Informationsveranstaltung zu den Hochschulwahlen an der JLU

Am 17.05.2018 fand eine Informationsveranstaltung zu den Hochschulwahlen 2018 an der JLU statt. Anwesend waren Vertreter der Jusos, der Grünen Köpfe, des SDS, des RCDS, der liberalen Hochschulgruppe und der Türkeli. Themen waren unter anderem die Infrastruktur, Freizeit und Kultur, Mensa und eine Auswertung der Arbeit des noch ausführenden Astas.

Im Themenbereich Infrastruktur wurde das neu eingeführte Fahrradleihsystem kontrovers Diskutiert. Der RCDS, vertreten von Robin Kaiser, warf dem letzten Asta vor, schlecht mit der Stadt verhandelt zu haben. Konkret liege das Problem darin, dass die Studenten alleine für die Kosten des Radverleihs aufkommen, während das Angebot auch Nicht-Studenten nutzen könnten. Die Jusos, vertreten von Tevin Ron Pettis, wiesen das zurück. So sei die Einführung des Systems unter den jetzigen Bedingungen Sache des Studentenparalments (StuPa) gewesen, in dem auch der RCDS vertreten sei. Des Weiteren würden die Räder ohnehin selten von Externen benutzt, da die Leih- und Rückgabeorte nur an den Campi aufzufinden sind. Auch die Grünen Köpfe, vertreten von Elisa Arena, erwiderten, dass die Nutzung für Externe kostenpflichtig sei.

Der SDS, vertreten von Justus, der sich nur mit dem Vornamen vorstellen ließ, lenkte den Blick weg von klassischer Infrastruktur hin zum Steckdosenmangel, der den heutigen Arbeitsformen nicht angemessen sei. Auch die Wartungszeiten von Druckern seien inakzeptabel, da diese nicht von der Uni selbst, sondern von externen Firmen betrieben werden.

Die Liberalen, vertreten durch Nico Wenchiarutti, schlossen sich diesen Forderungen des SDS an, bemängelten jedoch weiter die nicht mehr zeitgemäße Lehre. Diese soll durch Videoaufnahmen von Veranstaltungen und das Hochladen von Folien modernisiert werden. Diese Maßnahmen seien teilweise als verpflichtend für Dozierende angedacht.

Die Grünen Köpfe, die als einzige eine Frau als Vertreterin stellen,  wiesen auf einen Konflikt mit dem Urheberrecht hin, den eine solche Pflicht mit sich bringen würde. Es sei die „Entscheidung der Dozierenden, was sie veröffentlichen.“ Ferner gaben die Grünen Köpfe an, sich vermehrt mit der Stadt in Verbindung zu setzen um für mehr Sicherheit für Radfahrer in Gießen zu sorgen.

Tevin Ron Pettis von den Jusos schlug vor die Seminarräume, die nicht genutzt werden, freizugeben und zu kennzeichnen, um Lernplatzmangel in der Klausurenphase entgegenzutreten. Bezüglich des Steckdosenmagels, so der Juso Vertreter, habe man sich schon mit dem Vizepräsidenten der JLU in Verbindung gesetzt.

Die Türkile, vertreten von Bayram Uçar stellte die Bibliothek in den Mittelpunkt ihrer Forderungen. So sei, nach dem Vorbild der Humboldt Universität, ein extra Bereich nur für Studierende freizuhalten. Außerdem soll ein Parkuhrsystem das Reservieren von Lernplätzen in der Bibliothek auf maximal eine Stunde begrenzen.

Bezüglich Freizeit und Kultur nahmen die Jusos die Einführung der Freibadflatrate und des Theatertickets als Errungenschaften der letzten Legislatur für sich in Anspruch. Solche Angebote sollen weiter ausgebaut werden, um eine bessere work-live Balance zu ermöglichen, so Pettis. Der RCDS kritisierte diese Freizeitangebote. Kaiser betonte, dass viele Studenten der JLU  Pendler seien, die das Freizeitangebot nicht wahrnehmen könnten. Die Grünen Köpfe und der SDS sahen auch ein Problem in mangelnder Nutzung der Angebote. Dem wollen die Grünen Köpfe  durch das Abschaffen von starren Anwesenheitszeiten in machen Fachbereichen entgegenwirken. Der SDS sieht das Problem  in prekären Arbeitsverhältnissen, in denen sich viele Studenten befänden. Der Asta könnte seinen Teil, so der Vertreter des SDS, durch eine Jobberatung und durch eine Beratung zum Arbeitsrecht dazu beitragen, um Studenten, die in solch eine Situation geraten sind, zu helfen.

Was die Mesa angeht, so wollen die Grünen Köpfe den Weg hin zu einem individuellen Speiseplan ebnen. Hierzu sollen Allergene besser gekennzeichnet werden und das vegane Angebot ausgebaut werden. Jusos und RCDS sprachen sich für eine frei wählbare Portionsgröße von Beilagen aus, die Jusos weiter für Pommesgewürz an allen Aufgängen, sowie eine Ausweitung der Essenszeiten der Mensa am Phil 2. Bayram Uçar von Türkile forderte einen internationalen Speisetag mit traditionellen Gerichten, die durch Abstimmungen bestimmt werden.

Die Auswertung der Arbeit des scheidenden Astas wurde zunächst durch Kritik der Opposition bestimmt. So wirft  Kaiser (RCDS) dem Asta vor,  er habe zugelassen , dass die Tüten, die an Erstsemester verteilt wurden eine Straßenzeitung namens „Straßen aus Zucker“ beinhaltete, die an einer Stelle dazu aufrief das Bundesverfassungsgericht niederzubrennen. Pettis verwies auf ein Referat, dass nicht unter Führung der Jusos stand und das für den Fehler verantwortlich sei. Er entschuldigte sich. Wenchiarutti (Liberale Hochschulgruppe) kritisierte indes, dass der Asta ineffizient arbeite und das letze Protokoll aus dem Januar diese Jahres stamme. Pettis erwiderte, dass Sitzungen tatsächlich öfter stattgefunden hätten, jedoch räumte er ein, dass die Veröffentlichung der Protokolle versäumt wurde. Arena (Grüne Köpfe) belegte dies mit Veranstaltungen, die in diesem Zeitraum auf Initiative des Astas stattgefunden haben, wie etwa eine Informationsveranstaltung zur Wahl in Italien. Dem RCDS und der Liberalen Hochschulgruppe wurde im Gegenzug von einer Asta Referentin aus dem Publikum vorgeworfen, dass sie nicht zu den Asta Sitzungen erschienen. Im Vorfeld mussten RCDS und die Liberale bereits einräumen, dass sie bei den letzten 3 Sitzungen des StuPas als Opposition nicht anwesend waren.

Auf die Frage, ob an einer Zivilklausel, einer Klausel in der Grundordnung der Universität, die Forschung für militärische zwecke untersagt, gearbeitet werde, gab Arena an, dass die JLU bereits eine Zivilklausel habe. Justus (SDS) gab an, dass es lediglich eine Ethikkommission gebe, die aufgrund ihrer Intransparenz jedoch wirkungslos sei. Die Jusos wünschten sich zwar, laut Pettis, eine effektivere Zivilklausel, jedoch sei laut Grundgesetz die Forschung frei und damit nicht durch ein Studentisches Gremium regulierbar. Eine Vermeidung  von militärischer Forschung an der Universität sei nur über die Abschaffung von Forschung, die über Drittmittel finanziert werde, möglich.

Die Türkile wurde in einer Frage aus dem Publikum mit dem Vorwurf konfrontiert, eine rechtskonservative Gruppierung zu sein. Uçar wies dies von sich und gab an, keinem Dachverband anzugehören und keiner Partei nahezustehen. In der Gruppe seien einfach Kommilitonen zusammengekommen.

