07 Dez

“Never give up, motherfucker!”

Nico Laska

Nico Laska – Vom kleinen hessischen Städtchen auf die große Bühne

Der 20-Jährige Nico Laska kommt aus dem hessischen Städtchen Ortenberg (Wetteraukreis) und spielt seit der 6. Klasse Gitarre. Seitdem schlägt das Herz des Singer/Songwriters fast ausschließlich für seine Musik. Aktuell kann man ihn bei „The Voice of Germany“ bewundern, obwohl er zunächst Zweifel hatte. Mit uns hat er im Februar über seinen Werdegang als Künstler und seine Songs gesprochen. Vergangene Woche hat sich unsere Redakteurin Mona nochmal ein Update zu TVOG geholt.

Interview vom 12.02.2016

Wann hast du mit deiner Musik angefangen?

Mit 10 Jahren habe ich meine erste Gitarre bekommen und habe mir dabei die Finger wund gespielt, bis ich festgestellt habe, dass ich das ein bisschen falsch mache (lacht). Nach einem Jahr hab’ ich dann Unterricht in der Schule bekommen. Das hat mir aber nicht gefallen und  ich hab’ mir dann komplett alleine beigebracht zu spielen. Heute würde man sagen mit ‘nem Youtube-Tutorial. Damals habe ich mir Live-Videos von Künstlern angesehen und das nachgespielt. Ich habe dann ´ne Weile Banderfahrungen gesammelt und im Juni 2014 habe ich das erste Mal selbst gesungen.

Wann hast du dich komplett der Musik verschrieben?

Nach dem ersten Halbjahr der 12. Klasse hatte ich etwa 200 Fehlstunden, weil ich für die Musik so viel unterwegs war. Und ich bin kein Typ, der so halbe Sachen macht, also hab’ ich mich für die Musik entschieden, nach der 12. Klasse.

Wolltest du je was anderes werden?

Ich wollte mal Polizist werden, weil ich K11 so cool fand.

Was zeichnet dich und deine Musik aus?

1. Auf der Bühne reiße ich extrem schlechte Witze. 2. Bin ich, glaube ich, ein symphatischer Typ und 3. Glaube ich: Jeder, der nicht nur auf „Bumm-bumm-Musik“ steht, kann bei meiner Musik total gut abschalten und sich seinen Gefühlen hingeben.

Warum bist du im Oktober 2015 für deine Tour nach England gegangen und nicht nach Deutschland?

Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon ‘ne Deutschlandtour gespielt und ich glaube das war für mich so ne Art Selbsttest. Ich wollte wissen, ob meine englischspachigen Songs in England überleben können oder ob ich meine Texte anders schreiben muss. Deswegen war für mich super wichtig, dass ich dorthin gegangen bin und geguckt hab, wie es ankommt.

Warum singst du überhaupt auf Englisch?

Da gibt’s ne ganz einfache Erklärung: Deutsch klang mir selbst einfach zu schnulzig. Wenn ich meine Texte auf Deutsch singen würde, könnte ich mir selbst nicht zuhören.

Lässt du deine Songtexte Korrektur lesen?

Also ich lass’ sehr viele Leute drüber lesen, aber meistens werden nur Kleinigkeiten geändert. Zum Beispiel einzelne Wörter ausgetauscht, die besser klingen. Ich bin auch offen für Kritik, wenn man sie gut begründen kann, dann ist sie super. Ich glaube auch, dass man Kritik braucht und sie wertschätzen sollte. Aber natürlich gibt’s auch unterschiedliche Geschmäcker und dann ist das halt so.

Spielst du noch andere Instrumente?

Bass, aber das ist als Gitarrist ja in der Regel normal, bisschen Klavier, bisschen Schlagzeug. Aber ich hüpfe ja beim Musik machen immer sehr viel rum, da ist mir das Sitzen zu langweilig. Je intensiver ich drin bin, desto mehr wackeln meine Beine in irgendwelche Richtungen. Keine Ahnung warum.

Was kommt zuerst? Der Text oder die Melodie?

Der junge Singer/Songwriter hat schon eine ordentliche Fanbase

Der junge Singer/Songwriter hat schon eine ordentliche Fanbase

Beides ist gleichzeitig da.

Ich hab vorher meistens ein Thema und nehme dann einfach die Gitarre in die Hand. Und ich schreibe und singe im Stehen. Bis auf ein Lied sind alle meine Songs aus meiner Sichtweise geschrieben. Dieser eine Song könnte theoretisch auch ein Hit werden. Man könnte ‘nen Elektrobeat drunter legen und der könnte sogar im Radio laufen.

Warum ist das nicht dein Ziel? Würde dir nicht fürs erste ein eingängiger Hit helfen, bekannt zu werden?

Ich schätze das ist ‘ne Frage, die sich jeder Musiker stellt. Inwieweit schreibe ich meine Songs für mich und inwieweit schreibe ich sie fürs Radio. Aber ich bin der festen Meinung: Wenn du deine Songs für dich schreibst und wenn es so kommen soll, dann kommen sie auch irgendwann ins Radio.

Ich würde zum Beispiel nie auf die Bühne gehen und etwas spielen, das sich falsch anfühlt. Wenn ich es nicht fühle, dann fühlt auch das Publikum nichts. Natürlich möchte ich mit meiner Musik erfolgreich werden, aber ich will mich nicht dafür verstellen.

Wer hat dich als Künstler am meisten geprägt?

1.Ed Sheeran, weil seine Texte enorm gut sind. 2. Secondhand Serenade, war so der erste, der mir gezeigt hat, dass ein Typ mit ner Gitarre und ehrlicher Musik, erfolgreich werden kann. Wegen dem hab’ ich auch so angefangen zu spielen. 3. All Time Low.

Was hältst du generell von Castingshows?

„The Voice of Germany“ ja, der Rest nein. Bei „The Voice“ finde ich es gut, dass da zuerst nur auf die Stimme geachtet wird. Also zumindest in den „Blind Auditions“.

Warum gehst du zu keiner Castingshow, zumindest nicht zu „The Voice of Germany“?

Tatsächlich hatte ich mal überlegt hinzugehen und war ganz kurz davor, mich einzuschreiben, aber  ich hab’ mich vorest für ‘nen anderen Weg entschieden. Weil halt bei „The Voice“ auch so unheimlich viele gute Leute dabei sind. Die Stimmen sind ja der Hammer. Ich bin authentisch auf der Bühne und live ein guter Künstler, aber bestimmt nicht wegen meiner einzigartigen Stimme.

