Allein unter Tausenden – Wenn Studierende einsam sind

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Dieser Beitrag entstand als Projekt im Rahmen einer universitären Übung. Durch verschiedene Erfahrungen anderer Studierender, die mit mir geteilt worden sind, sah ich die Möglichkeit, so eine Problematik anzusprechen, welche präsenter und aktueller zu sein scheint, als es den allgemeinen Anschein hat. Es ist der Wunsch vieler Studierender gewesen, ihre Erfahrungen zu teilen und ich hoffe, so kann ein Raum geschaffen werden, in dem der Austausch miteinander mehr Platz gewinnt. 

Ein leerer Hörsaal in einer deutschen Universität. Es riecht muffig und die Neonleuchten surren. Einzelne Studenten sitzen in den Bänken, sie haben Kopfhörer in den Ohren und tippen auf ihren Laptops herum. Ich setze mich neben ein Mädchen und tippe sie an: „Hey, wie geht es dir? Darf ich mich setzen?“ frage ich sie. Sie mustert mich stumm und setzt ihre Kopfhörer wieder ins Ohr.

Ich wage heute einen Selbstversuch. Wie ist es, einsam in der Uni zu sein? Einem Ort, voll, geradezu überladen mit den verschiedensten Menschen verschiedenster Gesinnungen und Ansichtsweisen? Ist das überhaupt möglich? Wie allein kann man in einer großen Universität schon sein? Sehr allein, wie ich an diesem Tag herausfinden sollte.

Vorbereitend spreche ich mit meinen Freunden aus der Uni: „Tut bitte einen ganzen Tag so, als würdet ihr mich nicht kennen. Ignoriert mich ruhig.“ Ich ernte unglaubwürdige Blicke, kann aber allen das Versprechen abgewinnen, unsere Freundschaft für einen Uni-Tag lang auszusetzen. Ich behaupte von mir selbst, eine Person zu sein, die schnell Anschluss findet, Ich bin ein offener, kommunikativer Mensch, der ohne Schwierigkeiten auf Leute zugehen kann. Vielen Einzelgängern wird nachgesagt, das eben nicht zu sein, was zur Frage führt: Ist es also möglich, überhaupt niemanden zu haben? So richtig glauben kann ich es nicht und versuche so unvoreingenommen und positiv wie möglich zu sein.

„So langsam wird mir unwohl, denn ich habe das Gefühl, dass die Leute mich anstarren.“

Trotz meines negativen ersten Erlebnisses will ich mich nicht entmutigen lassen und setze mein Experiment fort. Ich wandere durch die Gänge, kaufe mir einen Muffin und setzte mich an einen Tisch. Um mich herum viele Kommilitonen an Tischen, die schwatzen und lachen. Hier und da immer wieder einzelne Leute, teilweise lesend, teilweise auf ihr Smartphone starrend. So langsam wird mir unwohl, denn ich habe das Gefühl, dass die Leute mich anstarren. Ich habe im Gegensatz zu meinen Kommilitonen nicht mal mein Smartphone auf dem Tisch liegen. Früher ging man vor die Tür, um zu rauchen, damit man nicht so einsam aussieht, heute ersetzt man das durchs Starren aufs Smartphone.

Irgendwann stehe ich auf, um in meine Vorlesung zu gehen und dann fange an zu googeln: „Wie finde ich Freunde an der Uni?“, „Einsamkeit Universität“ oder „Anschlussfinden in einer neuen Stadt“. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Gutgemeinte Ratschläge wie „Einfach durchhalten und offen sein :)“, „bei manchen dauert’s länger“, „Geh doch mal zu einer Party!“ oder „Hochschulsport ist da ne gute Sache!“ überfluten mich. Aber was mache ich, wenn ich eben der offenen, motivierten Sportskanone nicht entspreche? Oder Uni-Partys nichts für mich sind?

Auch andere Studenten haben sich zu diesem Thema Gedanken gemacht. Die Studierenden der Universität Göttingen haben genau zu diesem Thema einen Kurzfilm verfasst, der viele Leute zu Wort kommen lässt und deren Facette von Einsamkeit thematisiert. Auch hier zeigt sich wieder deutlich: Einsamkeit ist ein hochschulübergreifendes Problem, mit dem verschiedenste Persönlichkeiten zu kämpfen haben und dem sich deutlich zu wenig angenommen wird.

