SERIE: Was wir lesen – „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey!“ von Sophie Seeberg

In „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey!“ von Sophie Seeberg dreht sich alles um die Menschen, denen sie in ihrem Beruf als Psychologin für das Familiengericht begegnet. Da gibt es beispielsweise „Mischael“, der nach der Trennung von seiner Frau wieder bei seiner Mutter eingezogen ist und nun das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder haben will, da seine Mutter nicht müde wird zu betonen, dass „der Mischael“ das alles „ganz wunderbar alleine“ könne.

Oder die 18-jährige Nicole, die ihre Tochter nach der Geburt bei dessen Großmutter zurückließ um sich ihrem neuen Partner zuzuwenden, um nach Monaten zurückzukommen, um endlich mit dem Kind zusammenzuwohnen. Kümmern, wollte sie sich trotzdem nicht so wirklich um die Tochter, doch die ist – wie Nicole diagnostizierte – hochbegabt und verstünde es schon, dass ihre Mutter auch ein eigenes Leben habe.

                                                                        

Diese und weitere Fälle beschreibt Seeberg mal lustig, mal ernst, je nachdem, wie es gerade zur Geschichte passt. Obwohl die Thematik keinesfalls immer leicht ist – es ist schließlich für niemanden eine schöne Situation, wenn eine Familienpsychologin in die Familie kommen muss, um zu beurteilen ob Kinder möglicherweise von ihren Eltern getrennt werden müssen – gelingt es Seeberg mit einer ganz besonderen Mischung aus Humor und Einfühlungsvermögen immer wieder zu berühren. Auch wenn der Titel es vermuten lässt, entsteht zu keinem Zeitpunkt der Eindruck, die Autorin würde sich über diese Menschen lustig machen. Der Leser erkennt stets, dass Seeberg trotz aller Skurrilität am Wohl der Familien interessiert ist und so bleibt selbst bei den traurigsten Geschichten am Ende immer das Gefühl, dass alles wieder ins Lot kommen kann.

 

„Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey!“ ist Sophie Seebergs erstes Buch und hat mit „Die Schanin hat nur schwere Knochen!“ und „Der Maik-Tylor verträgt kein Bio!“ mittlerweile zwei Fortsetzungen erhalten.




SERIE: Was wir lesen – “LOW” von Rick Remender

Der Comic LOW, geschrieben von Rick Remender (Secret Avengers, Venom, Deadly Class) und gezeichnet von Greg Tocchini (Last Days of American Crime, Uncanny X-Force) ist in ferner Zukunft angesiedelt. In der Welt von LOW hat die Sonne früher als von allen Wissenschaftlern vermutet, begonnen zu sterben und sich in Folge dessen auszudehnen. Diese Entwicklung hat das Leben auf der Erdoberfläche unmöglich gemacht und die Menschheit dazu gezwungen, sich unter die Wasseroberfläche zurück zu ziehen, während Sonden in den Weltraum ausgesandt werden, um einen bewohnbaren Planeten ausfindig zu machen. Jahrtausende vergehen und die Luft in den Unterwasserstädten neigt sich dem Ende zu. Dann kehrt eine der Weltraumsonden zur Erde zurück und Stel Caine begibt sich auf die gefährliche Reise zur Erdoberfläche, die seit Jahrtausenden niemand mehr betreten hat.

Im Vorwort beschreibt Remender seine besondere Beziehung zu dieser Geschichte. Sie sei in einer Zeit entstanden, in der sich in seinem eigenen Leben viel verändert habe. Vor allem habe er sich in Therapie befunden und sich darum bemüht, eine positivere Sicht auf das Leben zu entwickeln. Diese (erfolgreichen) Bemühungen hätten den Charakter der Protagonistin Stel massiv geprägt. Tatsächlich stellt ihr bedingungsloser Optimismus Stels zentrale Charaktereigenschaft dar. In einer hoffnungslosen Welt kämpft sie einen scheinbar verlorenen Kampf.

 

 

Der erste Band der Reihe LOW ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Der Leser lernt erst im Laufe der Geschichte, wie die Welt im Einzelnen funktioniert und das Artwork Tocchinis kann guten Gewissens als atemberaubend bezeichnet werden. Durch diesen sehr bunte und teils skizzenhaften Zeichenstil benötigt der Leser unter Umständen lange, um die einzelnen Panels in ihrer Gänze wahrzunehmen. Auch kann der Eindruck entstehen, dass die Panels durch Tocchinis Kunst bisweilen chaotisch wirken. Dies deckt sich aber wunderbar mit dem Gefühl für die Welt, die Remender sehr interessant und überraschend konzipiert.

