30 Jun

Die Obdachlosen von Phnom Penh

KambodschaKambodscha. In einem der ärmsten Länder der Welt, das von seiner Geschichte noch tief verwundet ist, werden die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft immer wieder das Ziel von Gewalt und Diskriminierung. Eine unbeachtete Geschichte.

Es ist ein heißer Nachmittag im Januar in den Straßen Phnom Penhs. David sitzt samt seines ganzen Hab und Guts auf dem Gehweg der Preah Ang Eng Street, in der Nähe des National Museums. Er denkt an seine Kinder. Was diese jetzt wohl machen? Wo sie grade sind? Ob sie ihn vermissen…

Kambodscha 1

Das berühmte National Museum in Phnom Penh. David schläft nur wenige Meter entfernt.

Zwei Westler laufen an ihm vorbei, ein Junge und ein Mädchen. Er spricht sie an und lädt sie dazu ein sich auf den Teppich zu ihm zu setzen. Sein Englisch liegt weit über dem kambodschanischen Durchschnitt und hat einen leichten amerikanischen Akzent. Das liege daran, dass er fünfzehn Jahre in den USA gelebt hätte, erzählt er ihnen. Mit Unglauben schauen die beiden ihn an. Doch dann zeigt er ihnen seinen amerikanischen Führerschein. Soeun Khom ist sein richtiger Name.

Als junger Migrant in den Staaten gründete er eine Familie mit drei Kindern, ein Junge und zwei Mädchen. Es war schwierig ihnen das Leben zu ermöglichen das sie verdienten und bald geriet David in eine Bande. Er wurde kriminell, seine genauen Delikte bleiben sein Geheimnis, jedoch führten sie dazu, dass er aus den USA ausgewiesen und zurück nach Kambodscha geschickt wurde. Seitdem hat er wegen des Einreiseverbots seine Kinder nicht mehr gesehen.

Es ist ein hartes Leben, dass er nun führt. Ein paar Decken und ein Sack voll Sachen, das ist alles was David heute besitzt. Manchmal kommt die Polizei spät nachts und „räumt“ die Obdachlosen von der Straße. Dann werden ihnen alle ihre Besitztümer weggenommen und sie werden in Camps gebracht. „Boot Camps“ bezeichnet sie David. Erst vor zwei Wochen sei ihm das widerfahren, doch er hatte Glück und konnte aus dem Camp fliehen. Dabei verletzte er sich am Fuß und nun ist dieser dick angeschwollen. Er hat Schmerzen beim laufen, doch Geld für eine Salbe oder Medizin besitzt er nicht.

Kambodschas Trauma

Als 1975 der kommunistische Diktator Pol Pot und seine Roten Khmer an die Macht kamen, begann das wohl dunkelste Kapitel der kambodschanischen Geschichte. Innerhalb von nur vier Jahren wurde etwa ein Viertel der Bevölkerung ausgelöscht. Es war ein Genozid roher Gewalt von dem beinahe jede Familie betroffen war. Die Roten Khmer hatten es besonders auf die intellektuelle Elite abgesehen.Wer sich  weigerte als Bauer auf dem Land zu leben, fand ein grausames Ende auf den Killing Fields. Wer sich des Verrats verdächtig machte, wurde im Tuol Sleng Gefängnis in Phnom Penh zu Todegefoltert.

Aus den Massengräbern der Killing Fields geborgene Schädel.

Aus den Massengräbern der Killing Fields geborgene
Schädel.

Pol Pot wollte die Uhr tausend Jahre zurück drehen, zur goldenen Zeit Angkors. Seine   Truppen zerstörten jedes Anzeichen von Modernisierung in dem Land, was dazu führte,  dass die Wirtschaft innerhalb kürzester Zeit beinahe komplett einbrach. Kambodscha hat sich von dieser Vergangenheit bis dato nicht erholt. Das ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass der von der regierenden Partei Cambodian Peoples Party gestellte Premier Minister Hun Sen ein ehemaliger Kommandeur der Roten Khmer ist.

Heute ist Kambodscha eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Etwa 40 Prozent der 15 Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Allein in der Hauptstadt Phnom Penh leben mehr als 180 000 Menschen in so genannten informal settlements und etwa 20 000 Kinder, die Meisten davon Waisen, leben auf der Straße. Nicht selten werden diese schutzlosen Kinder zu Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Denn Sextourismus ist ein großes Geschäft in dem kleinen Süd-Ostasiatischen Land und ohne Fahndung fürchten zu müssen, kommt so mancher Westler genau für diese Kinder nach Phnom Penh.

Kaum Mitgefühl

Obwohl sich in den letzten zwei Jahrzehnten bereits viel verbessert hat (die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 40 auf 70 Jahre gestiegen), nicht zuletzt wegen des Touristen-Booms den das ehemalige Angkor Königreich seit wenigen Jahren erfährt, steht Kambodscha immer wieder in der Kritik von Menschenrechtsorganisationen. Vor allem der politische und gesellschaftliche Umgang mit Kranken und Schwachen lässt sehr zu wünschen übrig. In dem Land in dem man sich im Falle eines medizinischen Notfalls ernsthaft überlegen sollte nicht lieber schnell nach Thailand rüber zu reisen als sich in einem der hiesigen „Krankenhäuser“ vielleicht noch etwas Schlimmeres einzufangen, herrscht nur sehr bedingt Mitgefühl für die geschätzt jährlich 800 von Landminen verstümmelten Mitbürger. Das liegt an dem extrem weit verbreitetem Buddhismus und dem damit verbundenem Karma-Glauben. “Man bekommt was man verdient”, so denken hier viele. Ist ein Mensch also geistig Behindert, verkrüppelt oder obdachlos, dann ist er selbst daran schuld, weil er in seinem vorherigen Leben Schlechtes vollbracht hat und jetzt dafür bestraft wird.