Der beste Rat, den du je bekommen hast?

„Never give up, motherfucker!“

Wann wäre der Zeitpunkt, an dem du die Reißleine ziehst und sagst: ich habe alles versucht und kann trotzdem nicht von meiner Musik leben?

Wenn ich 40 bin und immer noch bei meiner Mama wohne, dann fange ich an mir ‘nen anderen Job zu suchen. Ich habe jetzt keinen Plan B, weil ich nichts anderes machen möchte.

 

Interview vom 03.12.2016

Wieso hast du deine Meinung geändert und dich bei „The Voice of Germany“ angemeldet?

Laska bei der Show “The Voice of Germany”

Ich hab’ mich bisher als Sänger nicht so gesehen, dass ich mit den anderen Talenten mithalten könnte. Und dann gab es mal wieder die Castingtouren in Deutschland und ich hab’ es eben einfach mal versucht. Und jetzt waren die „Battles“ im Fernsehen und meins hab ich gewonnen. Als nächstes kommen nun die „Sing-Offs“.

Seit wann wirst du gecoacht?

Im Juli wurde meine „Blind Audition“ aufgezeichnet und seitdem wurden wir eigentlich regelmäßig gecoacht. Da wird an allem gearbeitet: an der Stimme mit den Vocal Coaches, an der Choreo und wie man sich generell auf der Bühne bewegt. Und natürlich zusammen mit meinem Teamcoach, Yvonne Catterfeld.

Wo bleibt dann bei dem ganzen Üben der Spaß?

Den haben wir die meiste Zeit eigentlich, ich hab’ viel mit den anderen Talents zu tun und wir hängen zusammen ab, üben oder gehen einkaufen und abends auch mal feiern.

Hat dich die Show überrascht?

Also ich hatte vorher ja diesen Fernseh-Nightmare, aber es ist eben genau anders gekommen, als ich es mir vorgestellt hab. Man darf alles sagen, machen und tragen, was man möchte. Vor allem Yvonne ist wie ‘ne große Schwester, die uns alle total unterstützt und sich auch für jeden Zeit nimmt. Selbst wenn die Kameras aus sind.

Wirst du mittlerweile schon häufiger erkannt und angesprochen?

Mein Gesicht wird langsam bekannter, es kommt öfter vor, dass Leute mich ansprechen und nicht genau wissen, wohin sie mich stecken sollen. Neulich wurde ich von ner Tankwartin angesprochen, das war ganz witzig. Bezahlen musste ich allerdings trotzdem (lacht). Und in meiner alten Schule in Ortenberg hänge ich jetzt am schwarzen Brett mit meinen nächsten Auftritten.

Wenn die „Blind Audition“ nicht geklappt hätte oder wenn du nun nicht gewinnen solltest, was sind deine Pläne?

Vor „The Voice“ ist nach „The Voice“. Ich werde weiter Konzerte spielen, an meiner Platte arbeiten und das Beste aus mir rausholen.

Wie hoch schätzt du deine Chancen ein, in die nächste Runde zu kommen?

Letztendlich entscheiden die Coaches und wollen das Spiel gewinnen. Sie suchen das

Autogramme gibt der junge Künstler seit der Show häufiger

Autogramme gibt der junge Künstler seit der Show häufiger

Gesamtpaket aus, welches am besten abliefert. Ich denke, dass ich an nem Punkt bin, wo ich einfach von Show zu Show lebe.

Nur noch 10 krasse Sänger sind dabei aus meinem Team. Jetzt zählt es eben super abzuliefern und zu hoffen, dass es gereicht hat. Aber natürlich will ich gewinnen.

Was ist die Schwierigkeit bei Coversongs?

Du musst den Künstler halt komplett imitieren können oder dein eigenes Ding draus machen. Es darf nur eben nicht schlechter sein als das Original. Aber wenn ich die Show gewinnen sollte, werde ich weiter meine eigenen Songs schreiben.

Was gefällt dir gar nicht an der Show?

Ich  mag die Schminke nicht. Man wird einfach immer gepudert. Abends rubbel ich mein Gesicht ab und alles ist braun.

Würdest du die Show weiterempfehlen?

Ich würde es jedem empfehlen, wenn er mit nem gewissen Druck klar kommt. Aber nehmt das Ganze nicht zu ernst! Die Show ist letztendlich auch nur ein Spiel. Wenn man verliert, geht die Welt nicht unter.

 

Die nächsten Sing-Offs werden am Donnerstag, 8. Dezember 2016 ausgestrahlt. Wenn er hier weiterkommt, darf Nico in die Live-Shows. Wenn nicht, spielt er sein nächstes Konzert am 15.12.16 in Düsseldorf. Seine erste Platte soll im nächsten Jahr veröffentlicht werden.

 

Das Interview sowie Bilder 1,2 und 4 von Mona Förder

Bild 3: Credit: „Richard Hübner/ProSieben, Sat.1“

Facebooktwittergoogle_plusmail
23 Nov

“Ihr werdet der Motor sein” – Über den neuen Journalismus

dsc_0363

Gregor Mayer zu Besuch in Gießen

Der Journalismus der Zukunft wird schon jetzt geplant. Der Online-Journalist Gregor Mayer war in Gießen und sprach mit uns über State-of-the-Art Medien, die Bravo-Bildershow der heutigen Generation und den Motor für alles Neue.

Im richtigen Zeitpunkt da sein – das ist vor allem als Journalist wichtig. Dabei ist nicht einmal ein Tatort oder ein wichtiges Interview gemeint. Nein, wichtig ist, im richtigen Moment bereit für neue Herausforderungen zu sein. So war es auch bei Gregor Mayer. Der Online-Chef des öffentlich-rechtlichen Spartenkanals Phoenix begann mit seiner Arbeit im Web, als es noch in den Kinderschuhen steckte. „In den 90ern kam ich über mein Redaktionstrainee zum Sender. Als junger frischer Journalist schmiss man mich ins kalte Wasser.“ Mayer sollte sich den neuen Onlineauftritt kümmern. „Ich habe mich ein wenig wie ein Fremdkörper gefühlt, weil damals neue Dinge wie E-Mail und Internet noch gar nicht weit verbreitet waren“, erinnerte sich Mayer.