Manche der Listen nannten einzelne Programmpunkte, die nicht zu einem der Themenkomplexe zuzuordnen sind und teilweise den Rahmen der Hochschulpolitik sprengen. So ist eine Zentrale Forderung der Liberalen, die Semesterbeiträge zu senken. Die Jusos setzen sich für den Zugang Aller zur Lehre ein, der über höhere Bafög Sätze oder eine Reformation des Bafögs realisiert werden soll. Die RCDS stehen für den Ausbau der e-learning Angebote, für den ebenfalls ein „Hauch von Verpflichtung“ vorgesehen ist. Weiter wirbt der Ring mit seinen Kontakten zur Landes- und Bundesregierung, mit deren Hilfe das Bafög so angepasst werden soll, dass auch im Falle eines Studienabbruchs ein neues Studium über Bafög finanziert werden kann. Der SDS lehnt derartige Kontakte zur Regierung ab. Ferner sollen Studenten mehr Mitsprache bei Lehrenden bezüglich der Seminare haben, um für tatsächliche Freiheit im Studium zu sorgen. Der Semsterbeitrag soll nicht gesenkt werden und das Studium soll allgemein an den gesellschaftlichen Wandel angepasst werden.

Das vollständige Wahlprogramm aller Listen findet ihr unter: http://www.inst.uni-giessen.de/studi-wahlen/wordpress/materialien/

 

Dominik Bonhöfer




“Schönes-hässliches Gießen”

Ist Gießen nun schön oder doch einfach nur die hässlichste Stadt Deutschlands wie das Satire-Magazin „Extra 3“ des Senders NDR Ende April wieder gescherzt hat?


Dieser Artikel soll aus der Sicht einer Studentin, welche aus dem schönen Köln kommt, zeigen, dass jeder zugezogene Student, Azubi oder jede zugezogene Familie erst einmal getrost die rosa-rote Brille ablegen und tief durchatmen muss, um der neuen Heimat Gießen eine ehrliche Chance zu geben.
Nun also Hand aufs Herz: Gießen ist definitiv nicht so facettenreich, kulturell breit aufgefächert und restauriert, wie manch andere deutsche Städte. Das Magazin: „Die Zeit“, widmete eine ganze Serie den „unterschätzen Städten“ Deutschlands und so schrieb der Autor Oliver Fritsch schon im Herbst 2014 unter anderem in seinem Artikel: „Gießen ist hässlich.“ Der wahre Gießener fände sich mit der Hässlichkeit und ihrer Geschichte ab. Im Zweiten Weltkrieg sei die Stadt durch Bomben teilweise zerstört und von sogenannten „unzivilisierten Städteplanern“ im Nachkriegsdeutschland versaut worden.
Gießen ist in der Tat eine unterschätzte Stadt. Auf meiner Reise quer durch die Innenstadt war ich auf der Suche nach schönen und eben auch nach weniger schönen Ecken Gießens. Zu meinem Erstaunen steckt der Teufel im Detail, wenn über die Schönheit der Stadt diskutiert werden soll. Eine Fotostrecke und ein paar Erläuterungen sollen dies verdeutlichen.

IMG-20180516-WA0003

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Lahn fließt durch ganz Gießen und fast überall ist sie zu entdecken. Gibt sie Gießen nicht ein kleines bisschen mehr Gemütlichkeit und Flair?

Zur Rechten, das Rathaus Gießen. Es erstreckt sich auf einem weiträumigen Platz und gibt der Stadt etwas Futuristisches.

Direkt neben dem Rathaus befindet sich das große, moderne Kino Gießens. Doch dies ist nicht der einzige Filmpalast, den Gießen zu bieten hat, denn weiter in der Innenstadt liegt ein zweites, etwas kleineres und beschaulicheres Kino.
Leider muss nach Filmschluss festgestellt werden, dass das Bild eines heruntergekommenen Hinterhofs oder einer Baustelle einem vor Schreck fast das übrig gebliebene Popcorn aus der Hand fallen lässt. Dies ist wahrhaftig kein Anblick, den man sich nach einem Kinoaufenthalt voller anregender Gespräche über den Inhalt und Ausgang eines gelungenen Filmes wünscht.

 

Nun also back to reality. So mancher kurzweiligere Blick in einen leeren Hinterhof, der so gar nichts Träumerisches hat, lässt die Erinnerung daran wecken, wie sehr man großflächige Grünanlagen und die Idylle netter Häuserfassaden vermisst.
Im Frühling versinkt Gießen in einem Meer aus Tulpen und blühenden Bäumen.

Eine wahre grüne Oase ist der Stadtpark an der Ringallee, der an sonnigen Tagen jeden zu einem Kurzurlaub einlädt. Der Park kann mit einem großen Schwanenteich und weiträumigen Wiesen punkten. Der wohl sommerlichste Ort, um ein abkühlendes Getränk zu sich zu nehmen, ist die großartige Strandbar. Für ein paar Momente kann sich dort in den Urlaub geträumt werden. Mitten im Sommersemester ist das doch Gold wert!

Foto: www.strandbar-giessen.de

Es lässt sich darüber streiten, ob Bahnhöfe etwas Schönes an sich haben können. Es gibt zwei Perspektiven auf den Gießener Bahnhof.

Zur Linken befindet sich ein Gebäude, welches sich auf direktem Weg zum Bahnhof liegt und eine dringende Auffrischung benötigt. Im Kontrast dazu steht das historische Bahnhofsgebäude, das einen den zuvor gemachten Anblick des zerfallenden Gebäudes glatt vergessen lässt.

 

Abschließend möchte ich betonen, dass gerade bei Gebäuden und Wohnkomplexen der Geschmack weit auseinander geht. Der Eine mag romantische, verschnörkelte Häuserfassaden, dem Anderen ist es vollkommen egal, ob sein Dach über dem Kopf im Volksmund als „architektonisches Meisterwerk“ betitelt wird, denn im Endeffekt sollte man dankbar dafür sein, überhaupt einen geschützten Schlafplatz, beziehungsweise ein Zuhause zu haben.

Hinzu kommt, dass eine Stadt doch viel mehr zu bieten hat als Gebäude, Straßen und Parkanlagen. Eine Stadt wird durch die Menschen geprägt, die dort leben. So hängt doch alles vom persönlichen und emotionalen Blickwinkel auf die Dinge ab.
Während eines Spaziergangs durch die Stadt Gießen, mit einem Lächeln auf den Lippen und guter Laune, können durchaus unerwartet schöne Ecken der Stadt erkundet werden. Nicht nur die persönliche Tageslaune kann einen Eindruck der Stadt verändern, auch das Wetter und die Jahreszeit spielen eine große Rolle. So ist es im Winter und Herbst deutlich trüber und weniger lebendig als im Frühjahr und Sommer, wo die Sonne sich nur selten hinter Wolken versteckt und die meiste Zeit Gießen doch ein bisschen zum Strahlen bringt.
Jeder kann Gießen zum Strahlen bringen, sodass er die Stadt durch Vielfalt und Individualität ein kleines bisschen schöner machen kann.

Artikel und Bilder Maren Marohn




DKMS-Registrierung 2018

„Mund auf. Stäbchen rein. Spender sein!“, so wirbt die DKMS für ihre Aktion Studenten gegen Blutkrebs. Auch an der JLU fand dieses Semester wieder eine Registrierung statt. Dass es so schnell geht, wie der Slogan ankündigt, stellten auch die Gießener Studenten fest.