So wird auch David oft von Leuten behandelt, respektlos, als wäre er ein schlechter Mensch. Deswegen redet er gerne mit Touristen, die denken anders.

Staatliche Folter

Die Boot Camps von denen David seinen neuen Freunden erzählt werden von offizieller Seite als Opportunity Centers bezeichnet und stehen immer wieder international in der Kritik. Die kambodschanische Regierung behauptet die Center dienen der Behandlung und Rehabilitierung von Drogenabhängigen. Doch in Wahrheit werden, besonders während öffentlichen Events und staatlichen Feierlichkeiten, Müllsammler, psychisch Kranke und Obdachlose (unter ihnen sogar Kleinkinder) von den Phnom Penh Sicherheitsbeamten gegen ihren Willen in diese Center gebracht. Dort gibt es dann nicht genug Nahrung und kein sauberes Wasser. Berichten zufolge geben die Center in der Regel nicht einmal 50 USD Cents pro Tag für die Verpflegung der Insassen aus. Noch viel skandalöser sind jedoch Berichte über Missbrauch und Folter, die Journalisten regelmäßig erreichen. Ehemalige Insassen erzählen, oft unter Tränen, von Schlägen mit Bambusstöcken. Sie werden behandelt wie Tiere, sagen sie.

Laut Human Rights Watch befinden sich etwa 2 000 Kambodschaner in diesen Center, die unter anderem Elektroschocks, Peitschenhiebe, Zwangsarbeit und militärartigen Drills ausgesetzt sind.

Aufeinander aufpassen

Eine Hauptstraße in Phnom Penh

Eine Hauptstraße in Phnom Penh

David ist stolz darauf, dass er aus eigener Kraft aus dem  so genannten Center hatte fliehen können und nicht wie seine Partnerin hatte warten müssen bis sie sie wieder frei ließen. Sie nähert sich langsam und kraftlos der kleinen Runde und legt sich in Fötus-Haltung auf den Teppich. David deckt sie sofort fürsorglich mit einer Decke zu,trotz 35 Grad im Schatten. Ich hab mir so Sorgen um sie gemacht.“ sagt er in seinem makellosen Englisch. „Wir kennen uns jetzt schon eine Weile und passen aufeinander auf. Manchmal bleibe ich nachts wach um sicher zu gehen, dass ihr nichts passiert. Wir achten hier alle aufeinander. Jeder hat Angst, dass   nachts die Polizei kommt und uns mitnehmen will.“ Seine magere Freundin zittert unter ihrer Decke und atmet schwer.

David legt beruhigend seine Hand auf ihre Schulter und streichelt sie während er den zwei jungen Westlern weiter seine Geschichte erzählt. Als er auf seine Familie zu sprechen kommt, steigen ihm Tränen in die Augen. Er hat den Kontakt zu seinen Kindern schon vor langer Zeit verloren. Er besitzt kein Telefon, keinen Computer und schlimmer noch: Er zweifelt daran, ob seine mittlerweile erwachsenen Kinder überhaupt Kontakt mit ihm wollen würden. „Ich liebe sie so sehr und vermisse sie jeden Tag. Manchmal frage ich mich ob sie ihren Dad auch vermissen. Ich weiß, dass alles meine Schuld ist und ich sie so oft enttäuscht habe.“ erzählt er und wird dabei immer trauriger. Er fängt an zu schluchzen und wischt sich seine großen, tief schwarzen Augen mit einem Tuch trocken. Nichts würde er sich mehr wünschen als sie zu sehen.

Seine Hoffnung ist, dass sie ihn eines Tages Vergeben und nach Kambodscha kommen um ihn zu besuchen. Er wird hier auf sie warten. Zwei Freunde von David stoßen zu der kleinen Runde dazu. Sie haben Selbst-gebrannten dabei und David packt Gläser aus. „Erweist ihr uns die Ehre?“ fragt er während sein Freund bereits einschenkt. Mit großem Respekt vor diesem bemerkenswerten Mann heben die zwei Westler ihre Gläser hoch und kippen den Schnaps runter.

Auf David.

 

Bericht und Fotos von Isabella Pianto

 

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27 Jun

Alkohol und Einkaufstüten

Schmutz und Flaschen, so sieht der Gießener Marktplatz fast immer aus

Schmutz und Flaschen, so sieht der Gießener Marktplatz fast immer aus

Streit und Geschrei

“Es ist eine super zentrale Lage, aber ist manchmal ist es schon komisch”, die 21-jährige Lena* wohnt, wie viele andere auch, in einer Wohnung in den dicht gedrängten Häusern am Gießener Marktplatz. Dieser ist  Treffpunkt für unterschiedliche Gruppen von Menschen, die sich dort versammeln um vor allem  Alkohol zu trinken. Danach werden die Flaschen achtlos auf den Boden geworfen. Auch Diebstahl ist nicht ausgeschlossen, kommt aber nicht massiv vor. Trotzdem fühlen sich Anwohner, wie Studentin Lena, unwohl  wenn sie in der Dunkelheit, über den schmutzigen Platz, zu ihrer Wohnung huschen. “Es gibt immer wieder Stress in den Gruppen die hier rumsitzen und es wird viel rumgeschrien”, bemerkt die Anwohnerin. ´

Auf den beschmierten und stinkenden Bänken will keiner sitzen

Auf den beschmierten und stinkenden Bänken will keiner sitzen

Um in Gießen ein Gefühl der Sicherheit zu garantieren, arbeitet die Gießener Polizei eng mit der Ordungsbehörde zusammen. Wie in vielen Städten ist das Geld knapp, trotzdem konnte eine mobile Polizeistation am Markt eingerichtet werden. Um die Lage am Gießener Marktplatz und Gießen allgemein trotzdem besser kontrollieren zu können, bildet die Polizei nun auch freiwillige Helfer aus.” Dabei setzen wir immer auf Kommunikation, denn diese Leute sind ja keine Außerirdischen”, beteuert die Magistratssprecherin.

