„Wer gehen kann, kann auch historisch tanzen“

DSC00152neuNach Unterwasserrugby nun der zweite Teil unseres AHS-Sportarten-Tests. Diesmal verschlägt es uns ins tänzerische Mittelalter, oder besser gesagt in die Krofdorfer Mehrzweckhalle zum Historischen Tanz, wo sich unsere Redakteurin Tatjana Döbert der Sache annahm.

Beim Training der historischen Tanzgruppe werde ich von Tänzern in allerlei Gewandungen empfangen. Da wirbelt das lange, violette Kleid mit den weiten Ärmeln, dort schnürt einer seine mittelalterlich anmutenden Lederschuhe. Zwischen den anderen stolziert Robin Hood – so zumindest sieht ein Mann in grünem Wams und federbesetztem Hut aus. Eine Dame probiert verschiedene Hauben passend zum Kleid an. Etwas entfernt wird bereits das zweite Gewand anprobiert. Nicht zu lang soll es sein. Die Tänzerin darin soll sich ja noch bewegen können. Immer wieder betrachtet sie sich selbst in der spiegelnden Fensterscheibe.

An diesem Abend herrscht hektische Betriebsamkeit. Die Tänzer proben für einen bevorstehenden Auftritt und tragen deshalb alle ihre Gewandungen. Diese passen zwar nicht immer zur Epoche des Tanzes, doch für Auftritte sei es wichtig, dass alle Gewänder trügen, berichtet Thomas, einer der Tanzleiter. „Oft haben wir hier mehr Frauen als Männer“, erzählt Anja, eine weitere Leiterin, mir, „da muss die Frau auch mal die Männerschritte tanzen können.“ Sie selbst trägt Männerkleidung: Ein dunkles Wollhemd und dunkle Hosen. Obwohl die Gruppe auch im Unisport vertreten ist, sehe ich Teilnehmer von 20 bis 40 Jahren.

Die Anzahl der Tänzer schwanke immer wieder, sagt Anja mir. An diesem Abend kommen fünf Paare zusammen, die gemeinsam tanzen werden. Während sich die Damen auf der einen und die Herren auf der anderen Seite des Raumes jeweils in einer Reihe aufstellen, komme ich mir etwas verloren vor. Schließlich nimmt Thomas sich meiner an und erklärt mir, wie der folgende Tanz, der „Pavane“ genannt wird, funktioniert.

DSC00162neu„Ein Schritt nach rechts, ein Schritt nach links und dann drei nach vorne“, führt er mir vor. So weit so einfach. Thomas berichtet mir noch, dass der Tanz aus der Renaissance stammt und auf Bällen dazu diente sich selbst und den Partner oder die Partnerin zu präsentieren. Dann reihe ich mich ein und warte, bis mein Mann und ich an der Reihe sind. Er nimmt meine Hand und ich hoffe, dass ich links und rechts nicht verwechsele. Die anderen tanzen mit erhobenem Haupt, während mein Blick am Rücken meines Vordermannes klebt und ich versuche die richtigen Schritte zu machen.

Nach dem Tanz steige ich zunächst wieder aus, da die Stammtänzer sich direkt in den nächsten Tanz namens „Oranges and limons“ übergehen. Dabei kann ich nicht mitmachen, ohne die Schritte zu kennen. Fasziniert beobachte ich wie leichtfüßig die Tänzer über den Boden schweben, sich mal miteinander, mal allein im Kreis drehen. So würde ich auch gerne tanzen können. Thomas sagt mir später, dass die Tänzer bei diesem Tanz in zwei Gruppen eingeteilt sind, die nicht miteinander tanzen dürfen. So tanzen „oranges“ nur mit anderen „oranges“ und „limons“ nur mit anderen „limons“

Auch beim dritten Tanz setze ich aus. Er heißt „Old wife behind the fire“, benannt nach einer Figur, die darin vorkommt. Dieses Mal stehen sich die Paare in zwei Reihen gegenüber. Gemeinsam mit der Musik beginnt der Tanz. Dabei tauschen immer zwei Paare miteinander die Plätze. So geht es weiter, bis jedes Paar einmal an jeder Stelle in der Reihe getanzt hat. Ich blicke bei diesem Tauschspiel auch nach einigen Wiederholungen nicht ganz durch und bin tief beeindruckt vom Können der Tänzer. Schließlich war ich schon bei der „Pavane“ angespannt gewesen. Wie hätte ich da jemals bei diesem Tanz mithalten können?