Auch in diesem Sommersemester konnten sich Studierende der JLU für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei typisieren lassen. Rund 300 Studentinnen und Studenten wurden am 24. und 25. April der Datei hinzugefügt. „Damit ist die Zahl im Vergleich zum vorigen Jahr deutlich gestiegen“, sagt Miriam Hildebrand, Organisatorin der diesjährigen Registrierungsaktion. Insgesamt schwankten die Zahlen bei den JLU-Aktionen der letzten Jahre etwa zwischen 200 und 600 Registrierungen. Seit 2010 findet die Registrierung einmal im Jahr statt. Ausgerichtet wird sie fast jedes Jahr von einem anderen Team. Dieses Jahr haben etwa 45 Studierende aus verschiedenen Fachbereichen der JLU mitgeholfen. Jeweils 10-15 waren gleichzeitig an den beiden Registrierungstagen vor Ort.

Annika und Lukas, zwei Studenten der JLU, die sich registrieren ließen, sind sich einig: die Registrierung selbst verläuft schnell und unkompliziert. „Es ist nur ein etwas seltsames Gefühl, eine Minute lang mit einem Wattestäbchen im Mund herumzulaufen“, kommentiert Lukas. Er freut sich aber über die lange Schlange vor dem Raum und dass so viele bei der Aktion mitmachen. Annika war vorher etwas aufgeregt, weil sie nicht wusste, was sie erwartet, aber die Helfer seien alle sehr geduldig und nett gewesen, berichtet sie.

 „Eigentlich wollte ich dieses Jahr erstmal nur mithelfen“, erzählt Organisatorin Miriam Hildebrand auf Universum-Nachfrage. Da aber noch kein Organisator feststand, als sie sich erkundigte, fragte die DKMS, ob sie selbst die diesjährige Registrierung organisieren wolle. Die Planung sei weniger stressig gewesen, als sie gedacht hätte, erklärt Hildebrand. Die DKMS und die Organisatorin des Vorjahres hätten sie gut begleitet. Im Vorfeld der Registrierung haben Miriam Hildebrand und Isabel Schönhut gemeinsam in Vorlesungen für die Aktion geworben und Flyer verteilt. Sie hätten versucht, möglichst große Vorlesungen aus allen Fachbereichen zu besuchen – mit einem großen Anteil an frühen Semestern, da diese die Aktion wahrscheinlich noch nicht kennten, sagt Hildebrand. Noch besser wäre es allerdings gewesen, aus möglichst allen Fachbereichen Helfer im Organisationsteam zu haben, die die Aktion hätten bewerben können, meint sie weiter. Im nächsten Jahr plane sie nicht mehr, die Aktion zu organisieren, aber einige aus dem Helferteam 2018 hätten bereits Interesse gezeigt, sagt Hildebrand.

Nicht nur durch die Neu-Registrierungen, auch durch Spenden wird die DKMS unterstützt. Die Studierenden, die sich registrieren ließen, haben insgesamt gut 55 Euro gespendet. Die Fahrschule Deusch hat, wie in den vergangenen Jahren, eine größere Summe beigesteuert. Die Verpflegung für die Helfer sponserten die Bäckerei Müller aus Gießen und die Kelterei Müller aus Butzbach. Der Betrieb Bürosysteme Lemcke kaufte 200 Kuchengutscheine vom Studentenwerk, die an beiden Registrierungstagen jeweils die ersten 100 Studenten erhielten. Der geplante Kuchenverkauf musste wegen fehlender Genehmigung kurzfristig abgesagt werden.

 

Maike Heimsoth




“La guerre ce sont nos parents” – 85 Jahre nach der Bücherverbrennung erinnert die JLU sich

Das Thema Antisemitismus und das Andenken der Opfer des Zweiten Weltkriegs haben in den letzten Wochen einmal mehr Brisanz erhalten. Grund dafür ist unter anderem, die Verleihung des Echos an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang. Im Rahmen einer Lesung von Ernst Glaesers Werk „Jahrgang 1902“ wurde am Dienstag an der JLU an die Bücherverbrennung vor 85 Jahren gedacht.

 

Die Bücherverbrennung, die am 08. Mai 1933 in Gießen stattfand, ging der Deutschlandweiten um zwei Tage voraus und sei nur ein Akt vorauseilenden Gehorsams von Seiten der Gießener Universität gewesen, wie Eva-Marie Felschow zur Einführung in den Abend beschreibt. Andauernde Geldnot und die Angst vor einer möglichen Schließung seien Gründe gewesen, weshalb sich die Ludoviciana – so der Name der Justus-Liebig-Universität vor 1945 – dem Nationalsozialismus so stark annäherte.

Bereits zwei Jahre zuvor zeigte sich bei den Asta-Wahlen die Gesinnung der Studierenden. Bei 80% Wahlbeteiligung bekamen die Nationalsozialisten die Hälfte aller Stimmen. 1933 folgte dann die Bücherverbrennung. Dabei sei es mehr um Anbiederung als um die Bücherverbrennung selbst gegangen, berichtet Felschow: „Die Verbrennung spielte eine eher untergeordnete Rolle.“ Dennoch markierte sie, so Felschow, „Den Vollzug der Unterwerfung der Universität unter das NS-Regime.“

Während in Gießen hauptsächlich Zeitungen verbrannt wurden, fielen zwei Tage später im Rest Deutschlands vor allem Bücher den Flammen zum Opfer. Darunter Werke von Karl Marx, Erich Kaestner oder auch Ernst Glaesers Roman „Jahrgang 1902“.

Elf Personen des öffentlichen Lebens in Gießen lasen am Dienstagabend Ausschnitte aus Glaesers Buch vor. Darunter waren unter anderem Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, der Präsident der JLU, Joybrato Mukherjee und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gießen, Dow Aviv.

In „Jahrgang 1902“ wird aus der Ich-Perspektive des Protagonisten, Ernst, die Geschichte einer Generation erzählt, die zu jung ist den Krieg selbst an der Front miterlebt zu haben. Die Welt des jungen Erzählers wird von jener der Erwachsenen überschattet. Diese will der Erzähler erst kennenlernen, findet sie dann jedoch furchteinflößend.

„Was gingen mich die Erwachsenen an? Es war ihr Krieg und von dem hatte ich genug.“, klagt der Junge, als er nach der Kriegserklärung Österreichs an die Serben nach der Ermordung Franz-Ferdinands nicht mehr mit seinem französischen Freund, Gaston spielen darf. Gaston ist es dann auch, der die Hauptaussage von Glaesers Werk in einem Satz zusammenfasst: „La guerre, ce sont nos parents“ – Der Krieg, das sind unsere Eltern.

Lange wird die Welt der Erwachsenen vom Erzähler als Qual empfunden. Erst als Deutschland Frankreich den Krieg erklärt, scheint sich alles zum Besseren zu wenden. Plötzlich liegen sich selbst jene in den Armen, die zuvor noch mit einander gestritten hatten. Der Protagonist lässt sich vom Jubel mitreißen, muss jedoch bald erkennen, dass der Freudentaumel nicht für immer vorhalten wird.

„Jahrgang 1902“ ist Glaesers erster Roman und wurde 1928 sofort international zu einer literarischen Sensation. Dies mag daran gelegen haben, dass Glaeser in seinem Werk zwar die Erfahrungen eines einzelnen Protagonisten beschreibt, diese jedoch sicherlich zahlreiche Berührungspunkte mit den Erlebnissen vieler seiner Altersgenossen aufwiesen.