Wer also bereit ist, sich mit einem Comic eingehend zu beschäftigen und gegebenenfalls mehr Zeit in die einzelnen Seiten zu investieren, als in eine durchschnittliche Superheldengeschichte, Science-Fiction mit plakativer Philosophie, anspruchsvolles Artwork und sich für gelungenes Worldbuilding  interessiert ist bei LOW mit Sicherheit gut aufgehoben.

Text: Jonas Feike




“Das Paket” – Eine Buchrezension

Das Paket – Sebastian Fitzek

362 Seiten (23 Seiten Extra: „10 Jahre Fitzek“)

Autor: Sebastian Fitzek

Genre: Psychothriller
ISBN: 978-3-426-51018-6
Verlag: KNAUR

 

„In akkurat gezeichneten Lettern,
quer über der von Wasserdampf beschlagenen

Scheibe stand:
HAU AB.
BEVOR ES ZU SPÄT IST!“
– S. 33 –

 

 

Inhalt:

Emma Stein ist eine erfolgreiche Psychologin. Sie liebt ihren Beruf, überschreitet für diesen Grenzen und weiß sich gut gegenüber ihren vielen männlichen Kollegen zu behaupten. Auch in ihrem Privatleben läuft es gut. Sie hat tolle Freunde sowie einen gutaussehenden, beim BKA arbeitenden, Ehemann mit dem sie gerade eine kleine Familie gründen will.

Doch wie das Leben nun mal so spielt, macht das Schicksal ihr einen Strich durch die Rechnung. Während einer mehrtägigen Fachtagung wird sie in dem Hotelzimmer überfallen und vergewaltigt. Zumindest glaubt sie das, denn die Polizei findet keinerlei Beweise für ihre Behauptungen. Nicht mal die Nummer des Zimmers, in dem sie angeblich genächtigt habe, existiere in dem Hotel.

Die seltsamen Widersprüche werden nicht weniger. Emma ist psychisch am Ende, als ihr Postbote ihr ein seltsames Paket überreicht, das sie für einen Nachbarn annehmen soll. Einen Nachbarn, von dem sie noch nie gehört hat, obwohl sie alle Menschen in ihrer Nachbarschaft kennt. Und mit diesem Paket, beginnt die Hölle für Emma erneut, auch wenn sie eigentlich nie geendet hat…

Meine Meinung:

Cover:
Das Cover des Thrillers ist wirklich originell und passt perfekt zu Titel und Inhalt. Es sieht wirklich fast so aus wie ein Paket und hat eine angenehme Farbgebung, die nicht zu penetrant ist. Außerdem ist das Cover optimal beladen, sodass man nicht das Gefühl hat, von dem, was darauf zu sehen ist, erschlagen zu werden. Insgesamt ist es sehr ansehnlich und macht sich sehr gut im Regal.

Schreibstil:
Fitzek schreibt in seinem Thriller in der dritten Form Singular, also im Sie-Erzähler, was es mir in einigen Büchern schwierig macht, mich zu 100% in die Protagonisten hineinzuversetzen. Hier war es jedoch nicht so. Fitzek versteht es, so zu schreiben, dass man gut in das Buch eintauchen und die Außenwelt vergessen kann. Seine Beschreibungen  sind ausführlich, aber nicht zu kleinlich und sein Schreibstil sehr angenehm. Dadurch lässt sich das Buch sehr flüssig lesen, ohne dass man ins Stocken gerät.

Charaktere:
Emma Stein ist die Protagonistin von Fitzeks Psychothriller. Sie ist eine hochtrabende Persönlichkeit mit einem angesehenen Beruf, einem scharfen Intellekt und einem Bekanntenkreis, der ebenso wie sie selbst aus der höheren Schicht der Gesellschaft stammt. Trotzdem besteht sie aus mehr als nur diesen oberflächlichen Fakten, denn sie selbst hatte in früher Kindheit die gleichen psychischen Probleme wie einige der Leute, die sie nun als Expertin behandelt und versucht zu therapieren. Mir persönlich hat sie als Protagonistin gut gefallen. Sie ist keine dieser anstrengenden Hauptcharaktere, die sich selbst unter- bzw. überschätzen oder die grundlos total dämlich und unlogisch handeln. Vor allem ihr innerer Konflikt mit sich selbst, ihre Fehler, ihre Probleme waren etwas, was sie für mich beim Lesen ansprechend gemacht hat.