Alle 5 Jahre muss man sich neu erfinden

Seitdem hat sich jedoch vieles verändert. Die Digitalisierung der Medien und die immer stärkere Nutzung von Social Media führen dazu, dass sich Medienkonzerne immer wieder selbst neu erfinden müssen. „Alle fünf Jahre gibt es einen größeren Entwicklungsschritt um State of the Art zu sein“, so der Experte. Deshalb kümmern er und sein Team sich schon jetzt um die vermeintliche Mediennutzung im Jahr 2021. Er muss sich jetzt schon fragen:

Die Nachwuchsjournalisten hörten gespannt zu

Die Nachwuchsjournalisten hörten gespannt zu

Wie werden sich Facebook und Twitter  weiterentwickeln? Wie kann man Instagram und Snapchat journalistisch nutzen? Bleibt es eine Art Bravo-Bildershow der Zukunft oder ist es auch seriös einsetzbar? Und welche Neuerungen – nicht nur auf dem Social- Media-Markt –  wird es geben?  Klar ist jetzt schon: Nachrichten werden individueller, vielfältiger und interaktiver verbreitet. Diese  Entwicklungen haben jedoch zur Folge, dass man sich heute mit dem Konflikt zwischen Seriosität und der reinen Nachricht auf den sozialen Medien auseinandersetzen müsse. Das Filtern von „wahr“ und „unwahr“ wird immer wichtiger, denn die Menschen interagieren immer mehr mit den Medien. Mehr Mobilität durch mehr Smartphones, Tablets und höhere Datenvolumen führen dazu, dass die Leute sofort im Bilde seien. Entsprechend müsse man sich heute mit den Möglichkeiten der Zukunft auseinandersetzen. „Virtual Reality ist das ganz große Neue. Sie müssen sich eine 360° Kamera im Plenarsaal des Bundestages vorstellen. Plötzlich ist man mittendrin und sieht genau welcher Abgeordnete was tut“, schaffte Mayer einen Ausblick in künftige Konzepte.

Der Aufstieg der Populisten

Neue Entwicklungen bringen jedoch auch manchmal neue Gefahren. Der Aufstieg von Populisten sei auch auf deren gute Nutzung von neuen Medien zu begründen. „Die AFD nutzte Facebook und Twitter und holte damit viele Stimmen“, so Mayer. Problem sei hierbei, dass der Algorithmus von Facebook diesem Wählerklientel suggeriere die eigene Meinung wäre plötzlich Mainstream. „Die Anonymität fällt weg gleichzeitig auch die Hemmnisse“, resümierte der Referent.

Angst vor dem Wandel?

Für die Zukunft machte Mayer klar wird es auch weiterhin so sein, dass die neuen Medien die alten nicht ersetzen sondern ergänzen werden. „Denn viele Nachrichten, die im Netz verbreitet werden, entstammen immer noch aus journalistischer Arbeit“. Entsprechend wichtig sei es, diese Quelle zu schützen. Ändern wird sich in den kommenden Jahren jedoch die Zahl der Online-Nutzer. „Obwohl prozentual mehr Jugendliche das Internet nutzen. Das größte absolute Potenzial liegt bei den 40-50 Jährigen“, bilanzierte der Referent. Darauf würden sich etwaige Apps’s und Webseiten ausrichten. „Die Bedürfnisse der Nutzer haben sich nicht geändert. Aber die Möglichkeiten sind im stetigen Wandel“. Das führe dazu, dass viele ältere Kollegen bei neuen Dingen erst mal ängstlich seien und eher die Risiken denn die Chancen sehen. Deswegen richtete er sich zum Schluss mit einem Appell an die anwesenden Studenten. „Sie werden der Motor der neuen Entwicklung sein. Haben Sie keine Angst vor Ablehnung oder Kritik.“

 

Artikel von Marek Szabowski

Fotos von Jennifer Meina

Facebooktwittergoogle_plusmail
06 Nov

Das kleinere Übel?

Beliebt sind sie wohl beide nicht: Weder Trump noch Clinton. Warum das so ist und welcher der Beiden zumindest für Europa die bessere Lösung wäre, das beantwortete uns Prof. Helmut Breitmeier vom Institut für Politikwissenschaften der JLU.

Prof. Breitmeier im Gespräch mit UNIversum

Prof. Breitmeier im Gespräch mit UNIversum

UNIversum: Professor Breitmeier, Ihre Forschung hat den Schwerpunkt Internationale Politik. Wie beurteilen Sie den Wahlkampf in den USA?

Breitmeier: Er war wie immer sehr hart, unerbittlich und geprägt von zwei ganz unterschiedlichen Politikentwürfen. Und das ganz besondere dieses Jahr war, dass mit Donald Trump ein Populist das Establishment herausgefordert hat und sogar offizieller Präsidentschaftskandidat für die Republikaner ist. Das zeigt doch, wie gravierend die Probleme in den USA sind.

UNIversum: Wie schätzen Sie die beiden Kandidaten ein?

Breitmeier: Hillary Clinton ist sicherlich die Kandidatin, die im Wesentlichen das fortführt, was Obama begonnen hat. Mit Blick auf Donald Trump muss man sagen, dass er natürlich versucht gewisse Dinge rückgängig zu machen und eine andere Politik zu verfolgen. Wenn er tatsächlich die Mauer zu Mexiko verwirklicht, ist das eine Abschottungspolitik gegenüber einem der ganz großen Nachbarstaaten, die sich auch ökonomisch auswirken wird. Von daher ist Donald Trump sicher ein Kandidat, der für ein Programm steht, das wir allerdings in Europa auch haben. Und das sollten wir nicht unter den Tisch kehren.

UNIversum: Trumps Ziele. In wie weit kann er sie umsetzen?

Breitmeier forscht zu Internationalen Beziehungen. DIeses Semester leitert er ein Seminar zum Thema Außenpolitik der USA vor und nach den Wahlen 2016

Breitmeier forscht zu Internationalen Beziehungen. Dieses Semester leitet er ein Seminar zum Thema Außenpolitik der USA vor und nach den Wahlen 2016

Breitmeier: Da es eine große Anzahl von Hispano-Amerikanern gibt,  stellt sich innenpolitisch schon die Frage, ob sich das die Hispanics gefallen lassen. Ob Kuba oder Mexiko – ich weiß nicht, ob es so klug ist, was Trump tut in Bezug auf den Außenhandel. Wenn man sich bezüglich der Einwanderung abgrenzt, muss das auch Auswirkungen auf den Handel haben.

UNIversum: Warum Trump so viel Zuspruch und Hillary so unbeliebt?