Glaeser selbst äußerst später sogar Verständnis dafür, dass sein Roman verbrannt wurde. Insgesamt ist die Figur Ernst Glaesers sehr widersprüchlich, wie Kirsten Prinz den Gästen in der Universitätsbibliothek vor Augen führt. „Nicht jeder ist ein Held“, fasst Prinz sie zusammen. Anfangs gilt Glaeser noch als linker Autor, doch seine Einstellung scheint sich im Verlauf der dreißiger Jahre zu wandeln. „Trotz der massiven Schikanen fühlt Glaeser sich Deutschland verbunden“, erklärt Prinz. Glaeser will möglichst lange im Land bleiben.

Als er 1933 schließlich doch widerwillig mit seiner Familie ins Exil geht, grenzt er sich von anderen emigrierten Schriftstellern ab. Er hält den Kontakt nach Deutschland und stimmt 1938 für den Anschluss Österreichs. Nach dem Krieg kann Glaeser nicht mehr an seine alten Erfolge anschließen. Dennoch ist „Jahrgang 1902“ ein solcher Erfolg, dass 2013 eine Neuauflage produziert wird. Zurecht – denn auch 85 Jahre nachdem Glaesers Werk unter dem NS-Regime verbrannt wurde, kann sein Roman dem Leser Hinweise geben, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass sich eine ganze Generation freudig in den Krieg stürzte.

 

Tatjana Döbert




Wie wird man eigentlich Vertretungsprofessorin? – PD Dr. Claudia Kemper im Interview

Zum Wintersemester 2017/2018 übernahm Frau Dr. Claudia Kemper für zwei Semester die Vertretungsprofessur der Fachjournalistik Geschichte der JLU für Frau Prof. Dr. Ulrike Weckel. Zu Beginn der zweiten Hälfte der Vertretungszeit wirft sie im Interview mit UNIversum einen Blick zurück auf das vergangene Semester und beantwortet uns einige Fragen. Hier könnt ihr das leicht gekürzte Interview lesen.

Foto: Thiemo Kremser

UNIversum:
Guten Tag, Frau Kemper. Vielen Dank, dass Sie sich zu einem Interview bereit erklärt haben. Wir haben in der Redaktion von UNIversum ein paar Fragen gesammelt, die ich jetzt gerne an Sie richten möchte.
Fangen wir damit an, dass Sie ja am Hamburger Institut für Sozialforschung beschäftigt sind und einer Ihrer Themenschwerpunkte die Friedens- und Konfliktforschung ist. Wie sind Sie aus dieser Position dazu gekommen, hier in Gießen die Vertretungsprofessur der Fachjournalistik Geschichte zu übernehmen?

Kemper:
Da gibt es im Prinzip mehrere Antworten drauf, aber ich konzentriere mich mal auf zwei Ebenen, die wichtige Voraussetzungen waren. Die Eine ist die fachliche Voraussetzung. Wie Sie gesagt haben, ist auf den ersten Blick nicht ganz klar, was mich besonders prädestiniert die Fachjournalistik Geschichte zu vertreten, da ich mich in den letzten zwei oder drei Jahren sehr auf Friedens- und Konfliktforschung als Perspektive in der Geschichtswissenschaft konzentriert habe. Aber ich habe sowohl in meiner Dissertation als auch in meiner Habilitation auch medienhistorisch gearbeitet. Ein Forschungsschwerpunkt ist bei mir die Frage, wie sich Gruppen, Kollektive, Bewegungen bilden und wie diese im politischen und gesellschaftlichen Raum agieren. Diese Frage lässt sich nach meiner Meinung überhaupt nicht vollständig beantworten, wenn nicht auch mediale, performative, diskursive Dimensionen mit berücksichtigt werden. Insofern habe ich immer auch Mediengeschichte gemacht. Das war der fachliche Anknüpfungspunkt für Ulrike Weckel, auf mich zuzugehen und zu fragen, ob ich mir vorstellen könnte, diesen Schwerpunkt für zwei Semester noch deutlich auszuweiten. Da die Mediengeschichte auch eine methodische Herangehensweise ist kann sie mit jedem Thema verbunden werden – ein zentraler Punkt, der mich daran reizt. Die Perspektive der Mediengeschichte ist extrem relevant für das Verständnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen und Konflikten. Insofern war ich fachlich geeignet, brauchte aber, um knietief in die Medienpraxis reinzugehen wie etwa bei der Filmanalyse, auch noch ein bisschen Nachhilfe. Das Gute an einer akademischen Vollausbildung ist, dass man sich relativ gut Dinge beibringen kann oder beibringen lassen kann.
Die zweite Antwort berührt die Frage „Wie wird man eigentlich Vertretungsprofessorin?“. Es gibt dafür kein schwarzes Brett oder einen eigenen Stellenmarkt. Das läuft über die kollegiale Schiene. Man muss einfach wissen, wen man ansprechen kann, wer auch das Engagement mitbringt, für zwei Semester spontan einzuspringen und zu pendeln, wer die didaktischen Vorkenntnisse mitbringt, wer das auch zeitlich gerade einrichten kann. .

UNIversum:
Sie haben schon angedeutet, dass der Reiz auch darin besteht, dass man die Arbeit noch ein bisschen mit seinen eigenen Themen anreichern kann. Inwiefern hat das im Hinblick auf das letzte Semester geklappt? Hat das gut funktioniert? Haben sie das als Bereicherung empfunden?

Kemper:
Es war sehr hilfreich, dass die Seminare schon geplant waren und ich mich darauf einstellen konnte mit diesen Seminarkonzepten ins Wintersemester zu starten. Das wäre auch viel zu kurzfristig gewesen um noch eigene Dinge vorzubereiten. Zumal in universitären Abläufen die Semesterplanung immer schon im Semester vorher angelegt sein muss. Da ist Universität mittlerweile sehr verregelt. Ich musste mich also darauf einlassen, habe aber schnell gemerkt, dass die Seminarinhalte an viele Dinge anknüpften, die ich schon gemacht hatte oder gerade mache. Zum Beispiel ist es eine spannende Gelegenheit, im Theorieseminar Grundlagentexte wieder zu lesen. Oder wenn es um „1968“ geht, ein Thema, mit dem ich mich in den vergangenen Jahren auch befasst habe. Neu war für mich aber dann die Herausforderung bei der Umsetzung von Praxisprodukten – also Filmen zum Thema – zu helfen und bei der Gelegenheit mit einem Filmemacher zusammen arbeiten zu können. Ich empfinde das Seminare-Geben nicht nur als Vermittelung von Wissen, sondern auch als eine Phase des Selbst-Lernens. Wenn ich Themen aufbereiten und in didaktische Konzepte fließen lasse, lerne ich selbst ganz viel und dann natürlich auch in der Seminarsituation selbst. Wenn eine Frage gestellt wird, habe ich ja keine Schublade, auf die ich zugreifen kann und in der die Antwort liegt, sondern ich muss auf die Frage individuell reagieren. Das hat im Wintersemester, finde ich, ganz gut geklappt, weil mir die Themen sehr nah waren. Ich konnte für das jetzige Sommersemester wiederum stärker mit meinen Themen planen. Und dass mir das möglich war, ist ‘the Topping of the Ice-Cake’ dieser Vertretungsprofessur.

UNIversum:
In dem Zusammenhang: Wie bewerten Sie das Spannungsverhältnis zwischen dem Abarbeiten eines Studienverlaufsplans oder eines Seminarplans – wenn wir es ein bisschen enger fassen – im Vergleich zum berühmt-berüchtigten interessengeleiteten Studium? Und was für Auswirkungen hat es auf die Planung von Lehrveransteltungen?