Die zentralen Charaktere im Allgemeinen empfand ich als wirklich gut ausgearbeitet, was bei einem Thriller mit vielen Wendungen ja besondere Wichtigkeit hat. Sie haben viele Dimensionen, sind Fassettenreich und teilweise mit wirklich unerwarteten Abgründen, die sich dem Leser nur nach und nach offenbaren.

Story:
Die Storyline ist von allen Punkten des Buches das, was mir am aller besten gefallen hat. Vor allem das Thema Psyche empfand ich als besonders ansprechend und wirklich super umgesetzt. Es beginnt bereits im Prolog mit einem spannenden Hintergrund, bei dem man sich fragt, was es damit auf sich hat. Danach baut sich die Spannungskurve immer weiter und weiter auf. Immer wieder gibt es kleine Unterbrechungen, in denen sie Abflacht, sodass man ‚durchatmen‘ kann, ehe es weiter geht.

Es greift alles so flüssig ineinander, dass zumindest mir wirklich bis zum Ende nicht klar war, was Wahrheit und was Einbildung, wer schuldig und wer unschuldig ist. Mehrere gut durchdachte sowie klug platzierte Plottwists sorgen vor allem gegen Ende des Buches dafür, dass man die Handlung atemlos verfolgt, wobei der Versuch, die Handlung zu entwirren und zu verstehen, wo nun Gut und wo Böse ist, einen komplett einnimmt.

Fazit:
Alles in allem ist es ein wirklich unglaublich gelungener Psychothriller. Oft erahnt man das Ende von Thrillern oder Krimis schon zumindest grob im Voraus, doch hier empfand ich das als wirklich schwierig und war tatsächlich völlig überrascht vom Ausgang der Ereignisse. Außerdem regt das Thema an sich – die Unterscheidung zwischen Einbildung und Wirklichkeit – zum Nachdenken an. Von mir gibt es eine eindeutige Empfehlung an alle, die – wie ich – nach langer Zeit mal wieder in das Genre einsteigen oder allgemein Psychothriller und hochtrabende Charaktere mögen.

4,5/5  Sterne 

Anmerkung der Redaktion:

Auch in den nächsten Wochen wird es bei UNIversum um Bücher gehen. Über die Ferien werden wir in der Reihe „Was wir lesen“ Werke vorstellen, die uns in der Redaktion beeindruckt haben, die wir immer wieder lesen, oder die wir neu entdeckt haben. Dabei wird es sich jedoch nicht um so ausführliche Rezensionen wie diese hier handeln. Stattdessen präsentieren wir Schlaglichtartig die Werke, die uns bewegen.

Irina Gildt




Shoppingfrust oder Weihnachtslust? – Eine Videoumfrage

Weihnachten steht vor der Tür – das Fest der Freude und Besinnlichkeit. Doch wie jedes Jahr begleiten auch Geschenk-Stress und Co. die Vorfreude auf ihrem Weg zum Weihnachtsfest. Vor dem Hintergrund der anstehenden Feiertage hat das Universum daher eine kleine Umfrage durchgeführt, um das Stimmungsbild der JLU-Studenten einzufangen, und die Ergebnisse in einem kurzen Video verarbeitet. Viel Spaß beim Anschauen.




„Vernichtungsort Malyj Trostenez” – Eine Ausstellung in Gießen

Am Mittwoch, den 5. Dezember fand im Vortragsraum der Kongresshalle Gießen eine Informationsveranstaltung zur gegenwärtig dort Station machenden Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez“ statt. Die Ausstellung nimmt das titelgebende Lager Malyj Trostenez bei Minsk in den Blick, welches in den Jahren 1942-1944 die größte Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion darstellte, in der deutschen Erinnerung jedoch kaum bekannt ist.

