diese Umstellung alles andere als positiv. „Es ist unnötig” erklärt eine andere Studentin. Ihr erschließt sich nicht, warum man diesen Aufwand betreibt. Denn durch die Umstellung kommt es zu größeren Verzögerungen im Bezahlvorgang, unter anderem dadurch, dass das Personal noch eingearbeitet werden muss. „Mit der Studentenkarte war es ein geschlossenes System.” erklärt sie weiter. Damit verweist sie auf eine Gefährdung und die Sicherheit von Daten hin.

Die Germanistikfachschaft, zu der Sandra auch gehört, hat kurz nach dieser Umstellung beschlossen mit den anderen Fachschaften eine geschlossene Stellungnahme zu dieser Umstellung zu verfassen. Doch bevor diese fertig gestellt werden konnte, gab es eine Reaktion von der offiziellen Seite. In dieser offziellen Stellungnahmen werden Infortmationen mit den Fachschaften geteilt, die das Ganze in ein anderes Licht rücken.

Die Firma die das alte Kartensystem zur Verfügung gestellt hat, hat dieses System eingestellt. Dies hat zur Folge, dass es keine Upgrades mehr gibt und das System aus Sicherheitsgründen nicht mehr benutzt werden kann. Aus diesem Grund muss ein Ersatz gefunden werden. Jedoch gibt es nur zwei Firmen, die solche geschlossene Systeme anbieten. Diese Systeme müssten auf die Universität angepasst werden, was diese Millionen kosten würde. Daher wurde entschieden, das momentan getestete System als günstige Alternative in Betracht zu ziehen.

„Immerhin muss man sich jetzt keine Sorgen mehr machen, nicht genug Geld auf der Karte zu haben oder dass die Automaten mal wieder nicht funktionieren.” erklärt Sandra anschließend. „Außerdem, vielleicht wird es ja später wirklich schneller, wenn das Personal eingearbeitet ist.” fügt sie mit einem Schulterzucken hinzu. Sie kann durch die neuen Informationen nachvollziehen, warum es diese Umstellung gibt. „Es wäre nur schön, wenn das von vornherein so erklärt worden wäre.” meint die Germanistikstudentin und steht mit dieser Meinung nicht alleine da.

Schlussendlich wird sich der Erfolg des Pilotprojekts und die Einführung des neuen Bezahlsystems  noch zeigen müssen. Momentan stößt es bei vielen aus unterschiedlichen Gründen noch auf Ablehnung, aber vor allem aus einem Mangel an Informationen.

Dieser Bericht entstand im Rahmen eines Seminars während des letzten Sommersemesters. 

 

Christina Schwarz




Befüllen statt Vermüllen! Kostenloses Leitungswasser in deutschen Städten?

Plastik ist eines der umstrittensten Umweltthemen unserer heutigen Zeit. Ob wissentlich oder nicht – jeder verbraucht Plastik, aber ist das wirklich notwendig? Die Zahlen sprechen angeblich für sich: 11,7 Tonnen Plastik verbraucht Deutschland durchschnittlich im Jahr (https://www.careelite.de/plastik-muell-fakten/) – so viel wie kein anderes Land in Europa. Aber muss diese horrende Summe wirklich sein? Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Betrag zu senken.

Plastik vermeiden und Wasserflasche einfach wieder auffüllen

Der “Refill“-Trend, welcher aus den USA langsam auch zu uns rüberkommt, nimmt sich diesem Thema an und versucht, den Plastikverbrauch durch PET-Flaschen zu reduzieren. Das Prinzip gestaltet sich einfach: Anstatt immer wieder Plastikflaschen zu kaufen, befüllt man eine nachhaltige Flasche einfach immer wieder. In den USA ist dieses Prinzip gang und gäbe, auch in gehobenen Restaurants. Dort gehört es zum guten Ton, eine gratis Kanne Leitungswasser ohne Aufpreis anzubieten. Selbst in Fastfood-Restaurants gibt es gratis Leitungswasser. Das Prinzip macht Sinn, denn Durst hat jeder und auf Wasser sollte kein Monopol bestehen.

Neuer „Refill“ Trend will für mehr Achtsamkeit sorgen

Besonders vor dem Gedanken, dass 2050 dreimal mehr Plastik im Meer (https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-01/plastik-umweltverschmutzung-meer-studie-weltwirtschaftsforum) schwimmen könnte, als Fische, sollten die Menschen für das Thema Plastik sensibilisiert werden. Die Person, die diese Bewegung nach Deutschland geholt hat und sich mit der Aktion „Refill-Hamburg“ (https://refill-hamburg.de/blog/author/elbmedien-stephanie-wiermann/) immer wieder für die Umwelt einsetzt, ist Stephanie Wiermann. Die Bloggerin, die der „Zero Waste“ –Bewegung angehört (welche versucht, so wenig bis gar keinen Abfall zu produzieren), hat ein Aufklebersystem entwickelt, kostenlose Wasserstationen für Benutzter zu kennzeichnen, in denen sie ihre mitgebrachten Flaschen mit Leitungswasser auffüllen können.

