Auf einen Plausch in die 30er-Jahre

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Buchkritik – Miss Pettigrews großer Tag von Winifred Watson

Manch erhitzenden Disput mit jungen Männern, Verständnis und gute Ratschläge für ihre neuen Freundinnen – das bringt Guinevere Pettigrew in die Londoner Nachtclubszene der 30er Jahre. Einen Tag lang begleitet die arbeitssuchende Gouvernante die Nachtclubsängerin Delysia LaFosse, deren Welt erfüllt ist von Partys, Seidenkleidern und drei Männern, die ihr Avancen machen. Vierundzwanzig Stunden voller Turbulenzen und Herausforderungen, die beide Damen unterhaltsam und spannend zugleich meistern und darüber hinaus eine tiefe Zuneigung füreinander entwickeln.
Der Roman „Miss Pettigrews großer Tag“ von Winifred Watson wurde bereits 1938 zum Bestseller und auch die Wiederveröffentlichung im Jahr 2000 war ein Erfolg. In allen Erzählungen der Britin überwinden die Hauptfiguren – allesamt Frauen – gesellschaftliche Grenzen und gelangen so zu einer zweiten Chance im Leben. Watson veröffentlichte noch fünf weitere Romane, am erfolgreichsten aber war und ist die Geschichte um Miss Pettigrew.
Die arbeitslose Gouvernante Guinevere Pettigrew wird durch ein Versehen der Arbeitsvermittlung zu der Sängerin Miss Delysia LaFosse geschickt. Deren Situation ist prekär, denn der erste ihrer Liebhaber liegt noch in ihrem Bett, während sie jede Minute die Ankunft des zweiten befürchtet. Kurzerhand zieht sie Miss Pettigrew in ihr Leben, hinein in den Wirrwarr um die Männer und bittet sie inständig um Hilfe. Miss Pettigrew ist zwar deutlich älter als Miss LaFosse, hat jedoch eine überaus tugendhafte und eher triste Vergangenheit, in der nicht ein Mann vorkommt. Doch durch die Hilflosigkeit der jungen Delysia berührt überwindet sie ihre eigene Zurückhaltung und wagt sich hinein in diese für sie neue Glamourwelt. Der Leser findet sich wieder im 30er-Jahre-Geplapper der Damenwelt – genau wie die Gouvernante mittleren Alters.
Durch teilweise kühne Dialoge mit zackigen Wortwechseln überspielt Miss Pettigrew zunächst ihre Unsicherheit, erlangt so aber auch rasch Ansehen bei den neuen Bekannten. Vertrauen, Offenherzigkeit und Freundlichkeit, wie sie ihr bisher nie entgegengebracht wurden, laden sie ein in ein völlig anderes Umfeld und sie fühlt sich darin zunehmend wohl.
Sie fügt sich äußerlich taff in diese neue Gesellschaft ein, die ihre vorige Sittentreue nicht gutgeheißen hätte. Durch die kurzen Einschübe ihrer Gedanken, in denen noch ihr tugendhaftes früheres Selbst spricht, bleibt jedoch eine gewisse Skepsis zu der neuen Welt erhalten. Kann es denn sein, dass fremde Menschen, die so ganz anders sind als sie selbst, ihr so freundlich und offen begegnen – einfach so? Der Leser spürt ihre Verwunderung gegenüber den Menschen um sie herum.
Eine Geschichte, die sowohl komisch als auch aufreibend ist. Hinter der Handlung steht Miss Pettigrews Mut, sich unter die Menschen zu trauen, denen sie in ihrem bisherigen Leben nur auf der Kinoleinwand begegnet ist, die sie aber immer heimlich bewundert hat. Für Miss Pettigrew zahlt es sich aus, sich Zufällen nicht zu verschließen und Neues zuzulassen.
Das Hin und Her zwischen Vorbehalten und dem Einfügen in eine Gruppe hält die Spannung aufrecht. Der Leser fragt sich, ob es die schüchterne Frau tatsächlich schafft, sich von Altem zu lösen und auf Neues einzulassen oder ob dieser eine Tag, einem Traum gleich, nur ein kleiner Abstecher in ein anderes Leben war.
Es ist der innere Konflikt einer Frau Mitte vierzig, die immer noch stark von den Werten ihres Elternhauses geprägt ist und die nun ein Leben erproben kann, das diese Werte nicht kennt. Hin und her gerissen zwischen Skepsis und Freude sind Leser und Hauptfigur. Dabei gelangt letztere an einen Wendepunkt und bekommt eine zweite Chance glücklich zu sein.
Die Zeitspanne, wie der Titel bereits verrät, ist kurz gewählt, wird der Erzählung aber gerecht. Trotz einer Fülle an bunten und lebhaften Eindrücken ist die Geschichte nicht zu langatmig. Der Unterhaltungswert flaut nicht ab und die Frage nach Miss Pettigrews Zukunft bleibt bis zum Ende spannend. Der gravierende Wandel, den sie erlebt, steht im Gegensatz zum Plauderton der dominiert. Aber es betont auch, dass sich Miss Pettigrew einer solchen Veränderung entweder ganz oder gar nicht hingeben kann.
Auch in einer kleinen Pause zwischendurch findet der Leser schnell in die Geschichte hinein, da der Verlauf linear und die Sprache mit zahlreichen nonchalanten Dialogen eingängig ist. Der Roman lässt den Leser Stimmung und Selbstverständnis der Frauen aus den 30er-Jahren erfahren. Angenehm leichte und amüsante Unterhaltung, um dem Unialltag ein wenig Glamour zu verleihen!
Das Buch findet ihr für 8,99 € hier.

Beitrag und Foto Maike Heimsoth

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