Befüllen statt Vermüllen! Kostenloses Leitungswasser in deutschen Städten?

Plastik ist eines der umstrittensten Umweltthemen unserer heutigen Zeit. Ob wissentlich oder nicht – jeder verbraucht Plastik, aber ist das wirklich notwendig? Die Zahlen sprechen angeblich für sich: 11,7 Tonnen Plastik verbraucht Deutschland durchschnittlich im Jahr (https://www.careelite.de/plastik-muell-fakten/) – so viel wie kein anderes Land in Europa. Aber muss diese horrende Summe wirklich sein? Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Betrag zu senken.

Plastik vermeiden und Wasserflasche einfach wieder auffüllen

Der “Refill“-Trend, welcher aus den USA langsam auch zu uns rüberkommt, nimmt sich diesem Thema an und versucht, den Plastikverbrauch durch PET-Flaschen zu reduzieren. Das Prinzip gestaltet sich einfach: Anstatt immer wieder Plastikflaschen zu kaufen, befüllt man eine nachhaltige Flasche einfach immer wieder. In den USA ist dieses Prinzip gang und gäbe, auch in gehobenen Restaurants. Dort gehört es zum guten Ton, eine gratis Kanne Leitungswasser ohne Aufpreis anzubieten. Selbst in Fastfood-Restaurants gibt es gratis Leitungswasser. Das Prinzip macht Sinn, denn Durst hat jeder und auf Wasser sollte kein Monopol bestehen.

Neuer „Refill“ Trend will für mehr Achtsamkeit sorgen

Besonders vor dem Gedanken, dass 2050 dreimal mehr Plastik im Meer (https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-01/plastik-umweltverschmutzung-meer-studie-weltwirtschaftsforum) schwimmen könnte, als Fische, sollten die Menschen für das Thema Plastik sensibilisiert werden. Die Person, die diese Bewegung nach Deutschland geholt hat und sich mit der Aktion „Refill-Hamburg“ (https://refill-hamburg.de/blog/author/elbmedien-stephanie-wiermann/) immer wieder für die Umwelt einsetzt, ist Stephanie Wiermann. Die Bloggerin, die der „Zero Waste“ –Bewegung angehört (welche versucht, so wenig bis gar keinen Abfall zu produzieren), hat ein Aufklebersystem entwickelt, kostenlose Wasserstationen für Benutzter zu kennzeichnen, in denen sie ihre mitgebrachten Flaschen mit Leitungswasser auffüllen können.

So entstehen für die Benutzer weniger Kosten und der Plastikverbrauch wird reduziert, da nicht nur seitens der Benutzer weniger Plastikflaschen gekauft werden, sondern auch seitens der Gastronomen. Viele Cafés, Restaurants und Läden machen wie selbstverständlich mit. Aber wie selbstverständlich ist gratis Wasser? In Gießen ist die Aktion laut ihrer Homepage noch nicht angekommen, was passiert also wenn Gastronomen nach gratis Leitungswasser gefragt werden? Wir haben den Selbstversuch gemacht.

Nach gratis Leitungswasser fragen: Selbstverständlich oder einfach frech?

Der Vormittag ist sonnig und warm, viele Leute laufen durch den Seltersweg und bummeln. Zuerst versuchen wir unser Glück in einem Bioladen, in dem uns eine freundliche Mitarbeiterin direkt zum Wasserhahn schickt. In der im Laden integrierten Bäckerei steht sogar ein kleiner Wasserspender an der Theke, an dem sich jeder gerne bedienen darf.

1 zu 0 für die Gießener Gastronomen. Insgesamt werden wir in 4 weiteren Geschäften nachfragen und, um die Antwort vorwegzunehmen, nie weggeschickt werden. Wir gehen in ein weiteres Café und bitten wieder freundlich um Leitungswasser, ohne etwas anderes bestellt zu haben. Auch hier füllt uns die Mitarbeiterin die Flasche hinter der Theke gerne auf. „Für mich ist das vollkommen normal. Leitungswasser kostet nichts, das Abwasser ist teuer. Jeder Mensch muss trinken, da mache ich das gerne“, erzählt uns Maria. Sie zeigt Verständnis und bietet uns bei den heißen Temperaturen kaltes Wasser an. Ähnliche Erfahrungen machen wir auch im nächsten Café, in dem uns sogar Eiswürfel angeboten werden, um unser Getränk zu kühlen.