So entstehen für die Benutzer weniger Kosten und der Plastikverbrauch wird reduziert, da nicht nur seitens der Benutzer weniger Plastikflaschen gekauft werden, sondern auch seitens der Gastronomen. Viele Cafés, Restaurants und Läden machen wie selbstverständlich mit. Aber wie selbstverständlich ist gratis Wasser? In Gießen ist die Aktion laut ihrer Homepage noch nicht angekommen, was passiert also wenn Gastronomen nach gratis Leitungswasser gefragt werden? Wir haben den Selbstversuch gemacht.

Nach gratis Leitungswasser fragen: Selbstverständlich oder einfach frech?

Der Vormittag ist sonnig und warm, viele Leute laufen durch den Seltersweg und bummeln. Zuerst versuchen wir unser Glück in einem Bioladen, in dem uns eine freundliche Mitarbeiterin direkt zum Wasserhahn schickt. In der im Laden integrierten Bäckerei steht sogar ein kleiner Wasserspender an der Theke, an dem sich jeder gerne bedienen darf.

1 zu 0 für die Gießener Gastronomen. Insgesamt werden wir in 4 weiteren Geschäften nachfragen und, um die Antwort vorwegzunehmen, nie weggeschickt werden. Wir gehen in ein weiteres Café und bitten wieder freundlich um Leitungswasser, ohne etwas anderes bestellt zu haben. Auch hier füllt uns die Mitarbeiterin die Flasche hinter der Theke gerne auf. „Für mich ist das vollkommen normal. Leitungswasser kostet nichts, das Abwasser ist teuer. Jeder Mensch muss trinken, da mache ich das gerne“, erzählt uns Maria. Sie zeigt Verständnis und bietet uns bei den heißen Temperaturen kaltes Wasser an. Ähnliche Erfahrungen machen wir auch im nächsten Café, in dem uns sogar Eiswürfel angeboten werden, um unser Getränk zu kühlen.

5 von 5 Gastronomen drehen gerne den Wasserhahn auf

Die Einstellung der Gastronomen überrascht uns. Vor unserem Selbstversuch rechneten wir mit einer Abweisung oder damit, öfter fragen zu müssen, bis wir unser Wasser bekämen. Sogar bei einer großen Fastfood-Kette bekommen wir ohne Probleme unser Getränk. Auf Nachfrage bekommen wir immer die gleichen Antworten: „Wenn der Chef nicht da ist, ist das kein Problem“, „Jeder muss trinken“ und „Das ist selbstverständlich“.

Aber wissen Deutschlands durstige Einwohner denn, dass eben diese Möglichkeit besteht? Anscheinend nicht, denn auch hier ist die Antwort wieder eindeutig: Kaum jemand bis gar keiner fragt nach gratis Wasser, viele wissen über diese Möglichkeit nicht Bescheid. Dabei ist diese Frage weder dreist noch unhöflich, jeder der „getesteten“ Betriebe gab uns ohne zu zögern, die Möglichkeit etwas zu trinken.

Das Problem steckt also eher in den Köpfen den Menschen, denn dieses Prinzip ist besonders in Deutschland sehr neu. Dabei ist das deutsche Leitungswasser qualitativ sehr hochwertig und vollkommen unbedenklich. Laut dem neuesten Bericht des Umweltbundesamtes würden „mindestens 99,0 % der Trinkwasserproben die Anforderungen und Grenzwerte (…) eingehalten werden, für viele dieser Parameter waren es sogar 99,9 % bis 100 % der Proben.“ (https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/bericht-des-bundesministeriums-fuer-gesundheit-des-2). Die Voraussetzungen sind also gegeben, die Blockade in den Köpfen der Menschen muss nur verschwinden.

Hier geht es aber nicht nur um den humanitären, sondern auch um den umweltlichen Aspekt. Eine Plastikflasche benötigt ca. 450 Jahre im Meer, um sich selbst zu zersetzen, wobei sich die Flasche jedoch nicht vollkommen auflöst, sondern sich in kleine Mikroplastikteilchen verteilt. Viele Meereslebewesen sind durch den menschlichen Plastikverbrauch bedroht: Sie verletzen sich oder fressen gar das giftige Plastik. Dieses Mikroplastik ist aber nicht nur für tierische, sondern auch menschliche Erdbewohner gefährlich. Die Bestandteile finden sich häufig in Duschgel oder Cremes, der Mensch kontaminiert und schadet sich sozusagen wieder selbst.