Kemper:
Grundsätzlich muss ich mich als DozentIn darauf einstellen, zwischen einer relativ starren Struktur und vielen Freiräumen und Kreativität zu agieren. In jeder Seminarsituation ist das so. Es muss Lehr-/Lernziele geben, so dass Studierende am Ende jeder Sitzung transparent und nachvollziehbar „etwas mitnehmen“. Schließlich ist der ganze Studienverlauf mittlerweile darauf ausgerichtet. Und Grundlagenwissen muss vorliegen. Gleichzeitig muss ich in jeder Seminarsituation auch Raum für Gespräche und Gedankengänge geben. Sonst würde ganz viel Kreativität verschenkt. Noch vor einigen Jahren waren didaktische Konzepte und Vorbereitung unter Dozenten noch nicht so verbreitet, aber mittlerweile gehört das – wie ich finde glücklicherweise – zum Standard bei uns allen hier. Das gibt der Dozentin Planungssicherheit und es ist auch für die Studierenden, davon gehe ich aus, recht hilfreich um der Struktur oder dem Verlauf eines Seminars folgen zu können und um darin Sinn und Relevanz zu erkennen. .

UNIversum:
Also vielleicht ein bisschen heruntergebrochen: die Strukturen wahrnehmen und einhalten und die Freiheiten dann eher in der tatsächlichen Gestaltung und in den Details suchen und wahrnehmen?

Kemper:
Man darf sich als DozentIn eben nicht zu enge Strukturen setzen bei der Vorbereitung von Seminaren und muss immer auch Puffer einbauen. In der Regel erreicht man die gesetzten Lehr-/Lernziele, auch wenn der Weg dahin im Laufe eines Semesters unter Umständen ganz anders verläuft, als er ursprünglich geplant war. Zum Beispiel sind Seminargruppen sehr unterschiedlich und es gibt unterschiedliche Lernniveaus und Charaktere im Seminar. Um darauf reagieren zu können, sollte man sich selbst nicht von vornherein zu sehr beschränken.

UNIversum:
Zur Fachjournalistik allgemein: Wo sehen Sie den Wert eines solchen Fachbereichs? Warum sollte das jemand studieren? Warum ist das relevant?

Kemper:
Das hochspannende Element in diesem Studiengang ist die Verflechtung eines grundständigen geschichtswissenschaftlichen Studiums mit einer klaren Ausrichtung auf ein Praxisfeld. Und beides ist so weit gefasst, dass sich Studierende unterschiedlich entwickeln können, sich eher in die eine oder andere Richtung orientieren und auch in den jeweiligen Feldern wieder eigene Schwerpunkte setzen können. Das alles wird zusammengehalten durch die Kompetenz aller MitarbeiterInnen hier, das finde ich sehr beeindruckend. Und es wird zusammengehalten durch das Verständnis eines interdisziplinären Studiengangs. Interdisziplinäre Studiengänge haben im Vergleich mit disziplinären Studiengängen, meistens so ein bisschen was Exotisches oder auch Experimentelles. Darin liegt auch der Mehrwert des FaJo-Studiengangs, der die richtige Wahl ist, wenn man sich a) für die Themen interessiert, b) für die medienhistorische und praktische Zugangsweise und c) wenn man viel Lust hat, Dinge auszuprobieren.
Und wenn diese Kombination gegeben ist, kann man glaube ich ganz, ganz viel daraus machen.

UNIversum:
Mit dem Thema „Dinge ausprobieren“ haben wir auch eine schöne Überleitung zu unserer letzten Frage. Sie haben ja, bevor Sie Ihr Studium aufgenommen haben, eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert. Inwieweit beeinflusst die „Buchhändlerin Claudia Kemper“ heute noch die Dozentin?

Kemper:
Ich habe auch noch einiges anderes gemacht und im Vergleich zu heutigen StudienanfängerInnen erst relativ spät angefangen zu studieren. Ich habe neben der Ausbildung zur Buchhändlerin auch noch andere Jobs gehabt, zum Beispiel als Trainerin. Von der Zeit vor dem Studium profitiere ich heute noch, beispielsweise wenn ich mit Gruppen auch jenseits der Seminarinhalte umgehen kann. Ich kann zudem ganz gut entscheiden, was in Arbeitsprozessenrelevant oder weniger relevant ist. Die Zeit vor dem Studium hat mir geholfen in Fragen von Arbeitsorganisation und auch bei einer gewissen Persönlichkeitsbildung. Für mich wäre jedenfalls die Aufnahme eines Studiums in dem Alter, in dem Sie heute sind keine so gute Idee gewesen und ich bin ziemlich froh, dass ich mir ein paar Jahre Zeit gelassen habe. Ich bin mir nicht sicher, wie Sie es empfinden, mit Anfang/Mitte 20 Studienanfänger zu sein. Ist es für Sie normal und gut, schon früh ins Studium gegangen zu sein, vielleicht auch weil es erwartet worden ist? Für mich war es gut, erstmal was anderes zu sehen.

UNIversum:
Und hin und wieder gibt es in der Vorlesung dann auch eine Buchempfehlung.

Kemper:
Ganz genau.

UNIversum:
Nochmals vielen Dank für das Interview, Frau Kemper. Wir wünschen Ihnen noch ein spannendes und erfolgreiches Semester hier an der JLU!

Kemper:
Sehr gerne, das wünsche ich Ihnen auch!

Zu den Seiten der Fachjournalistik Geschichte gelangt ihr hier.

Jonas Feike




Zeit, die Räder fahrtauglich zu machen

Das Stadtradeln ist eine Kampagne für Klimaschutz und nachhaltige Mobilität. Das Ziel ist, ein Zeichen gegen den Klimawandel zu setzen, aber auch die Rad-Infrastruktur zu verbessern. Alle Studenten und Mitarbeiter der JLU können für das Uni-Team starten. Dabei ist es ganz egal, wo man unterwegs ist. Jeder Kilometer mit dem Fahrrad wird gezählt – in Gießen auf dem Weg zur Uni oder bei einer Radtour irgendwo in Europa. Im vergangenen Jahr hat das JLU-Team den ersten Platz in Gießen belegt – 38.846 Kilometer ist das Team insgesamt gefahren.

Das Stadtradeln wird vom Klima-Bündnis ausgerichtet, einem Netzwerk verschiedener Kommunen in Deutschland und im europäischen Ausland. Das Klima-Bündnis hat sich zum Ziel gesetzt, den Klimaschutz voranzutreiben, sowohl mit konkreten Maßnahmen zur Senkung von CO2-Emissionen, als auch durch verschiedene Aktionen, die mehr Bewusstsein für das Klima schaffen sollen. Rund 1700 Kommunen sind Teil des Bündnisses, darunter Berlin, Frankfurt und Köln. Gießen gehört seit 2007 dazu. Eine Aktion des Netzwerkes ist das jährliche Stadtradeln, bei dem jede Kommune in einem Zeitraum von drei Wochen möglichst viele Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegt. Bei dieser Kampagne kann jeder Teilnehmer ein Zeichen für die Umwelt und für eine klimafreundliche Fortbewegung setzen. Das Stadtradeln findet im Jahr 2018 zum elften Mal statt, Gießen beteiligt sich zum vierten Mal.

„Auch diejenigen, die nur wenig Rad fahren, können teilnehmen“, sagt Katja Bürckstümmer vom Ordnungsamt der Stadt. Sie koordiniert das Stadtradeln in Gießen. „Entscheidend sind nicht die gefahrenen Kilometer, sondern die Anzahl der Personen“, teilt sie auf Anfrage von Universum mit. Das Ziel der Kampagne sei, ein klares Zeichen für den Klimaschutz zu setzen und dabei zähle jeder Teilnehmer.

Die Kilometer können in einen digitalen Kalender auf der Stadtradeln-Website eingetragen oder direkt mit einer App übermittelt werden. Anhand dieser App werden Daten anonymisiert gesammelt und von der TU Dresden ausgewertet. Hierdurch soll die Rad-Infrastruktur an Strecken verbessert werden, die viel von Radfahrern genutzt werden.