5 von 5 Gastronomen drehen gerne den Wasserhahn auf

Die Einstellung der Gastronomen überrascht uns. Vor unserem Selbstversuch rechneten wir mit einer Abweisung oder damit, öfter fragen zu müssen, bis wir unser Wasser bekämen. Sogar bei einer großen Fastfood-Kette bekommen wir ohne Probleme unser Getränk. Auf Nachfrage bekommen wir immer die gleichen Antworten: „Wenn der Chef nicht da ist, ist das kein Problem“, „Jeder muss trinken“ und „Das ist selbstverständlich“.

Aber wissen Deutschlands durstige Einwohner denn, dass eben diese Möglichkeit besteht? Anscheinend nicht, denn auch hier ist die Antwort wieder eindeutig: Kaum jemand bis gar keiner fragt nach gratis Wasser, viele wissen über diese Möglichkeit nicht Bescheid. Dabei ist diese Frage weder dreist noch unhöflich, jeder der „getesteten“ Betriebe gab uns ohne zu zögern, die Möglichkeit etwas zu trinken.

Das Problem steckt also eher in den Köpfen den Menschen, denn dieses Prinzip ist besonders in Deutschland sehr neu. Dabei ist das deutsche Leitungswasser qualitativ sehr hochwertig und vollkommen unbedenklich. Laut dem neuesten Bericht des Umweltbundesamtes würden „mindestens 99,0 % der Trinkwasserproben die Anforderungen und Grenzwerte (…) eingehalten werden, für viele dieser Parameter waren es sogar 99,9 % bis 100 % der Proben.“ (https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/bericht-des-bundesministeriums-fuer-gesundheit-des-2). Die Voraussetzungen sind also gegeben, die Blockade in den Köpfen der Menschen muss nur verschwinden.

Hier geht es aber nicht nur um den humanitären, sondern auch um den umweltlichen Aspekt. Eine Plastikflasche benötigt ca. 450 Jahre im Meer, um sich selbst zu zersetzen, wobei sich die Flasche jedoch nicht vollkommen auflöst, sondern sich in kleine Mikroplastikteilchen verteilt. Viele Meereslebewesen sind durch den menschlichen Plastikverbrauch bedroht: Sie verletzen sich oder fressen gar das giftige Plastik. Dieses Mikroplastik ist aber nicht nur für tierische, sondern auch menschliche Erdbewohner gefährlich. Die Bestandteile finden sich häufig in Duschgel oder Cremes, der Mensch kontaminiert und schadet sich sozusagen wieder selbst.

Plastik stellt die Menschheit vor ein großes Problem, besonders die Richtlinien des jeweiligen Recyclings sind von Land zu Land unterschiedlich. Während in Dänemark 90% des verbrauchten Plastiks recycelt werden, sind es in Deutschland nur 42% (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutsche-verbrauchen-37-kilo-plastik-pro-jahr-15304729.html). Jeder einzelne kann hier jedoch einen kleinen Teil beitragen. Aktionen wie „Refill-Hamburg“ machen auf dieses Problem aufmerksam. Auch in kleineren Städten wie Gießen gestaltet sich die Umsetzung nicht als schwierig. Sensibilisierung ist hier das Stichwort! Diese ist das Ziel diverser Aktionen gegen Umweltverschmutzung, ein Problem, das jeden etwas angeht.

In Deutschland werden stündlich 2 Millionen Einweg-Plastikflaschen verbraucht und das sind 2 Millionen zu viel! „Refill-Hamburg“ regt auch hier zum Nachdenken an und setzt auf die Gemeinschaft. „Wenn jeder einmal auffüllt, anstatt neu zu kaufen, wären wir im Kampf gegen Umweltverschmutzung schon viel weiter. Es ist unser Planet. Gutes Wissen muss sich verbreiten“ (https://www.shz.de/regionales/hamburg/refill-hamburg-hier-gibt-es-leitungswasser-zum-nachfuellen-id16577726.html), sagt die 50-Jährige in einem Interview mit der SHZ. Ihre Erfolgswelle schwappt weiterhin durch Deutschland: Die ersten Anfragen kamen schon aus diversen deutschen Städten, die Leute möchten sich engagieren und das müssen sie auch: Nur gemeinsam lässt sich die Umwelt schützen und Bewusstsein für diese Themen schaffen. Das ist auch für Gießen wünschenswert.

