1968 im Kino: Premiere der Masterfilme aus der Fachjournalistik Geschichte

Bereits eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn ist das Foyer des Kinocenters Gießen prall gefüllt. Zwischen den Stehtischen herrscht bei schwülwarmen Temperaturen ein reges durcheinander der Personen. Jung und Alt, Studierende und Dozenten, Eltern und Protagonisten. Sie alle warten darauf, die beiden Filme der Masterstudierenden der Fachjournalistik Geschichte zu sehen.

Rund ein Jahr lang beschäftigten sich die beiden Gruppen, bestehend aus insgesamt 10 Studierenden, mit ihren Themen. Herausgekommen sind zwei, etwa halbstündige, Dokumentarfilme über ein Jahr, welches die Geschichte der Bundesrepublik nachhaltig prägte: 1968

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Während im derzeitigen Jubiläumsjahr der Fokus des Interesses vor allem auf den damaligen Geschehnissen in Städten wie Berlin oder Frankfurt liege, wollten die Studierenden der Justus-Liebig-Universität wissen, wie es um die Bewegung auf lokaler Ebene stand. Recht schnell merkten sie, dass auch im ansonsten eher beschaulichen Gießen die Studierenden ihren Unmut lautstark kundtaten.

Dabei beschäftigte sich die Dokumentation „Gießen 68 – ein revolutionärer Traum“ mit drei ehemaligen Protagonisten der Studentenbewegung, welche auch noch 50 Jahre später voller Eifer auf die Zeit zurück blickten. Dass dabei nicht nur Personen zu Wort kamen die für eine radikale Veränderung der Situation eintraten, sondern auch deren studentische Widersacher, machte die Stärke des Films aus. So ergab sich für die Zuschauer ein interessantes Wechselspiel unterschiedlicher Meinungen, die geschickt gegeneinander geschnitten wurden. Manche geäußerte Anekdote sorgte zudem für einige Schmunzler, wie aber auch für Diskussionen im Nachgang des Films. Der emeritierte Professor Heinrich Brinkmann, ein bekanntes Gesicht des Gießener SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) und ein Hauptprotagonist des Films, mischte sich ebenso unter die Anwesenden wie andere interviewte Zeitzeugen.

In „…erwarten die sofortige Rückkehr. Der Fall Jeung Gil Choe“ beleuchteten die Studierenden hingegen einen spektakulären Kriminalfall, der deutschlandweit für Aufsehen sorgte: Ein koreanischer Student wird, genauso wie weitere seiner Landsleute, aus dem Studentenwohnheim in Gießen entführt und in sein Heimatland gebracht. Angebliche politische Aktivitäten werden ihm zur Last gelegt. Eine Gruppe Gießener Kommilitonen beschließt diese Entführung nicht widerspruchslos hinzunehmen, organisiert Unterschriftenaktionen und schaltet das Auswärtige Amt ein. Gießener Studierende trugen mit ihren Aktion zur schrittweisen Abmilderung des Verfahrens bei. Noch nach 50 Jahren spürten die rund 190 Zuschauer im Kinosaal „Broadway“ die Erschütterung und Empörung der Zeitzeugen. Die intensive Recherchearbeit zu dem Kriminalfall führte die Masterstudierenden sogar bis nach Berlin.

Im Anschluss an die beiden Filme entwickelte sich eine rege Diskussionsrunde, bei der auch die Filmschaffenden Studierenden Rede und Antwort standen. Den Filmen gelang es, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, sodass sich die Gäste auch im Nachgang bei Kaltgetränken und Snacks im Vorraum des Kinocenters weiter austauschten und die Filme, sowie die verantwortlichen Masterstudierenden gebührend feierten.

Henrik Drechsler

Alle Fotos: Maurice Jelinski