Breitmeier: Sie haben nach acht Jahren Präsidentschaft immer eine Gegenbewegung. Das wirkt sich auch auf Hillary Clinton aus. Sie war ja als Außenministerin die ersten vier Jahre in der Regierung. Von daher wird sie als Teil des politischen Establishments empfunden, gegen das sich der Wähler auflehnt.

Hillary Clinton steht für die traditionelle Orientierung Amerikas, die heißt: „Sich öffnen gegenüber westlichen Verbündeten, auch die verantwortungsvolle Rolle in der Welt wahrnehmen, zum Teil mit militärischem Engagement“. Donald Trump ist jemand, der Europa sehr schonungslos sagt: „Ihr müsst in Zukunft für eure Sicherheit mehr Selbstverantwortung übernehmen“. Von daher wäre wahrscheinlich eine Wahl von Trump für Europa die größere Zumutung.

UNIversum: Wer hat die größeren Siegchancen?

Breitmeier: Gerade vor dem Hintergrund der jüngeren Entwicklungen mit der E-Mail-Affäre lässt es sich schwer sagen. Aber ich würde immer noch sagen: Clinton ist die Favoritin.

UNIversum: Welche Konsequenzen hätten Trump und Clinton als Präsident/in außenpolitisch für Deutschland?

Breitmeier: Ein Präsident Trump würde von Europa erwarten, dass es mehr für seine eigene Sicherheit tut. Ich glaube auch, dass er jemand wäre, der wahrscheinlich stärker abkehrt von den vereinten Nationen und auch den Multilateralismus nicht so auslebt. Da hätten wir sicher größere Probleme.

Breitmeier organisiert die Gießener Election Night

Breitmeier organisiert die Gießener Election Night

Aber auch Hillary Clinton kann für uns gewisse Zumutungen hinsichtlich des Militärs bedeuten, obwohl sie möglicherweise schon eher den Kurs fortsetzt, den Obama hat. Und wir haben ja auch Erfahrungen mit ihrer Zeit als Außenministerin von vor vier Jahren. Von daher glaube ich ist Clinton die Kandidatin, mit der Deutschland besser leben kann.

UNIversum: Ist Trump nur Trotzreaktion und es läuft doch auf Clinton raus?

Breitmeier: Hillary Clinton ist sehr unbeliebt in den USA. Ich glaube ein anderer Kandidat als Trump hätte große Chancen gehabt Clinton zu schlagen. Trump hat sich einfach ein paar schwere Eigentore geschossen und auch sein Auftreten stößt möglicherweise sehr viele Menschen ab. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob der Amerikaner sich Clinton wünscht. Es gab ja in den letzten Jahrzehnten wenige Wahlen, bei denen beide Kandidaten so unbeliebt waren.

UNIversum: Ist sie also ein nötiges Übel?

Breitmeier: Ich würde nicht sagen, sie ist das kleinere Übel. Mit Trump habe ich massive Probleme, aber auch mit Clinton habe ich meine Schwierigkeiten. Sie ist Repräsentantin eines Zustandes der amerikanischen Demokratie, bei der man fast von einer Erbmonarchie sprechen kann. Zwei Bush-Präsidenten, erst der Vater, dann der Sohn. Erst Bill und jetzt die Ehefrau. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass ein Kandidat oder eine Kandidatin zum Zuge gekommen wäre, der etwas näher am Volk ist und der vielleicht weniger dieses zum Teil verkrustete Amerika repräsentiert.

 

Das Interview führte Tatjana Döbert

Fotos von Kim Hornig

Facebooktwittergoogle_plusmail
15 Jun

Braucht Deutschland eine neue Islam-Berichterstattung?

Karen Krüger stellt sich den Fragen zur Islam-Berichterstattung

Karen Krüger stellt sich den Fragen zur Islam-Berichterstattung

Die Frage nach dem Umgang mit dem Islam spaltet Deutschland und seine Medienlandschaft. Einige sehen in der Religion eine radikale Gefährdung der Demokratie  oder der deutschen Kultur und formieren sich in Bündnissen oder politischen Parteien. Andere versuchen im aktuellen Islam-Diskurs zu vermitteln und nicht nur einen Dialog, sondern auch viele verschlossene Augen zu öffnen. So, wie Journalistin Karen Krüger.

Karen Krüger, FAZ- Journalistin,  sprach an der JLU zu den Themen Medien, Islam und Türkei. Sie erzählte von ihrem Weg in den Journalismus, der mit einer Reportage über den Völkermord in Ruanda begonnen hatte. Durch ihren vierjährigen Aufenthalt in Istanbul, wo sie mit 14 Jahren eine deutsche Schule besuchte, sei sie schon früh in den Kontakt mit der Türkei und dem Islam geraten.

Eine Reise durch das islamische Deutschland

Krüger zeichnet sich allerdings nicht nur als etablierte Journalistin mit dem Schwerpunkt Islam und Türkei aus, sondern auch als Publizistin. In ihrem ersten Buch mit dem Titel „Bosporus Reloaded“ schreibt sie über die Gezi-Proteste und ihre journalistische Arbeit während der Demonstrationen junger Türken im Herzen von Istanbul. Sie sei erstaunt gewesen, welche Leserreaktionen sie auf ihre Artikel erhielt, die sie für die FAZ geschrieben hatte. Viele Leser seien überrascht gewesen über die junge türkische Generation, die sich gegen die Unrechtmäßigkeiten der Obrigkeit auflehnte, und nicht den typischen Klischees und Vorurteilen entsprach. Diese Diskrepanzen und Eindrücke fanden letztlich Platz in ihrem Buch und sollten die üblichen Ressentiments über Türken, aber auch den Islam beseitigen.

Schließlich durften sich die Gäste auch über eine kleine Weltpremiere freuen. Die Journalistin trug einen Auszug aus ihrem aktuellen Buch „Reise durch das islamische Deutschland“ vor, das in Kürze erscheinen wird. Für ihre Recherchen zu diesem Werk reiste sie durch Städte in ganz Deutschland, um mit Muslimen zu sprechen, die eben nicht durch Radikalität, Hass oder Kriminalität auffallen, sondern ihre Religion friedlich praktizieren und ausleben. Sie beschrieb die Wände von Vorurteilen, auf die sie traf. Beispielsweise von der Konfrontation einer jungen Anhängerin einer Freikirche mit der Thematik des Islams. Die Auffassung, dass es ausschließlich einen radikalen Islam gebe, sei evident, sagte Krüger. Befeuert würden solche Thesen auch von Büchern wie “Islamischer Faschismus” des Autoren Hamel Abdel-Samad, eines zum Christentum konvertierten Ex-Muslimen, der seiner ehemaligen Weltreligion faschistoide Tendenzen unterstellt hatte.