Einsamkeit, sich Allein fühlen- Alltag an deutschen Hochschulen

Quelle: WikiCommons

Als ich nach diesem langen Tag nach Hause komme, grüble ich über die Erfahrungen anderer Studenten. Wie kann es sein, dass ein Massensystem so viele Menschen herausfiltert? Kurz entschlossen setzte ich einen Jodel ab. Jodel, eine Studenten-App, ist seit ihrem Aufkommen vor gut anderthalb Jahren ein Massenkommunikationsmittel der Studenten. Egal, ob Fragen zur Haushaltsführung, Kontakten oder Dozenten- bei Jodel gibt es von Studenten für Studenten anonyme Antworten zu allen Themenbereichen. Es dauert nicht lange und auch ich werde mit Antworten überhäuft, die eindeutig sind: Viele haben diese Erfahrungen gemacht, die mich durch meinen Tag gejagt hat. Sie fühlen sich einsam in einer Masse, wissen nicht wohin mit sich. Viele berichten, sich auch noch nicht so gut in der Stadt zurechtgefunden zu haben oder, dass durch den ganzen Lernstress keine Möglichkeiten gegeben sind, einfach mal so auf Partys zu gehen.

„Zuhause bin ich ein offener Mensch!“

Viele der anonymen Jodler möchten sich sogar mit mir treffen, um über das Problem und ihren Alltag zu sprechen. Eine von ihnen ist die 20-jährige Lena*, die im 4. Semester auf Lehramt studiert. Wir verabreden uns in einem Café, damit sie mir berichten kann: „Ich weiß einfach nicht, woran es liegen könnte. Zuhause habe ich einen großen Freundeskreis, ich bin ein sehr offener Mensch. Nur hier scheint sich dafür niemand zu interessieren.“ Sie seufzt und blickt sich um. Um sie herum laufen ihre Kommilitonen. Einige sitzen gemeinsam an Tischen, andere liegen im Sonnenschein auf Picknickdecken vor dem Gebäude. Obwohl deutsche Universitäten vor Studenten überlaufen sind, ist Lena kein Einzelfall im Hochschulsystem. Viele fühlen sich schlecht integriert und wissen nicht, wie sie sich richtig hineinfinden sollen, nicht nur in das komplizierte Bachelor- und Mastersystem, sondern auch in das soziale Uni-Leben.

Dass sich viele deutsche Studenten einsam fühlen, ist ohne Zweifel. Im „Studierendensurvey“, einem Forschungsbericht der Universität Konstanz für das Bildungsministerium für Bildung und Forschung zu sozialen und psychologischen Themen im Studium, wurden 7590 Hochschüler befragt. Auch hier zeichnet sich ein klares Bild, welches Michael Ramm, Mitglied der dafür verantwortlichen Forschergruppe in einem Gespräch mit „Spiegel Online“ beschreibt: „Fast die Hälfte der Studierenden fühlt sich nur auf Leistung reduziert, ein Drittel vermutet, dass es niemandem auffallen würde, wenn sie plötzlich fehlten. Und jeder Siebte hat bei Studienproblemen überhaupt keinen Ansprechpartner, weder unter Kommilitonen noch unter Dozenten.“

„Die Türen sind immer zu.“

Ich stelle mir die Frage, wie man Einsamkeit überhaupt definiert. Ist das, was ich als einsam empfinde, das, was andere fühlen? Mich interessiert, wie Studenten Einsamkeit definieren. Das frage ich Timon*, der wie ich Geschichts- und Kulturwissenschaften studiert. Für ihn ist es eher das Gefühl, wenn man die Uni verlässt und sich auf den Heimweg begibt: “Ich habe in der Uni in jeder Veranstaltung Leute, die ich kenne und neben die ich mich setzen kann. Aber das sind für mich alles flüchtige Bekannte. Wenn ich nach Hause gehe, bin ich einsam.“ Er wohnt im Studentenwohnheim und kennt dort kaum jemanden: „Die Türen sind immer zu.“

Auch Yildiz* geht es ähnlich. Sie arbeitet zusätzlich neben der Uni, um sich das Studium zu finanzieren: „Entweder sitze ich in den Veranstaltungen oder hetze zur Arbeit. Für soziale Kontakte hätte ich gerne mehr Zeit. Ich glaube, ich habe den richtigen Moment verpasst, Freunde zu finden.“ Wenn sie abends auf ihrem Bett sitzt, fühle sie sich einsam und vor allem selbstverantwortlich: „Ich könnte mehr Kontakte knüpfen und will es auch, aber ich stehe wie vor einer Glaswand und schaue mir die Anderen an. Da ist keine Möglichkeit, ich weiß selbst nicht warum, denn ich könnte ja eigentlich.“ Schnell wird mir klar, dass Einsamkeit viele Facetten hat und sich nicht nur auf die physische Präsenz in der Universität beschränkt.