Was bisher getan wurde

Das bedeutet natürlich nicht, dass bisher nichts unternommen wurde um den Alkoholkonsum und den Vandalismus am Markt in den Griff zu bekommen. So wurde der, tagsüber mit Tauben und Menschen gefüllte Platz, in der Vergangenheit von Kameras überwacht. Doch diese Maßnahme scheiterte, so Boje, daran, dass es nicht genug Straftaten gab um die Überwachung zu rechtfertigen.”Denn schließlich leben wir ja nicht in einem Überwachungsstaat”. Weitere Ideen den Marktplatz zu einem unattraktiveren Treffpunkt für die trinkenden und oft pöbelnden Gruppen zu machen, scheiterten ebenfalls. So hatte es 2012 eine Anfrage an die Supermärkte um den Marktplatz gegeben, mit der Bitte, keinen Alkohol mehr zu verkaufen, wie es bereits seit 2007 in Marburg der Fall ist. Auch der Versuch mit Attraktionen, wie einem Kinderkarussell ein anderes Publikum auf den Markt zu holen, gelang  nicht, wie der Gießener Anzeiger berichtete.

Abgrenzung

Hund Fusko sitzt den ganzen Tag brav neben Herrchen Nazar, solange der um Geld bittet

Hund Fusko sitzt den ganzen Tag brav neben Herrchen Nazar, solange der um Geld bittet

“Dabei ist es falsch alle in einen Topf zu schmeißen”, warnt Claudia Boje. Es gibt auf dem Marktplatz Obdachlose, sowie Menschen mit einem Dach über dem Kopf, Arbeitslose und Arbeitende, Diebe und Punks, die dort ihre Zeit verbringen. Einigen dieser Menschen kann man durch soziales Engagement helfen. Dafür setzt sich zum Beispiel  die Diakonie, mit sogenannten Streetworkern, ein. Diese wollen denen, die Hilfe brauchen und annehmen, den Start in ein geregeltes Leben ermöglichen. Doch nicht alle wollen das. “Und sobald eine Gruppe geht, kommt eine andere an deren Stelle”, erklärt Pressesprecherin Boje. Auch zwischen den Gruppen und Einzelpersonen am Brennpunkt Marktplatz gibt es klare Unterschiede und Hierarchien.

Etwas unterhalb des Marktplatzes, im Seltersweg, sitzt ein älterer Mann mit grauen Haaren auf dem Boden, vor sich eine Schale mit einigen Geldstücken darin. Seinen Namen will er nicht sagen und bei Fotos winkt er ab. Im folgenden wird er Nazar genannt.Nazar sagt in gebrochenem Deutsch, dass er nicht “so ist wie die da oben”. Mit einer unbestimmten Handbewegung zeigt er zum Marktplatz. Der gebürtige Ukrainer beteuert immer wieder,” trinke nur Wasser nur Wasser nix Alkohol”. Dort oben am Markt kann er nicht sitzen, da gehört er nicht hin, erklärt er und lächelt zahnlos.

Trotz großer Bemühungen die Umstände am Gießener Marktplatz zu ändern, hat bisher keine der administrativen  Maßnahmen in vollen Umfang gefruchtet. Dennoch hoffen Anwohner, dass in Zukunft, durch verstärkte Polizei und Helferpräsens, das Gefühl der Ordungssicherung wieder hergestellt werden kann. Damit sie auch ohne ein beklemmendes Gefühl  im Bauch abends in ihre Wohnungen zurückkehren können.

 

Reportage und Fotos von Kim Melina Hornickel

 

*Name geändert

 

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24 Jun

Halt durch, Digger – Selbstversuch Skaten

13514304_1310004349028088_1179056869_nSkateboarding ist bekanntlich kein Sport für Weicheier. Das darf ich am eigenen Leib erfahren, als ich mich einen Tag unter Skater mische.

Der Skatepark ist knapp einen Kilometer weit weg. Eine ziemlich lange Strecke für Jemanden, der in seinem Leben bisher nur wenige kurze Male auf einem Skateboard stand – So jemanden wie mich zum Beispiel. „Du musst dich mehr pushen!“, ruft mir mein Kumpel aus der Ferne zu. Ich bin langsam und konzentriere mich hauptsächlich darauf die Balance zu halten. Bloß nicht fallen, heißt die Devise. Der Fahrtwind lässt meine  Augen Tränen und ich habe Probleme mich zusätzlich auch noch auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Immer wieder steigt mein Kumpel von seinem Board und wartet auf mich, läuft neben mir her und gibt mir Tipps. „Stell deinen Fuß nicht soweit nach vorn!”

Als wir den Skatepark endlich erreichen, bin ich schon ganz fertig. Ich schaue mich um und weiß nicht wo ich Anfangen soll. Einige Typen fahren rum und üben Tricks. Ich versuche mich an einer geraden Strecke mit  An- und Abstieg an den Enden. Ich positioniere mein Board kurz vor dem Abstieg, pushe mich ganz sanft, kneif die Augen zu und rolle drauf los. Runter geht’s, ich stehe noch. Das mache ich nochmal und nochmal, ab und zu komme ich ins Wackeln, und nochmal.