Plastik stellt die Menschheit vor ein großes Problem, besonders die Richtlinien des jeweiligen Recyclings sind von Land zu Land unterschiedlich. Während in Dänemark 90% des verbrauchten Plastiks recycelt werden, sind es in Deutschland nur 42% (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutsche-verbrauchen-37-kilo-plastik-pro-jahr-15304729.html). Jeder einzelne kann hier jedoch einen kleinen Teil beitragen. Aktionen wie „Refill-Hamburg“ machen auf dieses Problem aufmerksam. Auch in kleineren Städten wie Gießen gestaltet sich die Umsetzung nicht als schwierig. Sensibilisierung ist hier das Stichwort! Diese ist das Ziel diverser Aktionen gegen Umweltverschmutzung, ein Problem, das jeden etwas angeht.

In Deutschland werden stündlich 2 Millionen Einweg-Plastikflaschen verbraucht und das sind 2 Millionen zu viel! „Refill-Hamburg“ regt auch hier zum Nachdenken an und setzt auf die Gemeinschaft. „Wenn jeder einmal auffüllt, anstatt neu zu kaufen, wären wir im Kampf gegen Umweltverschmutzung schon viel weiter. Es ist unser Planet. Gutes Wissen muss sich verbreiten“ (https://www.shz.de/regionales/hamburg/refill-hamburg-hier-gibt-es-leitungswasser-zum-nachfuellen-id16577726.html), sagt die 50-Jährige in einem Interview mit der SHZ. Ihre Erfolgswelle schwappt weiterhin durch Deutschland: Die ersten Anfragen kamen schon aus diversen deutschen Städten, die Leute möchten sich engagieren und das müssen sie auch: Nur gemeinsam lässt sich die Umwelt schützen und Bewusstsein für diese Themen schaffen. Das ist auch für Gießen wünschenswert.

 

Von Danielle Dörsing und Berina Alomerovic




LUMIX Festival 2018 – eine Rückschau

Anschauen, wirken lassen, nochmal anschauen – auf dem weitläufigen Gelände mit den zahlreichen Foto-Geschichten brauchen die Besucher vor allem Zeit, um die vielen Eindrücke aufzunehmen. In Gebäuden mit unterschiedlicher Atmosphäre und Open-Air waren verschiedenste Reportagen und Porträts zu sehen. Menschen und ihre Geschichten aus der ganzen Welt wurden in diesem Jahr bereits das sechste Mal zu den Motiven des Festivals. Lebensverhältnisse, Konflikte, Trends, Gewalt, Innovation – die 60 Fotoarbeiten entstammten den unterschiedlichsten Themenbereichen.

Das Konzept einer thematischen Zuordnung war vielerorts deutlich erkennbar. Themen mit Naturaspekt, Geschichten über einfache Lebensverhältnisse und Traditionen waren draußen in den Gärten im Wandel zu sehen. Die Vergangenheit des Deutschen Pavillons (eines der Ausstellungsgebäude) war selbst nicht nur als Räumlichkeit, sondern auch thematisch Teil der Ausstellung. Im Herbst 2015 erwarb die Landeshauptstadt Hannover  das Gebäude und richtete es als Notunterkunft für Flüchtlinge ein. Die Zelte, in denen zu dieser Zeit rund 400 Geflüchtete untergebracht waren, stehen dort noch bis heute und bildeten das Ambiente für Geschichten mit den Themen Flucht, Kampf und Unruhen.

Die Arbeit des Fotografen Hannes Jung war Open-Air ausgestellt – und zwar vor dem Eingang zum Deutschen Pavillon. Eine klare Abgrenzung zu den Geschichten im Innenraum. Jungs Thema: Populismus in Deutschland, eine Auftragsarbeit für die Financial Times. Für seine Geschichte begleitete er 2017 die AfD (Alternative für Deutschland) im Wahlkampf. Jung erzählte während einer Führung, wie er während seiner Arbeit versuchte, auf die AfD-Politiker zuzugehen, und wie sie ihm begegneten. In seinen Bildern spiegeln sich, wie er sagt, auch die Charaktere der einzelnen Politiker so wider, wie er sie wahrgenommen habe. Es sei zuweilen eine schwierige Aufgabe, sowohl dem Politiker und seiner öffentlichen Haltung als auch der Person mit ihrer Art auf den Menschen zuzugehen in der Darstellung gerecht zu werden, erklärte Jung. Er machte deutlich, dass die Darstellung durch Fotografie nicht nur das Motiv, sondern auch den Fotografen zeigt.