Die Auftaktveranstaltung findet am Samstag, 5. Mai, zwischen 11:00 und 15:00 Uhr in der Innenstadt in der Löwengasse statt. Die Aktion läuft über drei Wochen, vom 5. bis zum 25. Mai 2018. Für Teilnehmende in Gießen gibt es bei der Auftaktveranstaltung Fahrradutensilien, wie zum Beispiel einen Sattelüberzug, als kleines Dankeschön von der Stadt. Am Ende der Aktion werden jeweils die ersten drei Teams in folgenden Kategorien ausgezeichnet: für die meisten Mitglieder, für die meisten gefahrenen Kilometer im gesamten Team und für die durchschnittlich pro Teammitglied gefahrenen Kilometer. Außerdem werden die drei Einzelteilnehmer, die die größte Distanz zurückgelegt haben, geehrt.

Für weitere Informationen und zur Registrierung: www.stadtradeln.de/giessen

Maike Heimsoth




Umbauten am Phil I – Die “wahren” Hintergründe der Renovierungsprojekte

 

 

Gegen alle Erwartung: Meilenstein bei Phil I-Renovierung

Die Baumaßnahmen an der JLU eilen ihrem Plan voraus. Bereits einige Jahre vor dem festgelegten Termin gelang die vollständige Erneuerung des Buchstabens „O“ im Schriftzug des Phil I am Eingang zu Haus A. Die restlichen Buchstaben sollen nun folgen. Daher wird in Kürze das „K“ für einige Zeit von der Außenwand verschwinden, bis die neue Version des Buchstabens eingetroffen ist. Dessen etwas schwärzere Farbe sowie die geplante klare Formgebung stehen für Modernität und sollen das Phil I stilistisch in das 21. Jahrhundert integrieren. Anschließend werden die Buchstaben „H“ und „U“ sowie das zweite „O“ folgen. Aufgrund der sehr langsam trocknenden Wandfarbe wird diese Aufgabe allerdings noch einige Jahre in Anspruch nehmen, wobei erschwerend hinzukommt, dass durch den maroden Korpus des Hauses immer nur ein Buchstabe abgehangen werden kann, um die Statik des Gebäudekomplexes nicht zu gefährden. Rechnet man die benötigte Zeit zum Austausch der restlichen Buchstaben zurück, müsste der erste Schriftzug des Phil I bereits 1607 von spanischen Eroberern befestigt worden sein. Dies entspricht interessanterweise exakt dem Gründungsjahr der JLU. Dass im Zuge dessen Renovierung nun das „O“ an der Reihe ist, kann darüber hinaus kein Zufall sein. Manch ein Philosophie-Student stellte bereits die Überlegung an, dass die Kreisform des Buchstabens O die Unendlichkeit symbolisiert. Getreu diesem Thema gestalten sich die Umbauarbeiten am Phil I.

 

Tradition trifft Technik: Der architektonische Sprung

Es klingt gewagt, doch die JLU ändert ihren Stil. „Weg von konservativer Architektur, hin zur Postmoderne“ lautet das Motto für die geplante Umgestaltung des Gebäude-Images. Dies zeigt das kürzlich gestartete Pilotprojekt am Phil I, in dem zwischen Haus A und B Elemente des strukturellen Expressionismus sichtbar werden. Gleich dem Centre Georges-Pompidou in Paris, welches als Vorbild dieser Unternehmung diente, sollen jegliche normalerweise innengelagerte Infrastruktur sowie die Versorgungsleitungen sichtbar gemacht werden. Die Reaktionen der Studierenden sind bislang gemischter Natur: Von begeisterten Puristen bis hin zu fassungslosen Passanten ist alles dabei. Des Weiteren existieren fortgeschrittene Pläne, in denen von gläsernen Hörsälen sowie von stählernen Tischen und Sitzbänken die Rede ist, da der Einsatz von Stahl und Glas in der High-Tech-Architektur eine besondere Rolle spielt. Ob sich dieser Trend allerdings durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.

 

Neue Technologie: Eingangstür passt sich an Studenten an

Wie bereits den meisten Studierenden aufgefallen ist, wurde die Drehtüranlage am Eingang zur UB schon im vergangenen Semester entfernt und die Öffnung stilgerecht verschlossen. Alternativ stehen der Zugang über die cUBar sowie hauptsächlich der Eingang neben der ehemaligen Drehtür zur Verfügung. Letzterer wurde zudem mit einer neuen Technologie ausgestattet, welche im Türrahmen verbaut wurde und sich dem eintretenden Studenten anpasst. Ist dieser beispielsweise demotiviert, so lässt sich die Tür dementsprechend schwerer öffnen. Auch andere Faktoren wie die Laune oder die Sportlichkeit der Person werden durch das elektromagnetische Feld erfasst und in das Endergebnis mit einbezogen. So soll die Motivation der Studierenden gesteigert werden, da allein der Gedanke an einen geringeren Kraftaufwand beim Eintritt die Motivation der Person steigern kann, woraufhin sofort die Belohnung in Form des problemlosen Passierens folgt. Diese sogenannte positive Verstärkung ist auch bei einer Reihe ähnlicher Projekte maßgeblich an deren Erfolg beteiligt. Sei es der Rätsel-Snackautomat oder das selbstaufblasbare Nackenkissen, alle Erfindungen folgen dem gleichen Prinzip. Inwiefern sich diese zugegebenermaßen nicht ganz billige Neuerung auf die Leistung der Studenten auswirken wird, sollen nun begonnene Langzeit-Studien zeigen. Allerdings lässt sich bereits jetzt eine starke Differenz bei dem benötigten Kraftaufwand zum Öffnen der Tür bei verschiedenen Studierenden beobachten.

 

Adrian Mertes




Journalistisches Arbeiten rund um den Bundestag

Eine Gruppe von Studenten/-innen steht am Bahnhof und diskutiert über die Parteien des aktuellen deutschen Politikspektrums. So weit, so gewöhnlich. Die 17 Studierenden (die Meisten von Ihnen aus der Fachjournalistik Geschichte) sind allerdings auf dem Weg nach Berlin, um dort Pressesprecher und -referenten der momentan im Bundestag vertretenen Parteien zu treffen und einen Eindruck von den Abläufen und Eigenheiten der politischen Berichterstattung zu erhalten.

Zwei Mal jährlich veranstaltet das Referat für Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages entsprechende Workshops, auf die sich Journalistenschulen und ähnliche Institutionen bewerben können.

Als Vorbereitung für die Exkursion vom 21.-23.Februar diente eine, von Frau Dr. Kemper geleitete, Übung die in diesem Semester zweiwöchentlich stattfand. In dieser Übung setzten sich die Studierenden mit dem Verhältnis von Politik, Medien und Öffentlichkeit auseinander und hatten die Möglichkeit, sich auf die Gespräche mit den Pressesprechern  der Parteien und deren jeweilige Programme vorzubereiten, die in Kleingruppen stattfinden sollten.

Da diese Gespräche die Form eines Interviews haben sollten, lag ein großer Fokus der Übung auf der Entwicklung von Interviewleitfäden und -strategien. Hierzu zählte auch das Durchführen von Probeinterviews. Im Seminar wurde schnell deutlich, dass es in einem Interview mit einer sowohl in politischen, als auch journalistischen Belangen geschulten Person eine besondere Herausforderung darstellen würde, Art und Inhalte des Gesprächs selbst zu bestimmen. Erschwerend kam die Tatsache hinzu, dass bis zuletzt nicht einzuschätzen war, ob die Vertreter der Parteien sich auf ein durch die Studierenden geleitetes Interview einlassen würden, oder eher eine Art Vortrag vorbereitet haben würden.