Immer mutiger

Ich werde immer mutiger, immer schneller. Auf einmal verliere ich die Kontrolle und lande mit der linken Hälfte meines Gesäßes auf dem Beton: „Autsch“! Das tat weh. Um den Schock über den plötzlichen Fall zu verdauen gehe ich erst mal eine rauchen und setze mich zu ein paar Anderen. Ein Skater namens Manu spendet mir Trost: „Jeder hat mal angefangen.“ Er ist vor ein paar Wochen schwer gestürzt und trägt nun ein Metallgestell um den linken Arm. „Schmerzen gehören zum Skaten einfach dazu, man gewöhnt sich dran.“ Während ich rauche beobachte ich wie die Anderen durch den Park rollen und bin fasziniert von der suggerierten Leichtigkeit dieses Sports. Ich genieße die Zuschauerrolle für eine weitere Zigarette. „Weißt du, das ist auch ein Teil davon“ erklärt mir Manu. „Skaten, hier rumsitzen, Kippen rauchen, ab und zu ein Bierchen trinken und Einen kiffen, das ist der Skaterlifestyle.“

Ich schwinge mich aufs Board und nehme die gleiche Strecke wieder in Angriff. Ich fahre den Abstieg runter und den Anstieg hoch bis alles klappt. Immer wieder fühle ich mich wie ein Hindernis für die, die das schon seit Jahren machen. Denn ich bin langsam und unberechenbar für die Anderen und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich sie störe. Mit jedem Mal, wenn ein Skater für mich bremsen oder mir ausweichen muss fühle ich mich schlechter.

Besser als die “kiddies auf Miniroller”

„Mach dir keine Sorgen.“ sagt mein Kumpel. „Wir alle wissen, wie das ist. Solange du hier auf nem Skateboard stehst und nicht auf nem Longboard, oder gar auf nem Miniroller, akzeptiert dich hier jeder.“, ergänzt er lachend. Oh ja, Miniroller. Wie ich an diesem Tag erfahre, hassen Skater „kiddies“ auf Miniroller. Die würden nur alle stören und dazu noch scheiße aussehen, wird mir gesagt. Zum Glück versuche ich skaten zu lernen, denke ich mir und fahre weiter.

„Hey, du fährst Goofy.“ bemerkt einer der Typen, die ich grade kennengelernt habe.

„Bitte was?“

„Goofy. Wenn du mit dem rechten Fuß auf dem Board stehst, dann nennt man das Goofy. Mit dem Linken nennt man´s Regular.“

Das Board habe ich mir von meinem Kumpel geliehen. Er hat es mir gegeben, weil es dickere Rollen hat und deshalb besser zum lernen sei, was hier allerdings Einige anders sehen. „Wenn du das Ding beherrschst, beherrschst du jedes Board.“ bemerkt Manu. Na Danke, denke ich mir und schaue runter auf das Ding, auf dem die weisen Worte „Halt durch, Digger“ gesprayed sind.

Schmerz gehört dazu

Es haut mich ein zweites Mal auf den Beton nachdem ich ein wenig zu mutig geworden war. Doch dieses Mal steige ich sofort wieder auf und lebe mit dem Schmerz. Später erzählt mir mein Kumpel, dass man beim Skaten lernt mit Schmerz umzugehen, man entwickelt ein ganz anderes Gefühl für Schmerz und empfindet ihn nicht mehr so stark. Kurz darauf fällt er aus zwei Metern Höhe von den Ramp auf seine Schulter und muss lachen. Mittlerweile habe ich gelernt wie man richtig auf dem Board steht: Die Füße auf die Kante gerichtet und die Schultern parallel zum Board, nur beim Schwung holen den Fuß nach vorne richten. Es bereitet mir jedoch große Schwierigkeiten meinen Körper parallel zum Board zu halten und ich verrenke mich andauernd komisch. Bald möchte ich wissen wie man das Board dreht, damit ich schneller Kurven fahren kann.

„Lern erst mal sicher zu stehen“

werde ich verspottet, doch das hält mich nicht davon ab es zu versuchen. Ich stelle also meinen vorderen Fuß relativ mittig und meinen hinteren ans allerletzte Ende des Boards und drücke ihn leicht runter. Nun balanciere ich auf den Hinterrollen und bin überrascht wie viel Kontrolle ich doch noch zu haben scheine. Jetzt werde ich wieder übermütig: Ich fahre zick zack, mache erst 90, dann 180 Grad Drehungen. Ab und an rutscht mir das Board unter den Füßen weg, doch ich habe so viel Spaß, dass mich ein paar kleine Kratzer an Händen und Knien nicht weiter beeindrucken. Als mir die Jungs erzählen, wo und wie sie sich schon überall verletzt haben, fällt mir auf, dass ein einfacher Knochenbruch mitunter noch das Beste zu sein scheint was einem als Skater passieren kann. Hoffentlich bleibt mir das so lange wie möglich erspart.Als ich mich am Abend ins Bett lege spüre ich jeden Muskel in meinen Beinen, doch das macht mir nichts aus, denn dafür hat mir das Skaten zu viel Spaß gemacht.

 

Bericht und Foto von Isabella Pianto

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22 Jun

Foodsharing – Wenn teilen nur immer so lecker wäre

Gesundes Essen ganz umsonst

Foodsharing findet beinahe täglich im Café Amelie (Walltorstraße 17, 35390 Gießen) statt. Es handelt sich dabei um eine kostenlose Fairteilung von Lebensmitteln, die Bauern und Betriebe abgeben, damit sie kein trauriges Ende im Kontainer finden.

“Kein trauriges Ende im Kontainer”

Foodsharing 2

Food Sharing ganz nach dem Motte „Restlos glücklich“.

 

 

Das Prinzip ist einfach: Man geht hin, nimmt sich von dem leckeren Obst, Gemüse oder Backwaren was mit und geht wieder. Ohne selbst etwas mitbringen oder bezahlen zu müssen.

Foodsharing 4

Es darf ruhig ordentlich zugegriffen werden

 

 

 

 

 

 

 

“Im Kampf gegen Verschwendung”

Der Sinn der Sache soll sein, der Wegwerfgesellschaft entgegenzuwirken. Jeder ist herzlich dazu eingeladen einfach mal vorbeizuschauen und/oder sich als freiwilliger Helfer zu engagieren.