Paul Lovis Wagner begleitete die Vorbereitungen für den G20-Gipfel 2017. Wagner berichtete über seine Erfahrungen bei PR-Terminen in dieser Zeit und wie er mit für die Presse inszenierten Darstellungen umging. Als Fotograf müsse er sich bei solchen Terminen bewusst machen, dass die für die Presse geschaffenen Einblicke in der Vorbereitung möglichst positiv erscheinen sollen, sagte er. Er halte es in diesen Situationen für notwendig, die aufbereiteten PR-Bilder zu hinterfragen.

Die besten Arbeiten des Festivals wurden mit verschiedenen Preisen geehrt. Eine internationale Jury aus ausgewiesenen Fachleuten des Fotojournalismus entschied über die Vergabe. Den FREELENS-Award (Preis für die beeindruckendste Arbeit der ganzen Ausstellung) bekam in diesem Jahr Florian Müller. Unter dem Titel „Hashtags Unplugged – Von Lastern und Leitmotiven“ thematisierte er die Sehnsucht nach Anerkennung in sozialen Netzwerken und die Schritte, die User bereit sind, dafür zu gehen. Der Lammer-Huber-Award für die beste Darstellung einer Alltagsgeschichte ging an Aleksi Poutanen. Mit seiner Reportage „Fellow Creatures“ zeigte er, wie im Finnland des 21. Jahrhunderts die Beziehung zwischen Mensch und Tier gelebt wird. Den LUMIX-Media-Award erhielt Kyrre Lien mit der Multimedia-Story „The Internet Warriors“. Lien traf Menschen, die mit ihren Onlinekommentaren bis an die Grenze des Erlaubten treten. Den Publikumspreis, gestiftet von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, bekam Elias Holzknecht für sein Porträt „Josef“. Er zeigte das Leben eines Mannes aus Österreich, der seit 40 Jahren in unverändert einfachen Verhältnissen lebt – ohne fließendes Wasser und Heizung. Der Nachhaltigkeitspreis wurde 2018 zum zweiten Mal verliehen. Er zeichnet die Arbeit mit der eindrucksvollsten Auseinandersetzung zu den Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Soziales aus. Er ging an Zen Lefort mit seiner Geschichte „Standing Rock“ über die Proteste von Ureinwohnern, Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten gegen den Bau einer Ölpipeline am Missouri in North Dakota.

Organisiert wird das LUMIX-Festival vom Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover und dem Verein zur Förderung der Fotografie in Hannover. FREELENS, eine deutsche FotojournalistInnen-Vereinigung, unterstützt die Veranstalter. Für die Ausstellungsplätze können sich internationale Studierende und professionelle FotoreporterInnen bis zu einem Alter von 35 Jahren bewerben. Insgesamt 80 Aussteller und Vortagende werden zu dem Festival eingeladen und erhalten die Möglichkeit, sich und ihre Arbeit zu präsentieren.

Fotos: Enrico Schierer

Text: Maike Heimsoth




“Campus der Zukunft” – Was erwartet die Studierenden?

Übersicht der Baumaßnahmen (Quelle: www.uni-giessen.de/campus-der-zukunft)

Nicht nur die Restaurationsmaßnahmen am Schriftzug des Philosophikums (wir berichteten) dürften den meisten Studierenden in diesem Semester aufgefallen sein, auch das Fehlen einiger Bäume im Bereich der Bushaltestelle Rathenaustraße fällt ins Auge. Diese wurden bereits am Ende des vergangenen Wintersemesters gefällt und sind Bestandteil des Bauprojekts „Campus der Zukunft“. Dieses ambitionierte Projekt umfasst mehrere Neu- und Umbaumaßnahmen des Campus Philosophikum I und II. Bis vorrausichtlich 2024 sollen dabei Neubauten der Mensa, der Zentralbibliothek sowie zweier Seminargebäude entstehen. Zusätzlich dazu erfolgt eine Sanierung des Audimax.

Der erste Neubau am Philosophikum I ist mit dem Seminargebäude II bereits seit 2016 abgeschlossen. Derzeit sind es vor allem Infrastrukturtrassen die angelegt werden bevor ab 2019 die Bauprojekte richtig Fahrt aufnehmen. Für das erste Halbjahr 2019 ist der Neubau des Graduate Centre for the Study of Culture geplant. Dieser soll nördlich des bisherigen GCSC seinen Platz finden.

Der zentrale Platz (Quelle: www.uni-giessen.de/campus-der-zukunft)

Zentraler Bestandteil des „Campus der Zukunft“ wird ein neu geschaffener Platz sein, der die Verbindung zwischen dem Phil. I und II herstellen soll. Auf der bisher größtenteils unbebauten Wiese zwischen Zentralbibliothek und Rathenaustraße werden ein neues Seminargebäude und ein Entwicklungsbau der Zentralbibliothek ihren Platz haben. Auf der Seite des Philosophikum II wird eine neue Mensa entstehen.

