29 Apr

“Geschichte besteht nicht nur aus ollen Kamellen über tote Männer”

Susanne Spröer im Interview mit Kim Melina Hornickel

Susanne Spröer im Interview mit Kim Melina Hornickel

Zurück zu ihren Wurzeln – das hat sich wohl Susanne Spröer gedacht, als sie an ihre alte Uni in Gießen zurückkehrte. Die Magister Absolventin des Studienganges Fachjournalistik Geschichte, hatte ihrer nachfolge Generation so einiges an Erfahrungen mitgebracht, die sie während ihrer Zeit als Journalistin beim WDR und der Deutschen Welle gesammelt hat. Ein Bericht von Kim Melina Hornickel über den Alltag einer Journalistin, die Zukunft der Geschichte und was sich junge Journalisten merken sollten.

“Fragen sie mir Löcher in den Bauch”, forderte Spröer gleich zu Beginn auf. Neugier – so erzählt sie später – sei ungemein wichtig in diesem Job. Sie selbst hat bereits während ihres Studiums an der JLU, welches sie 1993 abgeschlossen hat, als Freie Journalistin für eine Zeitung gearbeitet. Ihr anschließendes Volontäriat beim WDR, wo sie für die nächsten 13 Jahre tätig war, ebnete ihren Weg zur Deutschen Welle. Geschichtsdokumentationen, Beiträge für Hörfunk und Internet – all das hilft ihr heute im Job als Head of Culture bei der deutschen Welle, wo sie seit vier Jahren für die deutsch- englische Kultur-Onlineredaktion, verantwortlich ist. Ziemlich viel zu tun, “dabei sind wir nur ein Teil eines Größeren”, erklärt Spröer. “Schon morgens um halb neun finden die ersten Konferenzen statt.” Zunächst seien es kleinere Gruppen und im späteren Tagesablauf auch im größeren Plenum. Dabei kämen journalistische  Arbeiten aus Zeitmangel oft zu kurz, bedauert Spröer. Dagegen würden Telefonkonferenzen an der Tagesordnung stehen  und ein hohes Maß an Koordination sei nötig.

Denn der Onlineauftritt, die Radio- und Fersehprogramme der “Deutschen Welle” umfasst circa 3000 festangestellte und freie Mitarbeiter. Das Fernsehprogramm mit Sitz in Berlin, erscheint in vier Sprachen und die Online-Seiten mit Sitz in Bonn, in weiteren

Die Nachwuchsstudenten hören dem Profi bei ihrem Vortrag aufmerksam zu

Die Nachwuchsstudenten hören dem Profi bei ihrem Vortrag aufmerksam zu

26 Sprachen. Dabei würde nicht einfach übersetzt werden, sondern die Texte würden adaptiert, also an die jeweiligen Zielregionen angepasst, erklärte Spröer. Es gebe einen “Informationspool”, aus dem alle Redaktionen schöpfen können. Jede (Sprach)-Redaktion berichtet aber auch regional.

Vor allem durch die relativ neue Plattform des Internets können Informationen durch “Digitales Storytelling” weiter als bisher verbreitet und abwechslungsreicher zum Beispiel durch Audio und Video präsentiert werden.”Die Leser müssen am Haken sein”, sagte Spröer und lachte. Gerade die Jüngeren sollen so auch wieder für Geschichte zu begeistert werden. Oft würde diese in

Die Möglichkeiten des Internets macht sich die Deutsche Welle gern zu eigen, um gerade die Jüngeren zu begeistern

Die Möglichkeiten des Internets macht sich die Deutsche Welle gern zu eigen, um gerade die Jüngeren zu begeistern

den Hintergrund gedrängt und besonders Jugendliche hätten das Gefühl langweilige Zahlen lernen zu müssen und belehrt zu werden. Aber, unterstreicht Spröer, “Geschichte besteht nicht nur aus ollen Kamellen über tote Männer”. Es sei nötig, Geschichte ins Jetzt zu holen und ihre Bedeutung für die heutige Gesellschaft klar zu machen, so Spröer. Mit diesen Bemühungen geht die Kultur Online Seite der Deutschen Welle mit gutem Beispiel voran. Anlässlich des 100. Jahrestages des 1. Weltkrieges wurde die Serie “Mit 17…das Jahrhundert der Jugend” veröffentlicht. Hierbei werden zwölf Schicksale zu bestimmten, historisch wichtigen Jahreszahlen, wie das der Wende 1989 in Deutschland präsentiert. In kurzen Videos werden den Zuschauern zwei Zeitzeugen und deren persönliche Schicksale aus genau dieser Zeit anschaulich vermittelt. Ob zwei Liebende, die durch die Berliner Mauer getrennt sind oder eine jüdische Akkordeonspielerin im Konzentrationslager – Das preisgekrönte Projekt wurde bis nach Mexiko und Pakistan vertrieben.

Am Ende ihres Besuchs hat Susanne Spröer noch ein Anliegen, das sie loswerden möchte. So rät sie jedem , der sich für Journalismus und Geschichte interessiert, zu einem Sprachaufenthalt in einem anderen Land, um Deutschland auch einmal von außen zu sehen. Besonders  aber richtet sich ihr Apell an Journalistinnen, nicht aufzugeben und nicht vor den, in erster Linie männerdominierten Führungspositionen, zurückzuschrecken.