 „Was zum...?!“ Eine UNIversum Redakteurin entdeckt Neues

Was zum…?!“ Eine UNIversum Redakteurin entdeckt Neues

 

 

Die Food Saver Crew ist sechs Tage die Woche im Einsatz um der Verschwendung den Kampf anzusagen, dabei können sie jeden Helfer gut gebrauchen, gesteht Antje.

Das Foodsharing-Team

Das Foodsharing-Team

 

Mehr Informationen zum Foodsharing in Gießen und genaue Fairteilungszeiten findet Ihr unter auf der Facebook-Seite. Für weitere Informationen zur deutschlandweiten Foodsharing-Organisation klicke hier.

 

Fotos von Isabella Pianto und Kim Melina Hornickel

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19 Jun

Wenn der Opa ein Mörder ist – Die Geschichte von Jennifer Teege

Jennifer Teege spricht in Gießen über ihre Familiengeschichte

Wie fühlt es sich an, wenn man ein dunkles Familiengeheimnis lüftet? Jennifer Teege beschreibt genau das in ihrem Buch „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“. Erst mit über 30 fand die Tochter eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter heraus, dass sie die Enkelin des KZ-Kommandanten Amon Göth ist. In der Gießener Pankratiuskirche sprach sie über den ersten Schock, ihre eigene Identität und das Unverzeihliche.

Sie ist 38 als Jennifer Teege in der Hamburger Zentralbücherei durch die Bücherregale geht. Zufällig findet sie ein Buch, das ihr Leben ändert. Auf dem Titelbild sieht sie ein bekanntes Gesicht: Ihre leibliche Mutter. Der Titel: “Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?”.  Sie schaut sich das Werk genauer an – es geht um Amon Göth, den Mörder; Amon Göth, ihr Großvater.

Familiengeschichte

Teege war in einem Kinderheim und später in einer Adoptivfamilie aufgewachsen – über ihren leiblichen Großvater wusste sie kaum etwas. Erst durch den Fund des Buches erfährt sie, wer und was er war und dass er zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hat. Dieses Wissen stürzt sie zunächst in ein tiefes Loch. Auch stellte sich ihr die Frage, ob sie Amon Göth nun als ihren Großvater oder als historische Figur betrachten solle. Diesen Amon Göth, der KZ-Kommandant, dessen Sadismus durch den Film „Schindlers Liste“ einem Millionenpublikum vor Augen geführt wurde. Sie beginnt sich über ihren Großvater zu informieren und die Familiengeschichte aufzuarbeiten. So reist sie beispielsweise nach Krakau um das Haus zu sehen, in dem Amon Göth lebte. Teege berichtet, dass sie im Leben ihres Großvaters nach einer Erklärung gesucht hat, wie er zu dem wurde, der er war – ohne Erfolg. Für ihn und seine Taten hat sie kein Verständnis.

Das Leiden der Zweiten Generation

Es wird jedoch nicht nur der Großvater thematisiert, sondern auch ihre Mutter und

DIe Tochter eines Nigerianers kann ihrem Großvater nicht verzeihen

Die Tochter eines Nigerianers kann ihrem Großvater nicht verzeihen

Großmutter. Erstere, weil sie Teege die familiäre Vergangenheit verschwieg und den Kontakt zu ihr mehrfach abbrach. Zweitere, weil Teege sie als Kind sehr mochte. Besonders das Verhalten der Mutter wog schwer. „Der erste Schock war nicht, dass Amon Göth mein Großvater war, sondern, dass meine Mutter mir nichts gesagt und mich verleugnet hat“, erklärt Teege. Diese scheint unter dem Wissen über den eigenen Vater bis heute schwer zu leiden. Das sei laut Teege ein typisches Symptom in der „zweiten Generation“, der Generation, deren Eltern den Nationalsozialismus erlebt haben und zum Teil zu Tätern wurden. Da sie nun weiß, wie sehr ihre Mutter unter ihrer Vergangenheit leide, könne Teege mittlerweile besser verstehen, dass sie mehrfach den Kontakt zu ihrer Tochter abbrach. Die Mutter ist im gesamten Buch ein zentrales Thema.

Zwiespalt

In einem letzten Abschnitt widmet sich Teege ebenfalls noch einmal ihrer Großmutter. Sie beschreibt, wie sie ein Interview mit ihr gesehen hat, das für eine Dokumentation geführt wurde. Noch Jahrzehnte später scheint ihre Großmutter nichts zu bereuen. Teege beschreibt den Zwiespalt in dem sie sich befindet. Einerseits mag sie ihre Großmutter, andererseits kann sie die Mittäterschaft nicht verstehen. Am Ende bleibt die Frage, ob ihre Großmutter zu mögen bedeutet, die Taten ihres Großvaters zu ignorieren. „Ich hätte gerne einen anderen Großvater, aber immer wieder gerne diese Großmutter“, zieht sie schließlich ihr Fazit.

Erinnerungskultur und eigene Vergangenheit

Abseits der Lesung werden auch Themen, wie die heutige Erinnerungskultur an diesem Abend thematisiert. „Es ist erstens sehr wichtig, um den Opfern Respekt zu zollen“, findet Teege, „Und zweitens, weil es Menschen gibt und davon immer mehr, die den Holocaust leugnen, als Zeugnis.“ Dabei sei es jedoch nicht nur wichtig über die Vergangenheit zu sprechen, sondern auch Wege zu finden, dass sich Genozide in Zukunft nicht mehr wiederholen. Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und Identität hält Teege für sehr wichtig. Sie selbst litt lange Zeit an Depressionen und habe diese erst durch die Lüftung und Verarbeitung des Familiengeheimnisses überwinden können. Teege ist der Meinung, man könne vor der Vergangenheit nicht davonlaufen. Man solle aber auch niemanden dazu drängen darüber zu sprechen, der das nicht möchte. Sie selbst hat auch ihren Kindern bereits berichtet, wer ihr Großvater war.

