Befüllen statt Vermüllen! Kostenloses Leitungswasser in deutschen Städten?

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Plastik ist eines der umstrittensten Umweltthemen unserer heutigen Zeit. Ob wissentlich oder nicht – jeder verbraucht Plastik, aber ist das wirklich notwendig? Die Zahlen sprechen angeblich für sich: 11,7 Tonnen Plastik verbraucht Deutschland durchschnittlich im Jahr (https://www.careelite.de/plastik-muell-fakten/) – so viel wie kein anderes Land in Europa. Aber muss diese horrende Summe wirklich sein? Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Betrag zu senken.

Plastik vermeiden und Wasserflasche einfach wieder auffüllen

Der “Refill“-Trend, welcher aus den USA langsam auch zu uns rüberkommt, nimmt sich diesem Thema an und versucht, den Plastikverbrauch durch PET-Flaschen zu reduzieren. Das Prinzip gestaltet sich einfach: Anstatt immer wieder Plastikflaschen zu kaufen, befüllt man eine nachhaltige Flasche einfach immer wieder. In den USA ist dieses Prinzip gang und gäbe, auch in gehobenen Restaurants. Dort gehört es zum guten Ton, eine gratis Kanne Leitungswasser ohne Aufpreis anzubieten. Selbst in Fastfood-Restaurants gibt es gratis Leitungswasser. Das Prinzip macht Sinn, denn Durst hat jeder und auf Wasser sollte kein Monopol bestehen.

Neuer „Refill“ Trend will für mehr Achtsamkeit sorgen

Besonders vor dem Gedanken, dass 2050 dreimal mehr Plastik im Meer (https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-01/plastik-umweltverschmutzung-meer-studie-weltwirtschaftsforum) schwimmen könnte, als Fische, sollten die Menschen für das Thema Plastik sensibilisiert werden. Die Person, die diese Bewegung nach Deutschland geholt hat und sich mit der Aktion „Refill-Hamburg“ (https://refill-hamburg.de/blog/author/elbmedien-stephanie-wiermann/) immer wieder für die Umwelt einsetzt, ist Stephanie Wiermann. Die Bloggerin, die der „Zero Waste“ –Bewegung angehört (welche versucht, so wenig bis gar keinen Abfall zu produzieren), hat ein Aufklebersystem entwickelt, kostenlose Wasserstationen für Benutzter zu kennzeichnen, in denen sie ihre mitgebrachten Flaschen mit Leitungswasser auffüllen können.

So entstehen für die Benutzer weniger Kosten und der Plastikverbrauch wird reduziert, da nicht nur seitens der Benutzer weniger Plastikflaschen gekauft werden, sondern auch seitens der Gastronomen. Viele Cafés, Restaurants und Läden machen wie selbstverständlich mit. Aber wie selbstverständlich ist gratis Wasser? In Gießen ist die Aktion laut ihrer Homepage noch nicht angekommen, was passiert also wenn Gastronomen nach gratis Leitungswasser gefragt werden? Wir haben den Selbstversuch gemacht.

Nach gratis Leitungswasser fragen: Selbstverständlich oder einfach frech?

Der Vormittag ist sonnig und warm, viele Leute laufen durch den Seltersweg und bummeln. Zuerst versuchen wir unser Glück in einem Bioladen, in dem uns eine freundliche Mitarbeiterin direkt zum Wasserhahn schickt. In der im Laden integrierten Bäckerei steht sogar ein kleiner Wasserspender an der Theke, an dem sich jeder gerne bedienen darf.

1 zu 0 für die Gießener Gastronomen. Insgesamt werden wir in 4 weiteren Geschäften nachfragen und, um die Antwort vorwegzunehmen, nie weggeschickt werden. Wir gehen in ein weiteres Café und bitten wieder freundlich um Leitungswasser, ohne etwas anderes bestellt zu haben. Auch hier füllt uns die Mitarbeiterin die Flasche hinter der Theke gerne auf. „Für mich ist das vollkommen normal. Leitungswasser kostet nichts, das Abwasser ist teuer. Jeder Mensch muss trinken, da mache ich das gerne“, erzählt uns Maria. Sie zeigt Verständnis und bietet uns bei den heißen Temperaturen kaltes Wasser an. Ähnliche Erfahrungen machen wir auch im nächsten Café, in dem uns sogar Eiswürfel angeboten werden, um unser Getränk zu kühlen.