Bereits seit Mitte Juni sind daher 170 Parkplätze hinter der Universitätsbibliothek weggefallen, um die Baumaßnahmen vorzubereiten. So wird Ende dieses Jahres das bisher auf der Freifläche stehende Gewächshaus zurück gebaut werden. Auf Baustellenlärm werden sich die Gießener Studierenden vor allem ab dem Wintersemester 2019/20 einstellen müssen, denn für das zweite Halbjahr 2019 ist der Baubeginn des Entwicklungsbaus der Zentralbibliothek geplant. Der Neubau des Seminargebäudes erfolgt dann zwei Jahre später, abschließen wird die Baumaßnahmen der Neubau der Mensa ab dem Jahr 2022.

Konkrete Auswirkungen der Baumaßnahmen am neuen Herzstück des „Campus der Zukunft“ wird es bereits ab dem vierten Quartal 2018 geben. Ab Oktober 2018 bis Ende 2019 bleibt die Rathenaustraße ab Höhe der Bushaltestelle gesperrt. Die Zufahrt zu den Parkplätzen des Phil. I über den Schiffenberger Weg bleibt jedoch genauso erhalten wie die Zufahrt zum Phil. II über die Karl-Glöckner-Straße. Versperrt sein wird hingegen die Zufahrt zum Phil. I aus nördlicher Richtung über die Licher Straße.

Studierende, die auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind, müssen sich im Zuge der Umbaumaßnahmen ebenfalls auf Veränderungen einstellen. Die Haltestellen „Siemensstraße“ und „Rathenaustraße“ werden verlegt, sodass ab Ende 2018 die Buslinien 802 und 10 die „Karl-Glöckner-Straße“ ansteuern werden und die Buslinie 801 an der Haltestelle „Ostschule“ enden wird.

Über Fortschritte und Baumaßnahmen informiert die Uni hier.

 

Henrik Drechsler




1968 im Kino: Premiere der Masterfilme aus der Fachjournalistik Geschichte

Bereits eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn ist das Foyer des Kinocenters Gießen prall gefüllt. Zwischen den Stehtischen herrscht bei schwülwarmen Temperaturen ein reges durcheinander der Personen. Jung und Alt, Studierende und Dozenten, Eltern und Protagonisten. Sie alle warten darauf, die beiden Filme der Masterstudierenden der Fachjournalistik Geschichte zu sehen.

Rund ein Jahr lang beschäftigten sich die beiden Gruppen, bestehend aus insgesamt 10 Studierenden, mit ihren Themen. Herausgekommen sind zwei, etwa halbstündige, Dokumentarfilme über ein Jahr, welches die Geschichte der Bundesrepublik nachhaltig prägte: 1968

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Während im derzeitigen Jubiläumsjahr der Fokus des Interesses vor allem auf den damaligen Geschehnissen in Städten wie Berlin oder Frankfurt liege, wollten die Studierenden der Justus-Liebig-Universität wissen, wie es um die Bewegung auf lokaler Ebene stand. Recht schnell merkten sie, dass auch im ansonsten eher beschaulichen Gießen die Studierenden ihren Unmut lautstark kundtaten.

Dabei beschäftigte sich die Dokumentation „Gießen 68 – ein revolutionärer Traum“ mit drei ehemaligen Protagonisten der Studentenbewegung, welche auch noch 50 Jahre später voller Eifer auf die Zeit zurück blickten. Dass dabei nicht nur Personen zu Wort kamen die für eine radikale Veränderung der Situation eintraten, sondern auch deren studentische Widersacher, machte die Stärke des Films aus. So ergab sich für die Zuschauer ein interessantes Wechselspiel unterschiedlicher Meinungen, die geschickt gegeneinander geschnitten wurden. Manche geäußerte Anekdote sorgte zudem für einige Schmunzler, wie aber auch für Diskussionen im Nachgang des Films. Der emeritierte Professor Heinrich Brinkmann, ein bekanntes Gesicht des Gießener SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) und ein Hauptprotagonist des Films, mischte sich ebenso unter die Anwesenden wie andere interviewte Zeitzeugen.