Artikel und Fotos von Tatjana Döbert

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16 Jun

Leiden unter Vorurteilen – Das Schicksal von Sinti und Roma

Sinti und Roma

Häufige Opfer von Vorurteilen: Sinti und Roma

Rassismus ist mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen – das zeigt auch eine neue Studie der Universität Leipzig. Zwei Gruppen, die bereits seit Jahren darunter leiden: Die Sinti und Roma – abwertend auch häufig als Zigeuner bezeichnet. Um dem entgegen zu wirken veranstaltet das Referat für Antirassismus regelmäßig Vortragsreihen: Dieses Semester mit dem Fokus auf Antiziganismus.

Ihre Motivation beziehen die jungen Studierenden aus ihrem politischen Interesse. Ihr Anspruch: Politische Bildung durch Aufklärungsarbeit erreichen. “Politische Bildung ist einer der wichtigsten Wege, Menschen außerhalb der Medien aufzuklären”, sagt einer der Mitglieder. Unter dem Titel Gegen das Gesetz und die Gesetzlosigkeit. Zur Sozialpsychologie des Antiziganismus findet heute, 16. Juni,  um 19 Uhr die nächste Möglichkeit für politische Weiterbildung im Großen Zoologischen Hörsaal der JLU statt. Der Referent Sebastian Werner spricht von den Wirkungsmechanismen Antziganistischer Ressentiments und geht mit einem psychoanalytischen Ansatz auf die Frage ein – Warum werden den Menschen solche Vorurteile zugeschrieben?

Vorurteile

Antiziganismus ist eine Form von Rassismus, wobei Menschen aufgrund von Zuschreibungen und Vorurteilen als Zigeuner bezeichnet und identifiziert werden. Er betrifft nicht nur die Sinti und Roma, sondern auch Menschen die aufgrund Ihres Verhaltens oder Ihrer Herkunft als Zigeuner bezeichnet werden. Das stereotype Bild eines Zigeuners bzw. zigeunerisches Verhaltens prägen zugeschrieben Eigenschaften wie Unzivilisiertheit, eine fehlende Identität sowie ein parasitäres und arbeitsscheues Leben so auch die Vorstellung, dass sie nicht nach unseren Regeln und unseren Gesetzen leben können. Dabei stellt der Begriff Zigeuner eine diskriminierende Fremdbezeichnung dar und beinhaltet immer negative und rassistische Zuschreibungen, deshalb – so das Referat – müsse dieser abgelehnt werden. Nach einer Studie des Politologen Markus End,  fördere etwa die Bundesregierung zurzeit keine Projekte gegen Antiziganismus. In den entsprechenden Programmen gegen Rassismus und Diskriminierung spielt das Thema, wenn überhaupt, eine nebensächliche Rolle. In Deutschland gibt es keine institutionalisierte akademische Antiziganismusforschung, in den zentralen Bereichen zu Antiziganismus bestehen Forschungslücken, so Markus End.

Antiziganismus seit Jahrhunderten

Unbestreitbar sei, dass Antiziganismus in der gegenwärtigen Mehrheitsgesellschaft existierte. Er sei kein Produkt neuester Zeit, sondern basiere auf überlieferten Zigeuner-Bildern, die in der Gesellschaft über Jahrhunderte fortbeständen. Zu einer konkreten Bildungsarbeit solle auch der “kritische Umgang mit den Medien” gehören, so Dr. Rubina Zern, Historikerin und wissenschaftliche Koordinatorin des Arbeitsbereichs „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg. Stereotype antiziganistische Bilder sind in den Medien, in der Literatur, im Film und Fernsehen omnipräsent und werden selten hinterfragt. In Berichten über Armutszuwanderung und Einbrecherbanden werden vorhandene Klischees reproduziert, zumal von den Journalisten selbst, nicht erkannt und hinterfragt.

 

Text von Isabella Iskra

Bild von Stanislaw Mucha: Dokumentation: Zigeuner, 2007

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15 Jun

Braucht Deutschland eine neue Islam-Berichterstattung?

Karen Krüger stellt sich den Fragen zur Islam-Berichterstattung

Karen Krüger stellt sich den Fragen zur Islam-Berichterstattung

Die Frage nach dem Umgang mit dem Islam spaltet Deutschland und seine Medienlandschaft. Einige sehen in der Religion eine radikale Gefährdung der Demokratie  oder der deutschen Kultur und formieren sich in Bündnissen oder politischen Parteien. Andere versuchen im aktuellen Islam-Diskurs zu vermitteln und nicht nur einen Dialog, sondern auch viele verschlossene Augen zu öffnen. So, wie Journalistin Karen Krüger.

Karen Krüger, FAZ- Journalistin,  sprach an der JLU zu den Themen Medien, Islam und Türkei. Sie erzählte von ihrem Weg in den Journalismus, der mit einer Reportage über den Völkermord in Ruanda begonnen hatte. Durch ihren vierjährigen Aufenthalt in Istanbul, wo sie mit 14 Jahren eine deutsche Schule besuchte, sei sie schon früh in den Kontakt mit der Türkei und dem Islam geraten.

Eine Reise durch das islamische Deutschland

Krüger zeichnet sich allerdings nicht nur als etablierte Journalistin mit dem Schwerpunkt Islam und Türkei aus, sondern auch als Publizistin. In ihrem ersten Buch mit dem Titel „Bosporus Reloaded“ schreibt sie über die Gezi-Proteste und ihre journalistische Arbeit während der Demonstrationen junger Türken im Herzen von Istanbul. Sie sei erstaunt gewesen, welche Leserreaktionen sie auf ihre Artikel erhielt, die sie für die FAZ geschrieben hatte. Viele Leser seien überrascht gewesen über die junge türkische Generation, die sich gegen die Unrechtmäßigkeiten der Obrigkeit auflehnte, und nicht den typischen Klischees und Vorurteilen entsprach. Diese Diskrepanzen und Eindrücke fanden letztlich Platz in ihrem Buch und sollten die üblichen Ressentiments über Türken, aber auch den Islam beseitigen.