In der Durchführung der Interviews mussten die Studierenden schnell feststellen, dass die erarbeiteten Interviewleitfäden nicht eins zu eins umgesetzt werden konnten. Die Gespräche entwickelten sich in unvorhergesehene Richtungen und Fragen, die ursprünglich für einen späteren Zeitpunkt angedacht waren, mussten teilweise vorgezogen werden oder entfielen. Als besonders wertvoll empfanden viele der Studierenden den Wechsel des Gesprächspartners, der nach etwa einer Stunde vollzogen wurde. Da im Vorfeld nicht bekannt war, wie sich die Gruppen im zweiten Durchlauf verteilen würden war es nicht möglich für dieses zweite Gespräch einen eigenen Leitfaden zu erstellen. Zwar konnten teilweise Fragen aus dem ersten Interview wieder aufgegriffen werden, doch insgesamt lief das zweite Interview in den meisten Fällen ungezwungener ab.

An dieser Stelle wurde auch deutlich, welchen Einfluss Persönlichkeit und Auftreten des Interviewten auf ein solches Gespräch haben können. So kam es beispielsweise zu der Situation, dass eine Gruppe im ersten Gespräch einen jungen Pressereferenten im Anzug interviewte, der sich sehr auf ihre Fragen einließ, während im Zweiten Gespräch der Pressesprecher mit weit aufgeknöpftem Hemd des Öfteren deutlich unterbrochen werden musste, damit Zwischenfragen gestellt werden konnten.

Mit Ausnahme eines Parteivertreters, der schlichtweg zum vereinbarten Termin nicht erschien und auch nicht zu erreichen war, nahmen jedoch alle die Fragen der Studierenden ernst und begrüßten ihr Interesse und ihre Anwesenheit.

Über diese Gespräche, die in der Vorbereitung einen Schwerpunkt dargestellt hatten, hinaus gab es mehrfach die Möglichkeit zum Gespräch mit Abgeordneten, wie etwa dem Stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der AfD, Leif-Erik Holm oder dem Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Hans-Peter Friedrich. In diesen Gesprächen, die auch die Gelegenheit zur Diskussion boten, zeigte sich sehr deutlich, teilweise auch in starkem Kontrast zu den sie begleitenden Mitarbeitern, die Professionalität dieser Berufspolitiker in Bezug auf den Gebrauch von Sprache und Ausdruck.

Die räumliche Verteilung der verschiedenen Programmpunkte (neben den Gesprächen mit den verschiedenen Parteivertretern unter Anderem ein Besuch der Kuppel des Reichstagsgebäudes und eine Führung durch das Studio des Parlamentsfernsehens)  sorgte dafür, dass die Gruppe einige Kilometer im Reichstagsgebäude und dem Paul-Löbe-Haus (Abgeordnetenhaus des Deutschen Bundestages) zurücklegte. In der Ausstellung des Deutschen Doms zur Demokratie gab es für die Gruppe zudem die Möglichkeit zur Simulation einer Plenarsitzung in Form eines Planspiels. Nach der Aufteilung auf verschiedene Parteien wurde ein Gesetzesentwurf beraten und in einer verkleinerten Nachbildung des Plenarsaals zur Debatte gestellt.Der Besuch einer echten Plenarsitzung stellte für alle Teilnehmer einen besonderen Höhepunkt der dreitägigen Exkursion dar. Selbst auf der Besuchertribüne entstand der Eindruck, dass im Plenarsaal eine besondere Atmosphäre herrsche und die für die Betreuung der Gruppe zuständigen Mitarbeiter brachten zum Ausdruck, dass sich dieses Gefühl auch nach Jahren der Arbeit im Bundestag nicht lege.

Manchem Teilnehmer wurden durch die Exkursion neue berufliche Perspektiven eröffnet, für Andere stellten die Interviews mit den Politikern eine willkommene Übung zum Führen von Gesprächen dar. In jedem Fall lieferte das Erlebte für die Rückfahrt nach Gießen und darüber hinaus viel Gesprächsstoff. Die Exkursion und das zugehörige Seminar bewerteten die Teilnehmer im Abschlussgespräch sehr positiv und den Blick auf das Zusammenspiel von Politik und Journalismus empfanden alle Beteiligten als ausgesprochen bereichernd. Studierende der Universität Gießen werden in nächster Zeit allerdings nicht mehr in den Genuss eines solchen Workshops kommen, da die pro Institution lediglich alle drei Jahre eine Bewerbung entgegengenommen wird.

 

Jonas Feike




Züge ins Überleben- Kindertransporte im Dritten Reich

Die Holocaust Überlebende Ruth Barnett, wurde 1939 zusammen mit 10.000 anderen Minderjährigen auf Kindertransporten nach England gebracht. Ihre protestantische Mutter und ihr jüdischer Vater hofften die Kinder so vor dem Tod in den Konzentrationslagern der Nazis bewahren zu können. Ruth Barnett konnte überleben, doch die Nazis hatten ihre Identität geraubt und ihre Familie auseinander gerissen. Von ihrem Schicksal berichtete die 83-Jährige am Mittwoch, in den Räumen des Philosophikum eins.

Gelassen beobachtet Ruth Barnett, die lärmenden Lehramtsstudenten, die am Mittwoch um 10 Uhr 15 in den Raum der JLU strömen. Jeder der fast hundert Stühle ist besetzt. Die geschlossene Veranstaltung der Literatur- und Geschichtsdidaktik ist ein Projektseminar zum Holocaust und den Kindertransporten. Ruth Barnett wendet sich mit einem Lächeln und in höflichem Deutsch an ihre Zuhörer. „ Heute will ich ihnen erzählen, warum mein Deutsch so schlecht ist,” sagt die jüdische Holocaustüberlebende, in fließendem Deutsch. Ihre wachen hellblauen Augen scheinen dabei jeden im Raum anschauen zu wollen.  Die Dame mit den kurzen roten Haaren und dem hellblauen Kostüm bleibt während des Vortrages stehen. „Ich möchte jeden hier sehen können”, sagt die Referentin mit britischem Akzent. Die ehemalige Lehrerin entscheidet sich heute englisch zu sprechen. Dass sie heute besser englisch als deutsch spricht- dafür haben die Nationalsozialisten unter Hitler gesorgt.

Mit vier Jahren musste Ruth Barnett- damals noch Michaelis, zusammen mit ihrem Bruder Martin das nationalsozialistische Deutschland verlassen, weil ihr Vater jüdisch war und den Kindern die Deportation in die Konzentrationslager drohte. Auf sogenannten Kindertransporten wurden die beiden, mit Hilfe der Quäker, nach England gebracht. Dort sollten sie von Mitgliedern der Kirche aufgenommen werden. Doch die verschüchterten und traumatisierten Deutschen mit jüdischen Wurzeln waren nicht überall willkommen und das Verhältnis zu ihren Pflegeeltern war angespannt. So zogen Ruth und ihr Bruder von einer Familie zur nächsten. Erst bei den dritten Pflegeeltern, die bereits fünf Kinder hatten und auf einer Farm wohnten, fühlten sich die beiden Flüchtlingskinder akzeptiert und geliebt.

No way i go back!

 

Dann war der Krieg zu Ende, doch Ruth und ihrem Bruder stand die schwierigste Zeit noch bevor. Als ihre Mutter aus Deutschland nach England reiste, um ihre Kinder zurück nach Hause zu holen, hatte sich die Familie zu weit voneinander entfernt. Der Vater war nach Shanghai geflohen, die mittlerweile 14-Jährige Ruth und ihr 17-Jähriger Bruder waren in England und die Mutter hatte sich in Deutschland versteckt gehalten.