Harter Konkurrenzdruck, wenig Zeit – die Ursachen sind vielfältig

Was ist die Lösung dieses Problems? Die Lösung ist schwierig, denn es gibt sie nicht. An jeder Hochschule in Deutschland gibt es Beratungsstellen, die den Studenten in Notsituationen, aber auch in kleinen Alltagsproblemen zur Seite stehen. Jedoch nehmen laut der am Anfang schon vorgestellten HISBUS-Studie 58% der Befragten diese nicht in Anspruch und das obwohl 96 % der Befragten bei mindestens einem der angegeben Themenbereiche einen hohen Problemdruck angab, darunter 15% einsame oder sozial abgehängte Studenten. Dieses schwierige Umfeld führt oft zu Leistungseinbrüchen, beziehungsweise macht es noch schwieriger, mit dem Lernstoff klarzukommen und erfolgreich im Studium zu sein.
Auf mehrmalige Anfrage für ein Statement reagierte der Asta und die dazugehörige Beratungsstelle der Justus-Liebig Universität Gießen jedoch nicht.

Zusätzlich werden die Studenten in vielen Fachbereichen einem harten Konkurrenzdruck ausgesetzt, womit auch ich schon selbst habe Erfahrungen machen müssen. Während sich mein Medizin-studierender Freund später keine Gedanken über einen Job machen muss, graust es mir schon vor Bewerbungen für einen Masterstudienplatz und der Zeit nach dem Studium. Der Druck ist hoch, was passiert also mit jemandem der noch nicht weiß, wohin mit sich oder über wenig Selbstbewusstsein verfügt, um sich zu behaupten? Richtig, die Person schottet sich ab und fliegt im schlimmsten Fall aus dem System.

Lösungen? Fehlanzeige!

Insgesamt gibt es kein Erfolgsrezept für Geselligkeit im Studium, denn jeder ist unterschiedlich. Es gibt nun mal schüchterne und offene Leute, sportliche und unsportliche Leute und Leute, die sich schnell in Situationen einfinden können. Es gibt keine großen Studentenverbindungen mit griechischen Buchstaben, Ritualen, Shirts und einer großen Portion Teamgeist, die die „verlorenen Schäfchen“ aufsammeln könnten. Dieser „College-Spirit“ und das einhergehende Zusammengehörigkeitsgefühl ist nichts, was in Deutschland je Fuß gefasst hätte.

Auch die Tipps aus dem Internet helfen wenig, denn wenn jemand in so eine Situation kommt, braucht es Zeit und Kraft und die hat nun mal nicht jeder. Aber vielleicht ist schon ein paar Leuten geholfen, wenn kommunikative Kommilitonen nach links und rechts aus ihrer „Peer-Group“ schauen und diese tolle Charaktereigenschaft nutzen, indem sie sich in der Mensa mal neben jemanden setzten, der einsam isst bzw. einsam aussieht. Damit möchte ich nicht die Betroffenen aus der Pflicht nehmen, denn es hängt immer von zwei Leuten ab. Manche mögen das Einsamsein und deren Privatsphäre ist zu respektieren. Aber den ersten Schritt für jemanden zu tun, der schüchtern ist, ist meiner Meinung nach eine tolle Sache.

Als ich aus dem Hörsaal gehe, drehe ich mich noch einmal kurz um und sehe, dass mich das Mädchen, das mich eben abgewiesen hat, direkt anschaut. Es ist still und die Neonleuchten surren, der grüne Linoleumboden quietscht unter meinen Schuhen bei jedem Schritt. Ob sie sich wohl wünscht, anders reagiert zu haben? Oder ist sie wohl froh, dass ich einfach weggegangen bin? Ich verlasse den Hörsaal und nehme mir vor, sie anzulächeln, wenn ich sie nochmal sehen würde. Vielleicht hatte sie einfach einen schlechten Tag.

 

Danielle Dörsing