Schließlich durften sich die Gäste auch über eine kleine Weltpremiere freuen. Die Journalistin trug einen Auszug aus ihrem aktuellen Buch „Reise durch das islamische Deutschland“ vor, das in Kürze erscheinen wird. Für ihre Recherchen zu diesem Werk reiste sie durch Städte in ganz Deutschland, um mit Muslimen zu sprechen, die eben nicht durch Radikalität, Hass oder Kriminalität auffallen, sondern ihre Religion friedlich praktizieren und ausleben. Sie beschrieb die Wände von Vorurteilen, auf die sie traf. Beispielsweise von der Konfrontation einer jungen Anhängerin einer Freikirche mit der Thematik des Islams. Die Auffassung, dass es ausschließlich einen radikalen Islam gebe, sei evident, sagte Krüger. Befeuert würden solche Thesen auch von Büchern wie “Islamischer Faschismus” des Autoren Hamel Abdel-Samad, eines zum Christentum konvertierten Ex-Muslimen, der seiner ehemaligen Weltreligion faschistoide Tendenzen unterstellt hatte.

Medien in der Verantwortung

Karen Krüger erzählte von Erfahrungen, die sie in einem Zeltlager gemacht hatte, auf dem sich christliche und muslimische Kinder ohne Vorbehalte kennenlernten. Als einen weiteren Grund für die Verschlechterung des Islambildes sieht Krüger vor allem  die Medien in der Verantwortung. Als Beispiel führt sie die Berichterstattung des Focus an, der im Rahmen einer Reportage eine schwarz verschleierte Frau auf dem Cover abbildete und mit „Die dunkle Seite des Islam“ titelte. Auch der Artikel selbst dämonisierte den Islam, unterstellte diesem, dass er die Meinungsfreiheit bedrohe und urteilte, dass er vielleicht einfach einen Luther brauche. Krüger antwortete darauf scharf und schrieb in ihrem Buch, dass der Focus vielleicht einfach nur gute Journalisten benötige. Sie bemängelt weiterhin, dass in den deutschen Medien oftmals Bilder gewählt werden, die eine Fremdheit und eine kulturelle Unvereinbarkeit suggerieren, den Islam gar als reine Ideologie der Eroberung und Missionierung darstellen. Viel zu selten kämen gläubige Muslime zu Wort, die sich in Deutschland integriert haben und nicht der Bipolarität entsprechen, in der es nur Gut und Böse gibt.

 

Artikel und Foto von Maurice Jelinski

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14 Jun

Mit dem Schlammbeiser durch die Geschichte Gießens

Schlammbeiser Peter Meilinger, hat sich das historische Wissen zu seinen Führungen selber angelesen.

Schlammbeiser Meilinger hat sich das historische Wissen zu seinen Führungen selber angelesen

Es ist ein heißer Sonntag im Juni, trotzdem steht ein Mann mit schwarzer Kappe und rotem Halstuch auf dem Kirchenplatz. Eine bunt gemischte Gruppe aus Studenten, Familien und Senioren hat sich um ihn herum versammelt. Die Teilnehmer der Gießener Stadttour richten all ihre Aufmerksamkeit auf Peter Meilinger, den “Schlammbeiser”.

Es ist nicht Karneval, sondern der Beginn einer historischen Stadtführung. Meilinger hat sich, trotz der Hitze, ganz in Schlammbeiser Art gekleidet: Mit einem roten Halstuch, einem weißen Hemd und darüber eine braune Weste. Bei sich trägt er einen Eimer. Neben ihm steht das Denkmal seines historischen Vorbildes Wilhelm Westbrock, der in den Händen eine Eisenstange zum Leeren der mittelalterlichen Aborte hält. Neben ihm steht ebenfalls ein Eimer für die schmutzigen Abfälle.

Braunes Häufchen

Von den Straßen Gießens geht es hoch hinaus über die Dächer der Stadt und die 172

Na, was das wohl ist?

“In Gießen gibt es mehr zu entdecken als man denkt”, Meilinger beantwortet gerne alle Fragen

Stufen der ehemaligen Wasserburg hinauf. Der Schlammbeiser stapft mit großen, schwarzen Stiefeln voran. Oben angekommen sind Jung und Alt aus der Puste, aber es hat sich gelohnt.

An die Michaeliskapelle angeschlossen war der Wehrturm des mittelalterlichen Gießens. Eine schnelle Einsatztruppe war in der Burg stationiert, um die Stadt vor den wiederkehrenden Angriffen von Räuberbanden zu schützen. Alle lauschen gebannt diesen spannenden Erzählungen. Da holt Meilinger plötzlich ein braunes Häufchen aus seinem Blecheimer und verkündet, dass die Stadt zu

dieser Zeit zum Himmel gestunken habe, sein anschauliches Beispiel erzeugt schallendes Gelächter, das an den Wänden der Kirche wiederhallt.

Heute kann man allerdings ohne Angst auf den Turm steigen und die schöne Aussicht auf

Gießen kann so schön sein - von oben

Gießen kann so schön sein – von oben

Gießen genießen. Von hier oben sieht man die jüdische Synagoge, das alte Zeughaus und gleich daneben den botanischen Garten, der der Älteste in Deutschland ist.

Rauf und Runter

Nach dem Abstieg folgt die sommerlich gekleidete Gruppe, auf der Spur des ursprünglichen Gießener Stadtwappens, Meilinger in die kühlen Gewölbe des Leib´schen Hauses hinunter. In dem schwach beleuchteten Raum ist in einer Ecke das Wappen mit einem geflügelten Löwen zu sehen. “Eigentlich gehört das Wappen an unser Rathaus und nicht in ein Museum”, findet der Stadtführer. Zustimmendes Gemurmel ist im dicht gedrängten Publikum zu hören.