 

Von Danielle Dörsing und Berina Alomerovic




LUMIX Festival 2018 – eine Rückschau

Anschauen, wirken lassen, nochmal anschauen – auf dem weitläufigen Gelände mit den zahlreichen Foto-Geschichten brauchen die Besucher vor allem Zeit, um die vielen Eindrücke aufzunehmen. In Gebäuden mit unterschiedlicher Atmosphäre und Open-Air waren verschiedenste Reportagen und Porträts zu sehen. Menschen und ihre Geschichten aus der ganzen Welt wurden in diesem Jahr bereits das sechste Mal zu den Motiven des Festivals. Lebensverhältnisse, Konflikte, Trends, Gewalt, Innovation – die 60 Fotoarbeiten entstammten den unterschiedlichsten Themenbereichen.

Das Konzept einer thematischen Zuordnung war vielerorts deutlich erkennbar. Themen mit Naturaspekt, Geschichten über einfache Lebensverhältnisse und Traditionen waren draußen in den Gärten im Wandel zu sehen. Die Vergangenheit des Deutschen Pavillons (eines der Ausstellungsgebäude) war selbst nicht nur als Räumlichkeit, sondern auch thematisch Teil der Ausstellung. Im Herbst 2015 erwarb die Landeshauptstadt Hannover  das Gebäude und richtete es als Notunterkunft für Flüchtlinge ein. Die Zelte, in denen zu dieser Zeit rund 400 Geflüchtete untergebracht waren, stehen dort noch bis heute und bildeten das Ambiente für Geschichten mit den Themen Flucht, Kampf und Unruhen.

Die Arbeit des Fotografen Hannes Jung war Open-Air ausgestellt – und zwar vor dem Eingang zum Deutschen Pavillon. Eine klare Abgrenzung zu den Geschichten im Innenraum. Jungs Thema: Populismus in Deutschland, eine Auftragsarbeit für die Financial Times. Für seine Geschichte begleitete er 2017 die AfD (Alternative für Deutschland) im Wahlkampf. Jung erzählte während einer Führung, wie er während seiner Arbeit versuchte, auf die AfD-Politiker zuzugehen, und wie sie ihm begegneten. In seinen Bildern spiegeln sich, wie er sagt, auch die Charaktere der einzelnen Politiker so wider, wie er sie wahrgenommen habe. Es sei zuweilen eine schwierige Aufgabe, sowohl dem Politiker und seiner öffentlichen Haltung als auch der Person mit ihrer Art auf den Menschen zuzugehen in der Darstellung gerecht zu werden, erklärte Jung. Er machte deutlich, dass die Darstellung durch Fotografie nicht nur das Motiv, sondern auch den Fotografen zeigt.

Paul Lovis Wagner begleitete die Vorbereitungen für den G20-Gipfel 2017. Wagner berichtete über seine Erfahrungen bei PR-Terminen in dieser Zeit und wie er mit für die Presse inszenierten Darstellungen umging. Als Fotograf müsse er sich bei solchen Terminen bewusst machen, dass die für die Presse geschaffenen Einblicke in der Vorbereitung möglichst positiv erscheinen sollen, sagte er. Er halte es in diesen Situationen für notwendig, die aufbereiteten PR-Bilder zu hinterfragen.

Die besten Arbeiten des Festivals wurden mit verschiedenen Preisen geehrt. Eine internationale Jury aus ausgewiesenen Fachleuten des Fotojournalismus entschied über die Vergabe. Den FREELENS-Award (Preis für die beeindruckendste Arbeit der ganzen Ausstellung) bekam in diesem Jahr Florian Müller. Unter dem Titel „Hashtags Unplugged – Von Lastern und Leitmotiven“ thematisierte er die Sehnsucht nach Anerkennung in sozialen Netzwerken und die Schritte, die User bereit sind, dafür zu gehen. Der Lammer-Huber-Award für die beste Darstellung einer Alltagsgeschichte ging an Aleksi Poutanen. Mit seiner Reportage „Fellow Creatures“ zeigte er, wie im Finnland des 21. Jahrhunderts die Beziehung zwischen Mensch und Tier gelebt wird. Den LUMIX-Media-Award erhielt Kyrre Lien mit der Multimedia-Story „The Internet Warriors“. Lien traf Menschen, die mit ihren Onlinekommentaren bis an die Grenze des Erlaubten treten. Den Publikumspreis, gestiftet von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, bekam Elias Holzknecht für sein Porträt „Josef“. Er zeigte das Leben eines Mannes aus Österreich, der seit 40 Jahren in unverändert einfachen Verhältnissen lebt – ohne fließendes Wasser und Heizung. Der Nachhaltigkeitspreis wurde 2018 zum zweiten Mal verliehen. Er zeichnet die Arbeit mit der eindrucksvollsten Auseinandersetzung zu den Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Soziales aus. Er ging an Zen Lefort mit seiner Geschichte „Standing Rock“ über die Proteste von Ureinwohnern, Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten gegen den Bau einer Ölpipeline am Missouri in North Dakota.