Für die Geflohene stand damals fest: „Germany? No way i am going back to the nasty Nazis”. Als der Vater juristisch gegen ihre Pflegefamilie vorging, musste Ruth doch nach Deutschland zurückkehren. Doch sie rebellierte gegen die Eltern und die ließen sie schließlich schweren Herzens wieder nach England gehen. Allerdings musste Ruth versprechen, über die Sommerferien nach Hause zu kommen. Dabei war der Grenzübertritt stets eine Tortur für das offiziell staatenlose Mädchen. Die Nationalsozialisten hatten ihr die deutsche Staatsangehörigkeit 1935 aberkannt und eine Englische bekam sie erst mit dem 18. Lebensjahr. Im Jahr 2018 wartet Barnett noch immer auf einen deutschen Pass, den sie, laut eigener Aussage unbedingt noch vor dem Brexit haben möchte.

Als junge Erwachsene entschied sich die Wahlengländerin dafür, ihr jüdisches Erbe anzuerkennen. Ihr Bruder lebte in Deutschland stets in Angst, als Jude erkannt und verfolgt zu werden. Jüdische Heimkehrer waren nach dem Krieg nicht gerne gesehen. „The germans were scared that the jewish people would take revenge”, erklärt die Überlebende. Verarbeitet habe sie ihre Vergangenheit vor allem durch ihren Mann, den sie in England kennenlernte und der selbst deutsche und jüdische Wurzeln hat. Er habe sie zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gedrängt, ganz anders als ihre Eltern, die nie über den Krieg oder die Verfolgung durch die Nazis sprechen konnten, sagt die 83- Jährige.

„Refugees should not be here today”

„Und heute haben wir wieder Flüchtlinge”, sagt Barnett. Diesmal wollten diese aber nicht aus Deutschland weg, sondern nach Deutschland oder auf die englische Insel, stellt die Überlebende fest. „Refugees should not be here,” findet Barnett. Dass sie es doch sind, sei, „a sign that we failed to protect their homes.” Niemand wolle flüchten und wenn es nicht anders gehe, weil einem Tod und Krieg bedrohten, dann müssten andere Staaten und Einzelpersonen helfen, konstatiert die Referentin. „Give a bid of kindness, that helps refugees a lot”. Natürlich würden wir alle mit Stereotypen und Vorurteilen leben, das sei ein Teil von uns Menschen, erklärt die studierte Psychotherapeutin, aber wir müssten unsere Stereotype immer mit der Realität abgleichen. „We will live with a picture until we update it”, erklärt Ruth Barnett ruhig, dabei lächelt sie, die, in ehrfürchtiger Stille erstarrten Studenten, an und ihr Blick schweift in die Ferne. Ihre Augen sind hellblau, eine Brille braucht sie noch immer nicht, für den klaren Blick auf die Dinge.

 

„Nationalität: Staatenlos.” Ruth Barnetts Lebensgeschichte gibt es hier

 

Artikel und Bilder Kim Hornickel




„Da werden keine Gebührengelder verschwendet“ – Stimmen aus der Praxis mit Johanna Kaack

Sie spalten die Gemüter unter Studierenden wie kaum ein anderes Thema: Geschichtsdokumentationen im Fernsehen. Für die einen eine willkommene Lernhilfe, für die anderen nicht wissenschaftlich genug. Um über diesen Spagat zwischen unterhaltsamer Geschichte und historischen Fakten zu berichten, lud die Fachjournalistik Geschichte die ehemalige Gießener Studentin Johanna Kaack für die dritte Veranstaltung der „Stimmen aus der Praxis“ ein.

Kaack schloss den Studiengang der Fachjournalistik Geschichte 2007 mit dem Magister ab und arbeitet seitdem in der Redaktion “Zeitgeschichte” des ZDF. Dass sie ihr Pflichtpraktikum während des Studiums bereits beim Zweiten Deutschen Fernsehen absolvierte, habe ihr bei der späteren Jobsuche geholfen, sagte Kaack. So sei sie bereits während der Arbeit an ihrer Masterthesis für den Online Auftritt des ZDF, als freie Mitarbeiterin angestellt worden. Trotz der Einstellung des Projekts blieb sie dem öffentlich rechtlichen Fernsehen treu und stieg fortan in die Redaktionstätigkeit beim Format ZDF-History ein, in dem sie heute Chef vom Dienst ist.

“Obwohl der wöchentliche Sendeplatz sonntagabends als schwierig gilt, stellt ZDF-History eine starke Marke des Senders dar”, betonte Kaack. Auch wenn das ZDF als öffentlich-rechtlicher Sender nicht vollständig von Werbeeinnahmen abhängig ist, würden die Quoten der Sendung sehr wohl eine Rolle spielen, erklärte die Referentin. “Wegen der ungewöhnlichen Sendezeit schalten die meisten Zuschauer eher zufällig ein, das Publikum welches gezielt ZDF-History schaut, findet sich eher auf den Spartenkanälen des Senders wieder, auf denen mehrmals die Wiederholungen laufen”, erzählt Kaack. Um dennoch die Zuschauer vom Umschalten abzuhalten, steht die Redaktion vor der Herausforderung die zu erzählende Geschichte immer wieder neu aufzubereiten. Außergewöhnlich hoch ist dabei der Anteil der selbstproduzierten Sendungen. Entgegen der gängigen Praxis der großen Sendeanstalten, betonte Kaack stolz, liege der Eigenanteil bei rund 50% der ausgestrahlten Sendungen. Die andere Hälfte der rund 50 Sendungen pro Jahr, kauft das ZDF bei den verschiedenen, internationalen Produktionsfirmen ein.

Die Themenfindung innerhalb der Redaktion selbst laufe über unterschiedliche Wege. So können Jahrestage eines Ereignisses oder die spannende Lebensgeschichte einer Persönlichkeit den Anstoß für eine Sendung geben. Immens wichtig sei dabei das Schreiben des Drehbuchs, denn nur die richtige Dramaturgie ermögliche eine gute Darstellung des Themas, so Kaack. Pro Sendung belaufe sich das Budget dabei meist auf rund 60.000€, die jedoch durch die hohen Kosten für Archivmaterial schnell ausgereizt sein können.

 

Interviews mit Zeitzeugen sind nicht umsonst

Und auch die Interviews, von denen es drei bis vier pro Sendung gibt, nehmen Zeit und Budget in Anspruch, sagte Johanna Kaack versicherte: „Da werden keine Gebührengelder verschwendet.“.

Über die Jahre hinweg ist die Handlung und Darstellung historischer Ereignisse in Dokumentationen immer wichtiger geworden. so Kaack. Früher sollten schwarz-weiß Aufnahmen für sich sprechen. Heute finden sich aufgrund der veränderten Sehgewohnheiten beim Publikum viel mehr Effekte oder farbige Grafiken in den Sendungen wieder. Das Stilmittel der szenischen Reanactments (das Nachstellen einer Szene mit Schauspielern), ist aufgrund der Frage der historischen Glaubwürdigkeit auch unter den ZDF Redakteuren umstritten. Bis eine Sendung für ZDF-History komplett fertig produziert ist, vergehen im Durchschnitt drei Monate, wovon alleine der Schnitt rund 15 Tage benötigt, erklärt die leitende Redakteurin.

Rückmeldungen durch Zuschauer hätten seit dem Ausscheiden des Moderators Guido Knopp, Anfang 2013, rapide abgenommen. Das Verhalten des Moderators sei dabei Inhalt der positiven und negativen Kritik gewesen. Laut den Zuschauerquoten sind vor allem Frauen Zuschauer der ZDF History Serie.

 

Henrik Drechsler