Mit dieser Informationsveranstaltung sollten auch Gießener Lehrerinnen und Lehrer angesprochen werden, da für Schulklassen die Möglichkeit zu einem geführten Besuch der Ausstellung besteht. Vertreter des Trägerkreises stellten ihre Verbindungen zu Maljy Trostenez und ihre Beiträge zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm vor. Neben beispielsweise dem Oberhessischen Geschichtsverein, der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Arbeitstelle Holocaustliteratur waren auch Geschichtsstudierende der JLU maßgeblich daran beteiligt, dass die Wanderausstellung, die erstmals im Jahr 2016 in Hamburg eröffnet wurde, ihren Weg nach Gießen gefunden hat.

Im Rahmen eines von Herrn Prof. Dr. Bohn geleiteten Seminars wurde im vergangenen Semester untersucht, ob und wie viele Gießener nach Minsk oder gar nach Malyj Trostenez deportiert wurden. Für die Ausstellung entstanden daraufhin zwei zusätzliche Stelen, die den Bezug Gießens zum Vernichtungsort bei Minsk anhand von sehr verschiedenen Einzelschicksalen deutlich machen. Herr Prof. Dr. Bohn übernahm an Stelle seines krankheitsbedingt verhinderten Kollegen Dr. Brake die Moderation der Informationsveranstaltung.

Nach der Einführung durch die Vertreter des Trägerkreises bestand die Möglichkeit, die Ausstellung schon vor der offiziellen Eröffnung zu begehen. Die Ausstellung besteht zum Einen aus Stellwänden mit Text und Bild, bietet jedoch auch interaktive und multimediale Elemente. So können beispielsweise an Audiostationen Interviews mit Augenzeugen angehört werden, oder online Zeitzeugenarchive durchsucht werden. Zudem entstand von studentischer Seite ein Radiobeitrag zum Thema, der ebenfalls in der Ausstellung angehört werden kann.

Die Ausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez“ wird am Dienstag, den 11. Dezember eröffnet und kann bis einschließlich 17, Januar 2019 in der Kongresshalle Gießen besucht werden. Der Eintritt ist frei. Darüber hinaus wird die Ausstellung von einem umfangreichen Begleitprogramm eingerahmt, das im Folgenden abgebildet ist.

 

Jonas Feike




Über Meinungen und Vertrauen – Tatjana Heid bei Stimmen aus der Praxis

In Zeiten, in denen Staatsmänner bevorzugt Politik über soziale Medien betreiben und die Debatte um „Fake-News“ nicht abzureißen scheint, eröffnet dies dem politischen Digital-Journalismus gleichermaßen zunehmende Bedeutung wie Verantwortung. In einem kurzweiligen Vortrag mit anschließender Diskussion beleuchtete Tatjana Heid, Verantwortliche Politikredakteurin bei t-online.de, die Risiken und Chancen ihres Berufs.

Für Millionen Internetnutzer steht die magentafarbene Webseite mit dem ikonischen großen „T“ für den alltäglichen Einstieg in das eigene E-Mail Postfach. Bereits 1995 startete die Deutsche Telekom unter www.t-online.de ein Portal als Anlaufstelle der Internetkommunikation. Seitdem entwickelte die Seite zusätzliche Angebote, die neben der E-Mail Kommunikation vor allem die Bereitstellung von Nachrichten und Serviceangeboten enthielt. Obwohl der Name und das Logo der Telekom beibehalten wurden, gehört t-online.de seit 2015 dem Medienvermarkter Ströer, einer Unternehmensgruppe die sich auf Online- und Außenwerbung spezialisiert hat. Mit der Loslösung von der Telekom ging auch der Aufbau einer eigenen Nachrichtenredaktion, des sogenannten Newsrooms einher.

Tatjana Heid, 2009 selbst Absolventin des Magister der Fachjournalistik Geschichte, arbeitete zunächst für die Berliner Zeitschrift Das Parlament, beim Focus Magazin und schließlich als Chefin vom Dienst in der Online-Redaktion von Faz.net. In ihrer Funktion als Head of News der Politikredaktion sind es für sie vor allem die kurzen Wege innerhalb des Redaktionsbüros entscheidend. Gerade bei Angeboten wie t-online.de, die komplett digital stattfinden, spiele Schnelligkeit und Aktualität eine große Rolle.  Dabei aber noch qualitativ hochwertige und seriöse Arbeit abzuliefern stellt online die große Herausforderung  dar, denn die Reaktionen der Nutzer lassen sich anhand von Analyse Software sofort erkennen. Klickzahlen und die Verweildauer sind die harte Währung im Online-Geschäft. Dass  auch Themen und Artikel trotz ihrer schlechten Zahlen, die die Redakteure per automatisierter Nachricht direkt einsehen können, auf der Titelseite bleiben liegt an dem gestiegenen Selbstanspruch von t-online. Obwohl bereits eine sehr hohe Reichweite erzielt werden kann, werde t-online noch nicht als seriöser Politikjournalismus wahrgenommen, ein wichtiger Aspekt auf dem Weg hin zur angestrebten Relevanz.