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03 Apr

“Zuckerschlecken gibt´s woanders”

11801956_1178612562163968_928419067_nGerhard Kromschröder ist ein erfolgreicher Journalist und gilt als einer der Vorreiter des investigativen Journalismus. In den 80er Jahren schrieb er verschiedene Reportagen für den Stern. Er begab sich in die Neonazi-Szene, deckte Giftmüllskandale auf und verkleidete sich als Türke, um den Rassismus in der Bundesrepublik ans Licht zu bringen. In einem Gespräch mit UNIversum zieht er Vergleiche zur jetzigen Situation in Deutschland und gibt angehenden Journalisten Tipps für ihre Arbeit.

UNIversum: Ist die Situation der Flüchtlinge heute mit der Situation der Türken in den 80er Jahren vergleichbar?

Kromschröder: Vordergründig erst einmal nicht. Die Türken waren hergebeten worden als sogenannte Gastarbeiter, füllten eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt. Dennoch waren sie Ziel ausländerfeindlicher Übergriffe bis hin zu Brandanschlägen, bei denen auch Tote zu beklagen waren. Und mussten herhalten als Beleg dafür, dass Deutschland überfremdet und islamisiert werde. Nichts davon ist eingetroffen, das Land hat von ihnen profitiert, und heute leben deren Kinder und Kindeskinder meist mit deutschen Pässen unter uns, sind Teil unserer Gesellschaft. Genau so, denke ich, wird es mit den Flüchtlingen auch gehen.

UNIversum: Fühlen Sie sich bei dem Umgang mit Flüchtlingen daran erinnert, wie Sie damals als Türke behandelt worden sind?

Kromschröder: Ja, es ist diese irrationale Wut, die sich immer wieder, gestern wie heute, Bahn bricht in gezielter Gewalt, diese diffuse Angst vor dem Fremden, die sich in kruden Untergangsphantasien manifestiert, keinerlei Argumenten zugänglich. Rassismus begleitet uns insofern wie ein hässlicher roter Faden.

UNIversum: Meinen Sie, dass es nötig sei sich in eine Rolle zu begeben, um eventuelle Missstände aufzudecken?

Kromschröder: Nicht immer. Oft kann man Missstände durch ganz klassische investigative Recherche offenlegen, ganz ohne Rollenspiel. Aber es gibt immer wieder Situationen, wo es angeraten und legitim erscheint, verdeckt zu recherchieren, eine Rolle einzunehmen, um auf diesem Wege zu enthüllen, was sich hinter den Kulissen abspielt und aus gutem Grund das Licht der Öffentlichkeit scheut.

UNIversum: Würden Sie dieses Rollenspiel selber noch machen?

Kromschröder: Ach nein. Ich habe das ja jahrelang gemacht in allen möglichen Verkleidungen, bei allen möglichen Themen, bis ich schließlich das Gefühl hatte, diese Methode drohe mir zur Routine zu erstarren. Da habe ich mich von dieser einseitigen Festlegung befreit und entschieden, andere Formen des Journalismus zu praktizieren, z.B. als Auslandskorrespondent und Kriegsreporter.

UNIversum: Aber was denken Sie, würde bei einer solchen „Undervover- Mission“ herauskommen?

Kromschröder: Man weiß ja nie so recht, was man am Ende herausfindet. Aber ich glaube, journalistische Nachfolger von mir würden heutzutage im Prinzip keine anderen Erfahrungen machen, als ich seinerzeit. Und ich fürchte, dass sie sogar viel schneller als ich mit handfester Ausländerfeindlichkeit konfrontiert würden, denn Rassismus scheint heute längst ein warmes Plätzchen in der Mitte der Gesellschaft gefunden zu haben.

UNIversum: Hätten Sie Tipps für Ihre journalistischen Nachfolger, die eine investigative Recherche,zum Beispiel in einem Flüchtlingsheim, machen wollen?

Kromschröder: Wer sich verkleidet, also undercover unterwegs ist, um nicht als Journalist aufzufallen, sollte sich schon verdammt gut darauf vorbereiten, in seiner Sprache, Kleidung, seiner Legende. Das geht nicht mal so husch-husch, da steckt, auch im Vorfeld, viel Arbeit drin. Sonst fliegt die falsche Identität ganz schnell auf, und dann kann es unangenehm werden.

UNIversum: Was würden Sie uns als “neue Generation” angehender Journalisten auf dem Feld des investigativen Journalismus allgemein raten?

Kromschröder: Sich ruhig was trauen, sich was zutrauen. Große Themen angehen, nicht klein beigeben. Eine Idee haben, was Journalismus bewirken kann. Widerborstig sein, Beständigkeit beweisen. Auch viele kleine Schritte führen zum Ziel. Sich auf Knochenarbeit einstellen, Zuckerschlecken gibt’s woanders.

UNIversum: Sehen Sie überhaupt eine Zukunft für den investigativen Journalismus? Rentiert sich dieser noch?

Kromschröder: Aber immer! Ohne diese Spielform des Journalismus bleiben Skandale eher unter`m Deckel, Betrügereien bleiben ungeahndet, Ungerechtigkeiten unentdeckt. Ohne investigative Recherche verarmen die Medien, sie degradieren sich, drohen zur bloßen Plattform von Infotainment, Public Relations und Partyjournalismus zu verkommen.

Ein Interview von Veronique Maas

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