Medien in der Verantwortung

Karen Krüger erzählte von Erfahrungen, die sie in einem Zeltlager gemacht hatte, auf dem sich christliche und muslimische Kinder ohne Vorbehalte kennenlernten. Als einen weiteren Grund für die Verschlechterung des Islambildes sieht Krüger vor allem  die Medien in der Verantwortung. Als Beispiel führt sie die Berichterstattung des Focus an, der im Rahmen einer Reportage eine schwarz verschleierte Frau auf dem Cover abbildete und mit „Die dunkle Seite des Islam“ titelte. Auch der Artikel selbst dämonisierte den Islam, unterstellte diesem, dass er die Meinungsfreiheit bedrohe und urteilte, dass er vielleicht einfach einen Luther brauche. Krüger antwortete darauf scharf und schrieb in ihrem Buch, dass der Focus vielleicht einfach nur gute Journalisten benötige. Sie bemängelt weiterhin, dass in den deutschen Medien oftmals Bilder gewählt werden, die eine Fremdheit und eine kulturelle Unvereinbarkeit suggerieren, den Islam gar als reine Ideologie der Eroberung und Missionierung darstellen. Viel zu selten kämen gläubige Muslime zu Wort, die sich in Deutschland integriert haben und nicht der Bipolarität entsprechen, in der es nur Gut und Böse gibt.

 

Artikel und Foto von Maurice Jelinski

Facebooktwittergoogle_plusmail
20 Mai

Die NSU-Akte – Wie konnte so viel schiefgehen?

Der Film „Der Kuaför aus der Keupstrasse“ vom Regisseur Andreas Maus berichtet von einem Nagelbombenattentat des NSU, das am 9. Juni 2004 in der Keupstrasse in Köln verübt wurde. Protagonisten sind die Brüder Özcan und Hasan Yildirim, vor deren Friseursalon die Bombe explodierte. Sofort geraten die beiden ins Visier der Ermittler, die einen rechtsextremen Hintergrund ausschließen. In nachgestellten Verhörszenen wird deutlich, wie überzeugt die Ermittler von der Schuld der Brüder waren und wie wenig sie dazu bereit waren, in andere Richtungen zu ermitteln.

Regisseur Andreas Maus bei der Diskussion im Anschluss seiner Filmvorführung im Kino Center Gießen. Neben ihm: Dr. Christina Benninghaus von der Fachjournalistik Geschichte.

Regisseur Andreas Maus bei der Diskussion im Anschluss seiner Filmvorführung im Kino Center Gießen. Neben ihm: Dr. Christina Benninghaus von der Fachjournalistik Geschichte.

Jahre später danach gefragt, reden sich die Verantwortlichen um Kopf und Kragen. Man müsse sich die Frage stellen, wie bei den Ermittlungen so viel schief gehen konnte, findet Maus. Das gelte nicht nur für die Keupstrasse sondern auch für alle anderen Fälle in denen der NSU Attentate verübte. Ein Interview.

UNIversum: Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?

Andreas Maus: Das ist aus einer Recherche entstanden, die ich für das Politmagazin „Monitor“ gemacht habe. Im Rahmen dieser habe ich auch viel Material bekommen. Dokumente, Unterlagen, die weit über das hinausgehen, was man für einen Beitrag in einem Politmagazin bräuchte. Insofern war schnell klar, dass man das Material anders erzählen muss. Eben eine lange Geschichte zu machen und ins Kino zu bringen und nicht nur eine Fernsehdoku daraus zu machen.

UNIversum: Warum haben Sie sich genau diesen Fall ausgesucht?

Andreas Maus: Vor allem lag es daran, dass es nicht nur eine Opferfamilie gab sondern eine ganze Community betroffen war. Wir wollten erzählen, wie eine ganze Gemeinschaft unter Verdacht gerät und dieses „Opfer-Täter-Schema“ umgedreht worden ist – was ja letztlich exemplarisch für die anderen NSU-Opfergeschichten steht. Ich bin selbst auch in Köln, ich arbeite dort und es war etwas, das mir nahe lag. Einfach mal vor der eigenen Haustür zu untersuchen, warum da so viel schief gehen konnte und wie man da gearbeitet hat von Seiten der Ermittlungsbehörden.

Universum: Gibt es Vermischungen zwischen Wahrheit und Fiktion?

Andreas Maus: Nein, nicht was die Inhalte angeht. Es gibt einen dokumentarischen Teil und es gibt szenische Umsetzungen von Dokumenten und Verhörprotokollen. Die sind aber im Prinzip eins zu eins umgesetzt. Die szenische Umsetzung war letztendlich das Hilfsmittel, mit dem man Verhöre von Opfern erzählen kann.

UNIversum: Was wünschen Sie sich, was der Zuschauer aus dem Film mitnimmt?

Andreas Maus: Zuerst einmal hoffe ich, dass er ein intensives und erhellendes Filmerlebnis hat. Dass er diese Geschichte, die mit dem NSU und mit den Opfern zu tun hat intensiver und tiefer wahrnimmt und mehr sieht als das, was man aus der Berichterstattung kennt. Das andere ist, dass ich glaube, dass jeder, der im Film sitzt, merkt wie dünn das Eis ist und dass es jeden von uns treffen kann, dass das normale Leben in einer Sekunde zusammenbricht. Und nicht, dass man Opfer eines Terroranschlags wird sondern auch, dass man als Opfer in das Visier der Polizei gerät. Und obwohl man komplett unschuldig ist, wird ein Puzzle zusammengesetzt aus dem man am Ende als Schuldiger heraus geht. Ich glaube das war auch eine Erfahrung, die die Menschen in der Keupstraße gemacht haben, die auch jeder andere von uns machen kann.

 

Ein Interview von Tatjana Döbert.

Foto: Tatjana Döbert

 

 

Facebooktwittergoogle_plusmail
04 Mai

Feministin ist nicht gleich Feministin

30 Prozent der Spitzenpositionen in den deutschen Redaktionen sollen mit Frauen besetzt sein. Das fordert „ProQuote Medien e.V.“.