Angesprochen auf den oftmals auftauchenden Vorwurf des Vertrauensverlustes in die Medien ging Tatjana Heid zunächst selbstkritisch das Berufsbild ihrer Kollegen an. So würden einige Journalisten besonders gerne mit Politikern „klüngeln“ und in ihrer unverständlichen Arroganz Weltbilder suggerieren, die nicht komplett seien. Dabei sei die Trennung von Nachricht und Meinung in ihren Augen unverzichtbar, denn das „Problem ist, dass ignoriert wird, dass es rechts und links andere Meinungen gibt.“. Tägliche Diskussionen innerhalb der Redaktion über die Gewichtung und Darstellung verschiedenster Themen sowie das 4-Augen Prinzip sollen die journalistische Qualität sichern.

 

Fotos: Anja Horstmann

Text: Henrik Drechsler




Die Erzählung der Geschichte – Filmemacher Adrian Oeser bei den Stimmen aus der Praxis

Unter dem Thema „Wer die Geschichte erzählt verändert den Film. Filme mit und ohne Sprechertext im Vergleich“ fand am Dienstag den 20.11. das erste, sehr gut besuchte, Gespräch der Reihe „Stimmen aus der Praxis“ im aktuellen Semester statt. Zu Gast war der Filmemacher Adrian Oeser, der zwei Projekte vorstellte, die im Rahmen seines Studiums an der Filmhochschule Ludwigsburg entstanden sind. In Ludwigsburg studierte Oeser Regie mit dem Schwerpunkt Fernsehjournalismus.

Nach einer kurzen Begrüßung und ein paar Worten zu Oesers Person wurde der erste Film Bag Mohajer – Tasche des Flüchtlings präsentiert. Der etwa 20-minütige Film spielt in Griechenland und zeigt Geflüchtete, die aus angeschwemmten Schlauchbooten und Rettungswesten Taschen nähen und diese Verkaufen. Diese Tätigkeit, eine Aktion, die von einer deutschen Design-Studentin ins Leben gerufen wurde, bedeutet jedoch mehr, als die bloße Sicherung des Lebensunterhalts. Durch sie erhalten die Teilnehmer die Möglichkeit, einen Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes zu verarbeiten. Die hergestellten Produkte erregen Aufmerksamkeit für diese Geschichten und können sie verbreiten.

Oeser begleitet den Entstehungsprozess einer solchen, von Geflüchteten hergestellten, Tasche, beobachtet die Arbeit und führt Interviews. Der der 14-tägige Dreh führte Oeser unter Anderem auf einen „Schiffsfriedhof“, auf dem die gestrandeten Boote und Rettungswesten haufenweise abgelegt werden. An diesem Ort wird das Material für die Taschen gesammelt. „Im Prinzip ist das Diebstahl, denn das gehört alles der Regierung.“, erklärt Oeser später. Diese Tatsache hat sich auch auf den Dreh auf dem „Schiffsfriedhof“ ausgewirkt, bei dem alle beteiligten äußerst angespannt gewesen seien.

Zu diesem Thema lässt Oeser sowohl die Bilder als auch die Protagonisten des Films für sich sprechen – Bag Mohajer hat keinen unterstützenden Sprechertext. Dies habe ihm nach eigener Aussage einige Kritik von seinen Dozenten eingebracht, da zu einem Fernsehformat zwingend ein Sprechertext gehöre.

Im Anschluss an den Film wird im Plenum vor allem die Frage diskutiert, wie stark ein Dokumentarfilmer in das Geschehen eingreifen darf und soll. Oeser betonte in diesem Gespräch den Unterschied zwischen dem Inszenieren einer ganz und gar „künstlichen“ Situation und dem Arrangieren, welches daraus bestehe, „natürliche“ Aktionen gegebenenfalls zu wiederholen oder neu anzuordnen. Letzteres sei für das Filmen eines Dokumentation unerlässlich, während es gelte, eine Inszenierung zu vermeiden.