In „…erwarten die sofortige Rückkehr. Der Fall Jeung Gil Choe“ beleuchteten die Studierenden hingegen einen spektakulären Kriminalfall, der deutschlandweit für Aufsehen sorgte: Ein koreanischer Student wird, genauso wie weitere seiner Landsleute, aus dem Studentenwohnheim in Gießen entführt und in sein Heimatland gebracht. Angebliche politische Aktivitäten werden ihm zur Last gelegt. Eine Gruppe Gießener Kommilitonen beschließt diese Entführung nicht widerspruchslos hinzunehmen, organisiert Unterschriftenaktionen und schaltet das Auswärtige Amt ein. Gießener Studierende trugen mit ihren Aktion zur schrittweisen Abmilderung des Verfahrens bei. Noch nach 50 Jahren spürten die rund 190 Zuschauer im Kinosaal „Broadway“ die Erschütterung und Empörung der Zeitzeugen. Die intensive Recherchearbeit zu dem Kriminalfall führte die Masterstudierenden sogar bis nach Berlin.

Im Anschluss an die beiden Filme entwickelte sich eine rege Diskussionsrunde, bei der auch die Filmschaffenden Studierenden Rede und Antwort standen. Den Filmen gelang es, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, sodass sich die Gäste auch im Nachgang bei Kaltgetränken und Snacks im Vorraum des Kinocenters weiter austauschten und die Filme, sowie die verantwortlichen Masterstudierenden gebührend feierten.

Henrik Drechsler

Alle Fotos: Maurice Jelinski




Die letzten Minuten in Russland

Als die Nationalelf in die Kazan-Arena einläuft, jubeln im rund 800 Kilometer entfernten Moskau die Fans. Mit anfeuernden “Deutschland” rufen, verfolgen tausende das Spiel auf dem Fifa Fan Festival, dem offiziellen Public Viewing des internationalen Fußballverbandes. Auf der Fanmeile im Schatten der Lomonosov Universität, einem Wolkenkratzer aus der Stalinzeit, drängen sich bis zu 25 000 Fußballenthusiasten, vor den dutzenden Bildschirmen auf denen jedes Spiel Live übertragen wird.

Dabei scheinen die Organisatoren bereits im Voraus zu wissen, was sie von Jogi und seiner Mannschaft zu halten haben. Die letzte Chance der Deutschen zur Qualifikation für das Achtelfinale, wird auf nur einem, der vielen TV- Bildschirme übertragen. Während die Hauptbühne der Fanmeile im grün der mexikanischen Fans und den gelb-blauen Trikots der Schweden, unter der brennenden Sonne schillert, sind die Fans mit den deutschen Fahnen in eine Ecke verbannt.

Die Fußballbegeisterten zwängen sich durch Ziersträucher und versuchten vorbei an den Bäumen, die vor dem Bildschirm stehen, einen Blick auf das historische Debakel der Deutschen in Kazan, zu erhaschen. Während 50 Meter weiter die Schweden ihren Sieg besingen, stehen die Fans der deutschen Mannschaft schweigend in ihrer Ecke, die wenigen koreanischen Fans können ihr Glück aber kaum fassen, bei jedem Schuss auf das deutsche Tor springen die Fans auf. Bis zuletzt sind die Nerven auf beiden Seiten gespannt, alle Augen sind auf den Bildschirm geheftet, angespannt umklammern die Fans ihre, mit Bier gefüllten, knallroten Fifa Becher.

Weltmeister Deutschland schafft es nicht sich gegen den Außenseiter Südkorea durchzusetzen, bei den Fans auf der Moskauer Fanmeile war Deutschland aber der klare Favorit, vor allem bei den nichtdeutschen Fans. Vor dem Anpfiff im Kazan war die Unterstützung für die Nationalelf nicht nur auf dem Fifa Fan Festival, sondern auch in den Straßen Moskaus zu spüren. Bereits nach dem knappen Sieg über Schweden zogen Russen, Tunesier und Senegalesen mit deutschen Flaggen durch die Innenstadt. Moskauerinnen überreichten deutschen Gästen Blumen und Fans aus aller Welt umarmten und beglückwünschten die deutschen Besucher.

Bei dem Spiel gegen Südkorea gibt es allerdings nichts zu feiern, trotzdem steht die Moskauer Fangemeinde bei der historischen Niederlage hinter Deutschland. Als Mats Hummels in der 39. Minute nur knapp am gegnerischen Tor vorbeischießt springen die russischen Fans auf und sind kaum noch zu halten “Dutschelant”, rufen die ausländischen Unterstützer, in gebrochenem Deutsch. Doch als H.-M. Son in der 96. Minute, die deutsche Niederlage mit einem Schuss in das Neuer-leere Tor besiegelt, helfen auch die letzten Anfeuerungsrufe nichts mehr. Die Zuschauer können es kaum fassen, einige wischen sich die Tränen aus den Augen, eine Russin packte frustriert ihre Deutschlandfahne ein.