5 von 5 Gastronomen drehen gerne den Wasserhahn auf

Die Einstellung der Gastronomen überrascht uns. Vor unserem Selbstversuch rechneten wir mit einer Abweisung oder damit, öfter fragen zu müssen, bis wir unser Wasser bekämen. Sogar bei einer großen Fastfood-Kette bekommen wir ohne Probleme unser Getränk. Auf Nachfrage bekommen wir immer die gleichen Antworten: „Wenn der Chef nicht da ist, ist das kein Problem“, „Jeder muss trinken“ und „Das ist selbstverständlich“.

Aber wissen Deutschlands durstige Einwohner denn, dass eben diese Möglichkeit besteht? Anscheinend nicht, denn auch hier ist die Antwort wieder eindeutig: Kaum jemand bis gar keiner fragt nach gratis Wasser, viele wissen über diese Möglichkeit nicht Bescheid. Dabei ist diese Frage weder dreist noch unhöflich, jeder der „getesteten“ Betriebe gab uns ohne zu zögern, die Möglichkeit etwas zu trinken.

Das Problem steckt also eher in den Köpfen den Menschen, denn dieses Prinzip ist besonders in Deutschland sehr neu. Dabei ist das deutsche Leitungswasser qualitativ sehr hochwertig und vollkommen unbedenklich. Laut dem neuesten Bericht des Umweltbundesamtes würden „mindestens 99,0 % der Trinkwasserproben die Anforderungen und Grenzwerte (…) eingehalten werden, für viele dieser Parameter waren es sogar 99,9 % bis 100 % der Proben.“ (https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/bericht-des-bundesministeriums-fuer-gesundheit-des-2). Die Voraussetzungen sind also gegeben, die Blockade in den Köpfen der Menschen muss nur verschwinden.

Hier geht es aber nicht nur um den humanitären, sondern auch um den umweltlichen Aspekt. Eine Plastikflasche benötigt ca. 450 Jahre im Meer, um sich selbst zu zersetzen, wobei sich die Flasche jedoch nicht vollkommen auflöst, sondern sich in kleine Mikroplastikteilchen verteilt. Viele Meereslebewesen sind durch den menschlichen Plastikverbrauch bedroht: Sie verletzen sich oder fressen gar das giftige Plastik. Dieses Mikroplastik ist aber nicht nur für tierische, sondern auch menschliche Erdbewohner gefährlich. Die Bestandteile finden sich häufig in Duschgel oder Cremes, der Mensch kontaminiert und schadet sich sozusagen wieder selbst.

Plastik stellt die Menschheit vor ein großes Problem, besonders die Richtlinien des jeweiligen Recyclings sind von Land zu Land unterschiedlich. Während in Dänemark 90% des verbrauchten Plastiks recycelt werden, sind es in Deutschland nur 42% (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutsche-verbrauchen-37-kilo-plastik-pro-jahr-15304729.html). Jeder einzelne kann hier jedoch einen kleinen Teil beitragen. Aktionen wie „Refill-Hamburg“ machen auf dieses Problem aufmerksam. Auch in kleineren Städten wie Gießen gestaltet sich die Umsetzung nicht als schwierig. Sensibilisierung ist hier das Stichwort! Diese ist das Ziel diverser Aktionen gegen Umweltverschmutzung, ein Problem, das jeden etwas angeht.

In Deutschland werden stündlich 2 Millionen Einweg-Plastikflaschen verbraucht und das sind 2 Millionen zu viel! „Refill-Hamburg“ regt auch hier zum Nachdenken an und setzt auf die Gemeinschaft. „Wenn jeder einmal auffüllt, anstatt neu zu kaufen, wären wir im Kampf gegen Umweltverschmutzung schon viel weiter. Es ist unser Planet. Gutes Wissen muss sich verbreiten“ (https://www.shz.de/regionales/hamburg/refill-hamburg-hier-gibt-es-leitungswasser-zum-nachfuellen-id16577726.html), sagt die 50-Jährige in einem Interview mit der SHZ. Ihre Erfolgswelle schwappt weiterhin durch Deutschland: Die ersten Anfragen kamen schon aus diversen deutschen Städten, die Leute möchten sich engagieren und das müssen sie auch: Nur gemeinsam lässt sich die Umwelt schützen und Bewusstsein für diese Themen schaffen. Das ist auch für Gießen wünschenswert.

 

Von Danielle Dörsing und Berina Alomerovic