Im Anschluss an diesen kurzen Austausch zeigte Oeser den in diesem Jahr entstandenen Film: Von Neonazis und Superhelden – Die Kleinstadt Themar und der Rechtsrock. Der Film spielt zum Großteil in der thüringischen Stadt Themar, in der im vergangenen Jahr eine der größten Rechtsrock-Veranstaltungen Deutschlands stattgefunden hat. Oeser kommt mit Bewohnern der Stadt ins Gespräch, um herauszufinden, wie die Veranstaltungen der Rechten das Leben im Ort verändert haben. Dabei interviewt er sowohl Mitglieder eines neu gegründeten Bündnisses gegen die rechten Treffen, als auch deren Veranstalter und Unterstützer.

Bei diesem Film handelte es sich um Oesers Abschlussarbeit, die, anders als Bag Mohajer, mit einem Sprechertext versehen ist. Oeser selbst führt als Sprecher durch den Film, der aus „Vor-Ort-Erfahrungen“ besteht. Für den Dreh, der sich auf Grundlage des aufgenommenen Materials ständig veränderte und Entwickelte, mieteten Oeser und sein Kameramann für drei Wochen eine Wohnung in Themar, dem Schauplatz des Films. Im Verlauf des Films berichtet Oeser als Sprecher auch von seinen Zweifeln und Unsicherheiten im Umgang mit bestimmten Akteuren. Wie er später berichtet sah er es als seine Pflicht an, das Gezeigte – beispielsweise ein Interview mit einem der Veranstalter des Konzerts – auch einzuordnen. Abgesehen von einer zentralen Figur war Oeser im Vorfeld keiner der Akteure die im Film zu Wort kommen persönlich bekannt.

Der mehr als 60 Minuten lange Film wurde von den Besuchern der Veranstaltung überaus positiv angenommen. Eine Besucherin äußerte, dass sie sich „sehr an die Hand genommen gefühlt“ habe, doch das tue dem Film keinen Abbruch. Im anschließenden Gespräch wurden verschiedene Themen angerissen. Fragen nach dem journalistischen und filmischen Umgang mit Akteuren mit rechter Gesinnung erwiesen sich als besonders spannend. Selbstverständlich müsse man als Filmemacher eine professionelle Distanz wahren. Dabei ginge es nicht nur darum, einem Interviewpartner mit zweifelhaften Ansichten gegenüber nicht unfreundlich zu werden, sondern auch um ein Bewusstsein darum, dass das Gegenüber versuchen könnte, den Film und das Interview für sich zu instrumentalisieren. Im Film bemühten sich gerade die Rechten darum, ein bestimmtes, eher einnehmendes Bild ihrer Gemeinschaft zu generieren.

Die Hinweise auf solche Inszenierungen von Seiten der Gesprächspartner waren ein entscheidender Grund, den Sprechertext in eher erzählerischer Weise zu gestalten. Für „reguläre“ Fernsehproduktionen sind Sprechertexte laut Oeser üblicherweise fragmentierter gehalten, was es ihnen ermöglicht, zielgerichteter zu funktionieren.

Danach gefragt, wie sich Probleme beim Dreh und Änderungen an der ursprünglichen Vision für einen Film auf seine Zufriedenheit mit seinen Werken auswirken antwortete Oeser: „Filme werden unperfekt, damit muss man sich anfreunden.“ Perfektionismus sei beim Filmemachen ein guter Ansporn, zugleich sollte es jedoch nicht abschrecken, dass er quasi nie eingehalten werden kann.

Die Stimmen aus der Praxis mit Adrian Oeser endeten später als man es aus den vergangenen Semestern gewohnt ist. Bis etwa 21 Uhr wurde Gefragt und Diskutiert, wenn auch Einzelne die Veranstaltung schon vorher verlassen mussten – vermutlich auf Grund der ÖPNV-Verbindung nach Hause. Somit sind auch die Stimmen aus der Praxis erfolgreich in das Wintersemester gestartet. Weiter geht es schon am 04.12. mit Tatjana Heid und dem Politischen Digitaljournalismus.

 

Jonas Feike