Andere nehmen das deutsche Fußballdebakel locker und gratulieren den Südkoreanern zum Sieg. Es werden noch schnell Selfies mit deutschen und koreanischen Flaggen geschossen, bevor sich die Wege trennen. Dann strömen die kostümierten Fans in Richtung der Metrostation, die gleich neben dem Luschniki Stadion liegt. Der Traum die deutsche Mannschaft dort spielen zu sehen ist geplatzt und triumphierende Fussballgesänge der Schweden und Koreaner und ein immer wieder anschwellendes “Auf Wiedersehen”, begleitet die deutschen Fans, als sich die Zugtüren hinter ihnen schließen.

 

Kim Hornickel




„Ja, Andrei Iwanowitsch“ – Film über ein Leben im Kinocenter Gießen

„Sind die Plätze da in der Mitte noch frei? Und der da vorne?“ Der Mitarbeiter des Kinocenter Gießen hat alle Hände voll zu tun. Bis auf den letzten der 92 Plätze ist der Kinosaal „Manhattan“ mit Zuschauern besetzt. Eine bunte Mischung aus Studierenden und Lehrenden der JLU sowie älteren und jungen Gießener Bürgern warten um 19:30 Uhr gespannt das Abdimmen der Lichter im Kinosaal ab.

Die Lehrstühle der Fachjournalistik Geschichte und der Osteuropäischen Geschichte hatten für den 25. Juni 2018 zur Filmvorführung mit anschließendem Zeitzeugengespräch geladen. Während der rund 70 Minuten lernten die Zuschauer einen lebensfrohen und aufgeschlossenen 92-jährigen Andrei Iwanowitsch kennen. Über zwei Jahre lang begleitete der Regisseur Hannes Forlock den Minsker Iwanowitsch, nachdem er ihn in einer Geschichtswerkstatt in der belarussischen Hauptstadt kennen gelernt hatte.

So können die Zuschauer Iwanowitsch durch seinen Alltag begleiten und Stück für Stück Einblicke in seine bewegte Vergangenheit, aber auch seine Perspektive auf die Gegenwart erfahren. Als der Älteste seiner Geschwister muss er nach dem Tod der Eltern im zweiten Weltkrieg bereits als 14-jähriger Verantwortung übernehmen und wird durch Zufall zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Zunächst in Leipzig und dann im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar erlebte Iwanowitsch die Schrecken des Nationalsozialismus. Nach der Befreiung des Lagers kehrte er trotz anderer Möglichkeiten, die er Seitens der Befreier, also der Amerikaner angeboten bekommen hat zurück nach Weissrussland, nur um umgehend in die Armee eingezogen zu werden. Unter stalinistischer Herrschaft und auch danach galt die Doktrin der Verleumdung sämtlicher Kriegsgefangener, sodass er beschloss seine Vergangenheit zu verschweigen, um Konsequenzen im Berufsleben vorzubeugen. Erst vor 15 Jahren brach er sein Schweigen.

Wer nun einen Film über einen gebrochenen Mann erwartet, liegt falsch. Trotz seiner schwierigen Vergangenheit, zu der auch der alkoholbedingte Tod seiner geliebten Frau und seines Sohns gehören, hadert Andrei Iwanowitsch nicht mit dem Leben. Im Gegenteil: noch in hohem Alter engagiert sich der ehemalige Ingenieur in Vereinen und Komitees und lernt jeden Tag Deutsch, um seinen Geist aktiv zu halten und um sich bei seinen Besuchen in Deutschland verständigen zu können.

Ohne Groll oder Hass begegnet er dabei den Deutschen. Am 70. Jahrestag der Befreiung Buchenwalds reist er zum wiederholten Mal zum Festakt nach Weimar und trifft dort neben anderen ehemaligen Häftlingen auch den damaligen Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, dem er verspricht zum 75. Jubiläum erneut anzureisen. Beeindruckt Iwanowitsch bei dieser Reise zurück in die Vergangenheit besonders durch seine offene Art mit dem Geschehen umzugehen, so sind es aber auch die alltäglichen Szenen in seiner Datscha, die Eindruck beim Zuschauer hinterlassen. Ob während des Imkerns oder dem  Umpflügen seines Gemüsebeets, die Agilität und der Lebensmut des hochbetagten Mannes verwundert.

Während der Abspann von Applaus begleitet wird, steht der 92-jährige Protagonist des Films lächelnd und auch ein bisschen stolz neben dem Regisseur vor der Leinwand. Auch zu fortgeschrittener Stunde ist Iwanowitsch gespannt darauf sämtliche Fragen zum Film und zu seinem Leben zu beantworten. Von den Socken bis zur knallgelben Jacke habe er übrigens alles aus der Kleiderkammer in Buchenwald, die ihn sehr unterstütze, lässt er grinsend von Hannes Farlock aus dem Russischen übersetzen. Und teils mit gehörigem Schalk aber auch mit erregter Stimme beantwortet er über eine Stunde lang alle Wortmeldungen.