Annette Bruhns im Gespräch mit unseren Redakteurinnen Isabel und Jennifer

Annette Bruhns im Gespräch mit unseren Redakteurinnen Isabel und Jennifer

UNIversum hat die Mitbegründerin und SPIEGEL-Redakteurin Annette Bruhns getroffen. Ein Gespräch über unmoralische Angebote, Karriereeltern und Kamelerennen.

UNIversum: Sind Sie Feministin?

Annette Bruhns: Klar. Allerdings ist Feministin nicht gleich Feministin. Es gibt da viele Definitionen. Für mich ist es jemand, der sich für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzt. Insofern bin ich genauso eine „Maskulinistin“. Manche Feministinnen gehen davon aus, dass Frauen das bessere Geschlecht seien – nein, das sind wir nicht. Gemeinsam sind wir stark.

UNIversum: „Gemeinsam sind wir stark“ würde dann auch bedeuten, dass Männer und Frauen in der Chefetage von einander profitieren. Aber wäre es denn wirklich ein Unterschied wenn Frauen mehr zu bestimmen hätten? Machen Frauen einen anderen Journalismus?

Bruhns: Ja, sie haben andere Zugänge. In aufgeheizten Situationen, also in Krisengebieten etwa, wie in der Ukraine, wo männliche Journalisten verdächtig wirken. Oder in arabischen Ländern. Da können Journalistinnen mit beiden Geschlechtern Kontakt aufnehmen. Das können die Männern nicht. Der Mann, der eine Saudierin interviewen darf, den zeigen Sie mir mal. Und es ist mir auch im Bundestag schon so ergangen, dass ich auf Politikerinnen zugegangen bin und die sich gefreut haben, zur Abwechslung mal mit einer Frau zu reden. Bei Angela Merkel ist heute nur jeder zehnte Interviewer eine Frau – weil zur mächtigsten Politikerin im Land die mächtigsten Journalisten gehen. Und das sind vorwiegend Männer.

UNIversum: Ihnen wurde einmal vorgehalten, dass Sie ProQuote nur ins Leben gerufen hätten, um auf eine Chefposition zu gelangen. Stimmt das?

Bruhns: Das war reine Polemik! Wir waren alle realistisch genug, um zu wissen, dass die meisten Medien keine Frauenquote einführen würden – und das haben sie ja auch nicht getan. Unser Druck wirkt eher psychologisch. Davon mal abgesehen macht mir das Blattmachen von „Spiegel Geschichte“- oder „Spiegel Wissen“-Heften tatsächlich viel Spaß. Es wäre unglaubwürdig, sich für Führungspositionen für Frauen zu engagieren, wenn man selber zu einer solchen Aufgabe keine Lust hätte.

UNIversum: Sie sind jetzt seit 20 Jahren Redakteurin beim Spiegel – haben schon einiges erreicht. Wie waren Sie zu Beginn ihrer Karriere?

Bruhns: Ich habe mich viel zu sehr angepasst, war nett und zurückhaltend. Das kam nicht so gut. Heute beobachte ich mit Bewunderung, wie meine junge Kollegin Özlem Gezer auftritt. In Redaktionskonferenzen sagt sie geradeheraus, was sie denkt: dabei sehr klug, sehr klar. Frauen sollten unbedingt üben, in solchen Runden das Wort zu ergreifen. Dabei hilft Humor. Wer die Lacher hinter sich hat, hat auch die Macher hinter sich.

UNIversum: Was würden Sie heute anders machen. Haben Sie einen Tipp für junge Journalistinnen?

Bruhns: Einfach man selbst sein. Und mehr noch: Fallen Sie ruhig auf ! Journalisten müssen sich heute selbst vermarkten: Twittern Sie, facebooken Sie – allerdings nicht über ihr Privatleben, sondern mischen Sie sich ein, lernen Sie, in der Öffentlichkeit des Netzes ihre Meinung zu sagen und zu behaupten. Zur Kleiderfrage kann ich dabei nicht viel sagen. Man sollte sich nicht bewusst aufreizend oder süß anziehen, aber auch nicht absichtlich männlich-neutral.

UNIversum: Sie betonen, dass man sich nicht aufreizend anziehen sollte – vielleicht weil die männlichen Kollegen das falsch auffassen? Haben Sie schon Erfahrungen mit Sexismus im Beruf machen müssen?

Bruhns: Ja, bei einer Redaktionsfeier. Alle Kollegen – überwiegend Männer – haben mit dem Chef angestoßen, ich natürlich auch. Das hat er aber wohl falsch verstanden und mich später gefragt, ob ich mit ihm aufs Zimmer will. Man sollte sich von so etwas nicht einschüchtern lassen wie ich damals. Ich habe dann bei Festen immer nur mit dem schwulen Kellner getanzt – für die Karriere nicht unbedingt förderlich.

UNIversum: Wann fängt für Sie Sexismus an?

Bruhns: Sexismus ist, wenn ein Machtgefälle besteht und ausgenutzt wird. Bisher nutzen naturgemäß überwiegend Männer diese Möglichkeit aus. Ich könnte mir aber vorstellen, dass, wenn auch Chefinnen vor diesem Machtmissbrauch nicht gefeit wären (Lacht). Wir haben halt nur so selten Chefinnen, die irgendwelche jüngeren Kollegen anbaggern könnten. Spaß beiseite: Es muss einfach klar sein, dass das nicht geht. Also wenn es die große Liebe ist – dagegegen ist kein Kraut gewachsen. Aber flirten darf man im Job nur auf derselben Hierarchieebene. Da können beide nämlich einen Korb geben, ohne dass es beruflich Konsequenzen hat.

 

UNIversum: Als ein Grund dafür, dass Frauen nicht in Chefpositionen sind, gilt Schwangerschaft und Kindererziehung. Kann man mit einem Kind Karriere machen?

Bruhns: Ein Kind ist beruflich ein Klotz am Bein. Das sollte man nicht klein reden. Das heißt aber nicht zwingend, dass es ein echter Hinderungsgrund ist – schließlich haben Kinder ja auch Väter. Wir haben ja mit Ursula von der Leyen eine siebenfache Mutter in der Regierung. Das sollte eigentlich überall möglich sein – auch in Redaktionen.

UNIversum: Sie sind alleinerziehende Mutter einer 15-jährigen Tochter. Ist das ein Hindernis für Ihre Karriere? 

Bruhns: Meine Tochter war viel allein. Aber mein Erziehungsziel war auch die Selbstständigkeit. Und das habe ich – hoffentlich – bei ihr erreicht. Ich will nicht behaupten, dass sie nicht gelitten hat. Aber ich muss mir nicht so viel Sorgen um sie machen – sie hat sozusagen gelernt, sich selbst zu erziehen. In ihre Hausaufgaben habe ich mich nie eingemischt.