Als die anderen eine Pause machen, bringt Thomas mir die Schritte für den letzten Tanz, den „Black Almaine“ bei. Aufeinander zugehen, wieder trennen, in die eine Richtung schreiten, dann wieder zurück…Ich bin nicht sicher, ob ich das in der Gruppe schaffen werde, doch ich will unbedingt noch einmal mittanzen. Die Tänzer stellen sich diesmal in einem inneren und einem äußeren Kreis auf. Innen stehen die Herren, außen die Damen. Es wird eine bestimmte Schrittfolge getanzt, bevor man den Partner wechselt. Ich stehe einmal mehr zwischen all den erfahrenen Tänzern und habe gefühlt die Hälfte der Schritte schon wieder vergessen. Und tatsächlich erinnere ich mich im ersten Versuch nicht an eine der Figuren im Tanz und muss von meinem Partner angeleitet werden. Danach werde ich jedoch mit jedem Partnerwechsel besser und ich habe wirklich Spaß am Tanzen.

Zum Abschluss tanzen noch einmal alle zusammen einen einfachen Tanz, bei dem vorher die Schritte erklärt werden. So kann auch ich wieder mit den anderen tanzen.

Anjas Motto hat sich bewahrheitet. Zwar wurde heute für einen Auftritt geprobt und ich konnte nicht bei allen Tänzen mitmachen, doch mit etwas Übung sind die Schritte sicher leicht zu bewältigen.

Für mich war es eine schöne neue Erfahrung und vielleicht kann ich auf dem nächsten Mittelaltermarkt dann auch ein wenig tanzen…

Eine Reportage von Tatjana Döbert

 

Servicetext:

Standort: Dorfgemeinschaftshaus in Gleiberg

Preis: entgeltfrei

Kurszeiten: Anfänger und Fortgeschrittene: Mi: 20:00-21:30

Ausrüstung: Alltagskleidung mit bequemen Schuhen genügt




Keine Hemmungen

Spielsituation

Wir testen für euch die skurillsten Sportarten, die der AHS in Gießen zu bieten hat. In dieser Woche durfte unsere Redakteurin Jennifer Meina am eigenen Leib erfahren, was es mit dem sogenannten Unterwasserrugby auf sich hat.

Ein wenig wie ein Neonfisch – mit ihren knallig gelben Flossen –  sieht Eva von oben aus. Galant schwebt die 22-jährige Studentin durch das Wasser. Sie ist nicht allein. Neben ihr, in etwa einem Meter Tiefe, befindet sich ein ganzer Schwarm solch farbenfroher Exemplare. Auch unter ihr sind schemenhaft diese Farbspiele zu erkennen. Einige sind blau, andere weiß. Genau zwölf befinden sich im Wasser. Still ist es. Die Szene hat etwas beruhigendes, fast wie das Beobachten eines Aquariums – zumindest für diesen kurzen Moment. Plötzlich wird es laut. Das Wasser platscht gegen den Beckenrand. Der Schwarm steigt hinauf an die Wasseroberfläche, kämpft miteinander. Überall Arme und Beine. Aus ihren Schnorcheln strömen Wasserfontänen, wie Wasserspiele springen sie wild umher. Dann tauchen sie wieder ab. Die Flossen sind einen kurzen Moment komplett aus dem Wasser gestreckt, dann sind sie verschwunden. Überall spritzt es. Der Schwarm taucht jetzt tiefer als zuvor. Kaum erkennbar wohin sie schwimmen – kaum erkennbar wo Eva gerade ist.

Unter die Oberfläche

Von der Wasseroberfläche des Springbeckens im Pohlheimer Hallenbad aus scheint jetzt alles chaotisch. Dass das ein Spiel ist, schwer vorstellbar. Doch das ist es – Unterwasserrugby nennt es sich. Teilnehmer sind Studenten und Ehemalige. „Kein zuschauerfreundlicher Sport“, wie Eva später lachend zugibt. Erst, wenn man tiefer geht – unter die Oberfläche, ausgerüstet mit Schnorchel, Flossen und einer Taucherbrille – wird alles klarer. Gerade greift das weiße Team an. Eva ist es, auf die gerade alle schauen. Sie hat einen roten Ball in der Hand. Er hat etwa die Größe eines Handballes und ist mit Salzwasser gefüllt. Außerhalb des Wassers wiegt er etwa drei Kilo, im Wasser ist er gerade noch schwer genug um zu sinken. Werfen kommt hier unten nicht in Frage – er muss gestoßen werden, um ihn zu seinem Mitspieler zu passen. Gute Unterwasserrugby-Spieler schaffen etwa zwei Meter.