Iwanowitschs Gedanken über das Leben, dass jeder Tag aufs Neue Wert zu leben sei, beeindrucken, sodass der Titel „Ja, Andrei Iwanowitsch“ dabei voll zutrifft. Kann der Titel im Deutschen als bejahendes Statement und Ermutigung gelesen werden, bedeutet die russische Variante des „Ja“ (russ: Я) das Wort „Ich“ und steht somit für den selbstbewussten Ausspruch „Ich, Andrei Iwanowitsch“.

Mehr Informationen zum Film gibt es hier.

 

Henrik Drechsler




Schöne Stunden an der Lahn – Erstes Gießener Lahnuferfest

Leckeres Essen, Livemusik und eine breite Auswahl an Getränken, im Hintergrund das Rauschen der Lahn, auf der ein Schwan seine Runden zieht. Vom 22. bis zum 24. Juni fand an der Lahn, das erste Gießener Lahnuferfest statt.

Auch wenn das Wetter nicht ganz mitspielte, startete am Freitag das Fest an der Lahn. Angefangen an der Lahnbrücke beim Strand Café bis hin zur Wieseckmündung war das Lahnufer hübsch hergerichtet und für das Fest-Wochenende vom erfahrenen Event-Planer Christian Trageser vorbereitet worden. Dieser hat bereits einige andere Veranstaltungen in Gießen, wie etwa das Bierfest, organisiert und hoffte bei der Premiere seiner neuesten Veranstaltung auf viele gut gelaunte Besucher.

Diese hatten die Wahl zwischen drei Bühnen mit unterschiedlicher Musik. Die „Bühne Cleverfit“ war die erste, wo den ganzen Abend über verschiedene DJs auflegten und ab 21 Uhr sogar FFH Moderator Felix Möse als DJ am Pult stand.

In der Mitte befand sich die „Autohaus Michel Hauptbühne“ mit Live-Musik. Dort eröffnete die Band „Lebendig“ das Fest. Später sang die „The Voice of Germany“-Finalistin BB Thomaz und sorgte für gute Laune. Das Publikum tanzte dabei zu neuen und alten Popliedern. Als ihr Auftritt endete, ging es nach einer kurzen Pause weiter mit der Band „Van Baker“, die Schlagerhits zum Besten gab. Der Leadsänger war gekleidet in einen hautengen Ganzkörper-Glitzeranzug, durch den der Sänger als eigene Diskokugel für die Band fungierte. Er wusste die mittlerweile stark angewachsene Anzahl an Zuhörern gut zu unterhalten. Sowohl allseits bekannte Hits von Helene Fischer wie „Atemlos“ als auch Fußballhits wie „Ein Hoch auf uns“ wurden von dem Publikum aus vollem Hals mitgesungen.
Das „Festival Gelände“ befand sich ganz am Ende des Veranstaltungsortes. Die Musik dort bestand den ganzen Abend aus Hip Hop, Black Beatz Down South sowie R&B.

Die erste Station des Abends war bei den Meisten jedoch etwas zu essen. Um halb acht war vor den Bühnen noch nicht viel los, doch die Stände des Street-Food Festivals waren trotzdem voll hungriger Menschen. Dieses bot eine große Auswahl von allen möglichen Gerichten. Von amerikanischen Burgern über Seefood-Gerichte und Klassiker wie „Langosch“ bis hin zu einer Vielzahl an Desserts. Das Weindorf nahm einen großen Teil des Festes ein und erfreute sich großer Beliebtheit. Mit voranschreitender Uhrzeit füllte sich das Lahnufer immer mehr mit Leuten, die Wein und Cocktails tranken. Eine vielversprechende Neuentdeckung des Abends war der „Hessische Caipi“, der durch einen guten Schuss Apfelwein eine wirklich leckere hessische Note bekam.

Die Stimmung wurde mit der Zeit immer ausgelassener. Die Leute lachten viel und unterhielten sich, viele tanzten gut gelaunt zur Musik. Mit Einbruch der Dunkelheit wurden die dekorativ angebrachten Lichterketten eingeschaltet und erhellten den dunklen Weg. Am Freitagabend verschlug  es neben anderen Gießenern auch viele Studenten an das Lahnufer. Selbst die immer weiter sinkenden Temperaturen trübten die gute Stimmung nicht. Wem zu kalt war, der wärmte sich mit ein wenig Alkohol. Das offizielle Programm endete zwar um 23 Uhr, dies hielt die Leute aber nicht vom Weiterfeiern ab.

Den ersten Abend kann man also als einen erfolgreichen Auftakt des Events verbuchen und nur hoffen, dass wir nächstes Jahr erneut ein schönes Fest am Lahnufer feiern können.

 

Irina Gildt