 

UNIversum: Wie findet ihre Tochter ProQuote?

Bruhns: Erst fand sie, dass ich zu viel Zeit dafür investiert habe. Aber dann hat sie gemerkt, dass manches wirklich ungerecht ist. Zum Beispiel, dass ihr Vater genau soviel arbeitet und sich viel weniger um sie kümmert als ich, die eben voll Mutter ist – und voll berufstätig . Das ist ihr sehr früh aufgefallen.

UNIversum: Was hat das Muttersein für ihren Berufsalltag bedeutet?

Bruhns: Gute Organisation. Gute Nerven. Ich glaube auch, dass Mütter und Väter viel Lebenserfahrung in die Redaktion mitbringen. Sie haben einfach viel mehr Alltagserfahrungen – Arztbesuche, Elternabende, Sportevents mit dem Nachwuchs. All das fließt in ihre Wahrnehmung der Gesellschaft natürlich ein.

 

UNIversum: Was haben Sie bei ProQuote für sich persönlich gelernt?

Bruhns:Ich habe gelernt, dass man Dinge verändern kann. Wir sind erfolgreich – gucken Sie sich das Kamelerennen an. Es ist wirklich was passiert in den Redaktionen – und das ist ein beglückendes Gefühl. Meine allerwichtigste Erfahrung war, dass es etwas bringt, sich zu organisieren, wenn man Missstände verändern will.

UNIversum: Frau Bruhns, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führten Isabel Glavasevic und Jennifer Meina

Fotos: Jonas Menke

Facebooktwittergoogle_plusmail
29 Apr

“Geschichte besteht nicht nur aus ollen Kamellen über tote Männer”

Susanne Spröer im Interview mit Kim Melina Hornickel

Susanne Spröer im Interview mit Kim Melina Hornickel

Zurück zu ihren Wurzeln – das hat sich wohl Susanne Spröer gedacht, als sie an ihre alte Uni in Gießen zurückkehrte. Die Magister Absolventin des Studienganges Fachjournalistik Geschichte, hatte ihrer nachfolge Generation so einiges an Erfahrungen mitgebracht, die sie während ihrer Zeit als Journalistin beim WDR und der Deutschen Welle gesammelt hat. Ein Bericht von Kim Melina Hornickel über den Alltag einer Journalistin, die Zukunft der Geschichte und was sich junge Journalisten merken sollten.

“Fragen sie mir Löcher in den Bauch”, forderte Spröer gleich zu Beginn auf. Neugier – so erzählt sie später – sei ungemein wichtig in diesem Job. Sie selbst hat bereits während ihres Studiums an der JLU, welches sie 1993 abgeschlossen hat, als Freie Journalistin für eine Zeitung gearbeitet. Ihr anschließendes Volontäriat beim WDR, wo sie für die nächsten 13 Jahre tätig war, ebnete ihren Weg zur Deutschen Welle. Geschichtsdokumentationen, Beiträge für Hörfunk und Internet – all das hilft ihr heute im Job als Head of Culture bei der deutschen Welle, wo sie seit vier Jahren für die deutsch- englische Kultur-Onlineredaktion, verantwortlich ist. Ziemlich viel zu tun, “dabei sind wir nur ein Teil eines Größeren”, erklärt Spröer. “Schon morgens um halb neun finden die ersten Konferenzen statt.” Zunächst seien es kleinere Gruppen und im späteren Tagesablauf auch im größeren Plenum. Dabei kämen journalistische  Arbeiten aus Zeitmangel oft zu kurz, bedauert Spröer. Dagegen würden Telefonkonferenzen an der Tagesordnung stehen  und ein hohes Maß an Koordination sei nötig.

Denn der Onlineauftritt, die Radio- und Fersehprogramme der “Deutschen Welle” umfasst circa 3000 festangestellte und freie Mitarbeiter. Das Fernsehprogramm mit Sitz in Berlin, erscheint in vier Sprachen und die Online-Seiten mit Sitz in Bonn, in weiteren

Die Nachwuchsstudenten hören dem Profi bei ihrem Vortrag aufmerksam zu

Die Nachwuchsstudenten hören dem Profi bei ihrem Vortrag aufmerksam zu

26 Sprachen. Dabei würde nicht einfach übersetzt werden, sondern die Texte würden adaptiert, also an die jeweiligen Zielregionen angepasst, erklärte Spröer. Es gebe einen “Informationspool”, aus dem alle Redaktionen schöpfen können. Jede (Sprach)-Redaktion berichtet aber auch regional.

Vor allem durch die relativ neue Plattform des Internets können Informationen durch “Digitales Storytelling” weiter als bisher verbreitet und abwechslungsreicher zum Beispiel durch Audio und Video präsentiert werden.”Die Leser müssen am Haken sein”, sagte Spröer und lachte. Gerade die Jüngeren sollen so auch wieder für Geschichte zu begeistert werden. Oft würde diese in

Die Möglichkeiten des Internets macht sich die Deutsche Welle gern zu eigen, um gerade die Jüngeren zu begeistern

Die Möglichkeiten des Internets macht sich die Deutsche Welle gern zu eigen, um gerade die Jüngeren zu begeistern

den Hintergrund gedrängt und besonders Jugendliche hätten das Gefühl langweilige Zahlen lernen zu müssen und belehrt zu werden. Aber, unterstreicht Spröer, “Geschichte besteht nicht nur aus ollen Kamellen über tote Männer”. Es sei nötig, Geschichte ins Jetzt zu holen und ihre Bedeutung für die heutige Gesellschaft klar zu machen, so Spröer. Mit diesen Bemühungen geht die Kultur Online Seite der Deutschen Welle mit gutem Beispiel voran. Anlässlich des 100. Jahrestages des 1. Weltkrieges wurde die Serie “Mit 17…das Jahrhundert der Jugend” veröffentlicht. Hierbei werden zwölf Schicksale zu bestimmten, historisch wichtigen Jahreszahlen, wie das der Wende 1989 in Deutschland präsentiert. In kurzen Videos werden den Zuschauern zwei Zeitzeugen und deren persönliche Schicksale aus genau dieser Zeit anschaulich vermittelt. Ob zwei Liebende, die durch die Berliner Mauer getrennt sind oder eine jüdische Akkordeonspielerin im Konzentrationslager – Das preisgekrönte Projekt wurde bis nach Mexiko und Pakistan vertrieben.