Organisiert wird das LUMIX-Festival vom Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover und dem Verein zur Förderung der Fotografie in Hannover. FREELENS, eine deutsche FotojournalistInnen-Vereinigung, unterstützt die Veranstalter. Für die Ausstellungsplätze können sich internationale Studierende und professionelle FotoreporterInnen bis zu einem Alter von 35 Jahren bewerben. Insgesamt 80 Aussteller und Vortagende werden zu dem Festival eingeladen und erhalten die Möglichkeit, sich und ihre Arbeit zu präsentieren.

Fotos: Enrico Schierer

Text: Maike Heimsoth




“Campus der Zukunft” – Was erwartet die Studierenden?

Übersicht der Baumaßnahmen (Quelle: www.uni-giessen.de/campus-der-zukunft)

Nicht nur die Restaurationsmaßnahmen am Schriftzug des Philosophikums (wir berichteten) dürften den meisten Studierenden in diesem Semester aufgefallen sein, auch das Fehlen einiger Bäume im Bereich der Bushaltestelle Rathenaustraße fällt ins Auge. Diese wurden bereits am Ende des vergangenen Wintersemesters gefällt und sind Bestandteil des Bauprojekts „Campus der Zukunft“. Dieses ambitionierte Projekt umfasst mehrere Neu- und Umbaumaßnahmen des Campus Philosophikum I und II. Bis vorrausichtlich 2024 sollen dabei Neubauten der Mensa, der Zentralbibliothek sowie zweier Seminargebäude entstehen. Zusätzlich dazu erfolgt eine Sanierung des Audimax.

Der erste Neubau am Philosophikum I ist mit dem Seminargebäude II bereits seit 2016 abgeschlossen. Derzeit sind es vor allem Infrastrukturtrassen die angelegt werden bevor ab 2019 die Bauprojekte richtig Fahrt aufnehmen. Für das erste Halbjahr 2019 ist der Neubau des Graduate Centre for the Study of Culture geplant. Dieser soll nördlich des bisherigen GCSC seinen Platz finden.

Der zentrale Platz (Quelle: www.uni-giessen.de/campus-der-zukunft)

Zentraler Bestandteil des „Campus der Zukunft“ wird ein neu geschaffener Platz sein, der die Verbindung zwischen dem Phil. I und II herstellen soll. Auf der bisher größtenteils unbebauten Wiese zwischen Zentralbibliothek und Rathenaustraße werden ein neues Seminargebäude und ein Entwicklungsbau der Zentralbibliothek ihren Platz haben. Auf der Seite des Philosophikum II wird eine neue Mensa entstehen.

Bereits seit Mitte Juni sind daher 170 Parkplätze hinter der Universitätsbibliothek weggefallen, um die Baumaßnahmen vorzubereiten. So wird Ende dieses Jahres das bisher auf der Freifläche stehende Gewächshaus zurück gebaut werden. Auf Baustellenlärm werden sich die Gießener Studierenden vor allem ab dem Wintersemester 2019/20 einstellen müssen, denn für das zweite Halbjahr 2019 ist der Baubeginn des Entwicklungsbaus der Zentralbibliothek geplant. Der Neubau des Seminargebäudes erfolgt dann zwei Jahre später, abschließen wird die Baumaßnahmen der Neubau der Mensa ab dem Jahr 2022.

Konkrete Auswirkungen der Baumaßnahmen am neuen Herzstück des „Campus der Zukunft“ wird es bereits ab dem vierten Quartal 2018 geben. Ab Oktober 2018 bis Ende 2019 bleibt die Rathenaustraße ab Höhe der Bushaltestelle gesperrt. Die Zufahrt zu den Parkplätzen des Phil. I über den Schiffenberger Weg bleibt jedoch genauso erhalten wie die Zufahrt zum Phil. II über die Karl-Glöckner-Straße. Versperrt sein wird hingegen die Zufahrt zum Phil. I aus nördlicher Richtung über die Licher Straße.