Viele bekannte Persönlichkeiten

Als die Teilnehmer blinzelnd ins grelle Sonnenlicht hinaus treten, scheinen sie erleichtert. Über eingelassene Stolpersteine im Boden, die an prominente Aidstote erinnern sollen, geht es zum alten Hotel “Zum Einhorn”. Da wo heute eine moderne Bank ist, war im 19 Jahrhundert ein glamouröses Hotel. Hier stiegen bis zum zweiten Weltkrieg viele bekannte Persönlichkeiten der Geschichte ab. “Hier sind berühmte Leute wie Wilhelm von Preußen, Theodor Heuß oder Justus Liebig gewesen”, erklärt Meilinger und stülpt seine Daumen zufrieden in die Knopflöcher seiner Jacke.

Original Aufnahme eines Schlambeisers

Der Original-Schlammbeiser Wilhelm Westbrock in seiner Arbeitskleidung und mit Holzkarren

Als das kleine Grüppchen sich schließlich vor einem unscheinbaren Hauseingang hinter der Schlammbeiserstatur versammelt, deutet Meilinger auf ein kleines Schild über der Tür. “Anstatt eines Denkmals hat Elias Metschikof, der Nobelpreisträger für Immunbiologie, nur das kleine Schild hier bekommen”, bedauert der Schlammbeiser.

Sein Publikum jedoch, das bis zuletzt fast vollzählig geblieben ist, hat Meilinger nicht enttäuscht. Ringsherum schauen ihn lächelnde Gesichter an und interessierte Nachfragen gibt es bis zum Schluss. “Ich fand die Stimmung die ganze Zeit sehr schön, weil Herr Meilinger jede unserer Fragen beantworten konnte und die Tour an so vielen interessanten Orten war”, freut sich die 21 jährige Studentin Pia aus Bad Hersfeld.

Für Stadtführer Meilinger heißt es jetzt raus aus den warmen Stiefeln und erst einmal den Durst löschen, denn sein Mund ist durch das viele Erzählen ganz trocken geworden.

Interessiert an Gießener Geschichte – dann schaut mal hier.

 

Artikel und Fotos: Kim Melina Hornickel

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12 Jun

Die Flagge: Der erste Schritt zum Nationalisten

Flags_onu_geneva2Viele Deutsche, sobald sie auf Nationalflaggen-Kritik stoßen, beklagen, warum man denn als Deutscher nicht auch mal Flagge zeigen und stolz sein dürfe. Was sie nicht verstehen; es geht nicht um die deutsche Flagge. Es geht um alle Flaggen.

Eine Flagge ist DAS Nationalsymbol schlechthin. Es gibt kein allgemeingültigeres Identifikationszeichen mit einem Staat als dessen Flagge. Jeder Mensch, der sich mit einer Flagge identifiziert, (sie auf sein Auto klebt, aus seinem Fenster hängt, auf seine Stirn malt oder in seinem Vorgarten hisst) ist demnach auf dem besten Weg zum Nazi, weil er sich einer Nation so stark zugehörig fühlt, dass er das Verlangen verspürt, deren Flagge zu zeigen.

Man möchte anderen Leuten seine Zugehörigkeit beziehungsweise seine Solidarität mit einem bestimmten Staat zeigen. Das vereint einen mit den Anderen, die sich zu dem selben Staat bekennen und dadurch exkludiert man Jene, die Flaggen anderer Staaten zur Schau stellen.

Und genau das ist der Punkt: Flaggen schaffen offensichtliche Gemeinschaften und fördern somit Rivalitäten zwischen diesen.

Das Tragen einer Flagge ist der erste Schritt zum Nationalisten.

 

Ein Kommentar von Isabella Pianto

Foto: Wiki Commons/Yann (talk)

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12 Jun

Flagge zeigen gegen Nationalismus

Flags_onu_geneva2Mal ehrlich: Es wird langsam Zeit den selbst ernannten Patrioten aus Pegidistan und den am Abend spaziergehenden Abendlandrettern das Schwarz-Rot-Gold zu entreißen, denn sie scheinen die Bedeutung der Farben nicht wirklich verstanden zu haben. Denn Werte wie Einigkeit, Freiheit und gleiche Rechte für Alle passen nicht zu Menschen, die christliche Werte dadurch retten wollen, indem sie Flüchtlinge im Meer ertrinken oder an Grenzen erschossen sehen wollen. Ihnen stehen andere Flaggen mit anderen Farben und Formen zu, vorzugsweise Kreuzen. Schwarz-Rot-Gold gilt nicht nur für Deutsche, sondern für alle Menschen in Deutschland; auch den Menschen, die Deutsche werden wollen. Schwarz-Rot-Gold: Farben für Menschen mit allen Hautfarben.

Dieser Kommentar soll kein Plädoyer für die deutsche Flagge sein. Fakt ist aber: Der Nationalstaat wird so schnell nicht verschwinden, erst recht nicht in Zeiten, in denen Populisten rund um den Globus gegen Globalisierung und für Abschottung krakeelen. Umso mehr sollten Demokraten sich auf grundlegende Werte besinnen und verhindern, dass Rechtsextremisten Symbole grundlegender Werte für sich pachten. Es kommt darauf an, wer eine Flagge hisst oder schwenkt. Zelebrierter dumpfer Nationalismus kann ausgrenzen, Flaggen können aber auch Identität für eine Gemeinschaft über die kritisierten Nationengrenzen hinweg schaffen und Nationlismus überwinden.

So machen Regenbohnenfahnen für den Kampf Homosexueller um die gleichen Rechte aufmerksam. Goldene Sterne auf azurblauem Grund bilden die Europaflagge und stehen für den Weg des Kontinents von einem Schlachtfeld zu einer vereinigten Union.

Ein Kommentar von Daniele Castello

Foto: Wiki Commons/Yann (talk)

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