Am Ende ihres Besuchs hat Susanne Spröer noch ein Anliegen, das sie loswerden möchte. So rät sie jedem , der sich für Journalismus und Geschichte interessiert, zu einem Sprachaufenthalt in einem anderen Land, um Deutschland auch einmal von außen zu sehen. Besonders  aber richtet sich ihr Apell an Journalistinnen, nicht aufzugeben und nicht vor den, in erster Linie männerdominierten Führungspositionen, zurückzuschrecken.

Facebooktwittergoogle_plusmail
03 Apr

“Zuckerschlecken gibt´s woanders”

11801956_1178612562163968_928419067_nGerhard Kromschröder ist ein erfolgreicher Journalist und gilt als einer der Vorreiter des investigativen Journalismus. In den 80er Jahren schrieb er verschiedene Reportagen für den Stern. Er begab sich in die Neonazi-Szene, deckte Giftmüllskandale auf und verkleidete sich als Türke, um den Rassismus in der Bundesrepublik ans Licht zu bringen. In einem Gespräch mit UNIversum zieht er Vergleiche zur jetzigen Situation in Deutschland und gibt angehenden Journalisten Tipps für ihre Arbeit.

UNIversum: Ist die Situation der Flüchtlinge heute mit der Situation der Türken in den 80er Jahren vergleichbar?

Kromschröder: Vordergründig erst einmal nicht. Die Türken waren hergebeten worden als sogenannte Gastarbeiter, füllten eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt. Dennoch waren sie Ziel ausländerfeindlicher Übergriffe bis hin zu Brandanschlägen, bei denen auch Tote zu beklagen waren. Und mussten herhalten als Beleg dafür, dass Deutschland überfremdet und islamisiert werde. Nichts davon ist eingetroffen, das Land hat von ihnen profitiert, und heute leben deren Kinder und Kindeskinder meist mit deutschen Pässen unter uns, sind Teil unserer Gesellschaft. Genau so, denke ich, wird es mit den Flüchtlingen auch gehen.

UNIversum: Fühlen Sie sich bei dem Umgang mit Flüchtlingen daran erinnert, wie Sie damals als Türke behandelt worden sind?

Kromschröder: Ja, es ist diese irrationale Wut, die sich immer wieder, gestern wie heute, Bahn bricht in gezielter Gewalt, diese diffuse Angst vor dem Fremden, die sich in kruden Untergangsphantasien manifestiert, keinerlei Argumenten zugänglich. Rassismus begleitet uns insofern wie ein hässlicher roter Faden.

UNIversum: Meinen Sie, dass es nötig sei sich in eine Rolle zu begeben, um eventuelle Missstände aufzudecken?

Kromschröder: Nicht immer. Oft kann man Missstände durch ganz klassische investigative Recherche offenlegen, ganz ohne Rollenspiel. Aber es gibt immer wieder Situationen, wo es angeraten und legitim erscheint, verdeckt zu recherchieren, eine Rolle einzunehmen, um auf diesem Wege zu enthüllen, was sich hinter den Kulissen abspielt und aus gutem Grund das Licht der Öffentlichkeit scheut.

UNIversum: Würden Sie dieses Rollenspiel selber noch machen?

Kromschröder: Ach nein. Ich habe das ja jahrelang gemacht in allen möglichen Verkleidungen, bei allen möglichen Themen, bis ich schließlich das Gefühl hatte, diese Methode drohe mir zur Routine zu erstarren. Da habe ich mich von dieser einseitigen Festlegung befreit und entschieden, andere Formen des Journalismus zu praktizieren, z.B. als Auslandskorrespondent und Kriegsreporter.

UNIversum: Aber was denken Sie, würde bei einer solchen „Undervover- Mission“ herauskommen?

Kromschröder: Man weiß ja nie so recht, was man am Ende herausfindet. Aber ich glaube, journalistische Nachfolger von mir würden heutzutage im Prinzip keine anderen Erfahrungen machen, als ich seinerzeit. Und ich fürchte, dass sie sogar viel schneller als ich mit handfester Ausländerfeindlichkeit konfrontiert würden, denn Rassismus scheint heute längst ein warmes Plätzchen in der Mitte der Gesellschaft gefunden zu haben.

UNIversum: Hätten Sie Tipps für Ihre journalistischen Nachfolger, die eine investigative Recherche,zum Beispiel in einem Flüchtlingsheim, machen wollen?

Kromschröder: Wer sich verkleidet, also undercover unterwegs ist, um nicht als Journalist aufzufallen, sollte sich schon verdammt gut darauf vorbereiten, in seiner Sprache, Kleidung, seiner Legende. Das geht nicht mal so husch-husch, da steckt, auch im Vorfeld, viel Arbeit drin. Sonst fliegt die falsche Identität ganz schnell auf, und dann kann es unangenehm werden.

UNIversum: Was würden Sie uns als “neue Generation” angehender Journalisten auf dem Feld des investigativen Journalismus allgemein raten?

Kromschröder: Sich ruhig was trauen, sich was zutrauen. Große Themen angehen, nicht klein beigeben. Eine Idee haben, was Journalismus bewirken kann. Widerborstig sein, Beständigkeit beweisen. Auch viele kleine Schritte führen zum Ziel. Sich auf Knochenarbeit einstellen, Zuckerschlecken gibt’s woanders.

UNIversum: Sehen Sie überhaupt eine Zukunft für den investigativen Journalismus? Rentiert sich dieser noch?

Kromschröder: Aber immer! Ohne diese Spielform des Journalismus bleiben Skandale eher unter`m Deckel, Betrügereien bleiben ungeahndet, Ungerechtigkeiten unentdeckt. Ohne investigative Recherche verarmen die Medien, sie degradieren sich, drohen zur bloßen Plattform von Infotainment, Public Relations und Partyjournalismus zu verkommen.

Ein Interview von Veronique Maas

Facebooktwittergoogle_plusmail
12 Dez

Jan Peter

IMG_0216100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges drehten die ehemaligen Kriegsgegner Groß-Britannien, Frankreich, Russland und Deutschland einen Film über die “Ur – Katastrophe” des 20. Jahrhunderts.
“14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs” war und ist noch immer die erste gesamteuropäische Kooperation – der Regisseur, ein Deutscher. Eine Herkulesaufgabe? UNIversum fragt nach. Weiterlesen

Facebooktwittergoogle_plusmail