Studierende, die auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind, müssen sich im Zuge der Umbaumaßnahmen ebenfalls auf Veränderungen einstellen. Die Haltestellen „Siemensstraße“ und „Rathenaustraße“ werden verlegt, sodass ab Ende 2018 die Buslinien 802 und 10 die „Karl-Glöckner-Straße“ ansteuern werden und die Buslinie 801 an der Haltestelle „Ostschule“ enden wird.

Über Fortschritte und Baumaßnahmen informiert die Uni hier.

 

Henrik Drechsler




1968 im Kino: Premiere der Masterfilme aus der Fachjournalistik Geschichte

Bereits eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn ist das Foyer des Kinocenters Gießen prall gefüllt. Zwischen den Stehtischen herrscht bei schwülwarmen Temperaturen ein reges durcheinander der Personen. Jung und Alt, Studierende und Dozenten, Eltern und Protagonisten. Sie alle warten darauf, die beiden Filme der Masterstudierenden der Fachjournalistik Geschichte zu sehen.

Rund ein Jahr lang beschäftigten sich die beiden Gruppen, bestehend aus insgesamt 10 Studierenden, mit ihren Themen. Herausgekommen sind zwei, etwa halbstündige, Dokumentarfilme über ein Jahr, welches die Geschichte der Bundesrepublik nachhaltig prägte: 1968

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Während im derzeitigen Jubiläumsjahr der Fokus des Interesses vor allem auf den damaligen Geschehnissen in Städten wie Berlin oder Frankfurt liege, wollten die Studierenden der Justus-Liebig-Universität wissen, wie es um die Bewegung auf lokaler Ebene stand. Recht schnell merkten sie, dass auch im ansonsten eher beschaulichen Gießen die Studierenden ihren Unmut lautstark kundtaten.

Dabei beschäftigte sich die Dokumentation „Gießen 68 – ein revolutionärer Traum“ mit drei ehemaligen Protagonisten der Studentenbewegung, welche auch noch 50 Jahre später voller Eifer auf die Zeit zurück blickten. Dass dabei nicht nur Personen zu Wort kamen die für eine radikale Veränderung der Situation eintraten, sondern auch deren studentische Widersacher, machte die Stärke des Films aus. So ergab sich für die Zuschauer ein interessantes Wechselspiel unterschiedlicher Meinungen, die geschickt gegeneinander geschnitten wurden. Manche geäußerte Anekdote sorgte zudem für einige Schmunzler, wie aber auch für Diskussionen im Nachgang des Films. Der emeritierte Professor Heinrich Brinkmann, ein bekanntes Gesicht des Gießener SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) und ein Hauptprotagonist des Films, mischte sich ebenso unter die Anwesenden wie andere interviewte Zeitzeugen.

In „…erwarten die sofortige Rückkehr. Der Fall Jeung Gil Choe“ beleuchteten die Studierenden hingegen einen spektakulären Kriminalfall, der deutschlandweit für Aufsehen sorgte: Ein koreanischer Student wird, genauso wie weitere seiner Landsleute, aus dem Studentenwohnheim in Gießen entführt und in sein Heimatland gebracht. Angebliche politische Aktivitäten werden ihm zur Last gelegt. Eine Gruppe Gießener Kommilitonen beschließt diese Entführung nicht widerspruchslos hinzunehmen, organisiert Unterschriftenaktionen und schaltet das Auswärtige Amt ein. Gießener Studierende trugen mit ihren Aktion zur schrittweisen Abmilderung des Verfahrens bei. Noch nach 50 Jahren spürten die rund 190 Zuschauer im Kinosaal „Broadway“ die Erschütterung und Empörung der Zeitzeugen. Die intensive Recherchearbeit zu dem Kriminalfall führte die Masterstudierenden sogar bis nach Berlin.

Im Anschluss an die beiden Filme entwickelte sich eine rege Diskussionsrunde, bei der auch die Filmschaffenden Studierenden Rede und Antwort standen. Den Filmen gelang es, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, sodass sich die Gäste auch im Nachgang bei Kaltgetränken und Snacks im Vorraum des Kinocenters weiter austauschten und die Filme, sowie die verantwortlichen Masterstudierenden gebührend feierten.