  • Anpfiff
    Anpfiff
  • Passspiel
    Passspiel
  • Angriff
    Angriff

Gewusel

Ziel ist es den Ball in den Korb des Gegners zu stoßen. Die Körbe liegen jeweils am Kopf des 12,5 x 8 Meter großen Beckens. Sie ähneln Basketballkörben, sind jedoch um einiges schwerer, damit sie auch im vier Meter tiefen Becken stehen bleiben. Klingt simpel. Auch Eva ist bereits beinahe am Korb des blauen Teams angekommen. Plötzlich greift einer ihrer männlichen Gegenspieler um sie herum, mit dem linken Arm hält er sie umschlugen, der Rechte versucht, den roten Ball wegzuschlagen. Blaue Flecken sind hier keine Seltenheit, ab und zu gibt es auch mal eine blutende Nase. Auch einen Flossenschlag bekommt man im Gewusel öfter ab.

„Vor allem am Hals brennt das wahnsinnig“, beschreibt es Eva. Darüber, dass noch nichts Ernsthaftes passiert ist, wundert sich die blonde Frau. Die blauen Flecke am nächsten Tag merkt sie meistens kaum noch. Den Muskelkater in den Armen vom Kämpfen schon eher. Genauso wie die Hautabschürfungen am Oberarm, dort, wo sie den roten Ball eingeklemmt hat, um ihn vor den Händen der anderen zu schützen. Sie ziehen weiter daran. „Das zwirbelt enorm“. Eva windet sich, versucht sich aus dem Klammergriff zu lösen. Einer ihrer Mitspieler schwimmt zu ihr, genauso wie ein weiterer Gegner. Bereits seit über einer Minute ist keiner von ihnen mehr aufgetaucht – langsam wird die Luft knapp.

Luftanhalten

„Shit“, denkt Eva oft in diesen Momenten. Es nervt sie noch nicht so lange die Luft anhalten zu können, wie die anderen, die schon länger dabei sind. In einer ruhigen Situation schafft sie, die erst seit einem halben Jahr Unterwasser-Rugby spielt, bereits stolze zweieinhalb Minuten ohne Luftholen. Jetzt sind ihre Muskeln angespannt, sie verbrauchen viel Sauerstoff. Sie schafft es den Ball zu einem Team-Kollegen zu stoßen – der Druck der Umklammerung lässt nach, sie kann an die Oberfläche schwimmen. Nur diejenigen die den Ball haben, dürfen angefasst werden und auch nur sie dürfen andere anfassen um einen Korb zu machen. Dann aber überall – außer an die Ausrüstung. Hemmungen, so berichtet das Team nach dem Training, hat hier keiner – sie hätten hier auch keinen Platz. Birgit, eine der erfahreneren Spielerinnen, fasst es einfach zusammen: „Überall sind Arme, Beine, Körper – man achtet einfach nicht darauf während man sich dreht und um den Ball kämpft.“ Zum Schutz tragen die Männer Suspensorien, Frauen zwei Badeanzüge übereinander, manchmal auch ein Schwimm-T-Shirt. Dass der Frauenanteil etwa so groß ist, wie der männliche, ist ungewöhnlich. Dass macht das Team aber nicht schwach. „Natürlich haben Männer mehr Kraft und können den Torwart besser aushebeln“, sagt Eva. „Aber es kommt auch auf die Taktik an und darauf, wie schnell man ist, wie flink man sich auch wenden kann.“ Um sich auf die Taktik zu konzentrieren, muss man aber zunächst das Atmen beherrschen und Ausdauer haben.

Eva ist mittlerweile wieder unten angekommen. Inzwischen hat der Gegner den Ball zurück erkämpft und schwimmt unaufhörlich dem Korb entgegen – zu dem Korb, den Eva eigentlich verteidigen soll. Sie ist schnell. Schafft es noch rechtzeitig ihre Position einzunehmen. Sie legt sich auf den Korb, verschließt mit ihrem Körper so die Öffnung. Anfassen darf sie das Stahlgerüst nicht. Überall sind Hände und Flossen und irgendwie landet der Ball im Korb. Der Spielzug ist beendet. Alle tauchen auf, schwimmen zu ihren jeweiligen Seiten. „Sorry für die Abwehr“, kommt es von links. „Kein Ding“, scheint Eva durch ein Nicken zu signalisieren. Erstmal muss sie sich wieder aufs Atmen konzentrieren – ruhig, bloß nicht zu hastig. Die Anstrengungen sind allen anzumerken – der Spaß aber auch. Einer gibt das Signal, taucht mit dem roten Ball dem Korb des Gegners entgegen. Die Neonfische greifen wieder an.

Eine Reportage von Jennifer Meina

 

Servicetext:

Ihr habt Interesse? Dann schaut doch einfach mal vorbei UWRugbeesMittelhessen

Standort: Hallenbad Pohlheim

Preis: Eintritt für das Hallenbad: 4,20 €

Kurszeiten: Anfänger und Fortgeschrittene: Mi: 20:00-21:00, Sa: 13:00-14:00

Ausrüstung: Schnorchel, Flossen und Brille (können ausgeliehen werden)

Bikinis auf eigene Gefahr!