Henrik Drechsler

Alle Fotos: Maurice Jelinski




Die letzten Minuten in Russland

Als die Nationalelf in die Kazan-Arena einläuft, jubeln im rund 800 Kilometer entfernten Moskau die Fans. Mit anfeuernden “Deutschland” rufen, verfolgen tausende das Spiel auf dem Fifa Fan Festival, dem offiziellen Public Viewing des internationalen Fußballverbandes. Auf der Fanmeile im Schatten der Lomonosov Universität, einem Wolkenkratzer aus der Stalinzeit, drängen sich bis zu 25 000 Fußballenthusiasten, vor den dutzenden Bildschirmen auf denen jedes Spiel Live übertragen wird.

Dabei scheinen die Organisatoren bereits im Voraus zu wissen, was sie von Jogi und seiner Mannschaft zu halten haben. Die letzte Chance der Deutschen zur Qualifikation für das Achtelfinale, wird auf nur einem, der vielen TV- Bildschirme übertragen. Während die Hauptbühne der Fanmeile im grün der mexikanischen Fans und den gelb-blauen Trikots der Schweden, unter der brennenden Sonne schillert, sind die Fans mit den deutschen Fahnen in eine Ecke verbannt.

Die Fußballbegeisterten zwängen sich durch Ziersträucher und versuchten vorbei an den Bäumen, die vor dem Bildschirm stehen, einen Blick auf das historische Debakel der Deutschen in Kazan, zu erhaschen. Während 50 Meter weiter die Schweden ihren Sieg besingen, stehen die Fans der deutschen Mannschaft schweigend in ihrer Ecke, die wenigen koreanischen Fans können ihr Glück aber kaum fassen, bei jedem Schuss auf das deutsche Tor springen die Fans auf. Bis zuletzt sind die Nerven auf beiden Seiten gespannt, alle Augen sind auf den Bildschirm geheftet, angespannt umklammern die Fans ihre, mit Bier gefüllten, knallroten Fifa Becher.

Weltmeister Deutschland schafft es nicht sich gegen den Außenseiter Südkorea durchzusetzen, bei den Fans auf der Moskauer Fanmeile war Deutschland aber der klare Favorit, vor allem bei den nichtdeutschen Fans. Vor dem Anpfiff im Kazan war die Unterstützung für die Nationalelf nicht nur auf dem Fifa Fan Festival, sondern auch in den Straßen Moskaus zu spüren. Bereits nach dem knappen Sieg über Schweden zogen Russen, Tunesier und Senegalesen mit deutschen Flaggen durch die Innenstadt. Moskauerinnen überreichten deutschen Gästen Blumen und Fans aus aller Welt umarmten und beglückwünschten die deutschen Besucher.

Bei dem Spiel gegen Südkorea gibt es allerdings nichts zu feiern, trotzdem steht die Moskauer Fangemeinde bei der historischen Niederlage hinter Deutschland. Als Mats Hummels in der 39. Minute nur knapp am gegnerischen Tor vorbeischießt springen die russischen Fans auf und sind kaum noch zu halten “Dutschelant”, rufen die ausländischen Unterstützer, in gebrochenem Deutsch. Doch als H.-M. Son in der 96. Minute, die deutsche Niederlage mit einem Schuss in das Neuer-leere Tor besiegelt, helfen auch die letzten Anfeuerungsrufe nichts mehr. Die Zuschauer können es kaum fassen, einige wischen sich die Tränen aus den Augen, eine Russin packte frustriert ihre Deutschlandfahne ein.

Andere nehmen das deutsche Fußballdebakel locker und gratulieren den Südkoreanern zum Sieg. Es werden noch schnell Selfies mit deutschen und koreanischen Flaggen geschossen, bevor sich die Wege trennen. Dann strömen die kostümierten Fans in Richtung der Metrostation, die gleich neben dem Luschniki Stadion liegt. Der Traum die deutsche Mannschaft dort spielen zu sehen ist geplatzt und triumphierende Fussballgesänge der Schweden und Koreaner und ein immer wieder anschwellendes “Auf Wiedersehen”, begleitet die deutschen Fans, als sich die Zugtüren hinter ihnen schließen.

 

Kim Hornickel